Wertschöpfungskette Schweinefleisch: 
Wie viel Strukturwandel verträgt Deutschland? 

Schlachtunternehmen schließen, Ferkelerzeuger sind mit zunehmenden Auflagen im Stallbau konfrontiert, der Umbau zu höheren Haltungsformen gerät ins Stocken, während Wursthersteller in die Insolvenz geraten oder von Investorengruppen übernommen werden. Der Strukturwandel in der Wertschöpfungskette Schweinefleisch hat viele Facetten. Im Rahmen der DLG-Wintertagung in Hannover wird Dr. Jörg Bauer, Vorsitzender des DLG-Ausschusses Schwein und Berater beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, das Impulsforum „Wertschöpfungskette Schweinefleisch: Wieviel Strukturwandel verträgt Deutschland?“ moderieren. In seinem Gastkommentar gibt er einen Überblick, wo die wesentlichen Knackpunkte in Bezug auf Deutschland als Produktionsstandort für Schweinefleisch liegen.

Einleitend soll gesagt sein: Jede Kette reißt am schwächsten Glied. Betrachtet man die Wertschöpfungskette Schweinefleisch von der Schweinehaltung über die Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel (LEH), stehen aktuell die nachfolgenden Punkte zur Diskussion.

Schweinehaltung im Umbruch

Die Schweinehaltung sollte sich aktuell in einem Transformationsprozess hin zu höheren Haltungsstufen befinden: Der LEH hatte mit der Auslobung der Haltungsformkennzeichnung den Weg vorgegeben. Das staatliche Tierhaltungskennzeichnungsgesetz beschreibt mit den insgesamt 5 Haltungsstufen diese Transformation. Gleichzeitig sollen Förderprogramme die passenden Anreize für die Landwirte darstellen, um den Umbau voranzubringen. Bedingt durch sehr hohe gesetzliche und bürokratische Hürden beim Stallbau, durch das vorzeitige Ende des Förderprogramms (Bundesprogramm Umbau der Tierhaltung, kurz BUT) sowie durch immer höhere Baukosten kommt der Transformationsmotor ins Stocken und droht zum „Kolbenfresser“ zu werden. Die gesteckten Ziele des LEH, ab 2030 ausschließlich Frischfleisch aus Haltungsstufen ab Stufe 3 und höher anzubieten, rücken dadurch in weite Ferne. 

Die Umbaufristen für die Ferkelerzeugerbetriebe – Stichtag für die Deckzentren ist der 09. Februar 2029, für Abferkelställe ist es der 09. Februar 2036 – werden heute bei vielen Betrieben als das Datum des Produktionsendes genannt. 

Wir müssen uns fragen: Produzieren wir mit einem alleinigen Fokus auf höhere Haltungsstufen am Markt vorbei?

Höhere Haltungsstufen politisch gefordert

Gegenwärtig schätzen Marktexperten das Vermarktungspotential von Fleisch höherer Haltungsstufen (HS) mittelfristig auf rund 10 Prozent. Aktuell liegen wir in Deutschland bei 7 Prozent Fleisch aus höheren Haltungsstufen (ab HS 3). Hinzu kommt, dass dieselben Marktexperten das „Boot der höheren Haltungsstufen“ schon jetzt als voll bezeichnen: Kommt noch mehr Menge hinzu, besteht die Gefahr, dass das „Boot zu kentern droht“. In diesem Zusammenhang stellt sich unweigerlich die Frage: Produzieren wir mit dem alleinigen Fokus auf die höheren Haltungsstufen am Markt vorbei? Wer liefert zukünftig das günstige Fleisch für die Verbraucher mit dem immer kleineren Geldbeutel? Die Antwort kommt aus dem europäischen sowie internationalen Ausland: Die Bautätigkeiten für immer mehr Schweineställe, in denen Fleisch in HS 1 erzeugt werden soll, laufen in den osteuropäischen Ländern und in China auf Hochtouren. 

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Das Prinzip „from nose to tail” wäre ein geeigneter Vermarktungsansatz, um den ganzen Schlachtkörper im Erzeugerland zu vermarkten.

