Biosicherheit ist ein zentraler Baustein für die Gesundheit von Tieren und die Zukunftsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe. Doch wie wirksam sind Stalldesinfektionsmittel, Hygyieneeinstreu und Klauenpflegemittel tatsächlich? Dr. Frank Volz, Prüfingenieur im Bereich Betriebsmittel am DLG-Testzentrum Groß-Umstadt, erläutert im Interview, worauf es bei der unabhängigen Prüfung ankommt, wie die DLG die Qualität einzelner Produktchargen überwacht und warum ein DLG-Prüfzeichen Landwirten wie Herstellern Orientierung und Verlässlichkeit bietet.
DLG: Herr Dr. Volz, Biosicherheit ist ein großes Thema in der Tierhaltung. Was verbirgt sich eigentlich dahinter?
Dr. Frank Volz: Biosicherheit ist zunächst ein Sammelbegriff für alle Maßnahmen, die dafür sorgen, Krankheiten, Infektionen oder ähnliche Geschehen zu vermeiden. Im engeren Sinne wird der Begriff sehr häufig im Zusammenhang mit meldepflichtigen Erkrankungen verwendet – also Maul- und Klauenseuche (MKS), Blauzungenkrankheit, Afrikanische Schweinepest (ASP) oder Geflügelpest.
Darunter fallen zahlreiche Maßnahmen: von Schutzzäunen, um ASP- und Nicht-ASP-Gebiete voneinander abzutrennen, bis hin zu ganz konkreten betrieblichen Abläufen. Wie komme ich auf einen Betrieb und wieder runter, wenn ich in einer Sperrzone bin? Das beschäftigt uns gerade sehr intensiv, weil es tatsächlich Anzeichen gibt, dass uns ein erneuter Seuchenzug der Maul- und Klauenseuche bevorsteht.
Biozide Produkte machen keinen Unterschied: Wenn ein Mittel viruzid wirkt, ist dem egal, was für ein Virus das ist – das nimmt alles mit.
Frank Volz über die Wirkweise biozider Produkte
Welche Rolle spielen dabei Betriebsmittel wie Stalldesinfektionsmittel, Hygieneeinstreu oder Klauenpflegemittel?
Eine ganz konkrete Rolle. Bei Geflügel und Schwein ist die Stalldesinfektion zwischen den Durchgängen ohnehin Standard: erst reinigen, dann desinfizieren, trocknen lassen, dann wieder belegen. Bei Rindern liegt der Fokus eher darauf, nichts rein- und oder raus zu transportieren: Gummistiefel reinigen, Überzieher nutzen, Klauenerkrankungen eindämmen. Klauenbäder und ähnliche Mittel setzen genau dort an. Und auch Einstreupulver – oft Kalkprodukte – haben eine hygienisierende Wirkung, weil sie die Wachstumsbedingungen für Erreger verschlechtern. Biozide Produkte machen da übrigens keinen Unterschied: Wenn ein Mittel viruzid wirkt, ist es irrelevant, welche Viren in seiner Umgebung aktiv sind – das tötet alle ab.
Zur Person:
Dr. Frank Volz betreut als Prüfingenieur für Betriebsmittel seit 2024 u.a. den Bereich der Tierkennzeichen am DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt. Der Diplom-Chemiker und -Biologe verantwortet neben den Prüfungen im Bereich der Hygiene- und Stalldesinfektionsmittel auch die Prüfungen in den Bereichen Blumenerde und Dünger, Düngekalke, Bodenschutzkalkung, Euterhygienemittel, Feste Biobrennstoffe, Folien und Netze, Grillkohle, Hygienemittel Lebensmittel, Katzenstreu, Reinigungsmittel, Schmier-/Kraftstoffe, Siliermittel und Tierkennzeichen. Interessierte können hier ein Angebot anfordern.
Was testet die DLG konkret, wenn Hersteller ein Hygienemittel zur Prüfung einreichen?
An erster Stelle steht die Wirksamkeit – das war übrigens schon 1885 so, als Professor Schulz-Lupitz vor Steinbruchbesitzern warnte, die taubes Gestein als Mineraldünger verkauften. Die DLG hat von Anbeginn an keine Prüfzeichen für Dinge vergeben, die nicht wirken. Dann kommt die Tierverträglichkeit: Wo Hautkontakt besteht, prüfen wir auch die Hautverträglichkeit – tatsächlich am lebenden Tier in unseren Praxisbetrieben. Wir behandeln beispielsweise bei Euterhygienemitteln ein Viertel mit dem zu prüfenden Produkt und nehmen das Nachbarviertel als Kontrolle.
Außerdem prüfen wir die Materialverträglichkeit: Denn was nützt das schönste Einstreupulver, wenn ich alle drei Jahre die Stallabtrennungen erneuern muss, weil sie weggerostet sind? Dafür machen wir Tauchversuche. Prüfkörper aus Edelstahl, verzinktem Stahl, Gummi oder Polycarbonat werden über viele Stunden in die anwendungsfertige Lösung getaucht, dann abgespült und auf einer Analysewaage bis zur vierten Nachkommastelle gewogen. Gewichtszunahme oder -verlust zeigen uns genau, was das Mittel mit dem Material macht.
Was nützt das schönste Einstreupulver, wenn ich alle drei Jahre die Stallabtrennungen erneuern muss, weil sie weggerostet sind?
Frank Volz über die Bedeutung der Materialverträglichkeitsprüfung
Wie stellt die DLG sicher, dass die Qualität eines Produkts auch nach der Erstzulassung konstant bleibt?
Dafür gibt es die kontinuierliche Überwachungsprüfung, die jährlich stattfindet – im Umfang reduziert, aber ausreichend, um sicherzustellen, dass verschiedene Chargen immer dieselbe Qualität haben. Wenn ein Hersteller die Kriterien zwei Jahre in Folge nicht erfüllt, wird das Prüfzeichen aberkannt. Eine neue Prüfung ist möglich, aber dann muss die komplette, umfangreiche Verleihungsprüfung von vorn beginnen.
Das hält die Qualität hoch – und beschreibt auch den eigentlichen Mehrwert für den Landwirt: Wenn das benötigte Produkt ein DLG-Prüfzeichen trägt, kann er sich darauf verlassen, dass er nur Geld für etwas ausgibt, was wirkt, für seine Tieren unbedenklich ist und bzw. oder mit den Materialien seiner Stalleinrichtung kompatibel ist.
Es geht am Schluss um Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit – über eine neutrale und unabhängige Produktprüfung.
Frank Volz über den Kern des DLG-Prüfzeichens
Was ist am Ende das entscheidende Argument für eine DLG-Prüfung – für Hersteller wie für Landwirte?
Es geht um Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit durch eine neutrale und unabhängige Produktprüfung. Der Hersteller bekommt eine neutrale Bestätigung der Qualität seines Produkts. Und der Landwirt hat die Sicherheit, dass er sich auf das verlassen kann, was er kauft. Das ist eine Win-Win-Situation – und das ist seit 1885 unser Anspruch.
DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt
Sie wollen mehr über das DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt erfahren? Alle Infos finden Sie online.