Effizienz ohne Nebenwirkung
DAF-Jahrestagung 2026: Systemische Weiterentwicklung von Landwirtschaft und Ernährung
Die deutsche Landwirtschaft ist effizient und stark spezialisiert. Was in vielen Punkten sehr vorteilhaft ist, macht sie in anderen Punkten jedoch auch verwundbar. Wie sich Anbau- und Tierhaltungssysteme krisenfest weiterentwickeln lassen, war das Leitthema der Jahrestagung 2026 des Dachverbands wissenschaftlicher Gesellschaften der Agrar-, Forst-, Ernährungs-, Veterinär- und Umweltforschung e. V. (DAF) mit dem Titel „Systemische Weiterentwicklung von Landwirtschaft und Ernährung“. Die Tagung fand am 23. Oktober 2026 in der Landesvertretung Hessen beim Bund in Berlin statt. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) hat als Geschäftsstelle des DAF die Tagung veranstaltet.
Die fein ausdifferenzierte Spezialisierung in der deutschen Land- und Lebensmittelwirtschaft sichert auf der einen Seite hohe Erträge und Selbstversorgungsgrade bei Grundnahrungsmitteln. Sie macht die Betriebe aber auf der anderen Seite weniger flexibel bei beispielsweise der Anpassung an veränderte Klimabedingungen und bei Maßnahmen zur Stärkung der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft.
Warum ein systemischer Umbau nötig ist, erläuterte direkt zu Beginn der DAF-Tagung Jens Dauber vom Thünen-Institut für Biodiversität. Die Landwirtschaft habe zwar mit stetigen Produktionssteigerungen eine wachsende Bevölkerung ernährt und deren Versorgung mit Nahrungsmitteln immer verlässlicher und günstiger gemacht. Heute stecke sie jedoch in einer Krise, da ihre Wirtschaftsweise weder ökologisch noch ökonomisch und sozial zukunftsfähig sei. Sie könne zunehmend nicht mehr innerhalb der Belastungsgrenzen natürlicher Ressourcen wirtschaften, sodass ein unverändertes Weitermachen ausscheide.
Daubers Antwort, um dieses Spannungsfeld aufzulösen, ist der Nexus-Ansatz: Er betrachtet die Wechselbeziehungen zwischen Systemen wie Wasserversorgung, Produktion von Nahrung, Biodiversität und menschlicher Gesundheit. Auf diese Weise sollen Zielkonflikte vermieden werden. Dem gegenüber stehen Silo-Ansätze, die Probleme in der Agrar- und Ernährungswirtschaft isoliert und ohne Berücksichtigung von Wechselwirkungen angehen. Als Instrument zur Umsetzung des Nexus-Ansatzes dienen sogenannte Living Labs, in denen Landwirtinnen und Landwirte, Forschende und weitere Akteure neue Praktiken gemeinsam entwickeln und unter realen Arbeitsbedingungen überprüfen.
Wie hoch der Anpassungsbedarf für das System Landwirtschaft und Ernährung ist, zeigt der Blick in den Boden: Dr. Ralf Kiese vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berichtete, dass 62 Prozent der Böden in der EU als degradiert gelten. Zu den wichtigsten Beeinträchtigungen zählen demnach der Verlust biologischer Vielfalt im Boden, Wassererosion, der Rückgang organischen Kohlenstoffs und Stickstoffüberschüsse. Zugleich verläuft als Folge des Klimawandels der Niederschlag sehr unregelmäßig, die Niederschlagsintensität nimmt zu: Die Hälfte der vergangenen 30 Jahre war zu trocken, die andere Hälfte nasser als normal.
Hebel 1: Vielfalt in der Fruchtfolge und tiefe Wurzeln als Wasserspeicher
Ein Lösungsansatz oder auch Hebel, um auf der einen Seite die natürlichen Produktionsgrundlagen und auf der anderen Seite mit ihnen ein hohes Ertragsniveau zu sichern, besteht in der Integration mehrjähriger Kulturen. Prof. Dr. Miriam Athmann vom Fachgebiet Ökologischer Land- und Pflanzenbau der Universität Kassel zeigt, wie die Einbindung von Kleegras, Luzerne oder Wegwarte in die Fruchtfolge die Bodenstruktur positiv verändern. Tiefwurzelnde Pflanzen bilden Bioporen, also feine Kanäle im Unterboden. Untersuchungen zufolge erhöht der mehrjährige Anbau von Pfahlwurzelpflanzen die Dichte großlumiger Bioporen (über 2 Millimeter Durchmesser) im Unterboden um rund 20 Prozent. Folgekulturen wie Wintergerste nutzen diese Wege in den Unterboden, wo auch in Trockenjahren noch Wasser verfügbar ist. Der Nutzen zeigt sich vor allem bei Wassermangel: Nachweislich positive Ertragswirkungen der Vorfrüchte treten besonders bei negativer klimatischer Wasserbilanz auf.
