Züchten und Ordnen: Wie die DLG die Rinderzucht mitprägte

Vom regionalen Wettbewerb zum überregionalen Zuchtstandard

Ende des 19. Jahrhunderts war die Rinderzucht stark regional geprägt. Die DLG schuf erstmals überregionale Vergleichsmöglichkeiten und gab der Entwicklung der modernen Rassenzucht entscheidende Impulse. Wie tiefgreifend dieser Wandel war, zeichnet ein neues Buch detailliert nach.

Tierschauen und Prämierungen waren im 19. Jahrhundert wichtige Instrumente der Landwirtschaftsförderung. Die Rinderzucht war jedoch stark regional geprägt: Rassen und Schläge waren uneinheitlich beschrieben, Wettbewerbe folgten unterschiedlichen Ordnungen und Maßstäben. Mit ihren überregionalen Ausstellungen schuf die DLG Möglichkeiten für Vergleich und Austausch.

Wie prägend diese Entwicklung war, zeigt Ulrike Heitholt in ihrem 2026 erschienenen Buch „Züchten und ordnen. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft und ihre Rolle in der Rinderzucht, 1885–1914“. Die Historikerin beschreibt die DLG-Ausstellungen als Orte des Wettbewerbs, der Wissensvermittlung und der Identitätsstiftung. Zugleich zeigt sie, wie Rassestandards, Wettbewerbsklassen, Preisrichten und Zuchtstrukturen die Rassenbildung vorantrieben.

Die Wanderausstellungen: Eine Bühne für den überregionalen Vergleich

Nach ihrer Gründung durch Max Eyth im Jahr 1885 machte sich die DLG daran, das landwirtschaftliche Ausstellungswesen neu zu strukturieren. Bereits 1887 veranstaltete sie ihre erste große Ausstellung, danach folgten Wanderausstellungen an wechselnden Orten.

Dort trafen Rinder aus unterschiedlichen Zuchtgebieten aufeinander. Züchter konnten ihre Tiere überregional präsentieren und vergleichen. Erfolgreiche Zuchten fanden Beachtung, zugleich machten die Schauen die Tierzucht einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar. Die Ausstellungen verbanden Wettbewerb, fachlichen Austausch und Öffentlichkeitsarbeit.

Doch der überregionale Vergleich war nur der erste Schritt. Wer Tiere aus verschiedenen Regionen vergleichen will, braucht gemeinsame Kategorien und Maßstäbe.

Vergleichen heißt ordnen: Die Entstehung der Rassestandards

Was heute selbstverständlich klingt, war damals hochgradig umstritten. Schon die Frage, welcher Rasse ein bestimmtes Rind überhaupt zuzuordnen war, löste hitzige Diskussionen aus. Es fehlten einheitliche Merkmale. Genau hier setzte die Ordnungsarbeit der DLG-Fachgremien an:

  • Wettbewerbsklassen: Welche Tiere gehören zusammen?
  • Bewertungskriterien: Nach welchen Maßstäben wird gerichtet?
  • Rassestandards: Welche Eigenschaften kennzeichnen eine Rasse und was gilt als erwünscht?

Orientierung durch einheitliches Preisrichten

Diese Arbeit wirkte auf die Zucht zurück. Klassenordnungen und Rassestandards machten deutlicher, welche Merkmale eine Rasse kennzeichneten und welche Eigenschaften als erwünscht galten. Auch das Preisrichten fügte sich in dieses System ein: Einheitlichere Maßstäbe sollten den Vergleich nachvollziehbarer machen und Orientierung geben – bis hin zu Vorgaben, wie Rinder fotografiert werden sollten.

Das bIld zeigt ein graues Buchcover mit der blauen Überschrift: "Züchten und ordnen". Darunter ist eine gezeichnete schwarz/weiße Kuh.
Foto: transcript Verlag

Buch-Tipp: Züchten und ordnen

Ulrike Heitholts Buch (421 Seiten) ist 2026 im transcript Verlag erschienen. Die Printausgabe kostet 55 Euro (erhältlich beim Verlag oder im Buchhandel). Eine digitale Open-Access-Ausgabe steht auf transcript.open kostenlos zur Verfügung.

Von regionalen Schlägen zu klar definierten Rassen

Der Weg zu gemeinsamen Strukturen verlief nicht geradlinig. Regionale Zuchttraditionen ließen sich nicht ohne Weiteres in einheitliche Kategorien überführen, auch über die Grenzen zwischen Rassen und Schlägen wurde diskutiert. Diese Auseinandersetzungen schärften jedoch die Vorstellungen davon, welche Merkmale einer Rasse zuzuschreiben waren. Zwischen 1885 und 1914 machte die Rinderzucht wichtige Entwicklungsschritte: 

  • Zuchtziele wurden überregional sichtbar.
  • Das Wissen über erfolgreiche Zuchtlinien verbreitete sich rasant.
  • Aus bloßen „Leistungsschauen“ wurde fachliche Arbeit an der Rassenzucht.

Heitholts Untersuchung belegt deutlich, dass die DLG die Rassenbildung in dieser Zeit aktiv vorantrieb. Wer sich heute Fotos von Wanderausstellungen aus dem Jahr 1910 ansieht, wird feststellen: Das System wirkt für moderne Züchter erstaunlich vertraut.

Rezension: Für wen lohnt sich das Buch?

Das Buch richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich tiefgehend für die Geschichte der Tierzucht, der Landwirtschaft oder der DLG interessieren. Ulrike Heitholt schreibt wissenschaftlich, quellennah und argumentativ stark. Die Detailfülle und die umfangreiche Quellenrecherche fordern beim Lesen zwar Konzentration, geben den Schlussfolgerungen aber ein sehr solides Fundament.

Ein fundierter Blick zurück

Für heutige Rinderhalter ist das Buch natürlich keine praktische Anleitung für aktuelle Zuchtentscheidungen. Aber wer verstehen möchte, wie sich das System der Rinderschauen und die moderne Zucht entwickelt haben, findet hier eine lohnende historische Lektüre. Besonders aufschlussreich ist, wie die Autorin herausarbeitet, dass die DLG nicht nur eine Bühne für Zuchterfolge bot, sondern mit ihren Regeln selbst die entscheidenden Impulse setzte.


Autorin: Agnes Michel-Berger

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