Vom Ist-Zustand zu durchgängigen digitalen Datenflüssen – der CO₂-Fußabdruck in der Fleischproduktion

Vorab-Interview zur EuroTier-Podiumsdiskussion zum Forschungs- und Transferprojekt „SustainChain“.

Benjamin Weinert moderiert am Mittwoch, den 11. November, auf der EuroTier 2026 den Vortrag  „Vom Ist-Zustand zu durchgängigen digitalen Datenflüssen – der CO₂-Fußabdruck in der Fleischproduktion“ auf der DLG-Expert Stage: Intelligence in animal farming. Hierbei geht es u.a. um das Forschungs- und Transferprojekt „SustainChain“. 

DLG: Herr Weinert, worum geht es in diesem Projekt und welches Ziel verfolgt dieses?

Weinert: Mit dem DBU-geförderten Projekt SustainChain wollen wir kleine und mittlere Unternehmen in der Agrar- und Ernährungsindustrie bei den anstehenden Digitalisierungsaufgaben unterstützen. Dazu schauen wir uns am Beispiel von Nachhaltigkeitskennzahlen an, wo es beim digitalen Datenaustausch zwischen Unternehmen derzeit hakt. Anschließend betrachten wir, welche digitalen Lösungen in nächster Zeit relevant werden und was das für Handwerk und Landwirtschaft konkret bedeutet. Die europäischen Datenrauminitiativen sind dabei ein guter Ansatz, damit Daten sicher und souverän ausgetauscht werden können. Gleichzeitig sollten die Menschen in der Agrar- und Ernährungsindustrie wissen, was das für ihren Alltag bedeutet. Genau hier setzt SustainChain an.

Warum sind durchgängige digitale Datenflüsse für Nachhaltigkeitsnachweise und CO₂-Bilanzen in der Fleischwertschöpfungskette heute so wichtig?

Durchgängige digitale Datenflüsse sind heute wichtig, weil Nachhaltigkeits- und CO₂-Nachweise längst nicht mehr nur große Unternehmen betreffen, sondern entlang der gesamten Lieferkette eingefordert werden. Der Druck, belastbare Daten bereitzustellen, wird weitergegeben, bis in die Landwirtschaft. Das kann auch Betriebe treffen, die selbst eigentlich gar nicht berichtspflichtig sind. Im Fleischbereich müssen Daten zu Futtermitteln, Tierhaltung, Verarbeitung und Transport zusammengeführt werden. Wenn das über Fragebögen und manuell zusammengeführte Excel-Tabellen läuft, entsteht viel Aufwand. Datenraumstrukturen ermöglichen einen sicheren, direkten Austausch ohne Medienbrüche und mit klarer Kontrolle darüber, wer welche Daten nutzt.

Das Bild zeigt einen weißen Mann mit braunen Haaren und einem hellblauen Hemd.
Foto: privat

Zur Person:

Prof. Dr.-Ing. Benjamin Weinert ist Professor für Wirtschaftsinformatik, insbesondere IT-Unternehmensarchitekturen, an der Hochschule Osnabrück (Campus Lingen). Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Smart Farming, digitale Datenräume und Interoperabilität entlang der agrarischen Wertschöpfungskette. Zuvor war er unter anderem bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) sowie in der Landmaschinenindustrie tätig.

Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen beim Austausch von Nachhaltigkeits- und CO₂-Daten entlang der Wertschöpfungskette?

Die größten Herausforderungen beginnen damit, dass die Betriebe entlang der Wertschöpfungskette mit ganz unterschiedlichen technischen Systemen arbeiten. Oft sind Daten zwar vorhanden, können aber im nächsten Betrieb nicht direkt genutzt werden und müssen erneut abgefragt oder manuell übertragen werden. Zusätzlich braucht es ein gemeinsames Verständnis, was ein CO₂-Wert genau aussagt und auf welcher Berechnungsgrundlage er beruht. Gerade für kleinere Betriebe sind außerdem Zeit, Personal und Klarheit darüber entscheidend, welche Daten überhaupt gebraucht werden und welchen Nutzen sie davon haben. 

Welche konkreten Folgen haben Medienbrüche, parallele Insellösungen und mehrfache Dateneingaben für Betriebe und Unternehmen?

