Direktsaat, ja oder nein? Karl-Heinz Mann, langjähriger Agrarberater, kennt die Verlockungen – und die Fallstricke. Ein Gespräch über Arbeitswirtschaft, Kostenrechnung, die Abhängigkeit von einzelnen Pflanzenschutzmitteln und die unbequeme Wahrheit hinter dem Direktsaat-Verfahren, das momentan in aller Munde scheint.
DLG: Herr Mann, was bewegt die Landwirtinnen und Landwirte, die Sie beraten, über eine Extensivierung ihrer Bodenbearbeitung nachzudenken?
Karl Heinz Mann: Bis auf wenige Ausnahmen haben unsere Mandantinnen und Mandanten das noch nicht konkret vor – aber sie denken ernsthaft darüber nach. Ein wesentlicher Grund für diese Überlegungen sind die enormen Arbeitsspitzen im Herbst. In vielen Betrieben ist die Herbstbestellung heute die größere Belastung als die Ernte selbst: Bodenbearbeitung und Bestellung laufen parallel, während die Ernte oft noch im Gange ist. Die Idee, diese Spitzen durch Direktsaat zu glätten, ist naheliegend. Mit einer Direktsaatmaschine kann ich nach der Ernte unmittelbar Zwischenfrucht oder Raps bestellen – ohne vorher zu pflügen, zu grubbern und ein Saatbett zu bereiten. Das bringt erhebliche arbeitswirtschaftliche Vorteile.
Welche weiteren Gründe spielen eine Rolle?
Der zweite große Punkt ist das Personal. Es wird immer schwieriger, qualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu finden. Wir beraten auch sehr große Betriebe, und je größer das Team wird, desto schwieriger ist es zu steuern. Ein Team von sechs bis zwölf Personen lässt sich noch gut führen – die Betriebsleiterin oder der Betriebsleiter ist meist noch mit im operativen Geschäft, kann Aufgaben delegieren. Sobald man eine zweite Führungsebene braucht, steigen die Kosten und die Komplexität. Viele Betriebe mit 3.000 oder 4.000 Hektar fragen sich deshalb, ob sie nicht auch mit einem kleineren Team klarkommen könnten – und Direktsaat erscheint da einigen als ein möglicher Weg. Dazu kommt: Ackerbauer haben in der Ernte viele Saisonkräfte, die im Winter kaum etwas zu tun haben. Es ist niemandem zumutbar, nur für ein paar Monate im Jahr ein sicheres Beschäftigungsverhältnis zu haben. Das wird zunehmend zum Problem, besonders in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands.
Und der dritte Treiber sind die Maschinenkosten?
Genau. Die Kostensteigerung bei der Mechanisierung ist enorm. Viele Betriebe fragen sich, ob sie nicht besser fahren, wenn sie einfach einen geringeren Maschinenbesatz haben – und ob das mit Direktsaat möglich ist. Manche überlegen sogar, den eigenen Mähdrescher ganz abzuschaffen und stattdessen mit dem Lohnunternehmer zu arbeiten. Wenn ich den Lohnunternehmer für die Ernte beauftrage, kaufe ich den Mähdrescherfahrer mit ein. Wenn ich danach direkt säe, entfällt der ganze Arbeitsschritt der Bodenbearbeitung.
Wie bewerten Sie als Berater diese Überlegungen?
Ich diskutiere das sehr offen. Ja, man kann Kosten deutlich senken und die Arbeitswirtschaft verbessern, das steht außer Frage. Aber man muss sich auch über die zusätzlichen Risiken im Klaren sein. Wir kennen Betriebe, die massive Probleme mit Mäusen und Schnecken bekommen haben – das hat zu erheblichen Ertragsminderungen geführt. Wenn ich auf Direktsaat umstelle, muss ich gewährleisten, dass ich genügend Kosten einspare, um solche Risiken abpuffern zu können. Ich muss außerdem in einen Mäusepflug investieren, weil ich die Bekämpfungsmittel für Schadnager nicht, wie sonst üblich, bei der Bodenbearbeitung ausbringen kann und niemand mit der Legeflinte Loch für Loch Bekämpfungsmittel legen will.
