Das DLG-Merkblatt 505 liefert praxisnahe Orientierung für Landwirtinnen und Landwirte, die sich mit regenerativen Ansätzen auseinandersetzen wollen. Unser Interviewpartner erklärt, warum lebende Wurzeln, Pflanzenvielfalt und eine dauerhafte Bodenbedeckung entscheidend für gesunde Böden sind – und weshalb es vor allem auf ein tiefes Verständnis der Prozesse und den Mut zum eigenen Weg ankommt.
Warum empfinden Sie das neue DLG-Merkblatt 505 als wichtig für die landwirtschaftliche Praxis?
Johannes Feuerborn: Das neue Merkblatt aus der Reihe zur Regenerativen Landwirtschaft bietet einen sehr guten Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten und Ansätze. Es verdeutlicht, wie wichtig möglichst lange lebende Wurzeln im Boden und eine hohe Pflanzenvielfalt für die Bodenprozesse sind. Ebenso wird die Bedeutung einer dauerhaften Bodenbedeckung sehr anschaulich dargestellt.
Aus meiner Sicht reicht es allerdings nicht aus, einen Text zu lesen. Man muss die dahinterliegenden Prozesse verstehen. In Ausbildung und Studium haben viele von uns andere Ansätze gelernt, weshalb es oft schwerfällt, bestehende Denkmuster zu verändern. Regenerative Landwirtschaft erfordert ein anderes Mindset und ein tiefes Verständnis der biologischen Prozesse im Boden.
Dieses Verständnis entsteht meiner Erfahrung nach vor allem durch eigenes Ausprobieren, den Austausch mit anderen Landwirten und kontinuierliche Weiterbildung. Die Zusammenhänge sind komplex und lassen sich nicht allein aus Büchern oder Merkblättern erfassen. Gleichzeitig muss jeder Betrieb seinen eigenen Weg finden. Ich habe beispielsweise lernen müssen, dass sich in meiner trockenen Region nicht jede Maßnahme sofort oder in der gewünschten Geschwindigkeit umsetzen lässt. Deshalb ist es wichtig, die Prinzipien zu verstehen und sie an die eigenen Standortbedingungen anzupassen.
„Regenerative Landwirtschaft beginnt mit dem Verständnis der Prozesse im Boden – und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen.“
Johannes Feuerborn
Welche konkreten Hinweise und Empfehlungen nehmen Sie aus diesem Merkblatt für Ihren betrieblichen Alltag mit?
Das Merkblatt bestätigt viele Erkenntnisse, die ich mir in den vergangenen Jahren bereits erarbeitet habe. Durch kontinuierliche Investitionen in Wissen und Praxis habe ich ein gutes Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Boden und Pflanze entwickelt und kann betriebliche Herausforderungen gezielter einordnen.
Besonders die Bedeutung lebender Wurzeln, einer hohen Pflanzenvielfalt und einer möglichst dauerhaften Bodenbedeckung wird klar hervorgehoben und bestärkt mich darin, diese Prinzipien weiterhin konsequent umzusetzen. Gleichzeitig nehme ich die Anregung mit, Maßnahmen stets standortgerecht weiterzuentwickeln und an die spezifischen Bedingungen meines Betriebes und meiner Region anzupassen.
„Lebende Wurzeln, Vielfalt und Bodenbedeckung sind für mich keine Theorie mehr – sie sind die Grundlage meines täglichen Handelns im Betrieb.“
Johannes Feuerborn
Johannes Feuerborn hat eine abgeschlossene Ausbildung zum Landwirt sowie ein abgeschlossenes Studium im Bereich Garten- und Ackerbau mit dem Schwerpunkt Unternehmensführung in den Niederlanden absolviert Seit dem Studium war er in mehreren landwirtschaftlichen Betrieben als Betriebsleiter tätig und bewirtschaftet seit 2020 einen eigenen Betrieb in Sachsen-Anhalt mit rund 570 ha reinem Ackerbau. Angebaut werden Weizen, Gerste, Dinkel, Hafer, Silomais, Körnermais, Sonnenblumen und Kichererbsen.
Neben seinem landwirtschaftlichen Betrieb hat Feuerborn unter anderem für ein Unternehmen im strategischen Management der Landwirtschaft gearbeitet. Dabei kam er erstmals intensiv mit den Themen Regenerative Landwirtschaft und No-Till (Direktsaat) in Berührung.
Seit 2022 bewirtschaftet er seinen gesamten Betrieb konsequent im No-Till-Verfahren. Wo immer möglich, werden Zwischenfrüchte genutzt sowie zusätzlich Komposttee eingesetzt. Darüber hinaus wurde der Betrieb nach den Albrecht-Kinsey-Prinzipien analysiert und die Nährstoffversorgung entsprechend angepasst.
