„Schwachstellen offenlegen und Strategien entwickeln“

DLG-Unternehmertage 2026: DLG-Präsident Hubertus Paetow über Betriebe im Stresstest 

DLG-Präsident Hubertus Paetow spricht in ein Mikrofon auf den DLG-Unternehmertagen 2025. ©DLG
DLG-Präsident Hubertus Paetow auf den DLG-Unternehmertagen 2025. ©DLG

Geopolitische Krisenherde wie der Ukraine-Russland-Krieg und der Irankonflikt katapultieren die internationalen Agrarrohstoff- und Betriebsmittelmärkte auf neue Preisgipfel, oder schicken sie auf Talfahrt. Zusätzlich machen Dürre und Hitzeperioden Schlagzeilen: Getreideerträge leiden je nach Standort mehr oder weniger deutlich; historisch niedrige Pegelstände in den Flüssen setzen die Logistik im Getreidehandel in Deutschland und Europa unter Druck. Tierhalter, insbesondere Schweinehalter, haben derweil in den letzten Monaten mit einem Preisniveau zu tun gehabt, das zahlreiche Unternehmen in existenzielle Schwierigkeiten gebracht hat. Kurzum: Die Lage ist extrem fordernd  – aber ist sie deswegen auch gleich perspektivlos? Im Interview wenige Wochen vor den DLG-Unternehmertagen 2026 (1./2. September, Würzburg) spricht DLG-Präsident Hubertus Paetow darüber, inwiefern landwirtschaftliche Betriebe aktuell unausweichlich einen Stresstest durchlaufen und welche Lehren die aktuelle Situation für die zukunftsfähige Ausrichtung ihrer Betriebe bereithält. 

DLG-Newsroom: Das Leitthema der DLG-Unternehmertage 2026 lautet „Betriebsführung im Stresstest – Mengen. Preise. Strategien.“ Warum hat sich die DLG gerade jetzt für dieses Leitthema entschieden: Stehen die landwirtschaftlichen Unternehmen an einem Kipppunkt?

Hubertus Paetow: So weit, dass wir einen Kipppunkt erreicht haben, würde ich nicht gehen – aber ernst nehmen müssen wir die gegenwärtige Marktsituation unbedingt. Auch wenn Risiken zum Unternehmertum dazugehören und es von jeher zur Aufgabe von Betriebsleiterinnen und -leitern gehört, Risiken zu managen, ist die Häufung an Herausforderungen aktuell außergewöhnlich. 

Was macht die aktuelle Lage aus Ihrer Sicht als Landwirt besonders herausfordernd?

Die Preise für Dünger sind in Folge des Irankonflikts und den Spannungen rund um die Straße von Hormus in den letzten Monaten zeitweise um mehr als 30 Prozent gestiegen. Die Preise für Getreide und Ölsaaten sind aber relational betrachtet längst nicht im gleichen Maße mitangezogen. Für landwirtschaftliche Betriebe ist unter den Bedingungen bereits eine kostendeckende Produktion eine Herausforderung. Das umso mehr, als wir schon einige volatile Marktjahre hinter uns haben. Die Hitzewellen im Sommer 2026, geben uns einen Vorgeschmack auf die Herausforderung durch den Klimawandel: Angespannte Lieferketten durch Niedrigwasser auf den Flüssen, fehlende Grünfutterbasis und Hitzestress in der Tierhaltung sowie Ertragseinbußen im Ackerbau sind die Folgen. Das alles ist kein Grund, zu verzweifeln aber jeder Landwirt ist angesichts dieser Situation gut beraten, die Stabilität seines Betriebes kritisch zu überprüfen.

Was heißt das konkret?

Die aktuell schwierige Situation legt uns landwirtschaftlichen Unternehmern mögliche Schwachstellen in unserer Betriebsführung und in unserem Risikomanagement offen. Sie zeigt uns, wie standfest unsere Betriebe in schwierigen Zeiten wirklich sind. Wenn wir uns Stresstests aus der Finanzwirtschaft zum Vorbild nehmen, dann sollten wir die akutelle Lage nutzen, um zu analysieren, wie sich unterschiedliche Belastungsszenarien auf unsere Betriebe auswirken – seien es extrem schwankende Märkte, Tierseuchen oder durch Extremwetterlagen bedingte Ertragsausfälle – und an welchen Stellschrauben wir drehen müssen, um unsere Betriebe so aufzustellen, dass sie diesen Belastungen in Zukunft standhalten,  Das ist zuallererst eine unternehmerische Aufgabe. Staatliche Beihilfen können zwar in akuten Krisen Erste Hilfe leisten: Sie ersetzen aber kein betriebliches Risikomanagement und keine unternehmerische Betriebsführung. 

