Wachsende Branche, wachsender Bedarf
Gut ausgebildete Fachkräfte als Schlüssel zu einer tierwohlorientierten
und nachhaltigen Geflügelhaltung
Die Gefügelbranche wächst – und mit ihr der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal. Stefanie Kümmel, Fachlehrerin am Versuchs- und Bildungszentrum für Geflügelhaltung der Bayerischen Staatsgüter in Kitzingen, erläutert, welche Ausbildungswege es gibt, was die überbetriebliche Ausbildung leistet und wie Quereinsteiger den Einstieg in die Branche finden.
DLG: Frau Kümmel, Sie arbeiten am Versuchs- und Bildungszentrum für Geflügelhaltung in Kitzingen – zuletzt als Fachlehrerin. Was genau ist Ihre Aufgabe dort?
Stefanie Kümmel: Wir hier in Kitzingen haben die Aufgabe, die überbetriebliche Ausbildung für den Beruf der Tierwirtin bzw. des Tierwirts für Geflügelhaltung in Süddeutschland anzubieten – unter anderem für die Fachrichtung Geflügel. Wir sind also keine Berufsschule im klassischen Sinn, sondern wir übernehmen quasi den praktisch-theoretischen Teil der Ausbildung, der auf dem Ausbildungsbetrieb nicht abgedeckt werden kann.
Hier findet sich alles, was mit der Praxis zu tun hat: die Ställe, die Tiere, eine Brüterei, eine Schlachterei, einen Hofladen. All das gehört zum Bayerischen Staatsgut. Die Landesanstalt für Landwirtschaft, kurz LfL, ist quasi unser Dienstleistungsabnehmer: Sie organisiert die Forschung, wir führen den praktischen Teil durch, und die Auswertung der Daten geht dann wieder zurück an die LfL. Ähnlich läuft es in der Bildung: Die LfL ist als zuständige Stelle verantwortlich für die Organisation von Ausbildungsverhältnissen und der Zwischen- und Abschlussprüfung. Wir führen diese Prüfungen und die überbetriebliche Ausbildung durch.
Das klingt nach einem engen Miteinander. Wie muss man sich die Ausbildung der Lehrlinge konkret vorstellen?
Die Auszubildenden sind auf Praxisbetrieben und kommen in Wochenblöcken zu uns. Wir vervollständigen die Ausbildung quasi: Die Berufsschule ist rein theoretisch, der Praxisbetrieb ist rein praktisch – und wir füllen das Ganze noch einmal auf, denn der Beruf ist sehr vielseitig. Nicht jeder Betrieb hält alle Arten Geflügel und kann dem Azubi demnach auch nicht alles beibringen.
Deswegen sind wir diejenigen, die das Ganze vervollständigen. Bei uns kann man überbetriebliche Ausbildung im Bereich Legehennenhaltung machen, im Mastbereich, in der Direktvermarktung oder im Schlachten. Die überbetriebliche Ausbildung umfasst insgesamt fünf Module: Legehennenhaltung und Junghennenaufzucht, Mastgeflügel wie Puten, Hähnchen und Pekingenten, Produktveredelung und Vermarktung inklusive Schlachten und die Herstellung von Nudeln oder Eierlikör, Sonder- und Wassergeflügel sowie Zucht und Vermehrung, also Brütereien und Elterntierhaltung.
Für wen ist dieses Angebot zugänglich – nur für bayerische Azubis?
Nein, wir bieten das für ganz Deutschland an. Erfahrungsgemäß kommen die meisten Auszubildenden aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.
Wir arbeiten mit Lebewesen – und dementsprechend muss das Personal im Stall einfach eine fundierte Ausbildung haben. Um ein optimales Ergebnis zu erzielen und dabei das maximale Tierwohl zu erreichen, ist fachkundig zu sein unerlässlich.
Zur Person:
Stefanie Kümmel ist Fachlehrerin am Versuchs- und Bildungszentrum für Geflügelhaltung der Bayerischen Staatsgüter in Kitzingen.
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Verantwortung übernehmen. Zukunft gestalten. Fachkompetenz ausbauen. Betriebe strategisch weiterentwickeln. Zukunft sichern.
Die Geflügelhaltung steht heute vor vielfältigen Herausforderungen: steigende Anforderungen an Tierwohl und Umweltstandards, volatile Märkte, technische Innovationen und zunehmender Wettbewerbsdruck. Wer einen Betrieb erfolgreich führen oder übernehmen möchte, braucht weit mehr als praktisches Können. Gefragt sind unternehmerisches Denken, fundiertes Fachwissen und Führungskompetenz.
