Ein optimistischer Geist an der Ostsee – 
Lehren aus Lettland und Litauen

Ein Rückblick auf die Exkursion in die baltischen Staaten 
von EAF-Mitglied Willemien Verbeek

Vier Tage in den baltischen Staaten brachten eine Fülle an Erkenntnissen: Im Juni 2026 reiste der DLG-Club European Arable Farmers (EAF) nach Lettland und Litauen. Der folgende Artikel ist der persönliche Bericht von EAF-Mitglied Willemien Verbeek.

„Was für eine große, weite Agrarregion, und was für großartige Unternehmerinnen und Unternehmer in diesem dünn besiedelten Winkel des Baltikums" – dieser Gedanke kam mir mehr als einmal. Ich reiste in der Erwartung, gut geführte Betriebe zu sehen und neue Perspektiven mitzunehmen. Zurückgekehrt bin ich mit einem umfassenderen Verständnis: Diese vier Tage haben gezeigt, wie eng Landwirtschaft, Infrastruktur, Energiefragen und Geopolitik verflochten sind und wie pragmatisch viele Beteiligte damit umgehen.

Deutsche Botschaft in Riga

Geopolitik als tägliche Realität

Dieser Gedanke setzte sich bereits bei unserem Besuch der Deutschen Botschaft in Riga fest. Militärattaché Christoph Karich und die stellvertretende Botschafterin Heike Jantsch skizzierten die Sicherheitslage in den baltischen Staaten, und schnell wurde klar, wie präsent dieses Thema hier im Alltag ist.

Ausführlich wurde über den Suwałki-Korridor gesprochen: die schmale Landverbindung zwischen Polen und Litauen, eingeklemmt zwischen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad. Es ist die einzige direkte Landverbindung der baltischen NATO-Staaten zum übrigen Europa. Der Suwałki-Korridor, Kaliningrad und der Krieg in der Ukraine sind bei uns zu Hause oft nur Themen in den Nachrichten. Hier bestimmen sie den Alltag.

Einen Tag vor unserem Besuch, am 8. Juni 2026, wurde zum ersten Mal eine Drohne über lettischem Territorium von NATO-Truppen abgeschossen. Da wurde mir richtig bewusst: Sicherheit ist hier kein abstrakter Begriff, sondern die Grundlage für alles Weitere – auch für die Landwirtschaft. Ein moderner Ackerbausektor braucht sichere Handelsrouten, zuverlässige Logistik und stabile Exportmärkte. Ohne Sicherheit ist auch die Ernährungssicherheit gefährdet.

Gleichzeitig fiel mir auf, wie nüchtern die lettische Gesellschaft damit umgeht. Über Bildung, Verteidigungsprogramme und das Engagement junger Menschen wird an Widerstandsfähigkeit gearbeitet, verbunden mit dem Bewusstsein, dass Freiheit und Sicherheit nicht selbstverständlich sind.

Der Hafen von Riga: Anpassung an eine sich verändernde Welt

Diese Erkenntnis wurde bei unserem Besuch des Strik Terminal im Hafen von Riga noch verstärkt. Das Terminal, Teil von Scandagra Lettland, wurde ursprünglich für den Umschlag russischer und kasachischer Kohle gebaut, mit einer Kapazität von 5 bis 6 Millionen Tonnen pro Jahr. Heute werden hier vor allem Weizen und Raps verarbeitet.

Mit einer Wassertiefe von 15 Metern, einer Lagerkapazität von 168.000 Tonnen und einer Umschlagkapazität von 800 Tonnen pro Stunde ist das Terminal für große internationale Warenströme ausgelegt. Lettland produziert jährlich etwa 3,5 Millionen Tonnen Getreide, größtenteils exportiert – innerhalb und außerhalb Europas, unter anderem nach Afrika.

Der Wegfall des russischen Transitverkehrs hat den Hafen von Riga jedoch hart getroffen und ihn gezwungen, sich neu zu erfinden. Wo früher Kohle die wichtigste Ladung war, bilden landwirtschaftliche Produkte heute eine immer wichtigere Säule. Was mich am meisten beeindruckte, war das Tempo, mit dem die Unternehmerinnen und Unternehmer sich anpassen: Wandel wurde hier nicht als Problem gesehen, sondern als Anlass, neue Möglichkeiten zu schaffen. Diese Mentalität sollte mir während der ganzen Reise noch begegnen.

