Wie der Innovationsmotor Diversität in der Agrarwirtschaft zündet
Veranstaltung der Verbändeallianz zum UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft in Berlin
An hochqualifizierten Frauen mangelt es in Landwirtschaft und Agribusiness in Deutschland nicht. Trotzdem sind sie in den obersten Führungsgremien der Branche noch längst nicht so häufig vertreten, wie es möglich wäre. Bei der Veranstaltung „Diversität als Innovationsmotor im Agrarsektor“ der Verbändeallianz zum UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft am 21. September 2026 im Berliner Haus der Land- und Ernährungswirtschaft wurde deutlich: Diversität entsteht nicht von selbst. Sie braucht systematische Förderung, inspirierende Vorbilder und das Zutrauen, Verantwortung in der „ersten Reihe“ zu übernehmen.
Rund 11 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geleitet. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich am unteren Ende. Die Zahl machte gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich, dass in Sachen Diversität noch Luft nach oben ist. Susanne Schulze Bockeloh, Vizepräsidentin des Deutschen Bauernverbands (DBV), betonte jedoch, es gehe nicht darum, den Ist-Zustand zu beschreiben. Vielmehr sollten Stellschrauben identifiziert werden, an denen sich ansetzen lässt, um die Situation zu verbessern.
Vielfalt erweitert den Blick – Netzwerke stärken den Rücken
Mehr Diversität ist dabei kein „nice to have“. Nicola Steinbock, Sprecherin des Vorstands der Landwirtschaftlichen Rentenbank, verwies in einem Video-Statement auf Diversität als Erfolgsfaktor für Unternehmen, Verbände und andere Organisationen: „Aus Vielfalt entstehen neue Perspektiven.“ Unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen helfen, Probleme umfassender zu betrachten und neue Lösungen zu entwickeln. DBV-Vizepräsidentin Schulze Bockeloh stellte klar, dass „Frauenförderung kein Frauenthema“ sei. Sie freue sich deshalb über jeden Mann, der an der Diskussion teilnehme. Vor der Veranstaltung habe es Kritik daran gegeben, dass Männer auf den Diskussionspodien stark vertreten seien, berichtete Schulze Bockeloh. Wenn das Ziel jedoch sei, auch über das UN-Jahr 2026 hinaus zu wirken und mehr Diversität in die entscheidenden Positionen zu bringen, sei der Austausch mit den derzeit noch überwiegend männlichen Entscheidungsträgern unerlässlich. Völlig auf sich allein gestellt, schafften es hochqualifizierte Frauen zudem selten an die Spitze. Dafür brauche es Netzwerke aus Unterstützerinnen und Unterstützern.
Die Verbändeallianz im UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft
Die DLG engagiert sich gemeinsam mit acht weiteren Verbänden und Organisationen aus Landwirtschaft und Agribusiness in der Verbändeallianz zum „International Year of the Woman Farmer“: Deutscher Bauernverband, Bund der Deutschen Landjugend, Deutscher Landfrauenverband, Deutscher Raiffeisenverband, Landwirtschaftliche Rentenbank, Verband der Landwirtschaftskammern, Vinissima Frauen & Wein sowie WiA – Women in Agribusiness.
Ziel der Allianz ist es, die Leistungen von Frauen in der Wertschöpfungskette Agrar und Ernährung sichtbarer zu machen, ihre Karrieremöglichkeiten zu stärken und die Branche zukunftsfähiger aufzustellen.
