Getreidelagerung: Kühl bleiben, sicher lagern
Warum aktive Kühlung Pilzen und Käfern den Boden entzieht und was bei der Belüftung zu beachten ist
Getreide lebt auch nach der Ernte weiter. Atmungsverluste, Pilze und Schädlingsbefall gefährden die Qualität im Lager, und genau diese drei Risiken stehen im Mittelpunkt des DLG-Merkblatts 425. Im Interview erklärt Mitautor Ralph Kolb, wie saubere Lagerbedingungen, gezielte Belüftung und aktive Kühlung zusammenwirken, warum Mykotoxine das Backen überstehen und weshalb die Temperaturüberwachung in jeden Managementplan gehört.
DLG: Welche Kriterien muss Getreide erfüllen, um lagerfähig zu sein?
Ralph Kolb: Das Getreide muss handelsüblich und gesund sein. Es muss gereinigt sein und frei von Staub und sonstigen Rückständen. Gesundes Getreide wird als trocken bezeichnet und ist schädlingsfrei. Es sollte keine Käfer und keine Mykotoxine enthalten.
Die Reinigung ist also ein Standardprozess, den das Getreide nach der Ernte durchläuft. Gelingt es in der Regel, dass die Reinigung überflüssig wird, wenn man sorgfältig gearbeitet hat?
Mähdrescher können heutzutage sehr viel leisten. Wenn Landwirtinnen und Landwirte hier sorgfältig arbeiten, alles korrekt eingestellen und so Stäube sowie sonstige Fremdanteile draußen gehalten werden, ist das ausreichend. Witterungseinflüsse und Düngung spielen jedoch auch eine Rolle, ebenso wie die technische Einrichtung und die Transportmittel. Auch deren Reinigung ist zwingend erforderlich.
Die drei Hauptrisiken bei der Lagerung sind Atmungsverluste, Pilze und Schädlingsbefall.
Welche Risiken bestehen dennoch bei der Lagerung, die die Getreidequalität negativ beeinflussen können, und wie lässt sich diesen vorbeugen?
Es gibt viele Risiken. Ich würde die drei wichtigsten betrachten: Atmungsverluste, Pilze und Schädlingsbefall.
Erstens: Getreide lebt auch nach der Ernte weiter. Die Eigenatmung hängt von Feuchte und Temperatur ab – sowohl von der Temperatur des Getreides als auch von der Umgebungstemperatur, also vom Wetter. Ein Beispiel, wie sich Atmungsverluste berechnen lassen: Wird Getreide mit 22 Prozent Feuchte und 20 Grad Celsius eingelagert, entsteht etwa ein Prozent Atmungsverluste. Die sollte man weitestgehend eindämmen. Normalerweise wird mit einem Feuchtegehalt von 14,5 Prozent eingelagert, bei höheren oder niedrigeren Feuchtegehalten gibt es beim Preis Zu- bzw. Abschläge. Die Saatgutunternehmen und die Brauereien wollen die Braugerste gerne sehr trocken haben. Ich bin da allerdings immer wie ein Missionar unterwegs und sage: Wenn das Getreide kühl ist, darf es etwas feuchter sein.
Das zweite große Risiko: Pilze. Die Primärpilze, also die Feldpilze, werden millionenfach mit dem Getreide eingelagert. Daraus entstehen im Lager die Sekundärpilze, auch als Lagerpilze bezeichnet. Deren Stoffwechselprodukte sind die Mykotoxine. Mykotoxine sind krebserregend beziehungsweise krebsfördernd, und die EU hat klare Grenzwerte, die einzuhalten sind. Mykotoxine werden beim Backen nicht abgebaut. Im Ofen herrschen etwa 200 Grad, im Brot selbst aber nicht, und das Mykotoxin ist eine sehr stabile Verbindung. Das Argument des Backens gilt also nicht. Die Toxine landen im Brötchen und im Brot, davon kann man zweifelsfrei krank werden.