In der heutigen Zeit müssen wir uns eine Warenlieferung mit zwei Seiten vorstellen: Einmal wird die eigentliche Ware weitergegeben, also das landwirtschaftliche Produkt. Und parallel dazu müssen die zugehörigen Informationen mitwandern. Beides muss zusammenpassen. Bei Medienbrüchen und Insellösungen kommt die Ware beim nächsten Betrieb an, die Information dazu aber möglicherweise unvollständig oder in einer nicht nutzbaren Form. Dann muss nachgefragt, erneut eingegeben oder neu berechnet werden. Dadurch wird es aufwendig, die Nachhaltigkeit des Produkts entlang der gesamten Kette nachzuweisen. Gerade für kleine Betriebe kann dieser zusätzliche Aufwand zum Wettbewerbsnachteil werden.

Das Bild zeigt das Modell eines Schweins das in die Kamera schaut. Im Hintergrund sieht man verschwommen einen Mann im Anzug
Foto: DLG

Welchen Nutzen können landwirtschaftliche Betriebe, Verarbeitungsunternehmen und insbesondere KMU aus einem sicheren und durchgängigen Datenaustausch ziehen und was kann es bedeuten, wenn dieser Austausch nicht gelingt?

Wir müssen Informationen hier auch als Ware verstehen. Wenn mein Abnehmer neben dem Fleisch bestimmte Nachhaltigkeits- oder CO2-Daten verlangt, gehören diese Informationen zu dem, was ich liefern muss. Je einfacher und sicherer ich das machen kann, desto besser für mich. Gerade für kleine Betriebe ist es deshalb ein Vorteil, vorhandene Daten direkt weitergeben zu können. Der nächste Akteur kann sie dann für seine eigenen Nachweise und Kundenanforderungen weiterverwenden.

Gelingt das nicht, wird die Bereitstellung der Informationen aufwendig und teuer. Im ungünstigsten Fall kann ich die Anforderungen meines Abnehmers nicht erfüllen, obwohl meine eigentliche Ware einwandfrei ist. Damit wird die Fähigkeit, passende Informationen mitzuliefern, selbst zu einem Wettbewerbsfaktor.

Welche Fragen und möglichen Lösungsansätze stehen bei der Podiumsdiskussion auf der EuroTier im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir vom heutigen „halbdigitalen“ Zustand zu einem Datenaustausch kommen, der im Alltag der Betriebe funktioniert. Dazu bringen wir Erkenntnisse aus unseren Praxisinterviews mit und diskutieren mit den Podiumsgästen, welche Daten bereits erhoben werden, wer sie im weiteren Verlauf der Wertschöpfungskette braucht und wo Informationen heute mehrfach eingegeben werden. 

Mir ist dabei auch wichtig, dass wir zum Ende der Diskussion gemeinsam erste Schritte aufzeigen, die für die Betriebe sinnvoll sind. Ein Betrieb kann zum Beispiel zunächst klären, welche Daten seine Abnehmer benötigen, welche davon bereits vorhanden sind und wie sie heute weitergegeben werden. 

Die Teilnehmenden sollen eine Vorstellung davon mitnehmen, wo sie im eigenen Betrieb anfangen können.

Auf der EuroTier gibt es zahlreiche Vorträge und Podiumsdiskussionen. Warum lohnt sich der Besuch gerade bei Ihrem Vortrag?

Weil wir mit den Akteuren der Wertschöpfungskette auf Augenhöhe ins Gespräch kommen wollen. Wir bringen das technische Know-how mit, die Akteure ihr fachliches Wissen und ihre Erfahrungen aus dem Betriebsalltag. Damit wir unseren Job machen und sinnvoll unterstützen können, müssen wir verstehen, wie der fachliche Hase läuft: welche Abläufe dahinterstecken, welche Informationen gebraucht werden und was im Alltag überhaupt machbar ist. Genau diese Perspektiven wollen wir auf dem Podium zusammenbringen. Wer dabei ist, kann eigene Erfahrungen einbringen und gemeinsam mit uns überlegen, wie praktikable nächste Schritte aussehen können.

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