Hinter dem EAF-Netzwerk stehen Landwirtinnen und Landwirte aus ganz Europa, die ihre ganz eigenen Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven in die Branche einbringen. Mit dieser Interviewreihe möchten wir die Menschen hinter dem Netzwerk vorstellen, die Realitäten ihrer täglichen Arbeit beleuchten und zeigen, wie der internationale Austausch die Landwirtschaft in ganz Europa stärken kann.
Dieses Mal gibt Arina van Schaik, Landwirtin in Ungarn, Einblicke in ihren Betrieb, die Entscheidungen, vor denen sie steht, und die übergeordneten Entwicklungen, die die europäische Landwirtschaft heute prägen.
Bitte stellen Sie Ihren Betrieb kurz vor.
Mein Mann und ich betreiben einen Ackerbaubetrieb im Westen Ungarns. Wir produzieren Weizen, Gerste, Raps, Mais, Sojabohnen und Kürbiskerne für die Ölgewinnung. Unser Betrieb begann 1998 klein; heute bewirtschaften wir mehr als 1.400 ha.
“Wir leben in unsicheren Zeiten, und deshalb ist es wichtig, Risiken zu streuen und flexibel zu sein.”
Was unterscheidet die Führung eines Ackerbaubetriebs heute grundlegend von der vor fünf Jahren?
Vor fünf Jahren, also 2021, dachten wir, dass die Welt nach Corona – das unsere tägliche Arbeit auf dem Hof nicht so stark beeinträchtigte wie andere Sektoren – wieder zur „Normalität“ zurückkehren würde.
Wir konnten nicht vorhersehen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen von Kriegen und Politik auf Produktpreise und Inputkosten sowie die Realität des Klimawandels uns so extrem und so schnell treffen würden, wie es dann der Fall war.
Wir leben in unsicheren Zeiten, und deshalb ist es wichtig, Risiken zu streuen und flexibel zu sein. Nach fast 30 Jahren verfügen wir über genügend Rücklagen, um uns von ein paar windigen Jahren nicht aus der Bahn werfen zu lassen.
Was ist als Betriebsleitung die komplexeste Entscheidung, die ihr jede Saison immer wieder treffen müsst?
Das Optimum zwischen Effizienz und Effektivität zu finden, ist komplex. Es stehen viele Informationen zur Verfügung – wie gesammelte Daten, Erfahrung, Wissen, Ratschläge –, die nach gründlicher Analyse zu einer optimalen und spezifischen Pflanzen- und Bodenbehandlung führen können. Andererseits müssen wir mit den verfügbaren Arbeitskräften, Maschinen und den sich ständig ändernden Wetterbedingungen zurechtkommen. Den richtigen Kompromiss zwischen Zeit, Geld und Wirkung zu finden, ist eine Herausforderung.
Welche Entscheidungen vor der Ernte haben die größten finanziellen Auswirkungen auf euren Betrieb?
Strategische langfristige Entscheidungen haben in der Landwirtschaft die größten finanziellen Auswirkungen, nicht geringfügige jährliche Änderungen. Unsere langfristige Strategie besteht darin, Ertragsmenge und -qualität auf unserem Betrieb durch Spitzentechnologie und einen hochwirksamen und effizienten Einsatz von Betriebsmitteln zu maximieren. Wir haben viel in die neueste Technologie, wie Maschinen, Lagerung, Bewässerung, und in die Bodenqualität – Gülle, Kalk, Bodenbearbeitung, Entwässerung – investiert und tun dies auch weiterhin. Auch die gesetzliche Lage und die allgemeine Agrarpolitik in Ungarn und der EU haben kontinuierliche Investitionen verlangt.
Das bedeutet, dass unsere Produktionskosten hoch sind und wir daher anfällig für extreme Wetterbedingungen sind, die zu geringen Erträgen führen. Vor allem Dürre und Hitze im Sommer stellen ein Risiko dar. Wenn man bei 250 ha Mais einen finanziellen Verlust verzeichnet, muss man diesen durch die Erträge von vielleicht 150 ha Wintergetreide ausgleichen, und selbst dann führen 400 ha Arbeit zu keinem Gewinn.
“Die Ernte aber auch die Aussaat ist wie Spitzensport – etwas, auf das man sich das ganze Jahr über vorbereitet.”
Wie schaffen Sie den Spagat zwischen betrieblicher Effizienz und Risikomanagement, wenn die Erntebedingungen ungewiss sind?
Flexible Maschinen sind wichtig. Wir haben einen Trockner, sodass wir bei aufkommendem Regen frühzeitig mit der Weizenernte bei einem Feuchtigkeitsgehalt von 16 bis 17 % beginnen und das Getreide trocknen können. Unsere langjährige Zusammenarbeit mit einem lokalen Lohnunternehmer gibt uns die Sicherheit, dass er bei unsicheren Bedingungen einen zusätzlichen Mähdrescher mitbringt, um den Ablauf zu beschleunigen. Der Einsatz mehrerer kleinerer Mähdrescher anstelle eines großen sorgt zudem dafür, dass im Falle technischer Probleme zumindest ein Teil der Ernte eingebracht wird.
Manche Betrieb glauben, ohne eigene Mähdrescher nicht komplett zu sein; wir sehen es als Vorteil an, dass unser Lohnunternehmer die Ernte mit seinen eigenen erfahrenen Arbeitskräften durchführt. Erfahrene, kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die beste Garantie gegen technische Probleme und Unfälle.
Zudem ist der gesamte Prozess von Transport, Qualitäts- und Mengenerfassung, Reinigung, Trocknung und Lagerung auf dem neuesten Stand: beste Technologie, maximale Automatisierung, sowie Flexibilität, was z.B. Lagerlinien und zusätzliche Fahrzeuge angeht. Zusätzlich verfügen wir über eine gut ausgestattete Werkstatt für schnelle Reparaturen. Die Ernte aber auch die Aussaat ist wie Spitzensport – etwas, auf das man sich das ganze Jahr über vorbereitet. Jeder Schritt im Prozess sollte in Topform sein: Pflanzen, Felder, Maschinen, Personal, Lagerung.
Inwiefern hat die Schwankungsanfälligkeit der Betriebsmittelkosten die Gestaltung eures Ackerbausystems verändert?
Wenn langfristige (Luxus-)Verbesserungsmaßnahmen wie zusätzliches Kalium für unseren kaliumbindenden Boden oder spezielle Kalkprodukte extrem teuer sind, verzichten wir ein Jahr lang darauf oder wählen eine geringere Menge oder Qualität. Unverzichtbare Maßnahmen werden jedoch stets vollständig umgesetzt, und wir haben unsere intensive Produktionsstrategie bis heute nicht geändert.
In einem Satz: Was macht den europäischen Austausch für die moderne Ackerbauwirtschaft unverzichtbar?
Meiner Meinung nach verbessern alle Formen des Austauschs immer die Situation: Sie regen dazu an, über die eigene Lage nachzudenken, sie inspirieren und verbessern dadurch die Entscheidungsfindung.
Interview: Clara Albrecht, DLG