Hafen von Riga
Dobele Mill

Dobele Mill: Mehr Wert schaffen

Der zweite Tag begann mit einem Besuch bei Dobele Mill, einem der größten Lebensmittelhersteller Lettlands, spezialisiert auf Getreideverarbeitung zu Mehl und Pasta. Hier wurde deutlich, dass starke Landwirtschaft nicht bei der Ernte endet. Wert entsteht nicht nur auf dem Feld, sondern auch danach.

Auf dem 21 Hektar großen Betrieb arbeiten etwa 480 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die Lager- und Verarbeitungskapazität beträgt jeweils rund 380.000 Tonnen pro Jahr. Etwa 65 Prozent der Produktion werden in mehr als 70 Länder exportiert – Dobele Mill ist damit ein bedeutender internationaler Akteur.

Mindestens genauso interessant wie die Größe fand ich die Entscheidungen, die das Unternehmen trifft: Es investiert nicht nur in die Produktion, sondern auch in Verarbeitung, Energie und die Zusammenarbeit mit den Erzeugerinnen und Erzeugern. Besonders beeindruckte mich die nachhaltige Energiestrategie: Über die Tochtergesellschaft Dobele Eco verfügt das Unternehmen über ein Blockheizkraftwerk, das fast vollständig mit Holzhackschnitzeln läuft. Im Winter liefert es zudem Wärme an die Stadt Dobele; auch Solaranlagen sind geplant.

Interessant war auch das Anbauprogramm für Hartweizen (Durum): Um Landwirte und Landwirtinnen zum Anbau dieser Kultur zu motivieren, erhalten sie eine Prämie von MATIF + 100 € pro Tonne – ein gutes Beispiel dafür, wie gute Zusammenarbeit mit Betrieben funktionieren kann.

Das brachte mich zum Nachdenken. Je mehr eine Region selbst verarbeitet, desto mehr wirtschaftlicher Wert bleibt in dieser Region.

TAND UKRI: In Generationen denken

In Bēne, in der fruchtbaren Landwirtschaftsregion Zemgale im Süden Lettlands, besuchten wir TAND UKRI, wo uns der gebürtig deutsche Unternehmer Jan-Udo Sparenborg durch seine Art des Wirtschaftens führte. Eine Kombination aus deutscher Präzision und Disziplin mit den Möglichkeiten der lettischen Landwirtschaft!

Der Boden bildet hier die Grundlage aller Entscheidungen. Viel Aufmerksamkeit gilt Bodenstruktur, Drainage, Humusgehalt und Fruchtfolge; auch der Anbau von Leguminosen trägt zu einem gesunden Boden bei. Im Mittelpunkt steht nicht der höchste Ertrag einer Saison, sondern ein gesunder Boden und ein finanziell gesundes Unternehmen für die Zukunft.

Was mir besonders im Gedächtnis blieb, war, dass Jan-Udo immer wieder auf diesen langfristigen Horizont zurückkam: der Erhalt eines fruchtbaren Bodens und eines finanziell gesunden Betriebs für die nächste Generation, statt der Jagd nach dem höchsten Ertrag in einer einzelnen Saison. Ich fand es zudem bemerkenswert, wie nüchtern man hier auf die Bodenbearbeitung blickt: keine festen Überzeugungen, sondern für jede Fläche die Methode wählen, die im jeweiligen Moment am besten passt. Moderne Mechanisierung dient dabei nicht dazu, möglichst viele Hektar zu bearbeiten, sondern Arbeiten zum richtigen Zeitpunkt und mit geringer Bodenbelastung durchzuführen.

Pragmatisches Unternehmertum, könnte man sagen. Diese Sichtweise zog sich wie ein roter Faden durch unsere ganze Reise.

Bodenprofil
UAB Agropirma Maschinenhalle

UAB Agropirma – Unternehmertum kennt kein Alter

Vielleicht hat mich dieses Unternehmen am meisten beeindruckt, nicht wegen der Größe, sondern wegen des Unternehmers. Im Norden Litauens, in der Nähe des Ortes Šiaulėnai in der Gemeinde Radviliškis, besuchten wir UAB Agropirma, den Ackerbaubetrieb von Georg Kleingarn. Georg ist erst etwa 26 Jahre alt und begann vor einigen Jahren ganz von vorn in Litauen; inzwischen baut er Schritt für Schritt einen modernen Betrieb auf und wird bald seine deutsche Freundin heiraten, die er dort kennenlernte. Das zeigt: Unternehmertum geht nicht nur um Hektar und Maschinen, sondern auch um Mut und Durchhaltevermögen.

