"Die gesetzlichen Auflagen müssen dringend gesenkt werden"

Dr. Holger Hennies, Präsident Landvolk Niedersachsen, zur Lage in der Landwirtschaft

Die Hitzewelle hat im Juni Ertrag gekostet. Die Ernteaussichten sind von überdurchschnittlich auf unterdurchschnittlich gesunken. Die Getreidepreise können die hohen Produktionskosten kaum decken. Die Schweinepreise haben mit 1,40 je kg/Schlachtgewicht einen neuen Tiefstand erreicht. Die Milchpreise liegen bei rund 40 Cent/kg. Dr. Holger Hennies, Präsident des Landvolks Niedersachsen, wirft in diesen schwierigen Zeiten seinen Hut in den Ring und bewirbt sich für das Amt des Deutschen Bauernpräsidenten 2027 als Nachfolger von Joachim Rukwied. Im DLG-Interview gibt Hennies Auskunft über die aktuelle Situation und die Beweggründe seiner Bewerbung. 

Wie beurteilen Sie die Prognosen für die Ernte von Raps und Getreide? Können Landwirte mit höheren Preisen rechnen, da europaweit die Erträge wegen der hohen Temperaturen gelitten haben?

Dr. Holger Hennies: Durch die Hitzewellen werden beim Getreide in diesem Jahr keine Höchstmengen geerntet. Ich rechne zum Herbst mit einem mäßigen Preisanstieg, der bei vielen Betrieben jedoch nicht ausreichen wird, um kostendeckend zu arbeiten und nicht die vergangenen drei wirtschaftlich schwierigen Jahre zu kompensieren. Die gesetzlichen Auflagen müssen daher dringend gesenkt werden.

Hinzu kommt, dass wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, wie stark die Agrarmärkte von internationalen Entwicklungen beeinflusst werden. Eine gute globale Ernte kann zu niedrigen Erzeugerpreisen führen, während gleichzeitig Energie- und Düngemittelkosten steigen. Das belastet unsere Betriebe erheblich. Deshalb brauchen wir eine Gesetzgebung, die unsere Landwirtschaft im europäischen und internationalen Wettbewerb wieder wettbewerbsfähig macht.

Bei einem Preis von 1,40 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht für das Schwein verlieren laut ISN Ferkelerzeuger und Mäster zusammen 60 Euro je Schwein. Diese Zuzahlung können Betriebe wirtschaftlich nicht lange aushalten. Wie können Sie die Betriebsleiter motivieren, weiterzumachen? Können mehr Zusammenschlüsse eine Lösung sein, höhere Erzeugerpreise mit den Schlachtbetrieben zu vereinbaren?

Die Situation ist dramatisch. Und das, obwohl die Schweinebauern den Auf- und Abschwung der Preise kennen. Das größte Problem ist, dass sie kein Geld für schlechte Zeiten zurücklegen können – und das schon seit Jahren. Die Einführung der Risikoausgleichsrücklage ist deshalb zwingend notwendig, auch aufgrund der zunehmenden klimatischen und politischen Schwankungen. 

Auch in der Kette muss verlässlicher zusammengearbeitet werden. Einige Schlachtunternehmen - auch in Niedersachsen - zeigen, dass das möglich ist.

Genauso wichtig ist aber, dass Betriebe wieder investieren können. Investitionen scheitern häufig nicht am Willen der Landwirte, sondern an langwierigen Genehmigungsverfahren und einer Überregulierung. Wer Jahre auf eine Entscheidung warten muss, verliert seine Planungssicherheit. Wir brauchen deshalb eine Ermöglichungskultur statt einer Verhinderungsmentalität. Gerade im Geflügelsektor bieten sich Möglichkeiten für eine wirtschaftliche Diversifizierung der Betriebe durch ein zusätzliches Standbein. Das wollen unsere Betriebe nutzen und nicht fünf Jahre auf eine Baugenehmigung warten. Politik und Verwaltung verhindern dort aktuell die Nutzung eines enormes Wertschöpfungspotenzials.

