Jedes Jahr veranstaltet die Organisation European Arable Farmers (EAF) eine Bildungsreise. Dieses Jahr geht es vom 9. bis 13. Juni ins Baltikum – Lettland und Litauen. Erik Guttulsröd, Geschäftsführer der European Arable Farmers (EAF), hat die Reise vorbereitet und informiert über Reisehighlights. Teilnehmende erhalten durch das Netzwerken und den Erfahrungsaustausch vor Ort wertvolle Impulse, die weit über die Reise hinaus wirken.
DLG: Was sind die Beweggründe der EAF, in diesem Jahr das Baltikum als Reiseziel zu wählen? Was ist an der Landwirtschaft dort besonders interessant?
Erik Guttulsröd: Das Baltikum bringt ein eigenes Bündel an Bedingungen mit – ackerbaulich, aber auch strukturell und politisch. Genau diese Kombination macht es für uns als EAF so interessant.
Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: dem Klima. Durch die nordöstliche Lage haben Betriebe dort ein kürzeres Vegetationsfenster als wir das aus Mitteleuropa kennen. Kühlere Temperaturen, Wind, und dann geht plötzlich alles auf einmal los – Ernte, Bodenbearbeitung, Aussaat. Das liegt teils so eng beieinander, dass Arbeitsgänge parallel organisiert werden müssen. Das zwingt zu einem sehr konsequenten, anpassungsfähigen Management. Und das finden wir als DLG für unsere Mitglieder extrem spannend: Genau diese Frage: Wie halte ich meine Arbeitsketten stabil, wenn das Wetterfenster knapp ist?, gewinnt in vielen Regionen Europas gerade an Bedeutung. Maschinen- und Kapazitätsplanung, Kooperationen, Lohnunternehmen – das sind Themen, die uns alle beschäftigen.
Ferner gibt es noch eine Dimension, die wir sehr wertvoll finden: die Geopolitische. Das Baltikum ist innerhalb der EU eine strategisch besondere Region. Wir haben auf der Reise einen Austausch mit Berater und Beraterinnen der deutschen Botschaft geplant, inklusive eines sicherheitsrelevanten Briefings. Was bedeuten die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen dort für Investitionen, für die Betriebsmittelversorgung, für Märkte? Wie schätzen Akteure vor Ort die Lage ein? Das gibt der Reise eine Tiefe, die über den reinen Betriebsbesuch hinausgeht.
Schließlich gibt es noch den Bodenmarkt. Das Thema hat Signalwirkung, nicht nur für Betriebe vor Ort, sondern für uns alle. Bodenmarkt-Fragen sind in nahezu allen Regionen Europas ein strategischer Engpass – insofern ist das ein Austausch, von dem unsere Mitglieder direkt profitieren können.
Die Reiseplanung ist dicht gedrängt. Wie wählen Sie als Organisator die Stationen aus – und welcher Programmpunkt ist für Sie persönlich ein Highlight?
Wir können bei der Programmauswahl auf eine wirklich breite Basis zurückgreifen: ein großes Netzwerk aus Partnern, Kontakten, landwirtschaftlichen Betrieben und Akteuren aus dem vor- und nachgelagerten Bereich. Aber natürlich kann man nicht alles mitnehmen, also geht es immer darum, eine ausgewogene Mischung zu finden.
Einerseits wollen wir landwirtschaftliche Praxis und betriebliche Perspektiven abbilden. Andererseits ist es uns wichtig, auch Vermarktungswege, die Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte und genossenschaftliche Strukturen im östlichen Teil der EU besser zu verstehen. Dazu kommen dann ausgewählte Stationen, die das Programm fachlich ergänzen. In diesem Jahr ist es der Besuch bei der Genossenschaft Agrocerņas. Hinzu kommen Einblicke in alternative Proteinstrategien und natürlich die Termine mit der deutschen Botschaft.
Was am Ende priorisiert wird, ergibt sich immer in enger Abstimmung mit unseren Netzwerkpartnern vor Ort. Die sind häufig selbst in Beratung oder Landwirtschaft eingebunden und können sehr konkret einschätzen, welche Themen und Gesprächspartner und Partnerinnen besonders relevant sind.
Bodenmarkt-Fragen sind in nahezu allen Regionen Europas ein strategischer Engpass – insofern ist das ein Austausch, von dem unsere Mitglieder direkt profitieren können.
Erik Guttulsröd
Auf dem Programm steht die EAF-Jahreshauptversammlung sowie ein Abendessen mit dänischen Kollegen und Kolleginnen. Welche Rolle spielt der informelle Austausch – abseits der offiziellen Betriebsbesuche – für den Mehrwert einer solchen Reise?
Das ist der eigentliche Kern der European Arable Farmers. Wenn Landwirte und Landwirtinnen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen und aktuelle Herausforderungen diskutieren, entstehen unterschiedliche Perspektiven. Daraus entwickelt sich ein besseres Verständnis dafür, welche Lösungen unter welchen Rahmenbedingungen funktionieren – und welche eben nicht.
Das ist übrigens auch Teil der DNA der DLG: Menschen aus der Praxis zusammenzubringen, damit aus Erfahrungen, Vergleichen und Diskussionen echter Fortschritt entsteht.
Und dabei ist der informelle Teil mindestens genauso wichtig wie das offizielle Programm. Die Gespräche zwischendurch – im Bus, beim Abendessen, am Rand einer Veranstaltung – die helfen, sich wirklich kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und das Clubgefühl zu stärken.
Am stärksten wirkt der Austausch dann, wenn er konkret wird: bei Herangehensweisen im Anbauprogramm, im Düngemanagement oder in der Mechanisierung. Genau diese Vielfalt an Ansätzen ist für viele Teilnehmende eine Form der Weiterbildung.
Was bleibt, sind meistens zwei Dinge. Das eine sind außergewöhnliche Betriebsstationen, prägende Unternehmerpersönlichkeiten sowie Gastgebende, die ein klares Konzept haben und offen diskutieren. Sie hinterlassen einen bleibenden Eindruck und liefern Impulse, die weit über die Reise hinaus wirken.
Das andere ist das Miteinander in der Gruppe. Das Klima im Netzwerk, der respektvolle Austausch und auch der Spaß, den man über den Tag gemeinsam hat. Diese informellen Momente sind ein wichtiger Teil dessen, was den EAF als Club ausmacht.
Das DLG-Interview führte: Clara Albrecht
Über die European Arable Farmers (EAF)
Der 1991 in Frankfurt am Main gegründete Club European Arable Farmers ist ein kleines Netzwerk unternehmerisch denkender Landwirt:innen aus europäischen Ländern. Koordiniert von der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.) fördert der EAF den grenzüberschreitenden Wissenstransfer durch Expert:innengespräche, Betriebsbesichtigungen und offene Diskussionsrunden. Arbeitssprache: Englisch. Für Anfragen zur Mitgliedschaft besuchen Sie bitte: www.arablefarmer.net.