Wiederbewaldung: Wie aus Schadflächen zukunftsfähige Wälder entstehen

Zukunftsfähige Wälder entstehen, wenn Naturverjüngung, gezielte Ergänzung und Pflege standortgerecht zusammenspielen. WeReforest, ein Programm des DLG e. V., unterstützt Waldbesitzende dabei.

Wer heute durch Deutschland fährt, stößt vielerorts auf dasselbe Bild: Wo früher geschlossene Waldbestände standen, öffnen sich große Kahl- und Schadflächen. Seit 2018 haben Trockenheit, Stürme und Borkenkäfer tiefe Spuren hinterlassen. Thomas Wehner, Leiter des Fachbereichs Forst bei der DLG (Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft), spricht von einem „roten Band“, das sich vom Bergischen Land über Mitteldeutschland bis nach Sachsen zieht. Rund 500.000 Hektar müssen bundesweit wiederbewaldet werden. Damit daraus stabile Wälder entstehen, müssen Standort, Baumartenwahl, Verfahren, Schutz und Pflege auf ein langfristiges waldbauliches Ziel ausgerichtet werden.

Das Bild zeigt einen blauen Himmel, darunter eine gelbe Wiese mit vielen jungen grünen Bäumen.
Eindrücke aus dem Sauerland – Sukzession, Pflanzung und Vorverjüngung – alles dient der Wiederbewaldung. Foto: Wehner

Naturverjüngung als Ausgangspunkt

Zunächst ist zu prüfen, welche Baumarten sich auf der Fläche von selbst entwickeln – und ob sie zu Standort, Klima und dem angestrebten waldbaulichen Ziel passen. „Wenn die Verhältnisse eine natürliche Verjüngung zulassen, ist ihr aus vielerlei Gründen Vorrang zu geben“, sagt Wehner. Genutzt werden Samen im oder auf dem Waldboden, natürlicher Anflug oder bereits unter dem früheren Altbestand entstandene Verjüngung. Vorteile sind eine ungestörte Wurzelentwicklung, bessere Vitalität und vergleichsweise geringe Kosten.

Vorwald als Wegbereiter

Auf großen Kalamitätsflächen kann zunächst ein Vorwald aus Birke, Eberesche, Lärche oder Aspe entstehen. Diese Baumarten kommen mit dem Freiflächenklima gut zurecht, beschatten den Boden und verbessern das Kleinklima für weitere Arten. Naturverjüngung führt jedoch nicht automatisch zur gewünschten Mischung. Kommt etwa überwiegend wieder standortsfremde Fichte auf, muss gezielt ergänzt werden.

Das Bild zeigt einen blaunen Himmel. Darunter eine gelbe Wiese mit jungen grünen Bäumen.
Eine sich etablierende Sukzessionsfläche – natürliche Wiederbewaldung als Basis zukünftiger Mischbestände. Foto: Wehner

Direktsaat oder Pflanzung?

Fehlen geeignete Baumarten, ist zu entscheiden, ob Direktsaat oder Pflanzung besser zur Fläche und zum waldbaulichen Ziel passt. Bei der Direktsaat wächst der Baum von Beginn an am Standort. Besonders bei Eichen und anderen tief wurzelnden Arten kann sich das Wurzelsystem ungestört entwickeln. Das Verfahren eignet sich jedoch nicht für jede Baumart. Sein Erfolg hängt von Saatgut, Bodenvorbereitung, Witterung, Wildschutz und der Regulierung konkurrierender Vegetation ab.

Mit der Pflanzung lassen sich Baumarten, Herkünfte und Verteilung genauer steuern. Sie ist jedoch arbeits- und kostenintensiver. Pflanzschock, Wurzeldeformationen aus der Anzucht sowie Fehler bei Transport, Lagerung oder Pflanzung können den Anwuchs beeinträchtigen. Auch Wildverbiss kann den Erfolg gefährden.

In der Praxis ist deshalb oft eine Kombination sinnvoll: Naturverjüngung oder Vorwald bilden die Basis, Direktsaat und Pflanzung ergänzen fehlende Baumarten. Auch die unterstützte Hähersaat kann einen Baumartenwechsel fördern, indem Eichelhäher ausgebrachte Eicheln auf der Fläche verteilen.

Klimaangepasst heißt: Risiken verteilen

Welche Baumarten geeignet sind, lässt sich nicht mit einer allgemeinen Liste von „Klimabäumen“ beantworten. Entscheidend sind Wasserhaushalt, Boden, Höhenlage und Exposition ebenso wie das Nutzungsziel des Waldeigentümers. Standortkarten und Waldentwicklungstypen geben Orientierung, ersetzen aber nicht die fachliche Beurteilung vor Ort.