 

Panorama-Aufnahme des Mittelrheins mit Niedrigwasser. ©Bundesanstalt für Wasserbau
Dürre, Hitze und Trockenheit führen im Sommer 2026 zu Ernteverlusten und Niedrigwasser auf wichtigen Wasserstraßen für die Transportlogistik. ©Bundesanstalt für Wasserbau

Stichwort Niedrigwasser auf den Flüssen und Störung von Lieferketten: Da kann selbst die beste Betriebsführung nicht helfen…

Das ist richtig: Politik und Verwaltung setzen Rahmenbedingungen und erfüllen damit ihren Teil der Aufgabe, damit landwirtschaftliche Betriebe effizient und nachhaltig wirtschaften können. Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter können aber die aktuelle Situation zum Anlass nehmen und sich mit Märkten und Vermarktung auseinandersetzen, Risikomanagement betreiben, indem sie diversifizieren in Hinblick auf Abnehmer und Vermarktungszeitpunkt oder den Einkauf von Betriebsmitteln weiter optimieren. Sie können die Daten ihrer Betriebe analysieren und schauen, wo sie zum Beispiel Dünger, Pflanzenschutz oder Kraftstoff sparen können – und welche Veränderungen in den Haltungskonzepten oder Anbauverfahren für das individuelle Unternehmen effizient sind. Bei der Datenanalyse kann KI, verbunden mit den passenden Prompts und einer gut aufbereiteten Datenbasis, sehr hilfreich sein. 

Ich würde gerne auf die Situation der Tierhalter eingehen. Berater sprechen von existenziellen Lagen, in denen sich einige schweinehaltende Betriebe befinden. Ursachen sind demnach niedrige Schlachtschweinepreise, verbunden mit teuren Futterzukäufen und einer unsicheren Absatzsituation, insbesondere für Fleisch höherer Haltungsformstufen. Tierseuchen wie die Afrikanische Schweinepest versperren zudem längerfristig den Absatz auf manchen Drittlandsmärkten…

Die Situation ist ungemein fordernd. Betriebsleiter sollten auch hier die aktuelle Stress-Situation nutzen, um Schwachstellen ihres Unternehmens zu identifizieren und langfristig wirksame Strategien entwickeln. Beim Thema Tierwohl sollten wir ehrlich analysieren, wie aufnahmefähig der Markt für Fleisch höherer Tierwohl-Stufen wirklich ist, zu welchem Engagement Verarbeiter und Handel bereit sind – und wie sehr Politik und Gesellschaft bereit sind, die wirtschaftliche Lücke zu schließen. Über den Markt sind die Mehrkosten aktuell und auch mittelfristig nicht zu erlösen. Das DLG-Leitbild der nachhaltigen Produktivitätssteigerung empfiehlt hier, die Haltungsformen zu identifizieren, bei der mehr Tierwohl und wirtschaftlicher Ertragszuwachs die größten Schnittmengen bilden. 
 

Wie können Landwirtinnen und Landwirte in der aktuellen Marktlage von einem Besuch der DLG-Unternehmertage 2026 profitieren?

Die DLG-Unternehmertage bieten Impulse, wie Praktikerinnen und Praktiker den aktuellen Stresstest durch die schwierige Marktlage proaktiv nutzen können, um ihre Betriebe zukunftsfähig aufzustellen. Wir analysieren gemeinsam mit Expertinnen und Experten die Marktlage und zeigen Handlungsoptionen für Ackerbaubetriebe, Tierhalter und Nachwuchskräfte auf – und beziehen auch die Lebensmittelwirtschaft in den Austausch ein. Unser Ziel ist, dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer Anregungen mitnimmt, in ihr Unternehmen zu investieren, neue Konzepte auszuprobieren und die Chancen, die KI bietet, informiert zu nutzen. Wir liefern keine fertigen Patentrezepte, die gibt es in einer vielfäligen Landwirtschaft wie der unsrigen nicht. Aber im Austausch von Marktteilnehmern schaffen wir hoffentlich ein Klima, das zu Mut und Unternehmertum inspiriert. 
 

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