Decarbonisierung

Biomasse statt Erdgas

aus: DLG-Lebensmittel 1/2026

Die Lebensmittelindustrie gehört zu den energieintensivsten Branchen. Besonders Backöfen oder Molkereianlagen verursachen enorme Verbräuche an Wärme und Strom. Steigende Energiekosten und Klimaschutzanforderungen machen die Suche nach alternativen Energiequellen dringend erforderlich. Einen praxisnahen Ansatz bietet die Holzvergasung in Kombination mit der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), wie Thomas Bleul, Geschäftsführer der Spanner Re² GmbH aus Neufahrn in Niederbayern, im Interview erläutert. Das Unternehmen ist auf dezentrale Energieanlagen spezialisiert und hat weltweit mehr als 1.000 Systeme installiert.

Holz und Holzpellets
© ronstik – Adobe Stock

Welche Rolle spielen die Holzvergasung und Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in der Erzeugung von Prozesswärme für die Lebensmittelindustrie, und welche weiteren Reststoffe außer Holz können in Ihren Anlagen sinnvoll eingesetzt werden?

Unsere Technologie war lange Zeit vor allem im Bereich der EEG-Einspeisung im Einsatz. Doch durch die gestiegenen Strom-, Gas- und Ölpreise wird sie für Eigenversorger zunehmend attraktiv. Für Lebensmittelbetriebe eröffnet Holzvergasungs-KWK die Möglichkeit, bedarfsgerecht Strom und Wärme zu erzeugen und fossiles Erdgas direkt zu substituieren. Als Brennstoffe kommen neben Wald- und Restholz auch zugelassene Abfallhölzer, Obstkisten, MDF-Spannplattenreste oder Kunststoffabfälle in Betracht. Damit lassen sich Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit verbinden – ein Vorteil, der gerade in dieser Branche immer stärker gefragt ist.

Re² EnergyBloc-Kessel
„Re² EnergyBlock“ – die vorinstallierte Containerlösung zur dezentralen Energieerzeugung aus Reststoffen © Spanner Re² GmbH

Welche konkreten CO₂-Reduktionspotenziale bieten Ihre Biomasseanlagen im Vergleich zu fossilen Energieträgern wie Erdgas oder Heizöl, gerade für energieintensive Branchen wie die Lebensmittelverarbeitung?

Holz gilt bilanziell als CO₂-neutral. Das bedeutet: Bei der Nutzung wird nur so viel Kohlendioxid freigesetzt, wie der Baum zuvor gebunden hat. Ersetzen wir Erdgas oder Heizöl, lassen sich Einsparungen von 80 bis 95 Prozent erreichen. Beispielrechnungen zeigen, dass selbst mittelgroße Anlagen mehrere Tausend Tonnen CO₂ jährlich vermeiden können. Die Kraft-Wärme-Kopplung verstärkt diesen Effekt, da sowohl Strom als auch Wärme genutzt werden – ein klarer Effizienzvorteil gegenüber klassischen Verbrennungssystemen.

Wie können Ihre Anlagen dazu beitragen, die Prozesswärme in Betrieben auch in Zeiten zu sichern, in denen Wind- und Solaranlagen keinen oder nur wenig Strom liefern?
Biomasseanlagen sind unabhängig von Wetter und Tageszeit. Sie liefern Energie genau dann, wenn sie benötigt wird. In der Praxis kombinieren wir das Blockheizkraftwerk mit  ufferspeichern und einem Spitzenkessel, sodass die Grundlast zuverlässig abgedeckt und Lastspitzen sicher aufgefangen werden. Je nach Auslegung sind auch Insel- oder Notstromlösungen möglich. Darüber hinaus lassen sich unsere Systeme in hybride Konzepte integrieren, beispielsweise mit Wärmepumpen oder Photovoltaik. Ein Beispiel ist die Anlage „HKA 70 Prozess“, die auf die Prozesswärmeerzeugung spezialisiert ist (Leistung: 63 kW elektrisch und 154,3 kW thermisch). Zudem ist sie modular aufgebaut und kann problemlos – als Kaskade – kombiniert werden. So entsteht eine flexible und planbare Versorgung, die besonders für Betriebe mit kontinuierlichem Prozesswärmebedarf unverzichtbar ist.