In der Praxis bremst die mangelnde wirtschaftliche Tragfähigkeit solcher Ansätze deren weitere Verbreitung aus, wie aus den Ausführungen deutlich wurde. Leguminosen-Gras-Gemenge lassen sich oft schwer wirtschaftlich verwerten, bei mehrjährigen Getreiden und Arzneipflanzen fehlen teils leistungsfähige Sorten, und Arznei- und Gewürzpflanzen sind schwer zu vermarkten. Als Lösungsansätze nennt Athmann unter anderem die Pflanze-Tier-Integration, betrieblich oder überbetrieblich. Darunter versteht die Wissenschaftlerin die systemische Integration der betrieblichen Tierhaltung mit dem Anbau der für die Fütterung erforderlichen Nutzpflanzen.
Hebel 2: Resilienz messen und züchten
Eine weitere Herausforderung ist der Krankheits- und Infektionsdruck von Pflanzen und Tierbeständen. Bedingt durch Klimafolgen breiten sich verschiedene Schaderreger in für sie neuen Regionen aus. Ein Beispiel aus dem Bereich Ackerkulturen ist die Schilfglasflügel-Zikade, die sich als Vektor für den Krankheitskomplex SBR und Stolbur bei Zuckerrüben und Kartoffeln zunehmend in Nordwesteuropa ausbreitet. Auch in Nutztierbeständen bleibt das Infektionsrisiko hoch, etwa bei der Rindertuberkulose.
Resilienz von Pflanzen und Tieren gegenüber Krankheitsdruck wiederum setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Resistenz verhindert oder reduziert eine Infektion, Toleranz erlaubt es Tier oder Pflanze, trotz Belastung weitgehend leistungsfähig zu bleiben. Prof. Dr. Christine Große-Brinkhaus und Prof. Dr. Stefan Scholten von der Universität Göttingen gingen in ihrem gemeinsamen Vortrag darauf ein, wie schwierig es ist, Resilienz in lebenden Organismen zu messen. Resilienz wird demnach meist in aufwendigen „Challenge“-Tests erfasst, etwa mit Infektionsversuchen oder unter wechselnden Standortbedingungen.
Die Erfolge der Züchtung auf mehr Resilienz sind dennoch sichtbar. Bei Schafen gibt es Rassen, die gegen den Gedrehten Magenwurm widerstandsfähiger sind und weniger Wurmeier ausscheiden. Bei Schweinen wird ein Genort (CD163) mit Einfluss auf das Reproduktions- und Respiratorische Syndrom PRRS untersucht. Ein Beispiel für Zielkonflikte liefert dagegen die Hitzetoleranz beim Milchrind: Kühe mit dem sogenannten SLICK-Allel schwitzen zwar weniger, geben bei Hitze mehr Milch und haben eine bessere Reproduktionsleistung. Ihre Kälber reagierten jedoch empfindlicher auf Kälte. Die Forschenden warnen deshalb, dass eine einseitige Selektion auf Leistung Gesundheit und Resilienz beeinträchtigen kann. Zuchtziele müssen daher Leistungs- und funktionale Merkmale ausbalancieren.
Hebel 3: Tierwohl vom Tier her denken
Einen anderen Ausgangspunkt wählt Prof. Dr. Birger Puppe vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf: das Tier selbst. Tierhaltung sollte nicht nur Belastungen vermeiden, sondern Tieren auch positive Erfahrungen und Handlungsspielräume eröffnen. Tierwohl umfasst dabei Gesundheit, Verhalten und das Erleben des Tieres. Wie sich dieses Erleben messen lässt, zeigt ein Beispiel aus der Bioakustik: Bei 7.414 Lauten von 411 Schweinen ordneten Forschende die emotionale Bewertung der jeweiligen Situation in 91,5 Prozent der Fälle richtig zu. Lautäußerungen aus Sozialkontakt oder Futterbelohnung ließen sich von solchen aus Isolation oder Kampfsituationen unterscheiden.
