Insekten in der Fütterung

Verwertung, Eignung und Perspektiven

Samples von Insekten als Rohstoff in der Fütterung vom Protein bis zum Mehl. ©Detlef Kampf
Samples von Insekten als Rohstoff in der Fütterung vom Protein bis zum Mehl. ©Detlef Kampf

Insekten gelten als vielversprechender Futterrohstoff. Sie sollen Protein liefern, Nebenströme verwerten und Kreisläufe schließen. Doch wie weit trägt dieses Versprechen in der Praxis bereits? Das wird unter anderem Thema auf der Inhouse Farming Feed & Food Show im Rahmen der EuroTier 2026 sein, die vom 10. bis 13. November in Hannover stattfindet. Einschätzungen dazu geben vorab Dr. Detlef Kampf, Fachgebietsleiter Tierernährung im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft & Lebensmittel, und Laura Schneider von der Technischen Hochschule Bingen. Ihr Fazit: Insekten sind fachlich interessant, aber kein einfacher Ersatz für klassische Futtermittel. Ihr Potenzial liegt vor allem dort, wo sie mehr können als nur Eiweiß liefern.

Zwischen Hoffnungsträger und Nische

Insekten werden seit Jahren als möglicher Baustein der Fütterung diskutiert – als alternative Proteinquelle, als Verwerter organischer Nebenströme und als Element einer stärker kreislauforientierten Landwirtschaft. In der Praxis ist der Schritt vom Hoffnungsträger zum breiter eingesetzten Rohstoff bislang jedoch nur teilweise gelungen. „Ich denke, wir sind noch in einer Nische“, sagt Dr. Kampf. Zwar hätten sich in den vergangenen Jahren viele Unternehmen intensiv mit dem Thema beschäftigt. Gleichzeitig zeige sich aber, dass nicht jedes Produktionsmodell trägt. Gerade sehr große Anlagen hätten sich wirtschaftlich nicht automatisch als erfolgreich erwiesen. Aus seiner Sicht sprechen deshalb eher dezentrale Strukturen für die Zukunft – also Systeme, die näher an verfügbaren Stoffströmen und Absatzwegen aufgebaut sind.

Detailaufnahme von Larven der Schwarzen Soldatenfliege. © Laura Schneider
Insekten sind ein Rohstoff mit breitem Profil: Protein, Lipide, bioaktive Komponenten und Chitin. ©Laura Schneider

Laura Schneider ordnet die Entwicklung ähnlich ein. Sie spricht von einer frühen Marktdurchdringungsphase: Forschung und industrielle Umsetzung seien deutlich weiter als noch vor wenigen Jahren, zugleich gebe es weiterhin Wissenslücken bei Standardisierung, Qualität und langfristigen Effekten in der Tierernährung. Bewährt hätten sich Insekten bislang vor allem in der Aquakultur und in der Heimtierfütterung. In klassischen landwirtschaftlichen Nutztiersegmenten wie Schwein und Geflügel sei der Einsatz dagegen noch begrenzt – weniger aus technischen als aus regulatorischen und wirtschaftlichen Gründen.

Was Insekten als Futterrohstoff leisten können

Für die Fütterung ist zunächst entscheidend, wie Insekten fachlich einzuordnen sind. Dr. Kampf beschreibt Insektenprotein als „gute Proteinquelle, die qualitativ zwischen Sojaschrot und Fischmehl“ einzuordnen ist. Interessant seien Insekten damit durchaus, in der Praxis müssten sie sich aber gegen etablierte Rohstoffe behaupten – sowohl bei der Nährstoffversorgung als auch beim Preis. „Das sind gute Produkte, aber die müssen sich am Ende auch in den Markt einreihen“, sagt Dr. Kampf. Einen automatischen Zusatznutzen sieht er nicht: Wenn eine Ration sauber optimiert ist, lasse sich ein passendes Nährstoffprofil auch mit anderen Komponenten erreichen.