Heute bewirtschaftet er etwa 1.020 Hektar, wovon 55 Prozent Eigentum sind – mit einer auffallend kleinen Struktur: ein fester Mitarbeiter, sieben Saisonarbeiter und eine Verwaltungskraft, und dennoch bewirtschaftet er die große Fläche effizient. Die Fruchtfolge ist vollständig auf ein gesundes finanzielles Ergebnis ausgerichtet: Winterweizen und Winterraps bilden die Grundlage des Betriebs, daneben werden auch Leguminosen in die Fruchtfolge aufgenommen. So erfüllt der Betrieb nicht nur europäische Vorgaben, sondern stärkt auch Bodenfruchtbarkeit und Fruchtwechsel.

Er fasste seine unternehmerische Philosophie in einem Satz zusammen, der mich den Rest der Reise begleitete:
 

"Nicht der Eindruck, den man im Mähdrescher gewinnt, ist wichtig, sondern der letztliche Ertrag über die gesamte Fläche."


Am Ende geht es beim Unternehmertum um das Gesamtergebnis. Alter oder Größe entscheiden nicht über Erfolg, sondern Vision, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Chancen zu ergreifen.

Innovation und Tierwohl Hand in Hand

Von UAB Agropirma aus reisten wir weiter zu Future Farm, einem beeindruckenden Milchviehbetrieb, der Teil der Agrokoncernas Group ist. Seit 1993 hat Gründer und Agronom Ramūnas Karbauskis den Konzern zu einem integrierten Agrarunternehmen mit Ackerbau, Milchviehhaltung, Getreidelagerung, Lebensmittelverarbeitung, Forschung und erneuerbarer Energie entwickelt.

Besonders angesprochen hat mich seine unternehmerische Vision: Gewinne wurden nicht entnommen, sondern konsequent in die Weiterentwicklung reinvestiert. Das Ergebnis sieht man bei Future Farm. Auf 53 Hektar stehen zehn moderne Ställe für letztlich etwa 10.000 Rinder, davon rund 4.500 Milchkühe.

Der Umfang des Unternehmens ist beeindruckend, doch was mich vielleicht noch mehr überraschte, war die Aufmerksamkeit für das Tierwohl: großzügige, helle und gut belüftete Ställe, breite Laufgänge, komfortable Liegeplätze, sauberes Trinkwasser und stets frisches Futter. Überall sahen wir ruhige Tiere, Kuhbürsten, Gesundheitssensoren und viel Aufmerksamkeit fürs Stallklima. Eine gesunde, entspannte Kuh leistet schließlich mehr. 

Auch die Betriebsführung ist durchdacht: Eine zentrale Futterküche stellt alle Rationen zusammen, der 100-Platz-Drehmelkstand hat einen Durchlauf von Hunderten Kühen pro Stunde. Zudem arbeitet der Betrieb mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an Tiergesundheit und Emissionsreduzierung und nutzt Rindergülle zur Produktion von Biomethan. So verbinden sich Milchviehhaltung und erneuerbare Energie.

Ich verließ den Betrieb mit der Überzeugung, dass Innovation erst dann wirklich wertvoll wird, wenn sie sowohl dem Unternehmen als auch dem Wohl von Menschen und Tieren zugutekommt.
 

UAB Nissen Farm: Mit gesundem Menschenverstand investieren

Unser letzter Betriebsbesuch führte uns zu UAB Nissen Farm in Pasvalys, im Norden Litauens, nahe der Grenze zu Lettland – bekannt für fruchtbare Lehmböden und große, gut arrondierte Flächen. Der Betrieb wurde im Jahr 2000 von dem dänischen Unternehmer Hans Christian Nissen gegründet und zeigt, wie dänisches Unternehmertum erfolgreich mit den Möglichkeiten der litauischen Landwirtschaft verbunden wurde.

Der Betrieb umfasst etwa 5.000 Hektar Ackerland sowie einen Milchviehzweig mit 1.540 Milchkühen. Auch hier war es nicht so sehr die Größe, die den Eindruck machte, sondern die Art, wie investiert wird: Fast jede Ausgabe muss sich selbst tragen. Wo möglich, werden gebrauchte Maschinen oder Materialien wiederverwendet – nicht aus Sparsamkeit, sondern aus der Überzeugung, dass jede Investition zu einem stärkeren Unternehmen beitragen sollte.

Ein Detail, das mir im Gedächtnis geblieben ist, war die Atmosphäre im Milchviehstall: Den ganzen Tag läuft Musik, und sobald das Melken beginnt, schaltet die Anlage automatisch auf einen dänischen Marsch um. Es ist ein Hinweis auf die Herkunft des Gründers und fester Bestandteil der täglichen Routine.