Zur Person:
Ralph E. Kolb studierte an der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel Versorgungstechnik und danach an der Freien Universität Berlin Technischer Vertrieb & Marketing. Nach einigen Berufsjahren in der Gebäudetechnik im Sulzer-Konzern in Stuttgart und in der Umwelttechnik bei der Firma Dürr AG in Stuttgart wechselte Herr Kolb zu Sulzer-Escher Wyss nach Lindau in die Kältetechnik. Axima übernahm im Jahre 2001 die Gebäude- und Kältetechnik von Sulzer und der Produktbereich Kältegeräte wurde zur FrigorTec GmbH. Kolb ist geschäftsführender Gesellschafter bei der FrigorTec GmbH, die individuelle Kältegeräte und Wärmepumpen für industrielle Anwendungen produziert und weltweit vertreibt. Ein wichtiges Marktsegment bei FrigorTec ist die Agrarindustrie. Hierfür wird das Getreidekühlgerät GRANIFRIGOR angeboten, das weltweit zum Einsatz kommt.
Gehört hierzu auch das klassische Mutterkorn?
Nein, das ist etwas anderes. Mutterkorn ist ebenfalls toxisch, es ist aber ein ganzes Korn und relativ simpel auszusortieren und zu erkennen. Um Mykotoxine zu erkennen, muss man genau hinschauen. Wenn sie ausgeprägt sind, sieht man es meist gut, aber nicht immer. Dafür braucht man ein gutes Auge. Wenn man für große Mengen Getreide zuständig ist, empfiehlt sich eine Ausbildung zur Getreidesensorikerin bzw. -sensoriker.
Die Feldpilze werden millionenfach mit dem Getreide eingelagert. Daraus entstehen bei mangelhaften Lagerbedingungen die Sekundärpilze, deren Stoffwechselprodukte die Mykotoxine sind.
Drittens möchte ich auf den Schädlingsbefall eingehen. Insekten gehen ins Getreide, wenn es über 15 Grad Celsius warm ist. Der wichtigste Schädling bei uns ist der Kornkäfer (Sitophilus granarius). Außerdem kommen Mehlmotte, Kapuzinerkäfer und Reismehlkäfer, auch der rotbraune Reismehlkäfer, im Getreide vor. Pauschal kann man sagen: Unter 15 Grad Celsius gehen sie nicht rein beziehungsweise entwickeln sich nicht. Sie hinterlassen dann keine Exkremente und vermehren sich nicht, aus den Eiern schlüpfen keine Larven. Wenn Käfer oder Eibefall schon mit dem Getreide ins Lager gekommen sind, passiert danach nichts weiter.
Schädlingsbefall lässt sich zwar mit den handelsüblichen Insektiziden bekämpfen, ganz vermeiden lässt er sich aber nicht – weil wir es beim Getreide und den Ölsaaten nun mal mit einem Naturprodukt zu tun haben?
Richtig. Schädlinge sind im Getreide und auch in der Technik. Vor allem beim Transport mit Anhängern, die Holzbohlen haben, gibt es Ritzen, in denen Getreidekörner stecken. Dort überleben die Schädlinge, sie haben Nahrung und gut geeignete Plätze für die Eiablage. Auch in Elevatoren, Becherelevatoren, Trogkettenförderern und Trocknern kann noch etwas Getreide liegen. Dort ist der Käfer dann unterwegs, überlebt den Winter und hat im Frühjahr gleich wieder etwas zu fressen. Ein neu angebautes Getreidelager ist also nicht automatisch käferfrei, denn die Käfer kommen mit dem Getreide ins Lager.
Welche Anforderungen muss das Getreidelager erfüllen?
Bezüglich des Lagers selbst sind zwei Dinge unerlässlich: Es muss trocken und sauber sein. Ist die Vorjahresernte raus, muss das Lager vollständig trocken und besenrein sein, bevor neues Getreide kommt. Für die Reinigung gibt es Industriesauger mit entsprechender Zulassung. Das muss man beim Reinigen beachten.
Grundsätzlich muss das Lager zur Aufnahme von Getreide geeignet sein. Idealerweise hat es glatte Wände, ohne Ritzen wie zwischen Holzbohlen, in denen Körner, Eiablagen und überwinternde Käfer bleiben können. Es sollten keine Regenfallrohre durch die Getreidehalle verlaufen. Das Lager sollte möglichst dicht sein. Wird es belüftet oder gekühlt, braucht es Öffnungen, die vor Vogeleinflug gesichert sowie wetter- und wassergeschützt sind und verschlossen werden können, wenn der Ventilator steht.
Bezüglich des Lagers selbst sind zwei Dinge unerlässlich: Es muss trocken und sauber sein.
