Partnerschaft für einen resilienten Agrarsektor

Deutsch-Ukrainisches Unternehmerforum 2026

EU-Flagge und Ukraine-Flagge wehen im Wind. ©Dušan Cvetanović auf Pixabay
Ein EU-Beitritt der Ukraine eröffnet große Chancen für den Agrarmarkt. ©Dušan Cvetanović auf Pixabay

Wirtschaftliche Partnerschaften zwischen der deutschen und ukrainischen Land- und Lebensmittelwirtschaft zu initiieren und zu stärken: Mit diesem Ziel fand am 19. Mai 2026 bei der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) in  Frankfurt am Main das Deutsch-Ukrainische Unternehmerforum 2026 statt. Die von der DLG ausgerichtete und mit Unterstützung des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs (APD) sowie des Ukrainian Agri Council  organisierte Veranstaltung unter dem Leitthema „Partnerschaft für einen resilienten Agrarsektor“ brachte ukrainische und deutsche Unternehmerinnen und Unternehmer, Verbandsvertreter, internationale Finanzierungsexperten sowie Politikvertreter zusammen. Gemeinsam traten sie in den Austausch über die Zukunft des ukrainischen Agrarsektors, seine Resilienz trotz des andauernden Krieges und die Perspektiven für eine EU-Integration. Dabei wurde das klare Interesse aller Beteiligten spürbar, wirtschaftliche Partnerschaften auf beiden Seiten zu fördern. Das APD-Projekt, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert wird, verfolgt das Ziel, die Ukraine und ihren Agrarsektor auf einen Beitritt in die Europäische Union vorzubereiten und den fachlichen wie wirtschaftlichen Austausch zwischen deutschen und ukrainischen Marktakteuren aktiv zu fördern. Die DLG als Projektpartner nutzte für das Deutsch-Ukrainische Unternehmerforum ihre internationale Netzwerkkompetenz und ihr ausgeprägtes Fachwissen in Landwirtschaft und Agribusiness, um Akteure aus den Branchen beider Länder in einen erfolgversprechenden Austausch zu bringen.

In der Ukraine gibt es einen sehr leistungsfähigen Agrarsektor. Und das trotz Krieg und Bedrohung

Hubertus Paetow, DLG-Präsident

Andryi Dykun (Ukrainian Agricultural Council), Prinz Michael zu Salm-Salm (Salm Salm und Partner GmbH) und DLG-Präsident Hubertus Paetow diskutieren wirtschaftliche Chancen durch einen EU-Beitritt der Ukraine. ©DLG / S.Pionke
Andryi Dykun (Ukrainian Agricultural Council), Prinz Michael zu Salm-Salm (Salm Salm und Partner GmbH) und DLG-Präsident Hubertus Paetow diskutieren wirtschaftliche Chancen durch einen EU-Beitritt der Ukraine. ©DLG / S.Pionke

Solidarität und strategische Weitsicht: Der Rahmen der Veranstaltung 

Den Auftakt bildeten klare Worte zur geopolitischen Dimension des Forums. DLG-Präsident Hubertus Paetow betonte die Notwendigkeit eines solidarischen Miteinanders: Zu einer Integration der Ukraine in die EU und ihren gemeinsamen Binnenmarkt gebe es keine Alternative, unterstrich er. Daher müsse die Integration schnell erfolgen. „In der Ukraine gibt es einen sehr leistungsfähigen Agrarsektor. Und das trotz Krieg und Bedrohung Die Ukraine kann ein Kraftzentrum der Landwirtschaft in der EU werden“, sagte der DLG-Präsident. „Wir unterstützen den ukrainischen Landwirtschaftssektor ganz praktisch auf der Arbeitsebene bei seinen Vorbereitungen für einen EU-Beitritt. Die ukrainische Land- und Lebensmittelwirtschaft ist ein Musterbeispiel für einen resilienten und flexiblen Sektor, der zu wirksamem Krisenmanagement fähig ist: wir betreiben weiter innovative Landwirtschaft – trotz des anhaltenden, brutalen Krieges“, ergänzte Dr. Olga Trofimtseva, APD-Projektleiterin und ehemalige ukrainische Landwirtschaftsministerin. Michael Prinz zu Salm-Salm, Moderator des Deutsch-Ukrainischen Unternehmerforums und Gründer der Salm-Salm und Partner GmbH, betonte mehrmals seine Anerkennung für die ukrainische Branche, die sich trotz anhaltenden Kriegszustandes fortwährend weiterentwickele.

