DLG-Unternehmertage 2026: Betriebsführung im Stresstest – Innovation statt Subvention
Rede des Präsidenten der DLG, Hubertus Paetow - DLG-Unternehmertage 2026 vom 1. bis 2. September 2026 - VCC Vogel Convention Center in Würzburg
Thema: Betriebsführung im Stresstest – Mengen. Preise. Strategien
Es gilt das gesprochene Wort!
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe DLGisten,
herzlich willkommen zur Plenumsveranstaltung der DLG-Unternehmertage hier in Würzburg.
Herzlich willkommen zum Austausch in schwierigen Zeiten, mitten im Dürregebiet und mitten in einer Zeit, in der viele Betriebsleiter vor existenziellen Entscheidungen stehen.
Herzlich willkommen auch in einer Zeit, in der die Stimmung in der Landwirtschaft so schlecht ist wie schon lange nicht mehr. Das zeigt die kürzlich veröffentlichte Umfrage der Rentenbank zum Investitionsklima erschreckend deutlich.
Lassen Sie uns gemeinsam etwas gegen die schlechte Stimmung tun, lassen Sie uns nach vorne schauen auf das, was wir als Unternehmerinnen und Unternehmer möglich machen können.
Lassen Sie uns dahin schauen, wo wir die Lage verbessern und Schlimmeres verhindern können. Lassen Sie uns den Raum der Chancen erweitern und nach Möglichkeiten für tragfähige Betriebsentwicklungen suchen.
Mit Realismus, Nüchternheit und der Gewissheit, dass wir, unsere Branche, nicht zum ersten Mal vor schwierigen Situationen stehen und dass wir schon oft durch harte Zeiten gekommen sind.
Betriebsführung im Stresstest – das klingt anstrengend, und das ist es für die meisten Betriebe auch. Betriebsleiter stehen vor existenziellen Fragen, die schnelle und richtige Antworten brauchen.
Für jeden Einzelnen stellt sich die Frage, wie er oder sie den Betrieb zukunftsfest und stabil aufstellen soll angesichts der witterungsbedingten Ernteausfälle, der Preiskrisen auf den Märkten für Betriebsmittel und Produkte, und das alles bei schwierigen Wachstumsperspektiven, sowohl durch politische Unsicherheiten als auch durch große Konkurrenz auf wichtigen Faktormärkten für Fläche und Arbeit.
Ich bin zuversichtlich, dass der heutige Tag für jeden von uns ein oder zwei Anworten auf diese existentiellen Fragen bereithält.
Das Schmerzhafteste an der Dürre ist die persönliche Enttäuschung
Das alles beherrschende Thema in der Berichterstattung über die diesjährige Ernte sind die Dürrefolgen. Trockenheit und Hitze haben vielerorts Ertrag gekostet, und das in einer Situation, in der steigende Betriebsmittelpreise und stagnierende Erlöse auf den Betrieben schon genug Druck erzeugen.
Für mich ist das Schmerzhafteste an der Dürre die persönliche Enttäuschung. Da hat man sich ein ganzes Anbaujahr lang Mühe gegeben, von der Bodenbearbeitung bis zu Düngung und Pflanzenschutz.
Mitte Juni steht man dann vor gesunden, gut entwickelten Beständen, und dann ist nach zwei Wochen Hitze nur noch die Hälfte von dem übrig, was man eigentlich gehofft hatte zu ernten.
Zum Glück funktionieren die Märkte und die Preise steigen bei sinkendem Angebot. Und dies gerade aktuell in sehr erfreulichem Maße: Gestern hat der Dezember-Weizen an der MATIF die 250-Euro-Marke übersprungen. Das ist zumindest im Durchschnitt mehr als ein Ausgleich der Ertragsrückgänge, und es bleibt sogar noch etwas übrig für die steigenden Düngerpreise.
Anpassung an den Klimawandel ist unsere dringlichste Aufgabe
Die Häufung der Witterungsextreme, die unseren Nutzpflanzen schaden, ist zweifelsfrei eine Folge des Klimawandels. Wir sollten uns nicht zu lange mit der Frage nach der Ursache oder Realität des Klimawandels aufhalten.
Vielmehr ist die Anpassung an den Klimawandel aktuell unsere dringlichste Aufgabe.