Die Meisterfortbildung in der Fachrichtung Geflügelhaltung bietet dafür die ideale Grundlage. Sie ist bundesweit durch die Verordnung über die Meisterprüfung zum anerkannten Fortbildungsabschluss Tierwirtschaftsmeisterin / Tierwirtschaftsmeister geregelt und richtet sich an engagierte Fachkräfte, die Verantwortung übernehmen und ihren Betrieb zukunftssicher aufstellen möchten.
Welchen Stellenwert haben qualifizierte Fachkräfte in der Geflügelbranche?
Einen sehr hohen. Wir arbeiten mit Lebewesen, und dementsprechend müssen sowohl das Personal im Stall als auch die Betriebsleiterin bzw. Betriebsleiter eine fundierte Ausbildung haben. Sie oder er muss wissen, was bei auftretenden Problemen zu tun ist und diese schon an den kleinsten Hinweisen erkennen können, muss fachkundig und sachkundig sein, um ein optimales Ergebnis zu erzielen und dabei das maximale Tierwohl zu erreichen.
Die Geflügelbranche wächst weltweit, aber das Tierwohl hat nirgendwo einen so hohen Stellenwert wie in Deutschland. Dafür muss eine Tierbetreuerin oder ein Tierbetreuer natürlich wissen: Was ist Tierwohl? Was brauchen die Tiere? Und wie erfülle ich ihre Bedürfnisse? Wichtig ist dabei auch das Thema Nachhaltigkeit und das Verständnis dafür, wie ich im Einklang mit meiner Umwelt arbeite. Das reicht von der Gülleausbringung auf dem Feld bis hin zu einer längeren Nutzungsdauer der Legehenne.
Was umfasst die Ausbildung zum Tierwirt Fachrichtung Geflügelhaltung genau?
Der Beruf ist unheimlich vielschichtig. Eine Tierwirtin bzw. ein Tierwirt kann am Ende nicht nur in der Legehennenhaltung arbeiten, sondern ebenso auf Mastbetrieben – sowohl Pute als auch Hähnchen –, mit Wassergeflügel, in der Junghennenaufzucht, in Brütereien oder Schlachtereien. Die Ausbildung geht insgesamt drei Jahre. In Süddeutschland ist das erste Jahr ein Berufsgrundschuljahr, also rein schulisch, in dem auch allgemeine Landwirtschaftsthemen wie Ackerbau behandelt werden.
In den folgenden Praxisjahren haben die Lehrlinge die Möglichkeit, jedes Jahr auf einen anderen Betrieb zu gehen und so alle Themen abzudecken. Wenn das aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist, gibt es die Verbundausbildung: Der Azubi wird auf einen anderen Betrieb abgestellt, der die fehlenden Bereiche abdecken kann – vergleichbar mit einem Praktikum. Ergänzend dazu kommt unsere überbetriebliche Ausbildung.
In der Berufsschule kommen Lehrlinge zu uns und haben noch kein einziges Wort über die Legehenne gehört. Das Geflügel wird immer noch als eine Art Splitterberuf gesehen – und das muss sich ändern.
Wie unterscheidet sich das vom Ausbildungsweg zur Landwirtin mit Spezialisierung Geflügel?
Wir haben in unseren überbetrieblichen Ausbildungen immer mehr Landwirtinnen und Landwirte, die sich auf Geflügel spezialisieren wollen. Jedoch geht das vermittelte Wissen hier nicht so tief wie beim Tierwirt mit der Fachrichtung Geflügelhaltung. Als Landwirtin hat man immer auch den Ackerbau im Hintergrund, und man kann aus zwei tierischen Schwerpunkten wählen – häufig wird dann zum Beispiel Schwein und Hähnchenmast oder Milchvieh und Legehenne kombiniert.
Der Tierwirt dagegen ist wesentlich spezialisierter auf alle Geflügelarten. In der Berufsschule findet das Geflügel in den Lehrplänen für Landwirtinnen und Landwirte bisher nur sehr wenig bis keine Beachtung. Das finde ich sehr schade – zumal die Geflügelbranche wächst und immer mehr Betriebe beispielsweise aus der Milchviehhaltung oder Schweinemast aus- und auf Geflügel umsteigen. Ich würde mir wünschen, dass dieser Schwerpunkt nicht nur wählbar ist, sondern auch in der Berufsschule berücksichtigt wird.
Früher war es anscheinend sogar schwierig, Geflügel überhaupt als Prüfungsschwerpunkt zu wählen?
