"KI ist ein starkes Werkzeug für
nachhaltige Produktivitätssteigerung"
DLG-Präsident Hubertus Paetow über KI als Produktivitätsturbo
auf dem Betrieb zur DLG-Wintertagung
Die DLG-Wintertagung 2026 stellt Künstliche Intelligenz (KI) als „Produktivitätsturbo für den Betrieb“ in den Mittelpunkt. In Hannover diskutieren am 24. und 25. Februar Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft, Agrartechnik, Lebensmittelwirtschaft und Forschung, wie KI Effizienz, Präzision und Entscheidungsprozesse nachhaltig verändert. Ein besonderer Fokus der DLG-Wintertagung 2026 liegt auf der Vernetzung von Land- und Lebensmittelwirtschaft. DLG-Präsident Hubertus Paetow wird am Mittwoch, 25. Februar im Plenum den fachlichen Auftakt einläuten. Im Interview für den DLG-Mitgliedernewsletter ermutigt Paetow Land-und Lebensmittelwirtschaft, Künstliche Intelligenz im Betriebsalltag zu integrieren.
DLG-Newsroom: Herr Paetow, Sie werden im Plenum auf der DLG-Wintertagung eine fachliche Einführung zum Titel “KI – Produktivitätsturbo für den Betrieb” geben. Wie passt dieser Titel zum DLG-Leitbild der Nachhaltigen Produktivitätssteigerung?
Hubertus Paetow: „Produktivitätsturbo“ bedeutet für uns nicht „mehr Output um jeden Preis“, sondern genau das, was im DLG‑Leitbild der nachhaltigen Produktivitätssteigerung verankert ist: mehr Wertschöpfung pro eingesetzter Ressourceneinheit, und zwar dauerhaft ökonomisch tragfähig, ökologisch verantwortbar und gesellschaftlich akzeptiert.
Künstliche Intelligenz kann dafür ein wirkungsvoller Hebel sein. Sie ermöglicht einen deutlich präziseren Einsatz von Ressourcen, weil Entscheidungen zu Bodenbearbeitung, Saatzeitpunkt, Düngung oder Pflanzenschutz auf Grundlage vernetzter Daten sicherer und effizienter getroffen werden können. Das führt zu weniger Verlusten und zu mehr Output pro Einheit Dünger, Diesel oder Arbeitszeit.
Zugleich hilft KI dabei, die steigende Komplexität landwirtschaftlicher Entscheidungen beherrschbar zu machen. Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter stehen heute zwischen Marktanforderungen, Umweltauflagen, technischer Vielfalt und Wetterrisiken; KI kann Daten aus Betrieb, Technik und Markt so aufbereiten, dass Entscheidungen schnell, fundiert und vorausschauend möglich werden – und gerade das ist eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Produktivität.
Darüber hinaus macht KI die Arbeit im Betrieb produktiver und attraktiver, weil viele Routinetätigkeiten wie Dokumentation, Planung oder Auswertung vereinfacht oder automatisiert werden können. Dadurch entsteht mehr Zeit für Führung, Strategie, Pflanzen- und Tierbeobachtung und damit für die Qualität der betrieblichen Entscheidungen.
Kurz gesagt: Wenn wir KI bewusst so einsetzen, dass sie Ressourcen schont, Entscheidungen verbessert und die Menschen im Betrieb stärkt, dann ist sie kein Gegensatz zum DLG‑Leitbild, sondern ein starkes Werkzeug für nachhaltige Produktivitätssteigerung.
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(Eine gültige Schüler-/Studienbescheinigung ist bei der Registrierung vor Ort vorzulegen.)
Welche konkreten Anwendungen von KI sehen Sie heute schon in der Landwirtschaft – und welche Potenziale werden Ihrer Meinung nach noch unterschätzt?
Wir sehen heute bereits eine ganze Reihe sehr konkreter Anwendungen:
von Bilderkennung in der Pflanzen- und Tierbeobachtung über Assistenzsysteme für Maschineneinstellungen bis hin zu automatisierter Dokumentation und Schlagkartei‑Unterstützung. Viele Betriebe nutzen KI oft schon indirekt – etwa in Lenksystemen, Ertragskartierung oder Entscheidungswerkzeugen von Dienstleistern.
Unterschätzt und deshalb noch zu wenig genutzt werden aus meiner Sicht drei Bereiche:
Erstens die Entlastung bei Büroarbeit und Verwaltung, also alles von Cross-Compliance über QS‑Dokumentation bis hin zur Kommunikation mit Beratern und Behörden. Zweitens lernende Systeme, die aus den eigenen Betriebsdaten Schritt für Schritt bessere Empfehlungen ableiten. Und drittens die Verknüpfung mehrerer Datenquellen – Wetter, Markt, Sensorik, Technik – zu wirklich integrierten Entscheidungsunterstützungen für den Betrieb.
Viele Betriebe nutzen KI oft schon indirekt – etwa in Lenksystemen, Ertragskartierung oder Entscheidungswerkzeugen von Dienstleistern.
Hubertus Paetow, DLG-Präsident
Wie verändert KI langfristig die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette – vom Vorlieferanten über Handel und Verarbeitung bis zum Endverbraucher?
KI wird die Wertschöpfungskette vor allem transparenter und vernetzter machen. Vorlieferanten, Handel und Verarbeitung werden Daten aus Produktion, Logistik und Markt in Echtzeit auswerten – etwa um Sortenempfehlungen, Lieferketten oder Qualitätsanforderungen dynamischer zu steuern. Für landwirtschaftliche Betriebe kann das bedeuten: konkretere Anforderungen, aber auch gezieltere Unterstützung durch Technik- und Beratungspartner.
Gleichzeitig entsteht die Chance, Leistungen aus der Urproduktion besser sichtbar und vergütbar zu machen: Klimawirkung, Biodiversität, Tierwohl, Qualität. KI‑gestützte Nachweis- und Bewertungssysteme können hier helfen, vertrauenswürdige Informationen bis zum Endverbraucher zu bringen. Entscheidend wird sein, dass Betriebe nicht nur Datenlieferant sind, sondern aktiv mitgestalten, welche Daten zu welchen Bedingungen genutzt werden.
Viele Betriebsleiter fragen sich: Wie viel KI ist für meinen Betrieb sinnvoll – und wo beginnt technologischer Overload?
Ich würde sagen: Sinnvoll ist immer das, was ein konkretes Problem im Betrieb löst – und zwar mit vertretbarem Aufwand. Das heißt: klein anfangen, mit klar umrissenen Anwendungsfällen. Zum Beispiel: „Wie spare ich Zeit bei der Dokumentation?“, „Wie treffe ich bessere Entscheidungen beim Pflanzenschutz?“ oder „Wie verbessere ich die Auslastung meiner Technik?“. Wenn eine KI‑Lösung darauf eine überzeugende Antwort gibt, ist sie ein Kandidat.
Technologischer Overload beginnt dort, wo mehr Technik mehr Komplexität als Nutzen erzeugt: wenn Systeme nicht zusammenpassen, wenn der Chef nur noch mit Updates und Schnittstellen beschäftigt ist, oder wenn Mitarbeiter innerlich aussteigen, weil sie die Werkzeuge nicht mehr verstehen. Dann muss man den Mut haben, auch einmal bewusst „Nein“ zu sagen und lieber wenige, gut integrierte KI‑Werkzeuge zu nutzen, als jedem Trend hinterherzulaufen. KI soll den Betrieb entlasten, nicht zum Selbstzweck werden.