DLG-Wintertagung 2026

Alge, Bioethanol und Insekten im Fokus

Wie sich alternative Proteinquellen effizient und ressourcenschonend erschließen lassen, stand im Mittelpunkt des Impulsforums „Ressourceneffiziente Proteinproduktion: Neue Konzepte aus Algen und Bioethanolprozessen“ auf der DLG‑Wintertagung 2026 in Hannover. Durch die Veranstaltung führte Carola K. Herbst, stellvertretende Geschäftsführerin des DLG‑Fachzentrums Landwirtschaft und Lebensmittel sowie Ansprechpartnerin für PIONEER, das Netzwerk für alternative Proteinquellen in der menschlichen Ernährung. Drei Projekte des Netzwerks präsentierten einem interessierten Publikum ihre aktuellen Ansätze. Ergänzend zeigte das EU‑Projekt Epic Shift weitere Perspektiven für die Proteinproduktion der Zukunft. Trotz bestehender Herausforderungen einte alle Referierenden ein gemeinsames Ziel: vorhandene Ressourcen besser zu nutzen und wissenschaftlich fundierte Lösungen voranzutreiben, die zu einer sicheren Ernährung von morgen beitragen.

Nahaufnahme von Algen
Algen auf der Inhouse Farming (Foto: AdobeStock)

Gründermindset unabdingbar

Welche sozioökonomischen Faktoren landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland dazu bewegen oder davon abhalten, die Produktion alternativer Proteinquellen wie Algen oder Pilze in das Unternehmen zu integrieren, untersucht Tillmann Ortland als wissenschaftlicher Mitarbeiterdes SoeTRA-Projekts der Universität Vechta. Das Verstehen der betrieblichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die solche Transformationsprozesse ermöglichen oder hemmen, steht im Fokus der Untersuchungen. Ziel von SoeTRA ist es, praxisnahe Handlungspfade zu identifizieren, die landwirtschaftliche Betriebe zukunftsfähig aufstellen, nachhaltige Ernährungssysteme stärken und als Orientierung in der Politik fungieren. Mit einem voraussichtlichen Wachstum des europäischen Marktes von fünf bis acht Prozent in den nächsten Jahren stellt die Algenproduktion einen vielversprechenden Ansatz dar. Das große Potenzial in diversen Bereichen – von Ernährung über Kosmetik bis hin zu Pharmazeutika – ebenso wie die flächenungebundene Produktion machen die Algenproduktion besonders für Landwirte interessant. Die Erfahrung im Umgang mit lebenden Organismen, die etablierte „Hands-On-Mentalität“ im Agrarbereich und eine gute Infrastruktur durch Altgebäude oder genehmigungs- und steuerrechtliche Vorteile ermöglichen dem Landwirt gute Bedingungen für den Einstieg in die Produktion alternativer Proteine, erklärt Ortland. Und trotzdem verlangt ein Umstieg große Veränderungen in etablierten Betriebsabläufen. So ist es in der Algenproduktion von großer Bedeutung, die gesamte Wertschöpfungskette – von der Auswahl der Genetik bis zur Verarbeitung im Endprodukt im Blick zu haben – anstatt, wie beispielsweise im Ackerbau, mit der Ernte und Vermarktung der Ware den Eigenanteil der Kette erledigt zu haben. Die Erweiterung der Anforderungen um aktive Produktentwicklung und Netzwerkarbeit macht ein „Gründermindset“ unabdingbar, betont Ortland.

Tillmann Ortland bei einem Vortrag
Tillmann Ortland stellt das Projekt SoeTRA von der Universität Vechta vor.
Kristin Knufmann bei einem Vortrag
Kristin Knufmann beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Lebensmittelproduktion auf Algenbasis.
Prof. Dr. Nils Borchard bei einem Vortrag
Prof. Dr. Nils Borchard, Bereichsleiter Forschung und Innovation im DLG-Fachzentrum, stellte das Epic Shift Projekt vor. © DLG /Charlotte Lea Bromm