Das ist wichtig, weil das Kühlgerät Feuchte und Energie aufnimmt, und diese Abluft muss das Lager auf dem kürzesten Weg verlassen können – idealerweise über Öffnungen im First beim Flachlager oder über die Dachhaube bei einer Silozelle.
Wichtig ist zudem die Luftführung. Die gekühlte, trockene und gefilterte Luft vom Kühlgerät muss gleichmäßig in die Fläche des Getreidelagers verteilt werden, sonst nützt das ganze Kühlgerät nichts. Hier sollte man nicht sparen, da man ansonsten eine schlechte Verteilung und einen hohen Gegendruck riskiert.
Sehr ungünstig für eine gleichmäßige Durchlüftung sind die gelben Drainageschläuche, die man im Flachlager gerne verwendet. Sie haben zu wenige und zu kleine Löcher, der Gegendruck ist riesig. Außerdem bleiben sie nicht dort liegen, wo man sie braucht. Wenn man sie im Lager auslegt und dann Getreide einfüllt, bilden sie mäanderartige Schlangen, und man hat weder Kontrolle darüber noch Einfluss darauf, wo sie liegen oder ob sie zusammengeschoben wurden. Deshalb empfehle ich im Flachlager Halbschalen oder Unterflurkanäle mit geeigneter Perforierung. Im Silo ist es eigentlich dasselbe: normalerweise Unterflur, es können aber auch Überflurkanäle sein, mit genügend Abstand.
Belüftung ist ungleich Kühlung?
Zur Erklärung: Wenn man vom Kühlen spricht, meint man technisch gekühlte Luft. Das Kühlgerät kühlt diese Luft und trocknet sie zugleich. Belüften kann man auch ohne Kühlgerät, wenn Temperatur und Feuchte stimmen. In Deutschland herrscht Atlantikklima und in der Regel zu feuchte Luft, besonders in der Nacherntezeit. Liegt die Luftfeuchte über 70 Prozent, sollte man nicht mit Umgebungsluft belüften.
Dazu gibt es die berühmte Ausnahme, die sogenannte Theimer-Ausnahme. Beträgt die Temperaturdifferenz zwischen Getreide und Außenluft mindestens 7 Kelvin, darf man unabhängig von der Luftfeuchte jederzeit belüften. Diese Ausnahme ist unstrittig. Früher waren es 5 Kelvin, als man Getreide noch bei einer Restfeuchte von 15,5 Prozent lagerte. Heute werden 14,5 Prozent angestrebt, in jedem Fall aber unter 15 Prozent. Das Problem: Wenn man eine Nacht unter diesen Bedingungen belüftet hat, ist das Getreide unten kühl geworden, und die nötige Temperaturdifferenz von 7 Kelvin ist nicht mehr gegeben. Die Theimer-Ausnahme gilt dann nur noch für einen Teil des Getreides.
Um es klar zu sagen: Belüftung ist grundsätzlich noch keine Kühlung des Getreides. Kühlung heißt, dass die Luft gekühlt und gleichzeitig getrocknet wird, bevor man sie aufs Getreide lenkt?
Genau, das ist technisch gekühlte Luft, die im Kühlgerät getrocknet wird. Belüften mit Außenluft geht, wenn die Außenluft kühl und trocken ist, dann steht dem nichts entgegen. Das Problem ist, dass wir solche Zeiten hier kaum haben. Die Ukraine hat zum Beispiel kein Atlantikklima, sondern kontinentales Klima mit häufig kühlen und trockenen Nächten. Dort ist Belüftung gut nutzbar.
Was ist der ganz konkrete Vorteil, wenn man das Getreide aktiv kühlt?
Wenn man aktiv kühlt, kann man gezielt Pilzen und Käfern entgegenwirken. Unter 20 Grad Celsius reduziert man deutlich die Entstehung von Sekundärpilzen und den daraus resultierenden Mykotoxinen. Unter 15 Grad Celsius werden auch die Käfer gestoppt. Die Larven schlüpfen nicht, es wird nicht gefressen, das Getreide wird nicht erwärmt, und es entstehen keine Exkremente.
Und wenn ich das Getreide einmal heruntergekühlt habe, bleibt es auch kühl?