Ja, das stimmt. In Bayern ist es früher oft so gelaufen, dass Ausbildungsberaterinnen und -berater das Thema Geflügel zwar für die praktische Ausbildung zugelassen, aber als Schwerpunkt für die Abschlussprüfung ausgeschlossen haben. Das hatte einfach den Hintergrund, dass Beraterinnen und Berater selbst wenig Kenntnis davon hatten und auch im Prüfungsausschuss häufig niemand saß, der sich im Geflügelbereich auskannte.
Das ändern wir jetzt für Bayern und Baden-Württemberg – mit viel Erfolg! Die Ausbildungsberaterinnen und -berater können interessierte Azubis zu uns zur praktischen Abschlussprüfung schicken. Dieses Jahr hatten wir allein in Kitzingen zehn Auszubildende der Landwirtschaft, die wirklich praktisch in dem Bereich geprüft wurden. Früher waren das mal zwei oder drei. Der Stellenwert hat sich also bereits jetzt deutlich verändert.
Was gibt es über die Ausbildung hinaus an Weiterbildungsmöglichkeiten?
Die wichtigste Möglichkeit ist die Fortbildung zum Tierwirtschaftsmeister bzw. -meisterin mit Fachrichtung Geflügelhaltung. Dafür sind zwei Jahre Berufspraxis erforderlich – wer eine Landwirtslehre gemacht hat, braucht etwas mehr, weil die Ausbildung nicht so spezialisiert ist.
Auch über den Quereinstieg kann man diesen Weg gehen, wenn man eine entsprechende Berufserfahrung mitbringt – in diesem Fall wären das mindestens fünf Jahre. Dann kann man den Antrag auf Zulassung zur Abschlussprüfung stellen. Diese Fortbildung gibt es übrigens ausschließlich hier in Kitzingen. Sie dauert regulär anderthalb Jahre, ist aber keine Vollzeitschule – man kommt in Blöcken von zwei bis drei Wochen, insgesamt acht Mal. Parallel dazu schreibt man auf dem Heimatbetrieb die Meisterarbeit, das läuft über etwa ein Jahr.
Kann der Tierwirtschaftsmeister auch als Sprungbrett dienen?
Ja, das ist ein wichtiger Aspekt. Mit dem Tierwirtschaftsmeister kann man an verschiedenen Fachhochschulen studieren und die Fachhochschulreife erlangen. Ich habe selbst mit einer Ausbildung gestartet, bin dann ins Fachabitur gegangen und dann ins Studium. Durch die Ausbildung konnte ich sowohl im Fachabitur als auch im Studium jeweils ein Jahr verkürzen – das sind zwei Jahre, die ich mir auf dem weiteren Bildungsweg gespart habe. Und ich habe natürlich auch ganz viel Wissen aus der Ausbildung mitgenommen.
Es muss eine ganze Menge Leidenschaft dahinter sein – für das Tier und für die Natur. Und mittlerweile braucht man auch eine Affinität für Technik: Wir arbeiten mit KI, es wird immer mehr digitalisiert. Das ersetzt nicht das Auge des Meisters – aber es erleichtert den Alltag.
Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, wenn man in die Geflügelbranche einsteigen möchte?
Ganz wichtig ist ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein – wir arbeiten mit Tieren, mit Lebewesen, das ist ein zentrales Thema. Ich persönlich halte es für wichtig, eine ganze Menge Leidenschaft mitzubringen, für das Tier und für die Natur.
Eine gewisse Affinität für Technik ist ebenfalls nützlich: Auch in unserer Branche wird immer mehr digitalisiert und auch die KI hat Einzug in den Geflügelstall gefunden. Das ersetzt natürlich nicht das Auge des Betriebsleiters oder der betreuenden Person, und das Fachwissen schon gar nicht. Aber es erleichtert uns den Alltag in vielen Fällen und ist deshalb ein wichtiges Thema.
Was wünschen Sie sich grundsätzlich für die Zukunft der Geflügelbranche in der Ausbildungslandschaft?
Mir ist es wichtig, dass das Geflügel aufhört, als eine Art Splitterberuf gesehen zu werden. Es ist ein vielseitiger, anspruchsvoller und zukunftsrelevanter Beruf. Die Branche wächst, das Tierwohl hat in Deutschland einen einzigartigen Stellenwert – und das verdient auch im Bildungssystem mehr Sichtbarkeit und Anerkennung.
DLG-Merkblätter zum kostenfreien Download
Die Merkblätter 508: Bildungswege in der deutschen Geflügelbranche - Teil 1: Duale Berufsausbildung, Meisterfortbildung und Studium sowie 509: Bildungswege in der deutschen Geflügelbranche - Teil 2: Sachkundekurse und weiterführende Qualifizierungsangebote stehen für alle Interessierten zum kostenfreien Download bereit.