Laura Schneider erweitert diese Sicht um die funktionelle Perspektive. Aus ihrer Sicht wird das Thema Insekten in der öffentlichen Diskussion häufig zu stark auf Eiweiß verengt. Tatsächlich handele es sich um einen Rohstoff mit breiterem Profil: Neben Protein nennt sie Lipide, bioaktive Komponenten und Chitin. Daraus könnten sich Einsatzfelder ergeben, die über die reine Ersetzung klassischer Eiweißträger hinausgehen. Besonders relevant sind derzeit vor allem die Schwarze Soldatenfliege und der Mehlwurm; im Fokus stehen proteinreiche Insektenmehle, Insektenfette und zunehmend auch lebende Larven.
 

Inhouse Farming - Feed & Food Show

Die Inhouse Farming – Feed & Food Show ist die B2B‑Plattform der DLG für innovative, geschlossene Produktionssysteme entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Feed bis Food. Sie findet vom 10. bis 13. November 2026 auf dem Messegelände Hannover als Teil der EuroTier statt und ergänzt diese um zukunftsweisende Perspektiven für neue Agrar‑ und Food‑Systeme. Im Fokus stehen technologische und wirtschaftliche Lösungen aus den Bereichen Pilzerzeugung, Aquakultur und Aquaponik, Insektenproduktion sowie Retail & Innovation. Vier Thementage bieten Fachwissen, Praxisbeispiele und branchenübergreifenden Austausch zu zentralen Fragen der Indoor‑Erzeugung und der Ernährungssicherung von morgen.
 

Weitere Informationen unter:
www.inhouse-farming.com

 

Einsatz in der Schweinefütterung: Tierwohl verbessert, Kostenfrage offen

Im eigenen Betrieb werden die Insektenlarven bereits in der Schweinefütterung eingesetzt – bislang nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern um erste Erfahrungen zu sammeln. Das Ergebnis: Keine messbar besseren Zunahmen im Vergleich zu Soja, aber ein besseres Äußeres und ein stabileres Immunsystem. Die Larven bieten tierisches Eiweiß, das dem natürlichen Bedarf der Schweine näherkommt als rein pflanzliche Futtermittel wie z.B. Soja.

Der Haken: Insektenprotein ist derzeit rund 50 Prozent teurer als Soja. Solange der Sojapreis niedrig ist, lässt sich der Einsatz betriebswirtschaftlich nur schwer darstellen. Zusätzlich erschwert die notwendige Kühlung die Lagerung – logistisch wie finanziell ein Mehraufwand.

Porträt Laura Schneider, Technische Hochschule Bingen. © Laura Schneider
Laura Schneider von der Technischen Hochschule Bingen betrachtet Insekten als interessanten Futterrohstoff. © Laura Schneider

Chancen dort, wo Insekten mehr können als nur Protein liefern

Besonders anschaulich wird das am Beispiel lebender Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Laura Schneider berichtet aus eigenen Versuchen, dass sie von Geflügel und Schweinen gut angenommen werden und als „essbare Beschäftigung“ dienen können. Damit rücken neben der Nährstoffversorgung auch Tierverhalten, Akzeptanz und der Einsatz in sensiblen Produktionsphasen in den Blick. Gerade bei sehr jungen Tieren oder in Übergangsphasen sieht sie hier interessante Perspektiven. Auch funktionelle Futtermittel hält sie in diesem Zusammenhang für ein mögliches Zukunftsfeld. 

Dr. Kampf ordnet das tierernährungsphysiologisch ähnlich ein: Werden Insekten lebend eingesetzt, können sie artspezifische Aktivitäten wie das Picken fördern und damit über den reinen Proteinwert hinaus interessant sein. Gerade bei Schwein und Geflügel sieht er deshalb Ansatzpunkte, wenn neben der Futterfunktion auch Tierwohl- und Beschäftigungsaspekte eine Rolle spielen.