Genau, das Getreide isoliert sich selbst. Ein Vergleich: Styropor dämmt, weil die Luft in seinen Poren dämmt. In unserem Getreidehaufen gibt es zwischen den Körnern eine ruhende Luftschicht, wenn der Ventilator steht. Diese Luft dämmt hervorragend. Das Argument „Auf das Silo scheint die Sonne” höre ich oft. Außen wird es dadurch etwas wärmer, das ist aber unproblematisch, weil nur ein kleiner Teil des Getreides erwärmt wird. Der Hauptteil bleibt in unseren Klimabreiten etwa sieben Monate kühl. Nachkühlen wird erst im April erforderlich, wenn die Sonne an Kraft gewinnt und die Temperaturen wieder deutlich steigen.
Was würden Sie einer Landwirtin oder einem Landwirt raten müssten, die bisher immer nur belüftet haben und mit dem Gedanken der Kühlung ?
Selten. Es wird in der Regel gekauft. Wir vermieten Kühlgeräte auch, aber es kommen nur wenige zurück. Das Mietmodell zum Einstieg bieten wir gerne an, da es für viele eine neue Technik ist, mit der sich die Betriebsleiterin oder der Betriebsleiter erst einmal vertraut machen muss. Der Hauptanteil der vermieteten Geräte wird gekauft.
Wenn man vom Kühlen spricht, meint man technisch gekühlte Luft. Belüften kann man auch ohne Kühlgerät, wenn Temperatur und Feuchte stimmen.
Mein Hauptargument für die Kühlung lautet immer: Wenn das Getreide gesund und lagerstabil liegt, also gekühlt ist, können Landwirte, Getreidehändler und Mühlen ruhig schlafen.
Welche Rolle spielt die Temperaturüberwachung? Gehört sie in den Managementplan?
Die Temperaturüberwachung des gelagerten Getreides bzw. der gelagerten Ölsaaten ist unerlässlich. Im Flachlager geschieht das mit Stechfühlern, im Silo meistens mit Messgehängen. Damit kontrolliert man, dass es überall weiterhin kühl ist, dass überhaupt abgekühlt wurde und dass es nirgends ein Problem mit der Luftverteilung gibt. Diese Kontrolle ist essenziell, um nachvollziehen zu können, dass das eigene Getreide noch immer lagerstabil und kühl ist. Fragen wie: Muss ich umlagern? Muss ich den Ventilator laufen lassen? Befeuchte ich das Getreide möglicherweise, weil der Ventilator es auffeuchtet? können eine Landwirtin oder einen Landwirt sehr belasten. Vor allem bei größeren Lagermengen kommt man um das Kühlgerät deshalb kaum herum.
Die Temperaturüberwachung des gelagerten Getreides bzw. der gelagerten Ölsaaten ist unerlässlich.
Wie sieht die Temperaturüberwachung in der Praxis aus?
Hier gibt es Unterschiede zwischen dem Flachlager und dem Hochlager, also Silo. Im Flachlager ist das etwas problematischer. Man hat Stechfühler und Stechthermometer, die jedoch nur eine bestimmte Länge haben. Also ist beim Einlagern die maximale Höhe des Getreides zu beachten – und man sollte vorher eine sichere Lösung etabliert haben, um auch in der Mitte des Getreidehaufens die Temperatur zu messen, zumal regelmäßig gemessen werden muss. An dieser Stelle möchte ich einmal appellieren: Bitte immer angeseilt auf das Getreide gehen, mit aller Vorsicht und immer mit einer zweiten Person. Die Unfallgefahr ist groß und es ist schon zu viel passiert. Alternativ können Temperaturfühler fest im Getreidelager verbaut sein, dann lassen sich die Temperaturwerte automatisch abrufen.
Im Silo gibt es in der Regel ein Messgehänge, das die Temperaturen ebenfalls automatisch erfasst und digital ausgelesen werden kann. Unsere Geräte geben das seit vielen Jahren her: Eine Software kann mit der Steuerung gekoppelt werden. Dabei spielt es keine Rolle, von welchem Hersteller die Technik zur Temperaturmessung kommt – es gibt verschiedene physikalische Schnittstellen oder Busleitungen. Dann kann das Kühlgerät je nach herrschender Temperatur vollautomatisch an- oder abgeschaltet werden. Mein Rat: Wenn es mein Getreide wäre, würde ich es immer direkt im Lager auf Optik und Geruch kontrollieren.