Nicht viel besser sieht es auf dem Milchmarkt aus. Hohe Produktionskosten zwingen die Milcherzeuger bei niedrigen Erlösen in die Knie. Wo sehen Sie einen Ausweg?

Vor allem die hohen Festkosten durch überzogene gesetzliche Vorgaben beim Bauen treiben die Kosten in die Höhe. Das muss dringend geändert und an das EU-Recht angepasst werden. Höchste und beste Umweltstandards bei der Milchviehhaltung mit einem kleinen CO₂-Fußabdruck müssen zukünftig auch bei Handelsabkommen im internationalen Wettbewerb berücksichtigt werden. Kühe gehören auf die feucht-kühlen Standorte in Mitteleuropa und nicht, wie in Algerien geplant, in die Wüste.

 

Genauso wichtig ist aber, dass Betriebe wieder investieren können. 

Zur Person

Dr. Holger Hennies ist seit 2021 Präsident des Landvolks Niedersachsen und seit 2022 Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV). 

Nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung studierte Hennies Agrarwissenschaften an der Universität Göttingen. Dort promovierte er über die Effektivität und Effizienz von Natur- und Wasserschutzmaßnahmen. Der 56-Jährige bewirtschaftet gemeinsam mit Partnern einen Ackerbaubetrieb in der Region Hannover mit den Schwerpunkten Kartoffeln, Zwiebeln, Zuckerrüben, Weizen, Braugerste und Mais. Zudem führt er gemeinsam mit seiner Ehefrau einen Familienbetrieb mit Direktvermarktung, Reitbetrieb und dem Bildungsangebot „Lernort Bauernhof".

Wir sehen doch, dass Investitionsbereitschaft vorhanden ist. Das Problem ist, dass Bauvorhaben oft über Jahre in Genehmigungsverfahren feststecken und durch überzogene Auflagen viel zu teuer werden. Wer moderne und tiergerechte Ställe bauen will, braucht schnellere Verfahren und verlässliche Entscheidungen. Nur dann investieren Betriebe wieder – und nur dann bleibt die Milchproduktion auch für die nächste Generation attraktiv.

Sie bewerben sich als Nachfolger von Joachim Rukwied als Präsident des Deutschen Bauernverbandes zur Wahl im Juni 2027 in Aachen. Was sind Ihre Beweggründe, dieses Amt auszuführen, und was wollen Sie anders machen – beispielsweise in der politischen Durchsetzung von Forderungen?

Wir wollen und müssen die Rahmenbedingungen für die Landwirtinnen und Landwirte verbessern – auch damit der Berufsnachwuchs den Mut behält, weiterzumachen. Das steht für Joachim Rukwied und das gesamte DBV-Präsidium in den nächsten zwölf Monaten im Fokus, zumal sich danach das Zeitfenster für politische Veränderungen langsam schließt.

Wir brauchen einen zügigen Abbau der aktuellen Überregulierung. Unsere Landwirtschaft muss im europäischen und internationalen Wettbewerb wieder bestehen können. Dazu gehören schnellere Genehmigungen und verlässliche Bedingungen für Investitionen. Wir werden unsere Rolle als Lösungsanbieter in diesem entscheidenden Jahr noch umfangreicher als bisher besetzen müssen und zwar auf allen politischen Ebenen vom Landkreis bis nach Europa.

Zugleich müssen wir die Versorgungssicherheit stärker in den Mittelpunkt rücken. Europa ist hier noch gut aufgestellt. Diese Stärke gilt es zu bewahren und die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen Krisen zu machen. Das ist eine zentrale Aufgabe des Bauernverbandes und das können wir nur gemeinsam über alle Verbandsebenen erreichen. Dabei hilft uns die föderale Struktur des Verbandes, weil wir so alle Entscheidungsstufen gleichzeitig bespielen können.

 Zum Thema