LATRAPS in Eleja

LATRAPS: Gemeinsam stärker

Die Exkursion endete bei LATRAPS in Eleja, in der fruchtbaren Landwirtschaftsregion Zemgale im Süden Lettlands. Diese Genossenschaft, die vollständig im Eigentum von mehr als 1.200 lettischen Ackerbauern und -bäuerinnen steht, ist zur größten Agrargenossenschaft Lettlands herangewachsen. Durch die gemeinsame Vermarktung von Getreide, Raps und weiteren Kulturen haben die angeschlossenen Landwirte und Landwirtinnen eine stärkere Marktposition als im Alleingang.

LATRAPS beschränkt sich nicht auf den Handel, sondern investiert kontinuierlich in Lagerung, Logistik, Export und Innovation. Der Gewinn fließt zurück an Genossenschaft und Mitglieder und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der lettischen Landwirtschaft.

Ein großartiges Beispiel dafür ist die Taste Factory. Hier werden gelbe Erbsen zu pflanzlichen Proteinen, Stärke und Fasern verarbeitet. So schaffen die Landwirte und Landwirtinnen selbst Wertschöpfung, statt nur Rohstoffe zu liefern. Sie bedienen damit die wachsende Nachfrage nach pflanzlichem Protein.

Während des Besuchs wurde mir erneut bewusst, wie viel Kraft in Zusammenarbeit steckt. Wo einzelne Betriebe große Investitionen kaum stemmen können, zeigt LATRAPS, was möglich wird, wenn Landwirte und Landwirtinnen gemeinsam Verantwortung für die gesamte Kette übernehmen.

Was ich aus den baltischen Staaten mitnehme

Was ich aus dieser Woche vor allem mitnehme, ist die Mentalität, die mir überall begegnet ist. In Lettland wie in Litauen spürte ich eine starke Bereitschaft, nicht auf bessere Bedingungen zu warten, sondern mit den heutigen Möglichkeiten an der Zukunft zu bauen. Unternehmer und Unternehmerinnen investieren dort konsequent in ihren Boden, ihre Betriebe, Zusammenarbeit, Verarbeitung und Innovation.

Für mich war diese Exkursion weit mehr als eine Reihe von Betriebsbesuchen. Sie bestätigte, wie wertvoll europäischer Wissensaustausch ist: Man lernt nicht nur andere Unternehmen kennen, sondern vor allem, den eigenen Betrieb mit anderen Augen zu betrachten.

Was mir außerdem auffiel: Fast alle Unternehmer und Unternehmerinnen hatten dieselbe Botschaft. Sie forderten nicht mehr Subventionen oder neue Vorschriften, sondern vor allem eine klare, verlässliche und konsistente europäische Politik. Betriebe können mit Veränderungen und Risiken umgehen, solange sie den Kurs kennen. Nur dann investieren sie in Vorhaben, die sich erst nach zehn oder zwanzig Jahren amortisieren.

Für mich gehört dazu auch eine konsistente europäische Agrarpolitik. Wenn wir von einem europäischen Binnenmarkt sprechen, braucht es dafür auch möglichst einheitliche Regeln – das gilt für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ebenso wie für Vorschriften zu Tierwohl, Fischerei und Zierpflanzenbau. Nur so entstehen wirklich faire Wettbewerbsbedingungen für die Landwirtschaft innerhalb Europas.

In Lettland und Litauen habe ich gesehen, wie Regierung und Betriebe auf Basis eines gemeinsamen Ziels an einem starken Agrarsektor arbeiten. Im Mittelpunkt stand nicht die Frage „Ist das erlaubt?“, sondern „Wie können wir das möglich machen?“. Diese Haltung gab mir zu denken. Vielleicht sollten wir in Europa weniger Energie auf Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten verwenden und mehr in klare, einheitliche Regeln investieren, die Unternehmen Sicherheit geben und Innovation fördern – die Art von verlässlicher Vision, die Wirtschaftlichkeit, Innovation und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen lässt.

Ich bin in die baltischen Staaten gereist, um inspirierende Betriebe zu besuchen. Zurückgekehrt bin ich mit einem viel umfassenderen Blick auf Unternehmertum, Zusammenarbeit und die Zukunft der europäischen Landwirtschaft. Trotz geopolitischer Spannungen investieren die Landwirtinnen und Landwirte dort weiter in diese Zukunft.

EAF News