Die Herbstbestellung ist heute in vielen Betrieben die größte Arbeitsspitze – noch vor der Ernte. Genau dort liegt die Versuchung der Direktsaat.
Zur Person
Karl Heinz Mann verfügt über mehr als 46 Jahre Erfahrung in der landwirtschaftlichen Beratung sowie im Aufbau und der Führung landwirtschaftlicher Betriebe. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung mit anschließender Meisterprüfung absolvierte er ein Studium an der Fachhochschule, das er später – berufsbegleitend zur Beratungstätigkeit im Beratungsring – durch ein Universitätsstudium ergänzte. Nach 13 Jahren als Beratungsringleiter gründete er gemeinsam mit vier Partnern die LBB GmbH. Seine Leidenschaft gilt bis heute der Entwicklung praxisnaher Ideen und maßgeschneiderter Lösungen für seine Mandantinnen und Mandanten.
Gibt es Bodentypen oder Fruchtfolgen, für die Direktsaat grundsätzlich nicht in Frage kommt?
Ja, durchaus. Wer Zuckerrüben oder Kartoffeln anbaut, kann Direktsaat schon mal weitgehend ausschließen – denn diese Kulturen unterbrechen ja das gesamte System. Die ganze Diskussion über Bodenaufbau und Strukturentwicklung ist dann hinfällig. Auch auf Böden mit sehr hohem Sandanteil scheidet Direktsaat oft aus, weil der Boden zu dicht lagert und tief gelockert werden muss – dafür ist in der Regel der Pflug immer noch das wirtschaftlichste Verfahren.
Auf der anderen Seite gibt es Flächen in Hanglagen mit hohem Löss- oder Schluffanteil, wo wir enorme Erosionsprobleme haben. Dort kann Direktsaat tatsächlich eine Lösung sein: Man kann die Erosion erheblich reduzieren und damit Boden-, Nährstoff- und Humusverluste begrenzen. Angesichts des Klimawandels und der zunehmenden Starkregenereignisse ist das ein Argument, das man nicht vernachlässigen darf.
Direktsaat reduziert Erosion und schützt Boden und Nährstoffe – angesichts des Klimawandels ein Aspekt, den man nicht vernachlässigen darf.
Ein großes Fragezeichen in der Diskussion ist Glyphosat. Welche Rolle spielt das?
Eine ganz entscheidende. Alle Direktsäer, mit denen ich spreche, sagen mir dasselbe: „Wenn es morgen kein Glyphosat mehr gibt, höre ich damit auf.“ Wir haben gerade eine Verlängerung der Zulassung um zehn Jahre – aber es ist eine schwierige Situation, wenn man sein gesamtes Betriebssystem auf ein einziges Pflanzenschutzmittel stützt. Man muss sich fragen, ob man bereit ist, dieses Risiko langfristig einzugehen.
Wie verlässlich ist die Datenlage zur Wirtschaftlichkeit der Direktsaat?
Das ist für mich als Berater das eigentliche Problem. Es gibt einige Landwirte, die im Internet demonstrieren, wie erfolgreich sie als Direktsäer wirtschaften. Wir hatten einen jungen Mitarbeiter, der darüber seine Masterarbeit schreiben wollte. Wir haben viele Betriebe angeschrieben, angerufen und besucht. Keiner hat uns seine Jahresabschlüsse zur Verfügung gestellt. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz hatte uns über 30 Betriebe in Aussicht gestellt – und wir haben von niemandem Daten erhalten.