Wie Handlungsspielräume konkret aussehen können, zeigt die sogenannte Kuhtoilette: Von 16 Kälbern lernten 11, die Latrine gezielt aufzusuchen und dort zu urinieren. Das hat Potenzial, Ammoniak- und Lachgasemissionen zu mindern und die Stallhygiene zu verbessern. Auswirkungen auf Gesundheit und Tierwohl müssen unter Praxisbedingungen noch geprüft werden.
Der gesellschaftliche Druck für mehr Tierwohl wächst, wie der Experte unter Bezug auf Umfragen unter anderem des Bundeslandwirtschaftsministeriums feststellte: 60 bis 71 Prozent der Befragten halten die konventionelle Haltung demnach für verbesserungswürdig. Gleichzeitig sank der Pro-Kopf-Fleischverzehr zwischen 2011 und 2025 von 63,8 auf 54,9 Kilogramm, ein Rückgang um 14 Prozent. Puppe folgert, dass Tierwohl von Beginn an als Konstruktionskriterium neuer Haltungssysteme dienen sollte und nicht erst als nachträgliche Kontrolle. Die praktische Umsetzung bleibe jedoch eine Systemaufgabe, bei der Politik, Betriebe, Markt und Gesellschaft verbindliche Zielniveaus aushandeln müssen.
Hebel 4: Technik, die Systeme verändert
Prof. Dr. Anna Cord von der Universität Bonn ging in ihrem Vortrag auf die Rolle ein, die technische Innovation bei der Optimierung des Agrarsystems spielen kann. Sie zeichnete die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte als Anpassung der Agrarsysteme an die verfügbare Technik nach.
Künftig, so Cords These, sollten technologische Innovation und übergeordnete Entwicklungsziele, wie etwa jenes einer nachhaltigen Produktivitätssteigerung, besser miteinander verzahnt werden: Technik solle neue, nachhaltigere Anbausysteme ermöglichen und entsprechend dem übergeordneten Ziel der Anpassung des Systems an Herausforderungen wie beispielsweise der Klimafolgenanpassung dienen. Was vermieden werden sollte: Technischer Fortschritt selbst sollte keine umfänglichen Anpassungen an seine unerwünschten Nebenwirkungen erforderlich machen.
Drei Beispiele aus der gegenwärtigen Innovation machen aus ihrer Sicht anschaulich, wie gelungene, an Systembedürfnisse und -ziele angepasste technologische Innovation funktionieren kann:
Ein Feldroboter entscheidet in Echtzeit und einzelpflanzengenau, ob eine Pflanze zur gewünschten Kultur eines Schlags gehört oder Unkraut ist, bestimmt die Unkrautart und entscheidet dann, ob er sie entfernt. So kann Unkraut gezielt bekämpft werden, statt dass eine großflächige und pauschale Behandlung gesamter Flächen mit Pflanzenschutz erforderlich wird. In einem zweiten und ähnlich gelagerten Beispiel aus dem Vortrag der Expertin erfassen mit Kameras und KI-Modellen ausgestattete Drohnen Ackerwildkräuter in Wintergerste –mit dem Ziel präziser Bestandserfassung. Untersucht wurden 21 Arten von Ackerwildkräutern, verglichen wurden Flughöhen von 10, 20 und 40 Metern.
Als drittes Beispiel nannte die Bonner Professorin die Lokalisierung von Agrarvögeln mit Passivem Akustischen Monitoring, unterstützt durch automatisierte Auswertung der Aufzeichnungen. Sie nahm Bezug auf einen Versuch, in dem Aufnahmegeräte im Raster von 24 Hektar den Gesang von Agrarvögeln aufzeichneten. Die automatische Auswertung der Gesänge verhalf zu einem besseren Verständnis, zu welchen Tages- und Jahreszeiten unterschiedliche Vogelarten den Raum der Äcker nutzen. Dieses Wissen wiederum kann mit dem Management von Bewirtschaftungsmaßnahmen verzahnt werden, um Biodiversitätserhalt und landwirtschaftliche Produktion bestmöglich aufeinander abzustimmen.
Hebel 5: Ökonomie als Prüfinstanz für Politik
Prof. Dr. Uwe Latacz-Lohmann vom Institut für Agrarökonomie der Universität Kiel ordnet die Rolle der Ökonomie für die systemische Weiterentwicklung des Agrar- und Ernährungssystems in drei Phasen ein. Vor der Einführung einer Politik zur Erreichung bestimmter Agrarumwelt- oder Produktionsziele bewerten Modelle die zu erwartenden Folgen eben dieser Politik. Danach prüfen Evaluierungen, ob eine eingeführte Maßnahme tatsächlich wirkt. Begleitend fragt die Ökonomie, ob Ziele auch effizient erreicht werden oder ob es günstigere Wege gibt. Auch die Frage, ob sich eine Maßnahme aus einem anderen Land auf die Anforderungen in Deutschland übertragen lässt, lässt sich nach diesem Dreischritt vorab klären. Sein Fazit: Entscheidend ist die Fähigkeit zur Systembetrachtung.
