Dr. Wolfgang Patzwahl, Mitglied im Vorstand von PIWI Deutschland e.V. und PIWI International

PIWI-Rebsorten im Aufbruch 

Von der Nische zur Zukunftsoption für einen resilienten und wirtschaftlichen Weinbau. Neue Sortengenerationen verbinden hohe Weinqualität, Klimaanpassung und Einsparpotentiale in der Traubenerzeugung.

Die Weinbranche befindet sich in einer Phase tiefgreifende Veränderungen. Bedingt sind diese Veränderungen einerseits durch den sich vollziehenden Klimawandel, der mit steigender Jahresdurchschnittstemperatur, einer tendenziell zunehmenden jährlichen Verdunstungsrate, tendenziellem Rückgang der Sommerniederschläge, zunehmender Anzahl an Hitzetagen (z.T. mit Temperaturen ≥ 41 °C) sowie steigender Tendenz zu Starkniederschlagsereignissen während der Vegetationsperiode die mikroklimatischen Standortbedingungen in den Rebanlagen massiv verändert und die Reben aus pflanzenphysiologischer Sicht vor große Herausforderungen stellt. Andererseits ist aber auch der Konsum alkoholischer Getränke und damit auch die Nachfrage nach dem Genussmittel Wein seit einigen Jahren kontinuierlich rückläufig, während die Produktionskosten durch höhere Betriebsmittelkosten stetig steigen, qualifizierte Arbeitskräfte zunehmend weniger akquirierbar sind sowie veränderte (aber notwendige) gesellschaftliche Anforderungen an Nachhaltigkeit und Pflanzenschutzmitteleinsatz die Weinbaubetriebe unter erheblichen Veränderungsdruck stellen.

Diese komplexe Strukturkrise im Weinbau zwingt noch mehr als vor einigen Jahren dazu, bisherige Produktionssysteme kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu entwickeln, um die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe mittel- bis langfristig zu sichern.

Doch gerade in der Traubenerzeugung sind die Möglichkeiten zu weiterer Kosteneinsparung in vielen Bereichen bereits weitgehend ausgeschöpft. Technischer Fortschritt und die damit einhergehende Mechanisierung fast aller notwendigen Arbeiten im Weinberg in den vergangenen 80 Jahren hat in erheblichem Umfang zur Optimierung der Arbeitsabläufe und der betrieblichen Kostenstruktur geführt, das Potential einer weiteren Optimierung durch Verbesserungen im Bereich Geräte und Maschinen ist jedoch relativ gering.

Dr. Wolfgang Patzwahl © PIWI-Deutschland

Nicht zu vernachlässigen ist dabei auch, dass diese Optimierung der Arbeitsabläufe und der betrieblichen Kostenstruktur durch technischen Fortschritt und dem Einsatz von auf Erdöl basierten chemisch synthetischen Pflanzenschutzmitteln nicht selten auf Kosten von Natur und Umwelt (Stichwort: Bodenerosion, Rückstände von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen und deren Metabolite in Nichtzielflächen und Grundwasser) erzielt wurde und wird.

Ein wesentlicher noch verbleibender Ansatzpunkt zur Optimierung der Erzeugungskosten und Erhöhung der Arbeitsproduktivität im Bereich der Traubenerzeugung liegt deshalb im Anbau von PIWI-Rebsorten und damit in einer grundsätzlichen Weiterentwicklung der Produktionssysteme. Dabei sind PIWI- Rebsorten längst nicht mehr nur eine Nischenlösung für pflanzenschutztechnisch schwierige Standorte oder gar nur für den ökologischen Weinbau, sondern sind bzw. entwickeln sich zu einer strategischen Zukunftsoption für einen wirtschaftlich erfolgreichen und resilienten Weinbau.

Ein wertvoller Schatz aus 160 Jahren wissenschaftlich basierter Rebenzüchtung

Das heutige Angebot an PIWI-Rebsorten basiert auf einer rund 160-jährigen wissenschaftlich fundierten Rebenzüchtung. Seit Beginn der systematischen Kreuzungszüchtung wurden erhebliche öffentliche Mittel in Forschung, Züchtungsprogramme und die Entwicklung neuer Rebsorten investiert. Zielsetzung war dabei stets, die komplexen Anforderungen des Weinbaus miteinander zu verbinden:  Widerstandskraft gegen Schaderreger, Ertragssicherheit, Anpassungsfähigkeit und hohe Weinqualität.

