Fünf Tools, fünf Landwirte – fünf unterschiedliche Ergebnisse bei der CO₂-Bilanz ein- und desselben Getreides. Oder: Öko-Test bewertet ein Produkt als bedenklich, das Europäische Getreidemonitoring (EGM) als sektorweites Monitoring für Getreide, Mehl und Mahlerzeugnisse in Deutschland, Österreich und der Schweiz identifiziert keinen Handlungsbedarf, der rechtliche Grenzwert wurde außerdem eingehalten. Szenarien wie diese zeigen, wo die Wertschöpfungskette Ackerbau heute steht: Jede Stufe arbeitet im Wesentlichen für sich, mit eigenen Methoden, eigenen Daten, eigener Kommunikation. Austausch und Zusammenarbeit innerhalb der Branche finden nur punktuell statt. Wenn es dann ernst wird, zum Beispiel bei einem Kontaminationsereignis, einer Rückstandsdebatte oder einer regulatorischen Verschärfung, fehlt die gemeinsame Grundlage. Die Initiative Plattform Ackerbau (IPA), im Januar 2026 gegründet, will genau das ändern.
Ob Rückstandsproblematiken, Fragen zur Klimabilanzierung oder öffentliche Debatten über den ökologischen Fußabdruck von Ackerbauerzeugnissen: Kritische Diskussionen und Krisen machen nicht an Stufengrenzen halt. Bislang fehlte der Branche aber eine durchgängige Gesprächsplattform, die alle Akteure – vom Landwirt über den Agrarhandel und die Verarbeitung bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel – strukturiert zusammenbringt. Das Ergebnis: unabgestimmte Aussagen. In der Außenwirkung wird Unsicherheit verstärkt statt abgebaut.
Warum Vernetzung dringlich ist
Die IPA will hier für mehr Koordination und Klarheit sorgen. Sie versteht sich als neutrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft, Landhandel, Verarbeitung und Lebensmitteleinzelhandel – Die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.) koordiniert als Gründungsmitglied die Arbeit der IPA. Weitere Gründungsmitglieder sind der Deutsche Raiffeisenverband e.V. (DRV), der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e.V., der Verband Deutscher Großbäckereien e.V. sowie der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH).
Klimabilanzierung: Methodenwirrwarr als strukturelles Problem
Das Thema Klimabilanzierung veranschaulicht, wie groß das Vernetzungsdefizit in der Praxis ist. Fünf oder mehr Tools, fünf Landwirte, fünf unterschiedliche Ergebnisse. Die fehlende Methodenstandardisierung bei der Treibhausgas-Bilanzierung ist eine der drängendsten Herausforderungen in der Wertschöpfungskette Getreide.
Konstanze Fritzsch (Anbauberatung/Nachhaltigkeit, Bindewald & Gutting Mühlengruppe) machte auf den DLG-Feldtagen im Juni 2026 in Bernburg-Strenzfeld deutlich: Standards zur Klimabilanzierung sollten idealerweise europaweit harmonisiert werden. Momentan würden in der Kette mehrere Tools und Systeme parallel genutzt. Dadurch fehle nicht nur ein verlässlicher Benchmark für CO₂-Reduktionen; auch der Aufwand für alle Beteiligten sei enorm, unterstrich die Expertin in einer Diskussionsrunde. Hinzu kommt die sogenannte Schüttgutproblematik: Während auf dem direkten Weg vom Landwirt bis zur Mühle Rückverfolgbarkeit und CO₂-Berechnung noch möglich sind, verliert sich dieser Nachweis oftmals schon auf der Stufe des Landhandels, spätestens aber in der Mühle durch die Vermischung von Getreide aus verschiedenen Chargen.
Effizienz bei Datenermittlung und Bilanzierung
Andreas Hohlt, Nachhaltigkeitsmanager bei Lieken Brot und Backwaren, brachte das Ziel, einheitlich und dabei für alle Beteiligten in der Kette so effizient wie möglich zu bilanzieren, auf den Punkt: „Wir wollen den Workload der Datenermittlung beim Landwirt so gering wie möglich halten." Gleichzeitig verwies er auf die Anforderungen des Bilanzierungsrahmens der Science Based Targets initiative (SBTi): Lieken ist bereits SBTi-validiert – und muss daher eine Reduktion von 30 Prozent der Emissionen nachweisen.
Die IPA-Arbeitsgruppe „Klimawirkung im Ackerbau messbar machen" arbeitet daher an einem methodischen Systemvergleich und der Empfehlung eines praxistauglichen IPA-Referenzansatzes, der Vergleichbarkeit zwischen Betrieben und Kettenstufen ermöglicht, kompatibel zu rechtlichen Anforderungen der Nachhaltigkeitsbilanzierung wie der CSRD ist und europäische Anschlussfähigkeit sicherstellt.