Systemisch heißt: regional denken und Zielkonflikte benennen
Systemische Ansätze erfolgreich anwenden heißt auch, regionale Voraussetzungen zu beachten und nicht nur Durchschnittswerte zu modellieren. Das zeigt ein Beispiel aus dem Vortrag von Dr. Ralf Kiese. Seinen Ausführungen nach lassen sich im Voralpenraum Ertragseinbußen im Grünland durch den Übergang von drei auf vier Schnitte auffangen, solange der Mooranteil unter 20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebsfläche liegt. Bei größeren Anteilen braucht es einen regionalen Lösungsansatz. Kiese weist außerdem darauf hin, dass Klimaszenarien Häufigkeit und Intensität von Trockenperioden der vergangenen zehn Jahre bisher nur unzureichend abbilden, da sie häufig anhand von Durchschnittswerten berechnet werden. Resiliente Systeme müssen aber auch auf Extreme ausgelegt werden. Sein Vorschlag, Modelle, Monitoring und Reallabore zu verbinden, in denen Praxis und Forschung Fragestellungen und Maßnahmen gemeinsam entwickeln.
Über den DAF
Der DAF e.V. ist ein interdisziplinärer Verband führender wissenschaftlicher Gesellschaften auf den Sektoren Agrar-, Forst-, Ernährungs-, Veterinär- und Umweltforschung. Er wurde 1973 zur Fortführung von Aufgaben des ehemaligen „Forschungsrates“ gegründet. Die primären Ziele des DAF e.V. liegen auf den Gebieten des interdisziplinären Informations- und Meinungsaustausches. Dabei bearbeitet der DAF wissenschaftliche Fachthemen ebenso, wie übergreifende Fragen der Strukturen der Agrarforschung im nationalen und internationalen Zusammenhang. Mit seinen Informationen richtet er sich an seine Mitglieder, die wissenschaftliche Gemeinschaft, die Politik und die interessierte Öffentlichkeit. Mit der Geschäftsführung des DAF ist die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) beauftragt.
Die Resilienz von Agrar- und Ernährungssystemen wird zudem aktuell vor dem Kontext der Ernährungssicherung bewertet. Ernährungssicherung ist dabei eine Frage nationaler Sicherheit. Das machte Prof. Dr. Peter H. Feindt von der Humboldt-Universität zu Berlin deutlich, der die Versorgung mit Lebensmitteln in den Rahmen der Nationalen Sicherheitsstrategie einordnete. Die Unabhängigkeit in der Versorgung spielt dabei eine zentrale Rolle. Abhängigkeiten bestehen etwa bei Mineraldüngern, Energie und Agrartechnik, zu der auch KI, Halbleiter und GPS-Systeme zählen. Als Ziel der Strategie nennt er, dass lokale und regionale Agrar- und Ernährungssysteme unabhängiger von globalen Krisen werden und durch bessere Klimaanpassung stärker zur Versorgung der Bevölkerung beitragen.
Resilienz bedeutet: Fähigkeit zur Anpassung
Systemische Weiterentwicklung heißt, Landwirtschaft und Ernährung nicht Betrieb für Betrieb oder Stufe für Stufe zu optimieren, sondern als Ganzes. Fruchtfolgen, Zuchtziele, Tierhaltung, digitale Technik und politische Instrumente müssen zusammen gedacht werden, mit Blick auf die Region, auf Extremereignisse und auf die Frage, wie Zielkonflikte zwischen Ertrag, Tierwohl, Klima- und Biodiversitätsschutz ausgetragen werden.
Die Vorträge auf der DAF-Jahrestagung zeigten an vielen Beispielen, dass dieser Ansatz wirken kann. Wo er an Grenzen stößt, liegt es oft an fehlender Wirtschaftlichkeit, schwer messbaren Ergebnissen oder Abhängigkeiten, die sich nicht kurzfristig auflösen lassen. Resilienz entsteht dabei weniger aus Höchstleistung unter Idealbedingungen als aus Puffern, Vielfalt und der Fähigkeit zur Anpassung. Diese Eigenschaften zum Ziel der Weiterentwicklung zu machen, ist die eigentliche Aufgabe von Forschung, Praxis und Politik.
Text: Stefanie Pionke / DLG-Newsroom