Wie wirtschaftlich ist der Einsatz von Biomasseanlagen für mittelständische Lebensmittelhersteller – und welche Fördermöglichkeiten oder Finanzierungsmodelle unterstützen eine Umstellung auf erneuerbare Prozesswärme?

Die Wirtschaftlichkeit ist heute bereits gegeben. In der Regel amortisieren sich Investitionen in rund fünf Jahren. Im Contracting-Bereich liegen die Kosten aktuell bei etwa 18,5 Cent pro Kilowattstunde Strom und 4,5 Cent pro Kilowattstunde Wärme – inklusive Brennstoff. Werden eigene Reststoffe oder Altholz genutzt, sinken die Kosten weiter. Zusätzlich gibt es Förderprogramme, die je nach Konzept bis zu 50 Prozent der Investitionssumme abdecken. Wir unterstützen unsere Kunden bei der Auswahl der passenden Modelle und bei der Beantragung der Förderungen. So schaffen wir Planungssicherheit für den Einstieg in erneuerbare Prozesswärme.

Gibt es bereits erfolgreiche Praxisbeispiele, bei denen Lebensmittelbetriebe mit Ihrer Technologie Prozesswärme dekarbonisiert erzeugen – und welche Lehren lassen sich daraus ziehen?

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Milchverwertung Ostallgäu eG. Dort laufen zwölf Holzgas-KWK-Anlagen unseres Typs HKA 70 Prozess, installiert in einer modularen Containerlösung. Die Molkerei verarbeitet jährlich rund 150 Millionen Kilogramm Milch von über 400 Landwirten und versorgt sich nahezu energieautark mit Strom und Prozesswärme aus regionalen Hackschnitzeln. Die Gesamtleistung liegt bei 756 kW elektrisch und 1.768 kW thermisch. Ergänzend tragen Photovoltaikanlagen zur Eigenversorgung bei. Damit konnte die Molkerei fossiles Heizöl vollständig ersetzen und zugleich ihre CO₂-Bilanz massiv verbessern.

Ein weiteres Beispiel ist die Bäckerei Löwenbäcker Schaper in Braunschweig. Dort werden anfallende Paletten zerkleinert und als Brennstoff genutzt. Mit einer HKA-70-Anlage erzeugt der Betrieb rund 45.000 Kilowattstunden Strom pro Monat und deckt damit den größten Teil seines Eigenbedarfs. Die dabei entstehende Wärme versorgt sowohl die Backstube als auch die Warmwasserbereitung. Aus einem Reststoff, der früher kostenpflichtig entsorgt werden musste, ist ein wertvoller Energieträger geworden.
Diese Beispiele zeigen: Mit kluger Brennstofflogistik, richtiger Anlagengröße und modularen Konzepten lassen sich Verfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zugleich erreichen.

Woran arbeitet Spanner Re² aktuell, um die Technologie weiterzuentwickeln, und welche Trends sehen Sie langfristig für die Dekarbonisierung der Prozesswärme in der Lebensmittelindustrie?

Wir arbeiten intensiv an einer größeren Brennstoffflexibilität, schnelleren Lastwechseln und digitalen Services wie Remote Monitoring oder prädiktiver Wartung. Ein wichtiger Baustein ist unser Pellet-Gasifier, der den Betrieb weiter vereinfacht und die Einstiegshürde senkt. Diese „HKA Pellet“-Serie nutzt klassische Holzpellets als Energieträger und erzeugt daraus Strom und Wärme bzw. Gas.
Zunehmend im Fokus stehen hybride Systeme – die Kombination aus KWK, Wärmepumpe und Speicher. Auch Prozesswärme über 150 Grad, etwa für Dampf oder Thermoöl, gewinnt an Bedeutung. Parallel dazu nehmen Anforderungen an Nachhaltigkeitsreportings, wie etwa nach CSRD, zu. Kunden verlangen transparente Daten zu ihrer CO₂-Bilanz. Mit unseren Lösungen können wir diese Nachweise liefern und so den Weg für eine klimaneutrale Lebensmittelproduktion ebnen.

Das vollständige Interview ist nachzulesen im Anuga FoodTec Digital Magazin

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