Interview mit Dr. Marcel Wiesehoff

EAF Voices – Europäische Landwirtinnen und Landwirte im Gespräch

Dr. Marcel Wiesehoff © privat

Hinter dem EAF-Netzwerk stehen Landwirtinnen und Landwirte aus ganz Europa, die ihre ganz eigenen Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven in die Branche einbringen. Mit dieser Interviewreihe möchten wir die Menschen hinter dem Netzwerk vorstellen, die Realitäten ihrer täglichen Arbeit beleuchten und zeigen, wie der internationale Austausch die Landwirtschaft in ganz Europa stärken kann

Während der jährlichen Exkursion des EAF gibt Dr. Marcel Wiesehoff, Landwirt aus Rumänien, Einblicke in seinen Betrieb, die Entscheidungen, vor denen er steht, und die übergeordneten Entwicklungen, die die europäische Landwirtschaft heute prägen.
 

Bitte stellen Sie Ihren Betrieb kurz vor.

Ich bin seit 20 Jahren im südlichen Banat aktiv. Das liegt etwa 100 Kilometer südlich von Timișoara, direkt an der serbischen Grenze. Dort betreiben wir Ackerbau und Schweinehaltung. Im Bereich des Ackerbaus haben wir zwei Standorte: einen mit etwa 1.100 Hektar, auf dem wir ausschließlich Ackerbau betreiben, und unseren Hauptstandort mit weiteren 6.000 Hektar – insgesamt also 7.300 Hektar. Wir bauen hauptsächlich Kulturen für unsere Futtermittelversorgung an: Getreide, Gerste, Triticale, Weizen sowie Ölfrüchte wie Raps. Sommerungen machen etwa 25 Prozent unserer Fruchtfolge aus – darunter Mais, Sojabohne und Sonnenblume.

Wie sind Sie zum ersten Mal mit dem EAF in Kontakt gekommen?

Den ersten Kontakt hatte ich durch einen Besuch des EAF bei uns auf dem Betrieb. Der Austausch hat mir von Anfang an sehr gut gefallen – die Fragen, die in der Gruppe gestellt wurden, aber auch die Gespräche beim Abendessen. So wurde ich dann gefragt, ob ich bei der nächsten Reise dabei sein möchte. Und das war wirklich lehrreich. Alle Reisen, die ich seitdem mitgemacht habe, waren immer sehr bereichernd. Ich versuche deshalb, jedes Jahr dabei zu sein.

 

Was hat Sie motiviert, Mitglied zu werden?

Was mich motiviert hat, ist dieser Austausch. Die Möglichkeit, über das Netzwerk der Gruppe in Betriebe und in den vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft in anderen Ländern reinzuschauen. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die Fragen werden so gestellt, wie sie einen wirklich interessieren. Der Befragte kann ausweichen, wenn er möchte – aber eigentlich kommen die Probleme der einzelnen Länder und Betriebe immer zur Sprache. 

 

“Was mich motiviert hat, ist dieser Austausch. Die Möglichkeit, über das Netzwerk der Gruppe in Betriebe und in den vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft in anderen Ländern reinzuschauen."



Welche Herausforderung in Ihrem Betrieb kennen Landwirtinnen und Landwirte in anderen Ländern vermutlich ebenfalls?

Die Herausforderungen durch den Klimawandel treffen auf jeden Fall alle Landwirtinnen und Landwirte. Wir sind gerade im Baltikum unterwegs, wo der Klimawandel eher einen positiven Effekt hat – weil es wärmer wird und das Getreide an diesem kälteren Standort besser wächst. Das ist etwas, was ich so zum ersten Mal sehe. Ansonsten sind natürlich die politischen Rahmenbedingungen ein großes Thema. Wir sind in Europa und bereisen hauptsächlich EU-Länder. Da ist der Austausch sehr interessant: Wie interpretiert und setzt die Politik die EU-Vorgaben des Agrarhaushalts um? Wie werden die Mittel ausgeschüttet, welche Prioritäten werden in den einzelnen Ländern gesetzt? Das ist immer ein spannender Aspekt bei unseren Besuchen. Natürlich muss man auch unterscheiden zwischen den osteuropäischen und den westeuropäischen Ländern, wo die Prioritäten durch die Gesellschaft schon anders gesetzt werden.

 

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen den Ländern?

Die größten gemeinsamen Herausforderungen sind die Verfügbarkeit und Verteuerung von Energie. Das hat der Ukraine-Krieg gezeigt und betrifft alle Länder gleich. Mineralischer Dünger, der ja im Wesentlichen Energie ist, ebenso wie Diesel und Kraftstoff – das sind immer große Themen, besonders bei Intensivkulturen. Dazu kommen natürlich die Agrarproduktpreise, die lokal variieren können. 

 

“Die DLG ist schon immer eine Plattform gewesen, auf der Nord, Süd, Ost und West zusammenkommen – durch Tagungen, Messen, Ausstellungen und Feldtage.” 

 

Was können Landwirtinnen und Landwirte in Rumänien von Kollegen in Europa lernen?

Die DLG ist schon immer eine Plattform gewesen, auf der Nord, Süd, Ost und West zusammenkommen – durch Tagungen, Messen, Ausstellungen und Feldtage. Das auf eine europäische Ebene zu bringen, das ist eigentlich das, was der EAF und die anderen Clubs wie die European Pig Producer leisten. Über den Tellerrand hinausschauen und zu sehen, wie es in anderen Ländern gemacht wird – davon können rumänische Landwirtinnen und Landwirte definitiv profitieren. Und andersherum: Wir in Rumänien sind mit dem kontinentalen Klima konfrontiert – starke Hitze, Trockenheit, kein ausgeprägtes Frühjahr oder Herbst. Da haben wir über die Jahre Erfahrungen gesammelt, die wir gerne weitergeben.

 

Über welches Thema sollten europäische Landwirtinnen und Landwirte offener diskutieren?

Ich denke, beim EU-Agrarhaushalt und der Agrarpolitik sollten wir als europäische Landwirtinnen und Landwirte eine gemeinsame Meinung vertreten und in den einzelnen Ländern klare Statements aus europäischer Sicht abgeben. Da können wir ansetzen. Lokal übergreifend etwas zu beeinflussen ist schwierig – aber auf politischer Ebene, da sehe ich Potenzial.

 

Was bringt Ihnen persönlich die Mitgliedschaft im EAF?

Motivation. Ich gehe nach diesen Tagen hier raus und brauche immer ein paar Tage, um die Eindrücke und Gespräche zu verarbeiten, weil es 24/7 sehr intensiv ist. Aber es ist immer eine Bereicherung und eine Quelle der Motivation. Wir stehen jetzt kurz vor der Ernte und ich gehe frohen Mutes daran, das Richtige zu tun.

 

In einem Satz: Was bedeutet EAF für Sie?

EAF bedeutet für mich, den Horizont zu erweitern, aus der Vogelperspektive auf die Dinge zu schauen und motiviert in den eigenen Betrieb ans Werk zu gehen.

Interview: Clara Albrecht, DLG e.V.