Zum Glück fangen wir bei der Klimaanpassung unserer Anbausysteme nicht bei null an.
Erstens gibt es die Witterungsbedingungen, die wir bei uns als Klimawandel wahrnehmen, schon genauso in anderen Regionen der Welt – und in der Regel wird dort auch Ackerbau betrieben. Mit anderen Fruchtfolgen, anderen Sorten, anderer Bodenbearbeitung und auch anderen Schädlingen - und nicht alles, was dort funktioniert, wird an unseren heimischen Standorten funktionieren.
Aber der Körnermaisanbau an der Ostsee oder der Sojaanbau an der Donau sind zwei Beispiele von vielen, an denen man sehen kann, dass auf diese Weise erfolgreiche Anpassung gelingt.
Erkenntnisse der Forschung müssen neu bewertet werden
Zweitens beschäftigt sich die Agrarforschung schon seit Jahrhunderten mit der Absicherung unserer Anbausysteme gegen ungünstige Witterung. Die Verbesserung der Wasserhaltefähigkeit der Böden und deren Durchwurzelungstiefe stehen von jeher im Fokus der Bodenkunde. Die Ertragsstabilität früh abreifender Getreidesorten wird in der Züchtung schon lange als wesentliches Ziel betrachtet. Neue Züchtungstechnologien können die Entwicklung klimaresistenter Sorten erheblich beschleunigen. Und am Ende bietet eine längere Vegetationszeit und der CO2-Düngungseffekt auch Chancen für höhere Produktivität.
Allerdings müssen die Erkenntnisse dieser Forschung vor dem Hintergrund des Klimawandels neu bewertet werden.
Das gilt auch für den integrierten Pflanzenbau. Dazu ein Beispiel:
Ein wesentlicher Grund für den schlechten Rapsertrag in diesem Jahr sind die regionalen Schädlingspopulationen, und zwar nicht die Schädlinge an sich, sondern die Schwächung der Pflanzen und die dadurch verminderte Widerstandsfähigkeit.
Unter normalen Wachstumsbedingungen kann Raps ein gewisses Maß an Schädlingsbefall, zum Beispiel durch Stängelschädlinge, kompensieren. Das berücksichtigen wir beim Schadschwellenkonzept.
Kommt es aber zu witterungsbedingten Stresssituationen, zum Beispiel durch eine Hitzewelle in der Abreife, dann führt schon ein moderater Schädlingsbefall zu hohen Ertragsverlusten.
Die Schadschwelle muss sinken, und wir müssen die Pflanzen intensiver vor Schadorganismen schützen. Auch das ist eine wichtige Form der Anpassung an den Klimawandel.
Diese Anpassung kann nicht gelingen, wenn kaum noch wirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen, weil wir durch die restriktive und langwierige Zulassungspraxis die forschende Industrie erfolgreich von den europäischen Märkten vertrieben haben.
Für eine erfolgreiche Anpassung an den Klimawandel brauchen wir keine Grundgesetzänderung und keine Hilfsprogramme. Wir brauchen Mut und Konsequenz bei allen Beteiligten, die Produktionssysteme auf den Prüfstand zu stellen an den richtigen Stellen anzupassen. Zuerst bei uns Landwirten, denn eine neue Fruchtfolge, ein neues Bodenbearbeitungsverfahren oder auch eine hohe Investition in Beregnung erfordern Mut zum Risiko. 100 Prozent Planungssicherheit im Sinne sicherer Gewinne wird es nicht geben.
Investitionen brauchen Mut zum Risiko
Und wir brauchen Mut in der Politik. Das Vorsorgeprinzip in allen Ehren: Die Anpassung an den Klimawandel und die globalen Krisen erfordern eine Anpassung der Spielregeln. Jede Innovation, die uns einer Lösung dieser Probleme näherbringen kann und muss auch dann als Chance verstanden werden, wenn man Nebenwirkungen nicht mit 100-prozentiger Sicherheit ausschließen kann. Das gilt für neue Züchtungstechnologien, innovative chemische und biologische Pflanzenschutzmittel oder auch technische Verfahren zur Schädlingsbekämpfung.
