Bäckerei 4.0

„Daten schaffen Prozesssicherheit“

aus: DLG-Lebensmittel 4/2026

In der industriellen Backwarenproduktion müssen heute Effizienz, Nachhaltigkeit und Flexibilität gleichzeitig gedacht werden. Im Interview erklärt Thomas Wangler, Teamleiter Automation Development bei Zeppelin, wie datengetriebene Prozessautomation, KI-gestützte Analysen und das digitale Ökosystem NAMiQ den Weg zur „Bäckerei 4.0“ ebnen und warum intelligente Vernetzung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor für Großbäckereien wird.

Brot und Croissant vor einem Hintergrund der KI simmuliert
KI-generiert mit OpenAI / ChatGPT

Die Backwarenindustrie steht zunehmend unter Druck, effizienter, nachhaltiger und zugleich flexibler zu produzieren. Welche Rolle spielt die Digitalisierung aktuell in diesem Transformationsprozess?

Digitalisierung ist heute der zentrale Hebel, um diesen Zielkonflikt aufzulösen. Sie schafft die Grundlage dafür, Produktionsprozesse effizienter, transparenter und flexibler zu gestalten – und das in Echtzeit. Unternehmen können dadurch Produktivität steigern, Stillstandszeiten reduzieren und Ressourcen gezielter einsetzen. Gleichzeitig erhöht sich die Prozessstabilität.
 

Wie übersetzt Zeppelin diesen Ansatz konkret in die Prozessautomation?

Bei Zeppelin sprechen wir in diesem Zusammenhang von „Digital Intelligence for Process Automation“. Gemeint ist die intelligente Nutzung von Daten und digitalen Technologien, um Prozesse automatisiert, vernetzt und datengetrieben zu steuern. Digitale Sensorik, standardisierte Datenpunkte und KI-gestützte Auswertungen ermöglichen fundierte Entscheidungen direkt im laufenden Betrieb.

Zeppelin hat mit Plattformlösungen wie MIRA früh die Digitalisierung adressiert. Heute sprechen Sie vom NAMiQ-Ökosystem …

MIRA war ein wichtiger erster Schritt, um Produktionsdaten transparent zu machen und digitale Services in der Prozessindustrie nutzbar zu machen. Mit NAMiQ gehen wir heute deutlich weiter: weg von einzelnen digitalen Lösungen, hin zu einem offenen, modularen Ökosystem für durchgängige Prozessautomation. Im Mittelpunkt stehen dabei offene Architekturen, standardisierte Schnittstellen und eine skalierbare Struktur.

Warum reicht eine einzelne Plattform heute nicht mehr aus?

Der entscheidende Unterschied ist die Vernetzung. Produktionsunternehmen arbeiten heute mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme, von der Automatisierungstechnik über IIoT- und MES-Lösungen bis hin zu ERP-Systemen. NAMiQ schafft dafür eine gemeinsame, skalierbare Struktur mit offenen Schnittstellen und standardisierten Datenmodellen. So lassen sich Automatisierung, Datenanalyse, digitale Zwillinge und KI-Anwendungen innerhalb eines Ökosystems intelligent miteinander verbinden. Kunden können bestehende Systeme integrieren und sowohl Cloud- als auch On-Premise-Szenarien flexibel abbilden – mit hoher Investitions- und Zukunftssicherheit.

 Welche Rolle spielen datenbasierte Entscheidungen im Produktionsalltag von Großbäckereien – und wo  sehen Sie noch ungenutztes Potenzial?

Datenbasierte Entscheidungen sind heute ein zentraler Bestandteil moderner Produktionsprozesse. Viele Großbäckereien arbeiten bereits mit Echtzeitdaten, um Anlagenzustände, Prozessparameter oder Produktionskennzahlen kontinuierlich zu überwachen und schnell auf Abweichungen reagieren zu können. Ziel ist es, Produktivität zu steigern, Fehler zu reduzieren und Prozesse insgesamt stabiler und effizienter zu gestalten.

Was ist heute über reines Monitoring hinaus möglich?

