Künstliche Intelligenz ist in der Lebensmittelindustrie angekommen – doch ihr Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Zwischen generativer KI, Datenanalyse und automatisierten Prozessen braucht es vor allem Menschen, die Technologie mit Fachwissen und Praxis verbinden. Lebensmitteltechnologen und Food-Experten werden damit zu wichtigen Brückenbauern der digitalen Transformation.
10 Kernaussagen des Digital-Food-Monitor
- KI ist für die Branche kein Spielzeug mehr.
- Der Mittelstand denkt mit.
- Von der Vision zu Pilotprojekten.
- Diskurs und Wirklichkeit klaffen auseinander.
- Marketing als KI-Vorreiter.
- Innovation? Noch Fehlanzeige.
- Förderung? Kaum genutzt, selten wirksam.
- Fachkräftemangel bremst KI-Einsatz.
- Netzwerke fehlen dort, wo’s drauf ankommt.
- Ethik? Noch eine Leerstelle.
Quelle: Digital-Food-Monitor 2025 digitalfoodmonitor.com
Die Lebensmittelindustrie steht an einem Wendepunkt. Künstliche Intelligenz ist in den Unternehmen angekommen. Das Interesse ist in dieser frühen Phase der Nutzung groß. „Das grundlegende Verständnis dafür, was hinter dieser Technologie steckt, welche Voraussetzungen sie braucht und was sie realistisch leisten kann, ist vielerorts jedoch noch begrenzt“, erklärt Hendrik Haase. „Ob KI zu einem echten Game-Changer wird, entscheidet sich daher weniger an der Technologie selbst als an den Grundlagen, die Unternehmen heute schaffen“, so der Food- und KI-Experte. Dazu gehören für Haase funktionierende Datenstrukturen, KI-Kompetenzen in den Teams – „und vor allem ein aufgeklärter, reflektierter Umgang damit“. Deutlich wird dies im erstmals veröffentlichten Digital-Food-Monitor, den Haase gemeinsam mit Kommunikationsberater Frank Schroedter erstellt hat. „Unsere Ergebnisse zeigen sehr klar: KI ist in den Führungsetagen der Lebensmittelindustrie angekommen, jedoch noch nicht im operativen Alltag. Das strategische Interesse ist vorhanden, der tatsächliche Einsatz bleibt jedoch meist punktuell und betrifft häufig unter zehn Prozent der Prozesse“, so Frank Schroedter, Geschäftsführer bei Engel & Zimmermann.
Wo KI sich bereits entfaltet
Die Ergebnisse der Studie zeigen ein klares Bild: KI-Tools werden in der Food-Branche vor allem dort eingesetzt, wo der Zugang niedrigschwellig ist und der Nutzen schnell spürbar wird. An erster Stelle stehen Marketing, Kommunikation und Marktforschung. Hier kommen vor allem generative KI-Anwendungen zum Einsatz, etwa zur Content-Erstellung, Analyse von Markt- und Konsumentendaten oder zur Unterstützung von Kampagnenplanung. Danach folgen Bereiche wie Supply Chain Management, Logistik und Automatisierung. Hier geht es weniger um sichtbare KI, sondern um Systeme, die im Hintergrund Prognosen erstellen, Prozesse stabilisieren oder helfen, Ressourcen effizienter einzusetzen, etwa bei der Produktionsplanung oder der vorausschauenden Wartung von Anlagen. Viele Unternehmen nehmen KI vor allem noch über bekannte, generische Anwendungen wahr, etwa Text- oder Bildgeneratoren. „Diese haben ihre Berechtigung, sind aber nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was KI entlang der Kette leisten kann“, sagt Haase. „In den eigentlichen Kernbereichen der Lebensmittelwirtschaft, etwa Forschung & Entwicklung, Qualitätsmanagement, bleibt KI bislang die Ausnahme.“
Gefragt ist Übersetzungswissen
Neben fehlendem Know-how sowie Unsicherheit bei Kosten und Nutzen ist es der Fachkräftemangel, der derzeit vielerorts die Umsetzung ausbremst. „Unternehmen brauchen kein Heer von Data Scientists, sie brauchen aber wohl Mitarbeiter, die verstehen, wie KI funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und wie Ergebnisse einzuordnen sind“, betont Haase. Gefragt sind aus seiner Sicht Menschen, die KI-Ergebnisse verstehen, hinterfragen und verantworten können. Dieses „Übersetzungswissen“ zwischen Technologie, Fachbereich und Management werde zunehmend zum Erfolgsfaktor.
Neue Aufgaben für Food-Ingenieure
Hier liegt die Chance für Lebensmittelwissenschaftler, Lebensmitteltechnologen und verwandte Studiengänge. Wer heute zusätzlich Kompetenzen in Datenanalyse, Digitalisierung oder KI-Anwendungen aufbaut, erweitert sein Berufsprofil erheblich. Die Branche benötigt Fachkräfte, die technologische Entwicklungen nicht nur verstehen, sondern in sichere, marktfähige und nachhaltige Produkte übersetzen können. Für die nächste Generation von Absolventen bedeutet das: Ihr Aufgabenfeld wird breiter, interdisziplinärer und digitaler. Sie entwickeln nicht nur Produkte, sondern gestalten die Schnittstelle zwischen Technologie, Daten und Verbraucherbedürfnissen. Wer diese Rolle einnimmt, wird zu einem wichtigen Treiber der Transformation in der Lebensmittelindustrie.
Wandel aktiv mitgestalten
Die Zukunft der Lebensmittelwirtschaft wird nicht allein durch neue Technologien entschieden, sondern durch die Fähigkeit, Innovationen in gesellschaftlich akzeptierte Lösungen zu übersetzen. Davon ist Hanni Rützler überzeugt. In ihrem Vortrag beim DIL Innovation Day 2026 unterschied die Zukunftsforscherin vier Archetypen für eine aktive Zukunftsgestaltung: Die Forscherin, den Unternehmer, die Pionierin und den Visionär. Zukunftsfähige Teams benötigten alle vier Perspektiven. Analysen allein führten ebenso wenig zum Ziel wie Visionen ohne Umsetzung. Innovation entstehe dort, wo Erkenntnis, Experiment, unternehmerische Gestaltung und ein überzeugendes Zukunftsbild zusammenkommen. Für Berufseinsteiger bedeutet das: Gefragt sind nicht nur fachliche Expertise und technologisches Know-how, sondern auch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, interdisziplinär zu arbeiten und Wandel aktiv mitzugestalten. Denn, so Rützler, „Zukunft entsteht immer im Hier und Jetzt“ – durch die Entscheidungen, die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden heute treffen. (Mehr dazu im anschließenden Interview mit Hanni Rützler.)