Über die Initiative Plattform Ackerbau
Die branchenübergreifende Initiative Plattform Ackerbau versteht sich als strategisches Instrument zur Stärkung der qualitätsorientierten Wertschöpfungskette und fungiert dabei als neutrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft, Landhandel, Verarbeitung sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Sie fördert fachlichen Dialog, unterstützt den Wissenstransfer und schafft zugleich eine gemeinsame Basis für die Kommunikation mit Gesellschaft und Marktakteuren. Die Koordination der Initiative Plattform Ackerbau übernimmt die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.), die zugleich auch Gründungsmitglied ist. Weitere Gründungsmitglieder sind der Deutsche Raiffeisenverband e.V. (DRV), der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e.V., der Verband Deutscher Großbäckereien e.V. sowie der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH).
Rückstands-Monitoring: Wenn unterschiedliche Standards zu verschiedenen Bewertungen führen
Ein weiteres zentrales Thema der IPA-Facharbeit ist die Frage, wie Rückstände und Kontaminanten in Ackerbauerzeugnissen einheitlich und wissenschaftsbasiert bewertet werden können. Das Problem: Je nach Monitoring-System kommen unterschiedliche Bewertungsrahmen zum Einsatz. Auch wenn die Messergebnisse der jeweils beauftragten Prüflabore nach objektiven Kriterien vergleichbar sind – dafür sorgt die DIN 17025 als zentrale Norm für Prüf- und Kalibrierlaboratorien – kann die Interpretation in der Praxis durchaus abweichen. Insbesondere für Verbraucherinnen und Verbraucher, die mit solchen unterschiedlichen Interpretationen von vermeintlichen Risiken durch Rückstände konfrontiert werden, ist dies eine Herausforderung.
Öko-Test etwa als außerbehördlicher Sekundärstandard ohne gesetzliche Grundlage legt bei der Bewertung von Rückständen eigene, häufig deutlich strengere Grenzwerte zugrunde als rechtlich vorgeschrieben; inwiefern dieses Vorgehen wissenschaftlich fundiert ist, ist in Fachkreisen mindestens umstritten. Das Europäische Getreidemonitoring des VGMS e.V. wiederum ist ein in der Branche anerkanntes Monitoring-Programm: Es erfasst systematisch Rückstandsdaten nach einheitlicher Methodik und schafft dadurch eine fachlich fundierte Vergleichs- und Referenzbasis. Hinzu kommen behördliche Warnsysteme wie die Risikoeinschätzungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) oder Meldungen über das europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF), die bei tatsächlichen Gesundheitsrisiken greifen.
Die aktuelle Situation ist folglich geprägt durch die Koexistenz von offiziellen behördlichen Mitteilungen und Warnungen, die auf rechtlichen Grenzwerten basieren auf der einen Seite. Auf der anderen Seite steht eine Kommunikation auf Basis von Sekundärstandards, die eigene Maßstäbe zur Risikobewertung zugrunde legen. Die Folge: Ein und dasselbe Getreide kann je nach angewendetem Monitoring- und Bewertungsansatz als unbedenklich oder als auffällig eingestuft werden – mit entsprechenden Konsequenzen für die öffentliche Kommunikation und das Verbrauchervertrauen.
Fazit: Aufklärung, echter Nutzen und Effizienz im Fokus
Die Beispiele Klimabilanzierung und Monitoring von Rückständen sowie deren Risikobewertung illustrieren den Handlungsbedarf in der Ackerbaubranche. Die Forderungen nach Bilanzierung der Klimawirkungen der Getreideerzeugung nehmen zu. Momentan werden diese top-down vom Lebensmitteleinzelhandel über Verarbeiter, Großhandel und Ersterfassung an die Landwirtsstufe weitergereicht.
Die Lieferanten sind dabei je nach Anforderung ihrer Kunden mit der Erfüllung unterschiedlicher Standards konfrontiert: Dabei leidet nicht nur die Effizienz. Auch stellen Branchenteilnehmer zunehmend infrage, ob ein Nebeneinanderher verschiedener Standards zur Klimabilanzierung dem zugrundeliegenden Ziel, einer wirksamen Klimafolgenanpassung, dienlich ist: Je mehr Kapazitäten durch Dokumentation und Bilanzierung für verschiedene Klimabilanzierungsstandards gebunden sind, desto weniger Zeit bleibt für das eigentliche Kerngeschäft, die nachhaltige und effiziente Produktion von hochwertigen Agrarrohstoffen. Eine zielführende Bilanzierung im Sinne des Klimaschutzes, die bei der Produktion effizient mitläuft, ist daher eine lohnende Perspektive für die Wertschöpfungskette Ackerbau. Die IPA will dazu einen Beitrag leisten, indem sie bestehende Ansätze zur Klimabilanzierung vergleicht und damit die Basis für einen Standard in der Branche schafft.
Das Monitoring von Rückständen wiederum, deren fachlich-neutrale Bewertung und eine vertrauensvolle Verbraucherkommunikation leiden gegenwärtig unter dem Nebeneinander verschiedener Standards, die unterschiedliche Bewertungen ein- und desselben Sachverhalts liefern. Die IPA leistet hier mit der Einordnung durch einen neutralen, wissenschaftsbasierten Vergleich bestehender Bewertungssysteme einen wichtigen ersten Schritt zur Aufklärung.