Stresstest für die Betriebsführung heißt hier, dass wir uns darüber klar werden, welcher Baustein unseres betrieblichen Produktionssystems infolge des Klimawandels als erster wegbricht. Das kann die Wasserversorgung, die Hitzeresistenz oder im Gegenteil auch fehlende Durchwurzelung aufgrund von Stauwasser sein. Für alle diese Veränderungen gibt es Anpassungsstrategien, sei es durch Sortenwahl, andere Fruchtfolgen, Beregnung oder auch Drainage.
Wichtig ist, dass wir als gewissenhafte Unternehmer diese Schwachstellen rechtzeitig identifizieren und angehen, bevor der Schaden durch den voranschreitenden Klimawandel den gesamten Betrieb gefährdet.
Tierhaltung zwischen Kostenführerschaft und Vermarktung in der Nische
Auch in der Tierhaltung kann man mit Fug und Recht über einen Stresstest für die Betriebsführung sprechen. Die Preise, zumindest im Schweinebereich, kommen nicht aus dem Tief, und die steigenden Kosten für Energie, Betriebsmittel und Arbeit treffen die Tierhalter genauso wie den Ackerbau.
Der Umbau der Tierhaltung, der in der Vergangenheit eine Perspektive für die Betriebe aufzeigen wollte, ist vorerst auf Eis gelegt. Die Politik hat die Gelegenheit nach der Veröffentlichung des Berichtes der Borchert-Kommission verstreichen lassen, und heute sind weder Verbraucher noch öffentliche Kassen bereit und in der Lage, für mehr Tierwohl im Stall auch einen höheren Preis an der Ladentheke zu zahlen oder einen Ausgleich der Mehrkosten zu leisten. Es erfordert eben Mut, eine günstige Gelegenheit als solche zu erkennen und dann auch konsequent wahrzunehmen.
Was für die Tierhalter bleibt, ist das weitere Feilen an Produktionstechnik und Tiergesundheit, an den Leistungen und der möglichst kostensparenden Erfüllung der diversen Auflagen. Die Politik kann über die Öffnung von Exportmärkten helfen, wie das Ministerium es versucht. Aber eine wirkliche Umkehr der Strukturentwicklung in der Schweinehaltung ist auch dadurch nicht zu erreichen. Die inländische Nachfrage nach Schweinefleisch wird auch zukünftig sinken, und das heißt, dass nur die Betriebe mit der besten Struktur und Produktionstechnik als Kostenführer im Standardsegment oder auch einer erfolgreich etablierten eigenen Vermarktung in höheren Haltungsstufen für die Zukunft sicher aufgestellt sind.
Etwas besser sieht es aktuell in der Rinder- und Geflügelhaltung aus, auch wenn in den Dürreregionen das Futter knapp wird. Aber Milch, Rindfleisch, Eier und Geflügel sind Produkte mit stabiler oder steigender Nachfrage und einer international wettbewerbsfähigen Produktion. Hier haben wir weiteres Potenzial auch für Wachstum, insbesondere für die gut aufgestellten Betriebe.
Das Schmerzhafte an der Krise in der Veredelung ist aber, dass ein bisher funktionierendes Wachstumskonzept für die Betriebe wegbricht, die in der Fläche nicht vernünftig wachsen können, aber trotzdem ihre Produktivität nachhaltig steigern wollen. Die Investition in die flächenunabhängige Veredlung war in der Vergangenheit für diese Betriebe immer ein Ventil.
Dieser Weg ist jetzt erheblich schwieriger geworden, nicht nur wegen der Lage auf den Märkten, sondern auch wegen der immensen Auflagen für Investitionen in neue Betriebszweige.
Es ist schon zynisch, wenn der Staat einerseits bedürftige Betriebe mehr fördern will, ihnen aber andererseits die erfolgversprechenden Wachstumsmöglichkeiten, zum Beispiel bei erneuerbaren Energien oder auch in der Veredelung, systematisch versperrt.
Ein Bauturbo für alle Investitionen im ländlichen Raum – beispielsweise durch vereinfachte Umnutzung bestehender Genehmigungen im Bundes-Immissionsschutzgesetz oder Aufhebung sinnloser Flächenbindungen und Naturschutzauflagen – wäre ein viel besserer Beitrag zur Überwindung der Strukturkrise als irgendwelche Bedürftigkeitsförderungen.