In unseren eigenen Arbeitskreisen werden alle Daten offengelegt, jeder muss sich der Diskussion stellen. Wenn jemand das nicht bereit ist zu tun, habe ich als Berater ein fundamentales Problem. Ich habe selbst drei Direktsaat-Betriebe besucht – die Bestände haben mich nicht überzeugt. Und einen bekannten Verfechter der Direktsaat, der jahrelang im Internet andere bekehren wollte, hat sein Unternehmen inzwischen verkauft.
Lohnt sich die Umstellung betriebswirtschaftlich – bei den aktuellen Marktbedingungen?
Das kann ich nicht sicher beantworten – und das ist ja gerade das Problem. Nehmen wir einen großen Betrieb mit einem Umsatz von rund 2.000 Euro pro Hektar. Angenommen, ich spare 100 Euro Maschinenfixkosten sowie variable Kosten und 30 Euro Dieselkosten ein, dazu noch etwas beim Personal – dann komme ich vielleicht auf 150 Euro Einsparung pro Hektar. Wenn ich aber zehn Prozent Ertragsminderung habe, ist das alles dahin.
Der Weizenpreis liegt derzeit in der Ernte bei 190 Euro pro Tonne – real so niedrig wie vor 30 Jahren. Raps hat sich davon abgekoppelt, Zuckerrüben sind absolut im Keller.
Wenn ich 150 Euro pro Hektar einspare und zehn Prozent Ertragsminderung habe, ist alles dahin. Das muss man durchrechnen, bevor man umstellt.
Wie verändert sich die Rechnung, wenn sich die Marktbedingungen wandeln?
Genau das ist der entscheidende Punkt. Das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) und die Welternährungsorganisation (FAO) prognostizieren, dass der Weizenpreis in zehn bis zwölf Jahren bei rund 270 US-Dollar pro Tonne liegen wird – statt heute 200 Euro (Stand Juli 2026: 228 US-Dollar). Wenn ich also jetzt mein gesamtes System umstelle und der Preis steigt auf 240 oder 250 Euro, dann wird jede Ertragsminderung noch schmerzhafter. Auf der Ertragsseite könnte also deutlich mehr kommen – dann darf ich keine Einbußen in Kauf nehmen.
Ich rate daher dringend zur Langfristbetrachtung. Zweijährige Versuchszeiträume sagen mir nichts. Ich erinnere mich an die Horsch-Fräse: Damals sind viele Landwirte aufgesprungen, das System funktionierte zunächst gut – aber über die Jahre wurden die Gräser immer mehr, und die Betriebe sind in der Verunkrautung versunken. Man muss ein System mindestens acht bis zehn Jahre beobachten, bevor man wirklich sicher urteilen kann.
Was empfehlen Sie Betrieben, die trotzdem mit Direktsaat experimentieren möchten?
Wer einen mittleren Betrieb hat, kann sich nicht zwei verschiedene Systeme leisten – dann spart man gar nichts ein und hat eher Mehrkosten. Eine Umstellung muss zur Einsparung der Maschinen und Personalkosten konsequent sein. Wer einen Teil problematischer, erosionsgefährdeter Hangflächen im Betrieb hat, sollte diese dann lieber von einem Lohnunternehmen bearbeiten lassen.
Anders sieht es bei großen Betrieben oder Kooperationen aus, die 2.000 Hektar und mehr bewirtschaften. Diese können durchaus eine Direktsaatmaschine zusätzlich einsetzen, dort wo es passt – auf geeigneten Schlägen, in geeigneten Jahren – und das normale Ackerbausystem für den Rest beibehalten. Das ist dann keine Systemumstellung, aber eine sinnvolle Möglichkeit, arbeitswirtschaftliche Vorteile zu nutzen, ohne das gesamte Betriebssystem aufs Spiel zu setzen. Grundsätzlich gilt: Eine betriebsindividuelle Betrachtung ist unbedingt erforderlich. Was auf dem einem Betrieb funktioniert, muss auf dem nächsten noch lange nicht funktionieren.