Die heute verfügbaren PIWI-Rebsorten der dritten und vierten Generation, als Ergebnis einer langen wissenschaftlichen Entwicklung und eines erheblichen gesellschaftlichen Investments, stellen somit einen wertvollen genetischen und weinbaulichen Schatz dar, dessen Potential angesichts der aktuellen Herausforderungen nicht unterschätz oder gar ignoriert werden sollte. Die häufig noch vorhandene Wahrnehmung bzw. Auffassung in der weinbaulichen Fachwelt, PIWI-Rebsorten seien „Kompromisssorten“ wird der aktuellen Entwicklung nicht mehr gerecht. Diese modernen Rebsorten zeigen, dass hohe Weinqualität, Nachhaltigkeit und hohe Umweltverträglichkeit bzw. Umweltschutz sowie Produktionssicherheit miteinander vereinbar sind.

Von der Widerstandskraft zur Qualitätsrebe

Die erste Generation pilzwiderstandsfähige Rebsorten wurden vor allen Dingen unter dem Gesichtspunkt ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber den Pilzkrankheiten Plasmopara viticola (Falscher Mehltau) und Erysiphe necator (Echter Mehltau) bewertet. Die Züchtungsprogramme wurden in den nachfolgenden Jahren aber mehr und mehr verfeinert und verfolgen dagegen inzwischen einen deutlich umfassenderen Ansatz.

Im Mittelpunkt stehen heute:

  • Stabile Widerstandskraft gegen Plasmopara viticola (Falscher Mehltau), Erysiphe necator (Echter Mehltau), Botrytis cinerea (Graufäule), u.v.a.m.,
    dabei Kombination verschiedener Resistenzgene im Rahmen der Strategie der Resistenzgen-Pyramidisierung
  • Hohe Frosthärte
  • Hohe Weinqualität
  • Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Standorte und Klimabedingungen (hohe Resilienz)

Im Zusammenhang mit der Widerstandskraft der Rebe (Resistenzzüchtung, insbesondere PIWI-Rebsorten) bezeichnet die Resistenzgen-Pyramidisierung die gezielte Kombination mehrerer Resistenzgene bzw. Resistenzallele in einer Rebsorte, um eine dauerhafte und möglichst robuste Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern wie dem Echten Mehltau (Erysiphe necator), dem Falschen Mehltau (Plasmopara viticola) oder auch Botrytis cinerea zu erreichen. Dabei werden mehrere unterschiedliche Resistenzmechanismen kombiniert, um die Abwehrfähigkeit der Rebe zu erhöhen und das Risiko eines Resistenzdurchbruchs zu reduzieren. Bei der modernen PIWI-Rebenzüchtung werden hierzu insbesondere verschiedene Rpv-Loci (z.B. Rpv1, Rpv2, Rpv3, Rpv4, Rpv5, Rpv8, Rpv10 und Rpv12) gegen den Falschen Mehltau sowie Run- und Ren-Loci (darunter Run1 sowie Ren1, Ren2, Ren3, Ren4, Ren5, Ren6 und Ren9) gegen den Echten Mehltau gezielt kombiniert.

Parallel dazu ermöglichen moderne molekulare Methoden eine gezieltere Selektion geeigneter Zuchtlinien, mit der Folge, dass die neuen Sortengenerationen hinsichtlich ihrer önologischen Eigenschaften den klassischen Qualitätssorten vergleichbar sind oder sogar darüber hinaus die Möglichkeit bieten, ganz neue Qualitätsprofile zu entwickeln.

PIWI-Weine: Qualität ist schon lange kein begrenzender Faktor mehr

Eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre ist die deutliche Qualitätssteigerung moderner PIWI-Weine. Die in früheren Jahren geäußerte Einschätzung, dass pilzwiderstandsfähige Rebsorten einerseits zwar robust gegen Schaderreger seien und in der Traubenerzeugung arbeitswirtschaftliche Vorteile böten (weniger Arbeitsaufwand und Mitteleinsatz beim Pflanzenschutz), andererseits aber hinsichtlich der Weinqualität eine gewisse Begrenztheit aufweisen würden, entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand.