 

Porträt von Dr. Detlef Kampf, Experte für Tierernährung im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft & Lebensmittel. ©Detlef Kampf
Insekten sind in der Nutztierfütterung noch eine Nische, ordnet Dr. Detlef Kampf die aktuelle Marktbedeutung ein. ©Detlef Kampf

Warum der direkte Vergleich mit Soja zu kurz greift

Gerade hier setzt Dr. Kampf den entscheidenden Vorbehalt. Insekten müssten immer im Zusammenhang der gesamten Kette betrachtet werden. Denn der Weg vom Substrat über das Insekt, weitere Nutztiere wie Schwein/Geflügel bis zum Lebensmittel tierischer Herkunft beinhaltet eine „doppelte Transformation“ – und damit zusätzliche unvermeidbare Verluste. Daraus ergibt sich für ihn die Frage, ob ein klassischer Proteinträger im Einzelfall nicht wirtschaftlicher direkt an Schwein oder Geflügel verfüttert werden sollte.

Aus dieser Einschränkung ergibt sich für Laura Schneider jedoch kein Gegenargument zum Insekt, sondern eine andere Einordnung seines Potenzials. Gerade weil Insekten im direkten Preisvergleich mit klassischen Massenproteinträgern wie Soja kaum konkurrieren können, sieht sie ihre Zukunft „weniger im Bulk-Proteinmarkt“ als in spezialisierten Anwendungen. Ihr Potenzial liege dort, wo hohe Qualitätsanforderungen, funktionelle Eigenschaften oder besondere Haltungsbedingungen den Ausschlag geben. Die Stärke von Insekten liegt aus ihrer Sicht also nicht im Eins-zu-eins-Ersatz bestehender Standardrohstoffe, sondern in Anwendungen, in denen sie zusätzliche Qualitäten in die Fütterung bringen.

Koppelprodukte entscheiden mit

Ob Insekten wirtschaftlich tragfähig werden, entscheidet sich nicht allein am Protein. Dr. Kampf macht deutlich, dass sich der Prozess auf Dauer kaum nur über das Insektenprotein rechnen wird: „Dann ist dieser Druck auf das Protein allein vielleicht irgendwann gar nicht mehr so hoch, dass das Protein den gesamten Prozess bezahlen muss.“ Genau hier werden Koppelprodukte wichtig. Dr. Kampf nennt Insektenfett, Chitinprodukte und den bei der Aufzucht anfallenden Fraß, die auf ihre Vermarktungsoptionen außerhalb der klassischen Nutztierfütterung – etwa im Petfood-Markt, aber auch in Bereichen wie Pharma, Kosmetik und Düngung geprüft werden sollten.

Laura Schneider geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet Insektenöl, Fraß sowie Chitin beziehungsweise Chitosan ausdrücklich als entscheidend für die Wirtschaftlichkeit. Das Öl könne als Energieträger im Futter genutzt werden, Fraß gewinne als organischer Dünger an Bedeutung, und Chitin eröffne zusätzliche Perspektiven. Für sie ist die möglichst vollständige Nutzung aller Fraktionen zentral, wenn Insektenproduktion ökonomisch tragfähig werden soll.

Kreislaufwirtschaft braucht passende Stoffströme

Ein großer Teil der Attraktivität von Insekten beruht auf der Idee der Kreislaufwirtschaft. Laura Schneider hält dieses Argument grundsätzlich für gut begründet, betont aber, dass die tatsächliche Nachhaltigkeit stark vom Substrat, vom Energieeinsatz und von den Prozessbedingungen abhängt. Pauschale Aussagen seien deshalb nicht hilfreich.

 

Landwirtin in Schweinebucht mit Schweinen. ©Laura Schneider
In der Schweinefütterung können lebende Insekten auch Funktionen über die Nahrungsaufnahme hinaus übernehmen, zum Beispiel die Beschäftigung der Tiere. ©Laura Schneider

Dr. Kampf wird an dieser Stelle konkreter. Für ihn wird das Thema dann besonders interessant, wenn Insekten Biomasse verwerten, die bislang nicht sinnvoll genutzt wird – etwa Lebensmittel, die kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus dem Handel aussortiert werden, rechtlich aber noch als Futtermittel Verwendung finden können. Denkbar seien deshalb beispielsweise dezentrale Insektenmastanlagen an Zentrallagern des Lebensmittelhandels. Auch Grasaufwüchse von Flächen ohne Wiederkäuer nennt Dr. Kampf als mögliches Beispiel, wenn eine entsprechende dieses Substrat gut verwertende Insektenart zur Verfügung stünde. Im Gesamtkontext darf jedoch das Futtermittelrecht nicht aus den Augen verloren werden: Denn was bereits als Abfall gilt, darf nicht mehr eingesetzt werden. Und hier besteht Konsens, dass die Sicherheit der Wertschöpfungskette nicht in Frage gestellt werden darf.