Dafür hat die Allianz acht Handlungsfelder formuliert:
- Rollenbilder modernisieren
- Politische Interessenvertretung stärken
- Zugang zu Kapital erleichtern
- Förderlogiken flexibler gestalten
- Beratung und Qualifizierung ausbauen
- Zugang zu Förderprogrammen transparenter machen
- Netzwerke und Sichtbarkeit stärken
- soziale Sicherung und Altersvorsorge verbessern
Vorbilder öffnen Wege in die Verantwortung
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) verwies in seinem Impuls auf die Juristin und SPD-Politikerin Elisabeth Selbert. Als Mitglied des Parlamentarischen Rats habe sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs maßgeblich daran mitgewirkt, die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz zu verankern. Dass Frauen und Männer gleichberechtigt seien und Frauen Führungspositionen „mindestens genauso gut“ wahrnehmen könnten wie Männer, sei für ihn daher eine Frage der Gerechtigkeit, betonte der Bundesminister. Im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat seien inzwischen mehr als die Hälfte der Referatsleitungen mit Frauen besetzt. Rainer betrachtete Gleichberechtigung jedoch nicht nur durch die politische Brille. Der gelernte Metzgermeister berichtete, seine Mutter habe den familiären Betrieb und die Familie mit ihm und seinen fünf Schwestern maßgeblich zusammengehalten. Seine persönliche Erfahrung sei deshalb: Frauen übernähmen sowohl in der Familie als auch in der Wirtschaft schon lange Verantwortung.
Für Rainer sind tradierte Rollenbilder weiterhin ein Hemmschuh für weibliche Karrieren in der Branche. Ein zentraler Hebel liege daher in ihrer Überwindung. Bei der Hofnachfolge werde noch zu häufig automatisch an den Sohn gedacht – und nicht an die am besten qualifizierte Person, unabhängig davon, ob es sich um einen Sohn oder eine Tochter handele. Zudem sei es wichtig, die Leistungen von Frauen in der Branche ins Rampenlicht zu rücken. So habe sein Ressort in diesem Jahr ausschließlich Frauen für die höchste Auszeichnung, die Werner-Niklas-Medaille, vorgeschlagen.
Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes, erinnerte an die Abschlusserklärung der Zukunftskommission Landwirtschaft. Darin hätten sich die Mitglieder verpflichtet, den Frauenanteil in den Entscheidungsgremien der Branche künftig auf 30 Prozent zu erhöhen. Bentkämper bekräftigte, Quotenregelungen könnten dabei als „Krücke“ helfen, bis Frauen in Unternehmen, Verbänden, Institutionen, Politik und auf den Höfen ebenso selbstverständlich Spitzenpositionen übernähmen wie Männer.
Strukturen müssen sich bewegen
DLG-Präsident Hubertus Paetow unterstrich die Bedeutung von Diversität als Erfolgsfaktor. Seine Erfahrung mit divers aufgestellten Fachausschüssen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft sei, dass dort die Stimmung häufig besonders gut und die Zusammenarbeit auch besonders kreativ und produktiv sei. Eine Quote für mehr Frauen in Führungspositionen könne allerdings als „angeordnet“ wahrgenommen werden. Aus seiner Sicht sei daher eine intrinsische Motivation in den Organisationen vorzuziehen; gerade für die oberste Führungsebene sei Parität herzustellen daher eine „sehr sensible kommunikative Aufgabe“. Der ehrenamtliche Vorstand der DLG erreiche mit vier Männern und drei Frauen eine Frauenquote von 43 Prozent und sei somit auf einem guten Weg zur Parität, so Paetow. Der hauptamtliche Vorstand sei mit Dr. Lothar Hövelmann, Hauptgeschäftsführer des DLG e.V., und Freya von Czettritz, CEO der DLG-Holding GmbH, bereits paritätisch besetzt.
Jörg Migende, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV), misst den Präsidentinnen und Präsidenten sowie den CEOs eine Schlüsselrolle bei, wenn es um die Identifikation und Förderung weiblicher Talente geht. Er würde große Branchenveranstaltungen nutzen, um nach vielversprechenden Frauen für Führungspositionen Ausschau zu halten. Wenn „der Chef“ oder „die Chefin“ diese Aufgabe selbst übernehme, müsse er oder sie sich nicht mit der Antwort zufriedengeben: „Wir würden die Position ja gerne einer Frau geben, aber es gibt keine geeignete Kandidatin.“ Zudem sieht Migende Verbände und Unternehmen gefordert, nicht lineare Karrierepfade zu eröffnen. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen sei ihm wiederholt der Wunsch begegnet, in der Familiengründungsphase und den ersten Jahren danach Prioritäten anders zu gewichten – weg von der alleinigen Fokussierung auf die berufliche Karriere. Mitarbeitenden sollten nach einer besonders intensiven Familienphase daher wieder Perspektiven eröffnet werden, um erneut beruflich durchzustarten.