Diese Einschätzungen spiegelten den Grundtenor der gesamten Veranstaltung wider: Die Ukraine sei kein Bittsteller, sondern ein strategischer Partner, dessen landwirtschaftliches Potenzial Europa insgesamt stärkt. Andriy Dykun, Präsident der Association of Milk Producers of Ukraine (AMP) und des Ukrainian Agri Council (UAC), unterstrich die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Ukraine: Vor dem Krieg habe die Ukraine ihre Agrarprodukte in nahezu alle Weltregionen exportiert – nach Asien, Afrika und Amerika. „Russland war unser Hauptkonkurrent, nicht die europäischen Bauern“, unterstrich Dykun, um möglichen Vorbehalten auf europäischer Seite gegenüber einem EU-Beitritt der Ukraine entgegenzutreten. Der Krieg habe zwar rund 20 Exportmärkte schlagartig wegbrechen lassen. Dennoch sei die Ukraine bereit und entschlossen, diese Märkte zurückzugewinnen und neue zu erschließen.
 

„Russland war unser Hauptkonkurrent, nicht die europäischen Bauern.“

Andriy Dykun, Ukrainian Agri Council (UAC)

DLG-CEO Freya von Czettritz (l.) arbeitet am Laptop, während Andriy Dykun, Präsident der Association of Milk Producers of Ukraine (AMP) und des Ukrainian Agri Council (UAC), spricht. ©DLG / S.Pionke
Andriy Dykun, Präsident der Association of Milk Producers of Ukraine (AMP) und des Ukrainian Agri Council (UAC) berichtet über die agrarwirtschaftliche Situation, während DLG-CEO Freya von Czettritz (links im Bild) die Diskussion verfolgt. ©DLG / S.Pionke

Milchwirtschaft unter Kriegsbedingungen: Resilienz und Potenzial

Einen starken Themenschwerpunkt bildete die ukrainische Milchwirtschaft. Andriy Dykun präsentierte eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme: Zehn der 24 Regionen der Ukraine sind direkt vom Krieg betroffen oder besetzt – Regionen, die zusammen für 42 % der ukrainischen Milchproduktion stehen. Die direkten Schäden für die Landwirtschaft belaufen sich auf über 8,7 Milliarden US-Dollar seit dem 24. Februar 2022, davon entfallen 52 % auf den Tierhaltungsbereich. Und dennoch: Die Ukraine ist weiterhin Netto-Exporteur von Milchprodukten. In sichereren Regionen wurde die Produktion sogar ausgebaut.

Das Beispiel des Agromol-Betriebs in der Region Charkiw verdeutlichte die extremen Bedingungen, unter denen ukrainische Landwirte arbeiten: Der Betrieb mit 1.500 Kühen wurde zwischen 2022 und 2025 mehrfach gezielt beschossen, verlor 70 % seiner Herde und 50 % seiner Gebäude – und wirtschaftet heute weiter.

Kees Huizinga, CEO des niederländisch geführten Unternehmens Kischenzi Dairy Farm in der Ukraine, gab einen persönlichen Einblick in die Realität des Wirtschaftens im Kriegsgebiet. In der Woche vom 11. bis 17. Mai 2026 allein feuerte Russland über 1.850 Drohnen und mindestens 62 Raketen auf die Ukraine. Dennoch betreibt Kischenzi heute eine der modernsten Milchwirtschaftsanlagen des Landes, darunter eine 80-Platz-Rundmelkanlage von GEA, und hat sich zu einem Ausbildungszentrum für die gesamte ukrainische Branche entwickelt: Über 1.000 Fachkräfte wurden in mehr als 60 Praxiskursen und 300 Online-Veranstaltungen geschult. Das geringe Besatzdichte-Verhältnis von 0,02 Kühen pro Hektar – verglichen mit 0,9 in Deutschland und 2,3–2,7 in den Niederlanden – zeigt das enorme Wachstumspotenzial der ukrainischen Milchwirtschaft, unterstrich Huizinga.

 

Männer tauschen Businesskarten aus beim Deutsch-Ukrainischen Unternehmerforum 2026. ©DLG / S.Pionke
Männer tauschen Businesskarten aus beim Deutsch-Ukrainischen Unternehmerforum 2026. ©DLG / S.Pionke

Energieautarkie als Wettbewerbsvorteil: Praxisbeispiele aus der Ukraine

Ein weiterer zentraler Themenkomplex war die Energieversorgung ukrainischer Agrarbetriebe. Oleksandr Chumak, Gründer von Michurina+ aus dem Norden der Region Odessa, schilderte anschaulich, wie sein Betrieb mit 3.300 Hektar den Weg zur Energieautarkie gegangen ist – getrieben durch die Notwendigkeit, auf kriegsbedingte Stromausfälle zu reagieren und Lösungen zu finden, die Betriebsabläufe aufrechtzuerhalten. Nach Stromausfällen von bis zu 14–16 Stunden täglich in den Herbst- und Wintersaisons 2023–2025 entschied sich das Unternehmen für den Aufbau eines eigenen Smart-Microgrids: 410 kWp Photovoltaik auf betriebseigenen Dächern, kombiniert mit 430 kWh Batteriespeicher, ermöglichen von März bis Oktober eine vollständige Energieunabhängigkeit. Das Ergebnis: fünffach niedrigere Energiekosten, kein einziger gebrochener Exportvertrag und eine langfristige Absicherung gegen Tarifschwankungen. „Die Ukraine kann ein dezentrales Energienetz aufbauen, das Russland nicht zerstören kann“, unterstrich Chumak.

