Warum Deutschland beim Thema Aquakultur weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt – und wie sich das in Zukunft ändern lässt: Das war Thema beim parlamentarischen Frühstück des Bundesverbands Aquakultur im Bundestag. Parlamentarier aller Fraktionen, Branchenvertreter und Verbandsmitglieder kamen zusammen – bei Kaffee, Käse und frischem Lachs –, um über die Zukunft der heimischen Fisch- und Meeresfrüchteerzeugung zu diskutieren.
Der Bundesverband Aquakultur e.V. ist eine Interessengemeinschaft aus Unternehmen und Mitgliedern, die Fisch und Meeresfrüchte erzeugen, nutzen oder vermarkten. Aquakultur steht dabei ausdrücklich für die kontrollierte Erzeugung in allen aquatischen Haltungsformen – von Algen, Muscheln und Garnelen bis hin zu Fischen.
Verbandspräsident Adrian Feiler bot einen kompakten Einstieg in die Thematik: Er erläuterte, was Aquakultur in Deutschland bedeutet – und warum bei Forellen und Karpfen aus der Teichzucht noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Er erklärte, was sogenannte Kreislaufanlagen leisten, die frischen Fisch unabhängig vom Gewässer erzeugen können, und welche Rolle Muscheln und Algenfarmen in der Branche spielen. Fakt und Fokus ist schnell klar: Deutschland verzehrt mehr als 1,2 Mio. Tonnen Fisch und Seafood, importiert aber rund 90 % davon. Die zentrale Frage: Warum wird nicht mehr Fisch in deutschen Gewässern und Anlagen erzeugt?
Kreislaufanlagen & „Castell Salmon“: Potenziale der Eigenproduktion
Casimir Graf von Wedel und sein Team wollen das ändern. Er plant "Castell Salmon", die erste große Lachsfarm in Deutschland, und möchte im Allgäu in einem sogenannten RAS-System (Kreislauffischfarm mit Wasserwiederaufbereitung) schon bald 1.500 Tonnen Atlantischen Lachs schwimmen sehen. Die Haltung in kontrollierten Kreislaufanlagen macht die Produktion unabhängig von Witterung, Klimawandel sowie dem Druck durch Fressfeinde und Parasiten. Aus einem Familienbetrieb mit Teichwirtschaftstradition stammend, setzt Graf von Wedel auf den technologischen Fortschritt der RAS-Technologie – und vermarktet seinen Lachs als Premiumprodukt aus dem Allgäu.
Die Berichte aus der Planungsphase dieser "blauen Farm" brachten Schwung in die Diskussion beim Parlamentarischen Frühstück. Denn dabei wurde den Parlamentariern folgendes vor Augen geführt: Naturschutzauflagen sowie wasser- und baurechtliche Genehmigungen für moderne Fischfarmen erfordern einen langen Atem – und oft viel Geduld mit den Behörden.
Die Belange der Aquakultur sind Ländersache – in allen 16 Bundesländern bestehen unterschiedliche Regelungen zu Auflagen, Förderungen und Genehmigungen. Konkret wurde im Rahmen des Frühstücks folgendes Anliegen an die Parlamentarier herangetragen:Eine einheitliche Privilegierung im Baurecht für Aquakulturbetriebe vorzunehmen. Dies sei längst überfällig und habe bei Fischfarm-Anbietern bereits zu "Insolvenzen mit vollen Auftragsbüchern" geführt, wie es der Bundesverband Aquakultur formulierte.
Betriebe setzen auf neue Technologien
Die traditionellen Teichwirtschaften für Karpfen und Forellenzucht befinden sich im Strukturwandel: Betriebe setzen auf neue Technologien, intensivieren die Produktion, weichen auf Nebenerwerb aus oder schließen ganz. Betriebsnachfolgen sind vielfach nicht gesichert, Fachkräfte für neue Technologien wie die Kreislauftechnik kaum zu finden. Erschwerend kommt hinzu: Ohne aufwändige Schutzmaßnahmen gegen Kormoran, Graureiher, Otter und andere Fischfresser lassen sich Teiche kaum gewinnbringend bewirtschaften. Christoph Frauenpreiß MdB (CDU/CSU, Wahlkreis Cuxhaven) kennt diese Problematik gut: Die Situation gleiche strukturell der Wolfsdebatte – wo Schutz zunehmend Schaden erzeuge, so Frauenpreiß.
Hürden, Tierwohl, Technologie: Was jetzt zählt
Trotz der Hürden verlässt die "aquatische Frühstücksrunde" im Reichstagsgebäude mit Optimismus: Mehr Fisch und Meeresfrüchte aus Deutschland sollen den Weg in den Handel finden. Die politischen Rahmenbedingungen seien verbesserungsfähig – und die hohe Qualität heimischer Produkte komme bei Verbraucherinnen und Verbrauchern gut an. Auch der hohe Anspruch an Tierwohl in der deutschen Aquakultur gilt als verkaufsfördernd. Charlotte Zodel, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Dr. Zoe Mayer MdB (Bündnis 90/Die Grünen), zeigte sich beeindruckt: Sie war überrascht, dass die DLG bereits Merkblätter zu Tierwohl in der Aquakultur veröffentlicht hat und das Thünen-Institut das Fischwohl-Monitoring bearbeitet.
Deutschland ist und bleibt Technologiestandort – das gilt auch für die Aquakultur. Die Branche arbeitet an KI-gestützten Lösungen für das Fischwohl, entwickelt neue Kreislauftechnologien und verfügt über hochwertige Futtermittel. Nicht ohne Grund widmet die "Inhouse Farming Food & Feed Show" auf der EuroTier einen ganzen Tag den aquatischen Systemen mit Fischen, Algen und Co. (EuroTier 2026, Thementag Aquakultur: 11. November 2026).
Nach der Veranstaltung bleibt folgendes Fazit: Das parlamentarische Frühstück hat sich als Format bewährt: Komplexes Wissen wird wohldosiert vermittelt, Kontakte geknüpft, Argumente ausgetauscht. Man weiß ja nie, wann die nächste Anfrage zu einem "blauen Thema" auf dem Tisch liegt – und beim nächsten Frühstück im Bundestag könnte vielleicht schon Castell-Lachs aus dem Allgäu auf der Speisekarte stehen.