Zahlreiche nationale und internationale Weinwettbewerbe dokumentieren seit Jahren eindrucksvoll, dass PIWI-Rebsorten ein großes Potenzial für den Ausbau hochwertiger Weine besitzen. Der Deutsche PIWI-Weinpreis, der Österreichische PIWI-Weinpreis sowie die internationale PIWI International Wine Challenge mit dem PIWI Gold Award zeigen regelmäßig, dass PIWI-Weine bei verdeckt durchgeführten Verkostungen durch Fachjurys aus Önologen, Sommeliers und Weinexperten Spitzenbewertungen erreichen können. Mit PIWI-Rebsorten lassen sich somit Weine mit hoher sensorischer Qualität und eigenständigem Charakter erzeugen, die zunehmend Marktakzeptanz finden. Die Qualitätsfrage stellt daher heute nicht mehr das zentrale Hindernis der PIWI-Entwicklung dar. Vielmehr gilt es, dieses Potenzial konsequent zu nutzen und neue Wege im Weinbau zu beschreiten. Die Betriebe sind gefordert, die Vorteile pilzwiderstandsfähiger Rebsorten als wichtigen Baustein für eine nachhaltigere und zukunftsfähige Produktion zu erkennen und in ihre betrieblichen Strategien zu integrieren. PIWI-Rebsorten bieten dabei die Chance, den Pflanzenschutzaufwand deutlich zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig hochwertige Weine mit eigenständigem Profil zu erzeugen.

Rebsorten wie Souvignier gris, Cabernet blanc, Sauvignac, Muscaris, Calardis Blanc oder Satin Noir stehen beispielhaft für diese neue Generation an PIWI-Rebsorten. Sie ermöglichen unterschiedliche Weinprofile – von aromatischen Weißweinen über strukturreiche, burgundisch geprägte Weine bis hin zu hochwertigen Rotweinen. Die beiden PIWI-Rebsorten Cabernet blanc und Sauvignac wiederum zeigen, dass PIWI-Rebsorten auch das Potential besitzen sich im Bereich internationaler Aromaprofile etablieren zu können.

Kostenvorteile durch weniger Arbeitsaufwand

Häufig wird im Zusammenhang mit PIWI-Rebsorten die Einsparung von Pflanzenschutzmitteln und den daraus sich ergebenden Kostenvorteile angesprochen. Der wesentliche wirtschaftliche Vorteil von PIWI-Rebsorten liegt jedoch nicht ausschließlich in einer Reduktion der Pflanzenschutzmittelkosten. Der entscheidende Kostenfaktor ist vielmehr die Einsparung wertvoller Arbeitszeit.
Durch die geringere Anfälligkeit gegenüber Schaderregern moderner PIWI-Rebsorten kann die notwendige Anzahl an Pflanzenschutzbehandlungen deutlich reduziert werden. Unter geeigneten Bedingungen ist eine Reduktion von bis zu 60% gegenüber anfälligeren Standardsorten möglich.

Der daraus entstehende wirtschaftliche Effekt entsteht dabei vor allen Dingen durch weniger Überfahrten, geringere Maschinen- und Dieselaufwand, geringere Personalkosten und eine höhere zeitliche Flexibilität in kritischen Arbeitsphasen. Gerade angesichts steigender Lohnkosten und des zunehmenden Mangels an qualifizierten Arbeitskräften gewinnen die letzten beiden Punkte erheblich an Bedeutung.

PIWI-Rebsorten als Baustein der Klimawandel­anpassungs­strategie

Angesicht des rasant sich vollziehenden Klimawandels gewinnt die Resilienz eines Bewirtschaftungssystems gegenüber den mit dem Klimawandel sich verändernden Standortbedingungen zunehmend an Bedeutung. Der Weinbau in der Bundesrepublik Deutschland und darüber hinaus steht vor großen Herausforderungen durch häufigere Trockenperioden, steigende Temperaturen, zunehmende Anzahl an Hitzetagen mit zum Teil Temperaturen über 40 °C sowie sich deutlich veränderten Dynamiken bzgl. der Populationsentwicklung von Schadorganismen (z.T. früheres Auftreten und Zunahme der Anzahl von Entwicklungszyklen).