Mittlerweile befindet sich der Betrieb im vierten Jahr der Umstellung; bereits jetzt lassen sich zahlreiche positive Effekte beobachten: Dazu gehören ein deutlich geringerer Kraftstoffverbrauch, ein reduzierter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, ein kürzungsfreier Getreideanbau sowie ein weitgehend chemiefreier Herbst im Raps. Darüber hinaus zeigen sich weitere positive Entwicklungen in Bodenstruktur, Befahrbarkeit und Bestandsführung.
Die DLG-Feldtage begleiten Johannes Feuerborn nicht nur fachlich, sondern auch praktisch: Für den Planting-Green-Versuch habe ich die Zwischenfrucht ausgesät. Jetzt freue mich darauf, am Donnerstagnachmittag bei der Sprechstunde am Spotlight Planting Green mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Fachbesucherinnen und Fachbesuchern ins Gespräch zu kommen - sowohl zu meinen Erfahrungen mit Direktsaat und Zwischenfrüchten als auch zu weiteren Aspekten regenerativer Landwirtschaft."
DLG-Merkblatt 505
Regenerative Landwirtschaft - Permanente Bodenbedeckung und ganzjährig lebende Wurzeln
Regenerative Landwirtschaft stellt die Förderung der Bodenbiologie in den Mittelpunkt der Bewirtschaftung und erreicht dadurch einen hohen Bodenschutzstandard. Dies ist die entscheidende Basis für gesunde und vitale Bestände, die widerstandsfähig gegen Krankheiten und Witterungsextreme sind. Eine vielfältige Fruchtfolge, minimale Bodenbewegung oder Direktsaatverfahren, eine ganzjährige Bodenbedeckung mit Pflanzen durch konsequenten Zwischenfruchtanbau, Bei-/Untersaaten und Mischkultursysteme sowie die Integration von Tierhaltung sind zentrale Elemente, auf Basis eines hohen Bodenschutzstandards zu wirtschaften. Weitere Optionen sind Agroforstsysteme und der Einsatz von Biostimulanzien. Praktikerinnen und Praktiker können aus dem breiten Instrumentenkasten der regenerativen Landwirtschaft die für ihren Standort und ihren Betrieb passenden Elemente in der Praxis einführen. Die Konzentration auf die Förderung der Bodengesundheit ist die Basis für die Innovationen der regenerativen Landwirtschaft und bietet unter der Prämisse Bodenschutz Ansätze, Anbausysteme weiterzuentwickeln.
Es ist zu betonen, dass die volle positive Wirkung des Systems regenerative Landwirtschaft nur entfaltet werden kann, wenn alle Maßnahmen des Instrumentenkastens konsequent umgesetzt werden. Die Entwicklung hin zum ganzheitlichen System kann als fortschreitender betrieblicher Prozess verstanden werden. Dabei kann sich der Betrieb entweder über die Integration von einzelnen Komponenten Stück für Stück dem Thema annähern oder das ganze System auf Testflächen ausprobieren.
Die Merkblätter der DLG-Reihe „regenerative Landwirtschaft“ beschreiben den Prozess hin zum System sowie die einzelnen Komponenten, um Landwirtinnen und Landwirten praxisnahe Hilfestellung zum Einstieg zu geben. Dieses Merkblatt beschäftigt sich mit dem Thema permanente Bodenbedeckung: Warum ist sie so zentral für das System, wie lässt sie sich umsetzen und welche Wirkungen auf die Bodengesundheit sind zu erzielen?
Wieso würden Sie Berufskolleginnen und Berufskollegen empfehlen, sich mit den Inhalten dieses Merkblatts auseinander zu setzen?
Ich würde das Merkblatt insbesondere Landwirtinnen und Landwirten empfehlen, die sich bisher noch nicht oder erst am Anfang mit der Thematik beschäftigen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es im Arbeitsalltag ist, sich regelmäßig mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Oft fehlt einfach die Zeit. Das Merkblatt bietet deshalb eine gute Grundlage und Orientierungshilfe.
„Entscheidend ist nicht die einzelne Maßnahme, sondern das richtige Management – und die Geduld, den eigenen Weg zu finden.“
Johannes Feuerborn
Gerade wenn man bereits im Umstellungsprozess steckt, kann es hilfreich sein, bestimmte Inhalte noch einmal nachzulesen. Man erinnert sich beispielsweise daran, warum man Geld in Zwischenfrüchte investiert oder weshalb eine dauerhafte Bodenbedeckung so wichtig ist. Das hilft dabei, konsequent zu bleiben und nicht vorschnell aufzugeben.
Darüber hinaus macht das Merkblatt deutlich, dass der Erfolg nicht allein von der Maßnahme abhängt, sondern vor allem vom richtigen Management. Bei der Bodenbedeckung und Direktsaat spielt beispielsweise auch die passende Technik eine wichtige Rolle. Oft dauert es eine gewisse Zeit, bis man die für den eigenen Betrieb geeigneten Maschinen und Verfahren gefunden hat.