„Die Ukraine kann ein dezentrales Energienetz aufbauen, das Russland nicht zerstören kann.“
Oleksandr Chumak, Gründer von Michurina+

Georgii Geletukha, Vorsitzender des Vorstands der Bioenergy Association of Ukraine (UABIO), stellte das enorme Biomethan-Potenzial der Ukraine vor. Mit einer Gesamtkapazität von bis zu 21,8 Milliarden Kubikmetern Methan pro Jahr verfügt die Ukraine über das höchste Biomethane-Potenzial aller europäischen Länder. Bereits heute sind sechs Biomethan-Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 108 Millionen Kubikmetern in Betrieb, allesamt nach dem international anerkannten ISCC-EU-Standard zertifiziert. 2025 wurde erstmals ukrainisches Biomethan in den deutschen Markt exportiert – ein Meilenstein, der das Potenzial der ukrainisch-deutschen Energiepartnerschaft im Agrarbereich unterstreicht. Bis 2050 könnte die Ukraine bis zu 20 % des EU-Biomethan-Bedarfs decken, so seine Einschätzung.

 

Dr. Olga Trofimtseva, APD-Projektleiterin und ehemalige ukrainische Landwirtschaftsministerin, im Gespräch mit einem Wirtschaftsvertreter. ©DLG /S.Pionke
Das Netzwerken und der direkte Austausch standen im Mittelpunkt beim Deutsch-Ukrainischen Unternehmerforum 2026. Hier zu sehen: Dr. Olga Trofimtseva, APD-Projektleiterin und ehemalige ukrainische Landwirtschaftsministerin, im Gespräch mit einem Wirtschaftsvertreter. ©DLG /S.Pionke

Finanzierung und institutionelle Unterstützung: Weltbank und Rentenbank

Ohne Finanzierung kein Wiederaufbau. Dr. Holger Kray, Regional Manager Agriculture & Food für Europa und Zentralasien bei der Weltbank, präsentierte das Ukraine AgriFood Support: Agriculture Recovery Inclusive Support Emergency (ARISE)-Projekt. Im Rahmen dieses Programms wurden über 13.295 landwirtschaftliche KMU mit zinsgünstigen Krediten unterstützt, 12,8 Millionen Hektar Anbaufläche – mehr als die Hälfte der ukrainischen Ackerfläche – erreicht und privates Kapital in Höhe von 4 Milliarden US-Dollar mobilisiert. Ergänzend wurden 57.279 Kleinbetriebe mit Direktbeihilfen gefördert. Ein neues Matching-Grant-Programm, k-finanziert von Weltbank und EU mit insgesamt 75 Millionen US-Dollar, richtet sich speziell an kleine Betriebe in kriegsbetroffenen Regionen und stärkt deren Verarbeitungs- und Vermarktungskapazitäten.
Caspar von Alvensleben von der Landwirtschaftlichen Rentenbank stellte das Modell der deutschen Förderbank vor: Mit einer AAA-Bonität, einem Bilanzvermögen von 95,5 Milliarden Euro und einem Netzwerk von über 900 Partnerbanken finanziere die Rentenbank die gesamte agrarische Wertschöpfungskette. Das Modell könnte als Blaupause für den Aufbau ähnlicher Strukturen in der Ukraine dienen, insbesondere im Hinblick auf die EU-Annäherung und den Zugang zu langfristigen Investitionsmitteln, zeigte sich von Alvensleben überzeugt.

Fazit: Mut, Kompetenz und die Kraft der Partnerschaft

Das Deutsch-Ukrainische Unternehmerforum 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, dass der ukrainische Agrarsektor trotz eines brutalen Krieges nicht stillsteht – er innoviert, investiert und exportiert. Die Botschaft der ukrainischen Unternehmerinnen und Unternehmer war klar und einheitlich: Wir sind stark, wir sind bereit, und wir brauchen Partner, keine Mitleidsbekundungen. Das Projekt APD Ukraine leistet mit Veranstaltungen wie diesem Forum einen wichtigen Beitrag dazu, den notwendigen Dialog zwischen deutschen und ukrainischen Akteuren auf Augenhöhe zu gestalten – und die Ukraine Schritt für Schritt auf den Weg in die EU zu begleiten.

Text: Stefanie Pionke / DLG-Newsroom