Ein solches Mindset bringt Kristin Knufmann mit. Die Expertin entwickelt seit über 20 Jahren auf einer wissenschaftlichen Basis Lebensmittel und Produkte mit Algen. Und das aus Überzeugung: „Algen sind Produzenten vor allem kritischer Nährstoffe, die im Kontext der wachsenden Weltbevölkerung immer weiter an Relevanz gewinnen“, hebt die Expertin hervor. Als Teil des PIONEER-Netzwerks entwickelt das Innovationsprojekt BiOProtAlgeiNO3 ein zukunftsweisendes Bioraffineriekonzept, das nitratbelastete Oberflächenwässer für die nachhaltige Produktion proteinreicher Mikroalgenbiomasse nutzt. Ziel ist es, ökologische, alternative Proteinquellen für die Humanernährung zu erschließen und gleichzeitig einen Beitrag zur Gewässersanierung zu leisten. Der Entwurf und die Konstruktion einer speziellen Wasseraufbereitungsanlage stellt einen Meilenstein in der Arbeit des Projekts dar. In der Entwicklung solcher Proteine ist das HACCP-Konzept – Hazard Analysis and Critical Control Points, also die Analyse von Gefahren und kritischen Kontrollpunkten in der Lebensmittelproduktion – ein wichtiger Aspekt. Nach der Devise „Prävention über Korrektur“ garantiert das gezielte Eliminieren von hygienischen Schwachstellen im Herstellungsprozess der Algenproduktion die Verbindung zwischen den Innovationen und dem Vertrauen der Abnehmer.

Aus dem Innovationsprojekt BioProHuman des PIONEER Netzwerks präsentierte Dr. Marvin Scherzinger vom Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft an der Technischen Universität Hamburg  die Extraktion von Proteinen aus den festen Rückständen der Bioethanolproduktion mittels hydrothermaler Behandlung. Dabei wird aus einem Reststoff der Ethanolherstellung, der Schlempe, mittels Druck und Hitze ein proteinreiches Hydrolysat erzeugt, aus welchem im Labormaßstab durch Gefriertrocknung ein Proteinkonzentrat gewonnen werden kann. Die Schlempe, die neben Kohlenstoffdioxid als Abfallprodukt bei der Produktion von Ethanol anfällt, wird bisher vorrangig nach einer trocknenden Aufbereitung in der Tierernährung eingesetzt. Den Proteingehalt von 25 bis 30 Prozent, der in dem Gemisch nach der Fermentation und Destillation im Ethanolherstellungsprozess verbleibt, nutzbar zu machen, ist die Vision, die das Projekt BioProHuman antreibt. Und das mit Erfolgsaussichten: „Mit einer jährlichen Produktion von 700.000 Tonnen Bioethanol in Deutschland und einem deutlich höheren Absatz bewegt sich der Sektor in stabilen Bahnen“, ordnet Scherzinger die Relevanz des Themas ein. 

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Nebenströme nutzbar machen

Dieses Verbinden von Produzenten und Kunden ist Kernaufgabe des Epic Shift Projekts, das von Prof. Dr. Nils Borchard, Bereichsleiter Forschung und Innovation im DLG-Fachzentrum, vorgestellt wurde. Das EU-Projekt, an dem die DLG als Kontaktvermittler zu landwirtschaftlichen Akteuren beteiligt ist, hat sich zum Ziel gesetzt, Nebenströme aus der Landwirtschaft – sowohl aus der Tierhaltung als auch dem Pflanzenbau – nutzbar in die Humanernährung einzubringen. Wesentlicher Pfeiler des Projekts ist die Nachhaltigkeitsbewertung verschiedener Proteinquellen und die weitergehende Analyse von Wirtschafts- und Sozialauswirkungen des jeweiligen Herstellungsprozesses, um aus den Ergebnissen konkrete Entscheidungshilfen für Politik und Praxis abzuleiten. Denn das Interesse auf Abnehmerseite ist vorhanden, wie die Beteiligung von großen Lebensmittelkonzernen am Projekt verdeutlicht. Neben Pilzen, Insekten und Algen stehen auch die pflanzlichen Proteinalternativen im Fokus. Die große Frage hierbei sei Borchard zufolge, ob „wir in Europa in der Lage sind, solche pflanzlichen Proteinerzeugnisse in einer guten Qualität und zu einem angemessenen Preis produzieren zu können.“ Hülsenfrüchte und Co. hätten längst Einzug in die Human- und Tierernährung gehalten, es sei die noch zu schwache Abnehmerhand und die damit einhergehende Unsicherheit auf der Erzeugerseite, welche die Landwirte von einem Umstieg auf entspreche Kulturen abhielte. Bei Algen oder Insekten kämen zu diesen Hürden auch Aspekte der kulturellen Akzeptanz unserer Gesellschaft hinzu.

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