Den ganzen Schlachtkörper regional vermarkten

In Deutschland essen wir nur circa 60 Prozent  des verwertbaren Schlachtkörpers. Der Rest des Schlachtkörpers muss im Ausland vermarktet werden, allerdings kann dort kein Zusatzerlös für höhere Haltungsstufen generiert werden. Das wiederum bedeutet, das 60 Prozent des Schlachtkörpers den gesamten Tierwohlbeitrag schultern müssen. Dies ist ökonomisch schwer darzustellen. Wir müssen zukünftig möglichst das gesamte Schwein auf den Markt bringen, für den es erzeugt wurde. Das Prinzip „From nose to tail“ wäre der richtige Ansatz. Dazu bedarf es einer geänderten Marketing-Strategie von Schweinefleisch und einer Änderung der Einkaufspolitik des LEH. Denn: Aktuell werden bei einem Selbstversorgungsgrad über 130 Prozent noch 930.000 t Schweinefleisch (Edelteile und Schinken) nach Deutschland eingeführt - wir haben es also mit einem Import-Paradoxon zu tun.

Ohne Schlachtung kein Fleisch

Die Schlachtbranche sortiert sich neu. Einige Standorte werden geschlossen (z.B. Perleberg, Brandenburg, und Landshut, Bayern) oder übernommen, die Konzentration wächst weiter und gleichzeitig werden Schlachtkapazitäten abgebaut und/oder geographisch verschoben. Dies führt dazu, dass in einigen Regionen, zum Beispiel Nord-Ost-Deutschland, keine nennenswerten Schlachtkapazitäten mehr vorhanden sind und Transportwege immer länger werden. 

Auch durch den Fachkräftemangel werden immer mehr deutsche Wurstunternehmen von ausländischen Firmen aufgekauft.

Die Wurstkrise: Nürnberger Würstchen jetzt aus China

Im Bereich der Wurstherstellung sprechen wir aktuell von einer „Wurstkrise“. Namhafte Wursthersteller werden von in- oder ausländischen Investorengruppen übernommen oder gehen in die Insolvenz. Um einige Beispiele zu nennen: Die Schweizer Bell Food Group hat die Hermann Wein GmbH aufgekauft und stellt zukünftig Schwarzwälder Schinken her und die chinesische WH Group übernahm mit Umweg über die englische Tochter Morling Foods Holding die Firma Wolf Essgenuss GmbH und stellt jetzt Thüringer- und Nürnberger Würstchen her. Als Gründe für die Wurstkrise werden ein sinkender Absatz, hohe Kosten für Energie, Rohstoffe und Löhne und nicht zuletzt der Fachkräftemangel genannt.

Wir müssen uns bewusst machen: Ohne Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung kann es keine Schweineproduktion in Deutschland geben!

Starke Konzentration der Marktpartner

Die starke Konzentration im vor- und nachgelagerten Bereich führt aktuell zu immer heterogeneren Kettengliedern. So haben beispielsweise die drei größten Schweineschlachtunternehmen einen Marktanteil von über 50 Prozent, die Top Fünf der deutschen Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen machen über 85 Prozent des Gesamtumsatzes der Branche. Einerseits möchte man von Seiten der Politik die kleinen und mittelgroßen Schweinebetriebe erhalten und fördern, andererseits konzentrieren sich die Marktpartner in einer so enormen Geschwindigkeit, dass das sogenannte Gespräch beziehungsweise die Verhandlung auf Augenhöhe kaum noch möglich ist. Der Risikopuffer ist mehr und mehr die grüne, also die landwirtschaftliche Seite. Die Handelsspanne steigt zunehmend und der Druck wird nach unten weitergegeben. 

Fazit: 
Wertschöpfungskette stärken, deutsches Schweinefleisch erhalten

Bei Preisrückgängen leidet der Ferkelerzeuger am meisten (wie momentan zu sehen) – er ist quasi das schwächste Glied in der Kette. Der Ferkelerzeuger verdient aktuell kein Geld, soll aber in den genannten Fristen seinen Stall umbauen, wofür wiederum die dazu notwendige Förderung gestrichen wurde.

Wenn aber die Ferkelerzeuger, also das erste und damit ein essentielles Glied der Wertschöpfungs­kette, wegbrechen, dann stehen die Chancen für eine deutsche Schweinefleisch­erzeugung schlecht. Neben der Ferkelerzeugung scheinen zu den schwächsten Gliedern in der Wertschöpfungskette Schweinefleisch auch die Verarbeitung und Wurstherstellung zu gehören. 

Das Liebigsche Fass (Minimumgesetz) lehrt uns, dass die knappste Ressource beeinflusst, ob und wie stark das Wachstum einer Pflanze ist oder wie gut sich ein Organismus entwickeln kann. Anders ausgedrückt: Erst, wenn der oder die limitierenden Faktoren optimiert wurden, kann der Gesamtertrag steigen. 

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