Stresstest bedeutet das Stellen grundlegender strategischer Fragen
Stresstest für die Betriebsführung heißt heute, das Zusammenspiel von Standort, Märkten und betrieblichen Gegebenheiten ehrlich zu beurteilen. Bei vielen Betrieben wird diese Beurteilung zu der Erkenntnis führen, dass die stabile Aufstellung erhebliche Investitionen erfordert. Sei es durch Umbau bestehender Ställe auf andere Haltungsformen oder andere Tierarten, sei es durch Investitionen in erneuerbare Energien oder andere Betriebszweige als Ersatz oder Ergänzung zu der bestehenden Veredlung. Diese Investitionen müssen schnell und präzise beschlossen und dann auch getätigt werden, denn der optimale Zeitpunkt für eine Zukunftsinvestition ist immer heute und nicht morgen oder übermorgen.
Stresstest für die Betriebsführung heißt aber auch, sich mit den grundlegenden, strategischen Fragen auf dem Betrieb auseinander zu setzten, bevor diese existentiell werden. Entscheidend ist, dass die Betriebe wirtschaftlich stabil aufgestellt und nicht auf staatliche Unterstützungsmaßnahmen angewiesen sind.
Für die allermeisten Betriebe aber ist ein Ausstieg (zum Glück) keine Option. Denn die Landwirtschaft in Deutschland hat genug Raum für eine große Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe, in den unterschiedlichsten Betriebsformen und Produktionsrichtungen.
Diese Betriebe stehen im Wettbewerb, sowohl untereinander als auch mit den globalen Konkurrenten. Und das ist auch gut so.
Denn wir haben gar keine so schlechte Position in Wettbewerb, wie wir uns immer selbst einreden. Wir sind mit unseren Betrieben Teil eines Agribusiness, das in seiner Innovationskraft und durch seine Einbettung in eine rechtssichere funktionierende Marktwirtschaft viele Chancen bietet – auch, wenn da bei Bürokratie und Regulierung noch Luft nach oben ist.
Staat und Verwaltung sollten Unternehmerbiotop pflegen
Dieses Unternehmerbiotop sollte durch Staat und Verwaltung gepflegt und weiterentwickelt werden, und dafür darf auch gerne mutig investiert werden, sowohl in Forschung und Innovation, als auch in mutige Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen.
Wenn dieses Unternehmerbiotop funktioniert, dann werden durch Innovation aus den bedürftigen Betrieben ganz ohne Subvention klimaresiliente, nachhaltig produktive und einkommensstarke Unterhemen – diesseits oder jenseits der landwirtschaftlichen Urproduktion.
Stresstest in Krisenzeiten ist anstrengend, aber notwendig. Und wer in der Krise die Weichen richtig stellt, der profitiert doppelt, wenn das Pendel von Preisen und Erträgen wieder zur anderen Seite ausschlägt.
Und das wird, trotz Klimawandel und globaler Krisen, zweifelsfrei wieder passieren.
An den Märkten kann es völlig unerwartet wieder aufwärts gehen
Die Ausschläge an den internationalen Märkten zeigen uns doch eines: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber ebenso kann es völlig unerwartet wieder aufwärts gehen, so wie wir das gerade auf den Märkten für pflanzliche Produkte sehen.
Lassen Sie uns die aktuelle Situation nutzen, um die Betriebe auf Stabilität und Krisenfestigkeit zu trimmen und langfristig tragfähige Entwicklungskonzepte zu entwickeln.
Meine Damen und Herren, ich freue mich auf einen Tag voller Austausch über den Weg hin zu einer fortschrittlichen Landwirtschaft in Krisenzeiten.
Einer Landwirtschaft, deren Betriebe und Unternehmer den neuen Herausforderungen des Klimawandels und der globalen Krisen mit Innovation und Mut begegnet und sich dabei immer weniger auf Subventionen und Beihilfen verlässt.
Ich freue mich auf einen Tag mit vielen Referenten aus allen Bereichen, organisiert von einem tollen DLG-Unternehmertageteam, und ich freue mich auf einen Tag mit Ihnen allen.
Foto: DLG/S. Pförtner
Diese Veranstaltung wurde im Rahmen der Kongressinitiative für die Bayerische Tourismuswirtschaft (Kongresse in Bayern – KiB) gefördert.
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