Gerhard Schwetje, Präsident des Verbands der Landwirtschaftskammern, verwies auf positive Erfahrungen mit Quoten zur gezielten Förderung von Frauen in Führungspositionen. In der Landwirtschaftskammer Niedersachsen sei für bestimmte Gremien ein Frauenanteil von 30 Prozent als Ziel festgelegt worden. Die Diskussion darüber sei zu Beginn nicht einfach gewesen, so Schwetje. Inzwischen werde die Quote jedoch aktiv umgesetzt und bestärke Frauen darin, Führungsverantwortung zu übernehmen. Schwetje hält es zudem für eine „Beratungsaufgabe“, den Frauenanteil unter den landwirtschaftlichen Betriebsleitern von derzeit 11 Prozent zu erhöhen. Er zeigte sich vorsichtig optimistisch: Die Entwicklung werde positiv verlaufen. Die ältere Generation auf den Höfen, die aktuell und in den kommenden Jahren Nachfolgeregelungen treffe, sei in dieser Hinsicht progressiver als die Generationen davor.
Führung entsteht nicht im Alleingang
Dass der Weg in die Führung eines Unternehmens anspruchsvoll ist, verdeutlichte Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Wurst- und Schinkenproduzenten. Die Fleischermeisterin, Diplom-Kauffrau und Mutter von vier Kindern ist seit 2004 Geschäftsführerin des Familienunternehmens Werner Schulte GmbH & Co. KG – Lastruper Wurstwaren, das sie in dritter Generation leitet. Außerdem ist sie Chefin des Online-Wurst- und Fleischversands Kalieber. Die Übergabe im Familienbetrieb dauerte 20 Jahre und verlief „keineswegs wie in einem Werbefilm“, unterstrich die Unternehmerin. Gerade deshalb sei es wichtig gewesen, Verantwortung am Ende vollständig selbst zu übernehmen. Die ersten Jahre habe sie die Verantwortung „zu 90 Prozent“ getragen; die verbleibenden zehn Prozent hätten noch im Hintergrund bei ihrem Vater gelegen.
Die Female Agri Fellows
Das DLG-Netzwerk Female Agri Fellows richtet sich an Frauen aus Landwirtschaft, Agribusiness, Wissenschaft, Kommunikation und Technik. Es vernetzt Unternehmerinnen und Frauen, die Verantwortung übernehmen wollen, fördert den Austausch über Praxisbeispiele und Treffen.
Spezielle Formate auf DLG-Veranstaltungen und Messen unterstützen den Wissenstransfer. Expertinnen können sich außerdem mit ihrer Fachkompetenz in die DLG-Facharbeit einbringen und dadurch sichtbarer werden.
Nach wirtschaftlich herausfordernden Jahren, in denen sie und ihr Mann eine große Expansion des Unternehmens schließlich allein bewältigt hätten, habe sie ihre Rolle und ihre Fähigkeiten neu bewertet. Dabei habe sie Eigenschaften, die sie früher als Schwächen erlebt und zu verbergen versucht habe, als Stärken erkannt. Sie sei ungeduldig und emotional und treffe viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus, sagte Dhem. Heute wisse sie, dass genau diese Eigenschaften sie zum Erfolg antrieben.
„Ich will ein Wurstimperium mit Handwerk und Tierwohl aufbauen. Ich will, dass man mir zuhört“, sagte Dhem. Ihr Appell an Frauen: nicht in einer vermeintlichen Opferrolle zu verharren, sondern klar zu formulieren, was sie wollen, und dafür Verantwortung zu übernehmen. Eine Freundin und Mentorin habe ihr einmal gesagt: „Wenn du dich in die zweite Reihe begibst, musst du mit der ersten zufrieden sein.“ Diesen Rat habe sie verinnerlicht.
Text: Stefanie Pionke / DLG-Newsroom