"Vertragsanbau gibt Sicherheit"
Strukturen und Herausforderungen: Stefan Beuermann zur Vermarktung von Proteinpflanzen
In Deutschland wächst die Nachfrage nach Fleisch- und Milchersatzprodukten, während Proteinpflanzen bislang nur auf einem kleinen Teil der Ackerfläche angebaut werden. Stefan Beuermann verantwortet im Projekt LeguNet, die Bereiche Agrarhandel und landwirtschaftliche Erzeugergemeinschaften. Auf den DLG-Unternehmertagen am 2. September 2026 in Würzburg ist er Referent auf dem Impulsforum Lebensmittel zu Alternativen Proteinen.
Wie ist der Markt für Proteinpflanzen in Deutschland strukturiert?
Stefan Beuermann: Im Jahr 2025 lag die Anbaufläche der wichtigsten Hülsenfrüchte bei rund 276.000 Hektar bundesweit, was etwa 2,5 Prozent der Ackerfläche entspricht. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, kurz BZL, gibt die Nahrungsverwendung zwischen 6 Prozent bei Ackerbohnen bis 25 Prozent bei Körnererbsen an. Insgesamt wird der Markt für pflanzliche Proteine im Lebensmittelbereich daher häufig als größer wahrgenommen, als er es derzeit ist, während die bedeutendste Nachfrage weiterhin im Futtermittelbereich besteht.
Wer sind wichtige Abnehmer in der Verarbeitung?
Zentrale Akteure für den Lebensmittelbereich sind die Emsland Group bei Isolaten sowie Fava Trading und Beneo bei Konzentraten. Während etwa die Hälfte der zu Proteinisolaten verarbeiteten Erbsen aus anderen EU-Staaten importiert werden, setzen Fava Trading und Beneo vollständig auf deutschen Vertragsanbau. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck, insbesondere durch Angebote aus China zu Dumpingpreisen und hochwertige, aber preiswerte Produkte aus Kanada. Dies betrifft vor allem Proteinisolate, deren Herstellung sehr energieintensiv ist.
Gibt es einen Bedarf für eine Ausweitung der Anbauflächen in Deutschland?
Im Lebensmittelbereich ist der Bedarf derzeit noch begrenzt. Größer ist das Eiweißdefizit im Futtermittelsektor, für den die EU jedes Jahr mehr als 30 Mio. t Sojabohnen importiert. Deutschland konnte seine Importabhängigkeit durch den Einsatz von Rapsschrot in der Fütterung halbieren, bleibt aber weiter auf importierte Eiweißfuttermittel angewiesen. Für heimische Sojabohnen bestehen jedoch stabile Absatzmöglichkeiten, da der US-Agrarkonzern ADM in Deutschland zwei Verarbeitungsstrecken für nicht gentechnisch veränderte Sojabohnen mit enormen Kapazitäten errichtet hat. Für andere Hülsenfrüchte fehlt es hingegen häufig an Preistransparenz und attraktiven Marktbedingungen.
Workshop Alternative Proteinquellen auf den DLG-Unternehmertagen
Unter dem Leitthema „Betriebsführung im Stresstest – Mengen. Preise. Strategien. kommen Landwirtinnen und Landwirte, Fachleute aus Beratung, Wissenschaft, Wirtschaft und Agrarbranche sowie Entscheiderinnen und Entscheider aus Praxis und Markt zu den diesjährigen DLG-Unternehmertage vom 1. bis 2. September 2026 in Würzburg zusammen. Auf dem Impulsforum Lebensmittel: Alternative Proteinquellen – Perspektiven entlang der Wertschöpfungskette: Landwirtschaft, Markt und Konsum" diskutiert Stefan Beuermann, LegNet, mit Prof. Holger Buxel, FH Münsert, der die DLG-Studie „DLG-Insights Alternative Proteinquellen – Perspektiven entlang der Wertschöpfungskette: Landwirtschaft, Markt und Konsum“ vorstellt.
Das LeguNet ist das größte Einzelprojekt im Rahmen der Eiweißpflanzenstrategie des Bundesagrarministeriums (BMLEH). Die Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) wurde 1990 gegründet und bündelt Akteure aus Produktion, Verarbeitung sowie Vermarktung heimischer Öl- und Eiweißpflanzen und ist Verbundpartner des LeguNet. Beuermann verantwortet im Projekt LeguNet, die Bereiche Agrarhandel und landwirtschaftliche Erzeugergemeinschaften.
Welche Absatzwege haben landwirtschaftliche Betriebe?
Ohne Vertragsanbau erfolgt der Absatz meist über den Landhandel, allerdings oft zu wenig attraktiven Preisen. Unter diesen Bedingungen ist die innerbetriebliche Verwertung, insbesondere als Futtermittel, häufig die wirtschaftlich sinnvollste Option, zumal Hülsenfrüchte auch viele positive Effekte auf die Fruchtfolge haben.
Welche Vorteile bietet der Vertragsanbau?
Der Vertragsanbau schafft grundsätzlich Planungssicherheit durch vereinbarte Preise und Abnahmemengen. In der Praxis liegen die garantierten Mengen jedoch häufig unter den tatsächlichen Erträgen, und die Preise bewegen sich nur leicht über dem Niveau des Futtermittelmarktes.
Welche Risiken bestehen beim Vertragsanbau?
Besonders im Lebensmittelbereich können zusätzliche Anforderungen, etwa Einschränkungen beim Pflanzenschutz, das Anbaurisiko erhöhen. Diese Risiken müssen objektiv beurteilt werden. Im Futtermittelbereich funktioniert der Vertragsanbau stabiler, da hier meist flächenbezogene Vereinbarungen bestehen und die Qualitätsanforderungen geringer sind.
Welche Ansätze gibt es zur Stärkung von Anbau und Vermarktung?
Die BMLEH-Eiweißpflanzenstrategie wird durch verschiedene Programme und Netzwerke umgesetzt, darunter das LeguNet sowie zahlreiche Forschungsprojekte. Eine aktive Rolle in der Vermarktung können, neben innovativen Agrarhandelsunternehmen, Erzeugergemeinschaften spielen, da sie größere Mengen bündeln, Qualität standardisieren und damit bessere Marktbedingungen schaffen können. Zudem können sie durch gemeinsame Beschaffung der Betriebsmittel die Produktionskosten reduzieren.
Wo liegen die größten strukturellen Herausforderungen?
Ein wesentliches Problem ist die starke Abhängigkeit der Anbauentwicklung von Förderprogrammen. Gleichzeitig profitieren Landwirte oft nur begrenzt von den Wertschöpfungseffekten, während Verarbeiter und Handel hohe Margen erzielen können. Niedrige Erzeugerpreise werden teilweise mit dem Verweis auf Fördergelder gerechtfertigt. Dadurch entsteht die paradoxe Situation, dass die Förderung nicht primär den Landwirten zugutekommt, sondern die nachgelagerten Marktstufen stabilisiert.