Moderne PIWI-Rebsorten bieten hier ein hohes Maß an Resilienz. Sie kombinieren Eigenschaften wie geringe Anfälligkeit gegenüber pilzlichen Schadorganismen, geringeres Fäulnisrisiko, stabilere Produktion unter schwierigen Bedingungen (aufgrund der eingekreuzten Rebsorten) sowie reduzierte Abhängigkeit von intensiven Pflanzenschutzmaßnahmen. Die höhere Resilienz entsteht dabei nicht durch eine einzelne Eigenschaft, sondern vielmehr durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren und ermöglichen so Produktionssysteme, welche robuster gegenüber wechselnden Umweltbedingungen sind.

Doch nicht nur der konventionelle Weinbau kann davon profitieren, sondern auch für den ökologischen Weinbau ergeben sich zusätzliche Chancen. Die deutlich geringere Anfälligkeit gegenüber pilzlichen Schadorganismen kann dazu beitragen, die ohnehin vorhandene hohe Nachhaltigkeitseigenschaften des ökologischen Weinbaus durch einen nochmals reduzierteren Einsatz von Kupferpräparaten noch nachhaltiger zu gestalten.

PIWI-Rebsorten als Bestandteil einer zukünftigen Weinbaustrategie

PIWI-Rebsorten werden die klassischen Rebsorten sicherlich nicht vollständig ersetzen. Die Zukunft liegt vielmehr in einem breiteren Sortenspektrum, welches unterschiedliche Anforderungen erfüllt. Angesichts der komplexen Strukturkrise im Weinbau, bedingt durch Klimawandel, den Rückgang des Alkoholkonsums, der Entwicklung der Altersstruktur der Gesellschaft und nicht zuletzt steigender Betriebsmittelkosten und damit Produktionskosten, sollten die Potentiale moderner PIWI-Rebsorten viel stärker genutzt werden. So könnten sicherlich problemlos bis zu 30% der Rebfläche mit PIWI-Rebsorten bepflanzt und kultiviert werden, wenn kreativ die weinrechtlich möglichen Verschnitt Regelungen, der Cuvée-Ausbau sowie das erwähnte Qualitätspotential der PIWI-Rebsorten für eigenständige hochwertige Lagenweine genutzt werden würde. Hier sollten sicherlich auch noch einmal die ab 2027 vollumfänglich geltenden neuen Regelungen der Schutzgemeinschaften der bundesdeutschen Weinbaugebiete nochmal überdacht und für einen Lageausbau von PIWI-Weinen geöffnet werden.

PIWI-Rebsorten bieten die Möglichkeit, Nachhaltigkeit, Qualität und Wirtschaftlichkeit miteinander zu verbinden und damit einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Weinbaus zu leisten – die (bundesdeutsche) Weinbaubranche sollte diese Möglichkeit aktiv nutzen!

Dr. Wolfgang Patzwahl
Referent Pflanzenschutz, Naturland e.V.
Mitglied im Vorstand von PIWI Deutschland e.V. und PIWI International
 

Deutschen PIWI-Weinpreis

Dass PIWI-Rebsorten heute weit mehr sind als ein Nischenthema, zeigt sich nicht nur in ihrer zunehmenden Verbreitung, sondern auch in der wachsenden Anerkennung ihrer qualitativen Potenziale. Vor diesem Hintergrund haben die DLG und PIWI Deutschland e.V. den Deutschen PIWI-Weinpreis ins Leben gerufen. Mit dem Wettbewerb werden Weine aus pilzwiderstandsfähigen Rebsorten gezielt sichtbar gemacht und in ihrer Bedeutung für einen zukunftsfähigen und innovationsorientierten Weinbau gestärkt. Der Anmeldeschluss ist der 15. September.

 Zum PIWI-Weinpreis