Das größte Potenzial sehen wir im nächsten Schritt: der intelligenten Verknüpfung und Auswertung dieser Daten. KI-gestützte Analysen ermöglichen beispielsweise eine prädiktive Qualitätskontrolle, die frühzeitige Erkennung von Anomalien oder die Verknüpfung von Prozess- und Wartungsdaten. Dadurch können Unternehmen zunehmend von reaktiven hin zu proaktiven Entscheidungen übergehen. So lassen sich Qualitätsabweichungen erkennen, bevor Ausschuss entsteht oder ungeplante Stillstände auftreten.

Sie sprechen beispielsweise von intelligentem Datenmonitoring im kontinuierlichen Misch- und Knetsystem Codos. Wie nutzen Anwender diese Daten konkret zur Prozessoptimierung?

Im kontinuierlichen Mischen und Kneten wirken sich bereits kleinste Abweichungen direkt auf die Teigqualität aus. Deshalb ist die kontinuierliche Überwachung der Prozessdaten ein entscheidender Faktor für stabile Produktionsprozesse. Über NAMiQ werden relevante Parameter permanent erfasst, analysiert und transparent visualisiert. Anwender erkennen frühzeitig Veränderungen im Prozessverhalten und können gezielt eingreifen, bevor Qualitätsprobleme oder Stillstände entstehen. Das sorgt für eine konstant hohe Teigqualität, reduziert Ausschuss und erhöht die Anlagenverfügbarkeit.

Viele Ihrer Systeme erzeugen große Mengen an Produktionsdaten. Wie werden diese in übergeordnete Systeme integriert und für den Anwender nutzbar gemacht?

Ein wesentlicher Fokus liegt auf der nahtlosen Integration. Unsere Lösungen verfügen über standardisierte Schnittstellen und eine offene Architektur, sodass Produktionsdaten problemlos an übergeordnete MES-, ERP- oder IIoT-Systeme übergeben werden können. Wichtig ist dabei nicht nur die Datenmenge, sondern die nutzerfreundliche Aufbereitung. Durch ein durchdachtes UI/UX-Design erhalten Anwender klare Dashboards und Entscheidungsgrundlagen, ohne sich durch komplexe Datenstrukturen arbeiten zu müssen.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Hürden bei der Digitalisierung von Produktionsprozessen und wie unterstützen Sie Unternehmen konkret bei der Umsetzung?

Häufige Herausforderungen sind heterogene Bestandsanlagen, fehlende Standards und Bedenken hinsichtlich IT-Sicherheit oder Bedienbarkeit. Genau hier setzen wir an: mit einer offenen, modularen Plattform, die sich schrittweise erweitern lässt und bestehende Systeme einbindet. Ein weiterer Baustein ist die virtuelle Inbetriebnahme mit digitalen Zwillingen. Software wird vorab virtuell getestet, validiert und optimiert. Das reduziert die Zeiten für die Inbetriebnahme, senkt das Fehlerrisiko und ermöglicht Schulungen sowie Tests ohne Eingriff in die reale Produktion.

Ihre Lösungen zeigen, dass Effizienz, Geschwindigkeit und Ressourcenschonung zunehmend zusammen gedacht werden. Ist das der Schlüssel zur ‚Bäckerei 4.0‘?

Absolut. Die ‚Bäckerei 4.0‘ entsteht dort, wo Effizienz, Produktivität und Nachhaltigkeit nicht mehr getrennt vonei­nander betrachtet werden, sondern intelligent zusammenspielen. Durchgängige Digitalisierung schafft dafür die Grundlage: Automatisierte Prozesse reduzieren Fehler, datenbasierte Optimierung senkt Energie- und Rohstoffverbrauch und modulare Systeme ermöglichen schnelle und flexible Reaktionen auf neue Marktanforderungen. Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck, sondern der entscheidende Hebel für eine leistungsfähige, resiliente und zukunftssichere Groß­bäckerei.

Backproduktionsstraße
Im kontinuierlichen Misch- und Knetsystem Codos lassen sich unterschiedlichste Teige verarbeiten. Der hohe Automatisierungsgrad sorgt dabei für maximale Prozesssicherheit sowie eine präzise Überwachung und Steuerung im Sekundentakt. © Zeppelin Systems

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