Die Lebensmittelbranche wird digital – und mit ihr entstehen neue Karrierewege. Einer davon ist der Food Data Scientist. Zwar taucht dieser Jobtitel selten direkt in Stellenanzeigen auf, der Bedarf an Fachkräften in der Food-Branche, die Datenkompetenz mitbringen und gleichzeitig ein Gespür für Lebensmittelprozesse haben, wächst jedoch rasant.
Die Lebensmittelbranche galt lange als klassisch, produktionsgetrieben und vergleichsweise wenig digital. Doch dieses Bild wandelt sich aktuell. Mittlerweile spielen Daten eine zentrale Rolle entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktentwicklung über die Produktion bis hin zum Verkauf. In diesem Kontext entsteht ein neues Berufsbild, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: der Food Data Scientist als zentrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Technologie und Markt.
Typische Aufgaben
Unternehmen wie Nestlé zeigen exemplarisch, wie stark datengetriebene Ansätze inzwischen in der Lebensmittelindustrie verankert sind. Daten werden systematisch genutzt, um Prozesse zu verbessern, Risiken zu minimieren und Innovationen voranzutreiben. „Daten und KI sind in der Forschung und Entwicklung (F&E) der Lebensmittelbranche und damit auch bei uns längst keine bloße Option mehr, sondern entwickeln sich zu Kernkompetenzen“, erklärt Sabrina Xu, Digital Team Lead Nestlé R&D / Nestlé Product Technology Center Food Singen.
„Fachkräfte und Studierende haben einen echten Startvorteil, wenn sie sich zusätzliche Kompetenzen wie Python, statistische Grundlagen sowie Kernmethoden der Künstlichen Intelligenz – wie etwa Machine Learning und Deep Learning sowie Wissen zu industriellen Datenarchitekturen aneignen. Genauso wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit spezialisierten Data Scientists und Machine-Learning-Ingenieuren: Erst im Zusammenspiel von Domain-Expertise und tiefer Methoden-Kompetenz entstehen robuste, produktionsreife KI-Lösungen – der ‚Food Data Scientist‘ agiert dabei als Übersetzer zwischen Prozess- und Datenwelt.“
Daten miteinander verknüpfen
Ob es um das Verständnis der Verbraucher, die Produktentwicklung, die Optimierung von Rezepturen, die Qualitätssteigerung oder die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit geht: Der Erfolg hängt aus der Sicht der Expertin zunehmend davon ab, „wie gut wir Daten miteinander verknüpfen, interpretieren und daraus lernen können“. Das Stellen der richtigen Fragen, das Sammeln und Aufbereiten von Daten und die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu gewinnen helfe, Produktentwicklungen zu beschleunigen, die Prozesse in den Fabriken effizienter zu gestalten und in den Bereichen Qualität und Produktsicherheit noch stärker zu werden. „Die Analyse von Konsumententests und Konsumentenfeedback liefert wertvolle Erkenntnisse für neue Markteinführungen und schafft Wettbewerbsvorteile“, so Sabrina Xu.
Kritisches Denken wichtiger denn je
Für Absolventen der Lebensmittelwissenschaften eröffnet dies spannende Perspektiven. Fundierte Kenntnisse in Statistik, Mathematik, Datenkompetenz und KI ergänzen das lebensmittelwissenschaftliche Fachwissen und stärken die Fähigkeit, in diesem Bereich effektiv zu arbeiten. „Im Zeitalter der generativen KI (GenAI), in dem Programmierung und Analytik immer leichter zugänglich werden, sind kritisches Denken und wissenschaftliches Urteilsvermögen wichtiger denn je. Entscheidend für den Erfolg ist letztlich die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, Annahmen zu hinterfragen, Belege kritisch zu bewerten und Daten in fundierte wissenschaftliche und unternehmerische Entscheidungen zu überführen“, sagt Sabrina Xu.
„Der Begriff ,Food Data Scientist’ ist aktuell weniger als feste Berufsbezeichnung zu verstehen, sondern vielmehr als eine Kompetenz, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Lebensmittelwissenschaftler, die darüber hinaus über fundierte Kenntnisse in den Bereichen Daten und KI verfügen, werden immer wertvoller. Die größte Wirkung erzielen oft jene Fachkräfte, die eine Brücke zwischen Lebensmittelwissenschaft, Datenanalyse und KI schlagen können – indem sie wissenschaftliche und geschäftliche Fragestellungen in umsetzbare Erkenntnisse übersetzen."
Berufsfeld mit großem Zukunftspotenzial
Die Nachfrage nach datengetriebenen Profilen wird in der Lebensmittelbranche weiter steigen. Themen wie Künstliche Intelligenz, personalisierte Ernährung oder nachhaltige Lieferketten sorgen dafür, dass Datenkompetenz zu einer Schlüsselqualifikation wird. Der Food Data Scientist ist damit mehr als nur ein neuer Jobtitel – er steht für den Wandel einer ganzen Branche. Für Studierende bedeutet das: Wer frühzeitig die richtigen Kompetenzen aufbaut, hat beste Chancen, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Die zunehmende Digitalisierung der Lebensmittelbranche sorgt dafür, dass der Bedarf an Fachkräften mit Datenkompetenz weiter steigen wird. Nicht nur die Lebensmittelindustrie investiert gezielt in digitale Technologien und baut entsprechende Teams auf. Auch im Lebensmitteleinzelhandel und in der Ingredientsbranche zeigt sich die wachsende Bedeutung datengetriebener Entscheidungen.
Einstiegsmöglichkeiten
„Wer frühzeitig Kompetenzen in den Bereichen Datenanalyse, Programmierung und Statistik aufbaut und gleichzeitig ein Verständnis für Lebensmittel mitbringt, kann sich in diesem Umfeld sehr gut positionieren“, sagt Jürgen Seefried, Technology Competence Unit Lead Future Operations / Nestlé Product Technology Center Food Singen. „Der beste Einstieg gelingt über Praktika, Werkstudententätigkeiten oder Abschlussarbeiten in Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekten in Werken oder R&D-Centern – so entstehen genau die Profile, die wir in Zukunft brauchen“, sagt Jürgen Seefried.