Auf dieser Grundlage sollen standortgerechte Mischbestände entstehen, die ökologische Stabilität und wirtschaftliche Nutzung verbinden. „Bestände aus 100 Prozent Fichte werden unter den sich verändernden Klimabedingungen kaum noch funktionieren“, sagt Wehner. Auch vorhandene Fichtenbestände müssten schrittweise umgebaut werden. Die Mischung mehrerer Baumarten verteilt das Risiko: Fällt eine Art aus, bleibt der Bestand eher stabil. Zugleich muss der Wald weiterhin Holz liefern und wirtschaftlich tragfähig sein.

Die ersten Jahre entscheiden

Mit Saat oder Pflanzung ist die Wiederbewaldung nicht abgeschlossen. Junge Bestände sind durch Trockenheit, Spätfrost, Konkurrenzvegetation und Wildverbiss gefährdet. Schutz und Pflege müssen deshalb von Beginn an Teil des Konzepts sein. „Wenn die Jagd vernachlässigt wird, wird man auf großen Flächen nicht erfolgreich sein können“, betont Wehner. Wichtig sind zudem hochwertiges Pflanzmaterial, der passende Pflanzzeitpunkt und regelmäßige Kontrollen.

Engpässe bleiben Fachwissen, Personal und Finanzierung. Pflanzung und Schutz können je Hektar schnell einen fünfstelligen Betrag kosten, während Erträge erst nach Jahrzehnten zu erwarten sind. Gerade kleinere Waldbesitzende können das kaum allein tragen. „Am Ende des Tages braucht der Waldbesitzer Unterstützung. Das kann der Waldbesitz in vielen Fällen nur bedingt stemmen – und gerade heute ist schnelles und fundiertes Handeln unabdingbar“, sagt Wehner. Staatliche Förderprogramme seien daher wichtig und müssten möglichst unbürokratisch zugänglich sein.

WeReforest: Nachhaltigkeit mit langfristiger Wirkung

Mit WeReforest hat die DLG 2022 ein Instrument geschaffen, das private und kommunale Waldbesitzende bei der Wiederbewaldung geschädigter Flächen unterstützt. Seit Anfang 2026 ist das Projekt in den gemeinnützigen DLG e.V. integriert. Ziel sind standortgerechte, artenreiche und wirtschaftlich zukünftig tragfähige Mischwälder.

Waldbesitzende reichen Konzepte ein, die Ausgangslage, waldbauliches Ziel, Baumartenmischung, Verfahren und Wildschutz beschreiben. Eine unabhängige Expertenkommission bewertet die Vorhaben. WeReforest finanziert ausgewählte Projekte aus Spenden und Sponsorengeldern. Die Eigentümer verpflichten sich, die Flächen langfristig zu entwickeln und zu pflegen; das Projekt begleitet sie dabei.

Nach Angaben Wehners umfasst das Förderportfolio rund 25 Projekte auf knapp 35 Hektar. Auf den umgesetzten Flächen wurden laut WeReforest mehr als 130.000 Bäume und Sträucher gepflanzt. Mit den für Herbst 2026 vorgesehenen Maßnahmen soll sich die Zahl nahezu verdoppeln. Ein Teil der Finanzierung stammt aus dem Verkauf sogenannter Green Tickets für die DLG-Messen: Besucherinnen und Besucher zahlen freiwillig drei Euro zusätzlich, die unmittelbar in die Arbeit / Förderung des WeReforest fließen.

Der Bild zeigt einen blauen Himmel, darunter viele junge grüne Bäume.
Erfolgreiche Pflanzungen – Jagd, Konkurrenzvegetation und aktive Pflege sichert jetzt die Kulturen. Foto: Wehner

Flexibel bleiben statt auf die eine Lösung hoffen

Wie der Wald in 50 oder 100 Jahren aussehen wird, kann heute niemand sicher vorhersagen. Deshalb müsse die Wiederbewaldung offen für unterschiedliche Entwicklungen bleiben: „Wir müssen viel, viel flexibler nachdenken“, sagt Wehner. Statt eines einheitlichen „Waldes der Zukunft“ braucht es standortbezogene Mischungen und ein anpassungsfähiges Management, das beobachtet, bewertet und bei Bedarf nachsteuert.

Der naturnahe Waldumbau gehört seit Jahrzehnten zu den Zielen der Forstwirtschaft. Neu ist die Dringlichkeit, mit der er angesichts des Klimawandels vorangetrieben werden muss. „Diese Veränderungen sind keine Sache von Jahren, sondern benötigen Zeiträume über Generationen“, betont Wehner.

Der Wald von morgen entsteht deshalb weder allein durch Pflanzen noch durch Abwarten. Erfolgreiche Wiederbewaldung verbindet natürliche Dynamik mit gezielter Ergänzung sowie konsequentem Schutz und langfristiger Pflege – auch im Altbestand. So können Wälder entstehen, die ökologisch stabil, gesellschaftlich wertvoll und wirtschaftlich tragfähig bleiben.


Autorin: Agnes Michel-Berger

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