Perspektiven für landwirtschaftliche Betriebe

Für landwirtschaftliche Betriebe eröffnen sich vor allem dann Chancen, wenn Insektenproduktion als ergänzendes System gedacht wird. Dr. Kampf kann sich Modelle vorstellen, in denen Landwirte mit spezialisierten Unternehmen kooperieren – ähnlich wie im Vertragsanbau. Laura Schneider sieht zusätzlich Potenziale in der dezentralen Nutzung von Nebenströmen, in der Diversifizierung von Einkommensquellen und perspektivisch auch im Ökolandbau, sofern sich die regulatorischen Rahmenbedingungen weiterentwickeln.

Gerade darin liegt auch die realistische Perspektive des Rohstoffs: Insekten werden klassische Eiweißträger wie Soja oder Fischmehl auf absehbare Zeit nicht flächendeckend ersetzen. Interessant werden sie dort, wo sie mehr leisten als nur Protein bereitzustellen – etwa durch funktionelle Eigenschaften, über Koppelprodukte oder als Baustein in regionalen Wertschöpfungssystemen. Ihr Potenzial entfalten sie also weniger im direkten Wettbewerb mit etablierten Futtermitteln als in spezialisierten Anwendungen, die Ernährung, Verwertung und Kreislaufdenken zusammenbringen.

Porträt von Steven Barbosa, Generalsekretär IPIFF. ©IPIFF
Für Steven Barbosa sorgt die umfassenden Standards in der europäischen Regulatorik für Glaubwürdigkeit und Vertrauen. ©Steven Barbosa

Internationaler Vergleich und Ausblick

Wie sich dieses Potenzial künftig entwickeln wird, hängt nicht nur von den Entwicklungen innerhalb Europas ab, sondern auch vom internationalen Umfeld. Im internationalen Vergleich ist Europa im Bereich Insekten insbesondere bei Regulierung, Sicherheit und Qualität sehr gut positioniert. Laut Steven Barbosa, Generalsekretär der International Platform of Insects for Food and Feed (Internationale Plattform für Insekten als Lebensmittel und Futtermittel – IPIFF), setzt die EU Maßstäbe bei Rückverfolgbarkeit, Risikobewertung und verlässlichen Zulassungsverfahren und schafft damit Vertrauen bei Behörden, Investoren und Verbrauchern.

Beim Vergleich der verschiedenen Weltregionen zeigt sich: Während Europa beim regulatorischen Rahmen führend ist, dominiert Asien bei der Skalierung. Nordamerika verbindet Kapital, Forschung und wachsende Anwendungsbereiche, etwa in Heimtierfutter und Aquafeed, während Lateinamerika als aufstrebender Futtermittelmarkt gilt. Einen zentralen Grund dafür sieht Barbosa in den unterschiedlichen regulatorischen Ansätzen: Während die EU einem stark vorsorgeorientierten und detaillierten Regelwerk folgt, agieren andere Regionen flexibler, insbesondere beim Einsatz von Nebenströmen und Substraten.
 

Hier liegt aus seiner Sicht der zentrale Zielkonflikt: Europas hohe Standards stärken Sicherheit und Glaubwürdigkeit, haben bislang aber auch stärker zirkuläre und kosteneffiziente Modelle erschwert. Wenn Europa seine führende Rolle behaupten will, braucht es schnellere, wissenschaftsbasierte Verfahren, den Ausbau heimischer Wertschöpfungsketten und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen. Barbosa sieht hier insbesondere im Bereich Aquafeed erhebliche Chancen. 

Text: Agnes Michel-Berger / Freie Autorin DLG-Newsroom
 

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