Von Muscheln an der Nordseeküste und Mikroplastik in Seafood
Interessante Vorträge auf der Sitzung des DLG-Ausschusses für Aquakultur
Die 46. Sitzung des DLG-Ausschusses für Aquakultur wurde mit einer herzlichen Begrüßung durch die 2. Vorsitzende, Dr. Grit Bräuer vom Landratsamt Prinau eröffnet. 25 Teilnehmende aus der Aquakulturpraxis, Industrie, Verwaltung und Wissenschaft sind der Einladung nach Bremerhaven gefolgt.
Der Ausschuss ist eine Plattform für die Praktiker aus dem gesamten Bundesgebiet und ermöglicht einen offenen, ehrlichen, aber auch kritischen Austausch zwischen den Kollegen. In diesem Jahr war der Fokus der Sitzung die Muschelerzeugung an der Nordseeküste und Mikroplastik in Seafood.
Die DLG ist das führende Netzwerk der Agrar- und Ernährungsbranche in Deutschland. Das Kernelement ist die Arbeit in Ausschüssen. Ziel dieser Ausschüsse – es gibt insgesamt 80 Stück – ist eine gemeinsame Erarbeitung praxisorientierter Lösungen für aktuelle und zukünftige Herausforderungen. Mit unterschiedlichsten Angeboten wie Messen und Konferenzen ist die DLG ein wichtiges Netzwerk und Sprachrohr für die Landwirtschaft. Mit Blick auf die Aquakultur wurde von Dr. Birgit Schmidt-Puckhaber, DLG e.V., Frankfurt a. M., ein Überblick über die Arbeitsergebnisse der zurückliegenden Monate sowie ein Ausblick für 2026 und 2027 gegeben.
Im Herbst 2025 fand die „Inhouse Farming Feed & Food Convention“ in Hamburg statt. Rund 250 Besucher nahmen an der internationalen Konferenz und Ausstellung teil. Themenschwerpunkte waren vertikale Pflanzenanbausysteme, Insekten- und Pilzfarmen sowie Aquakultur.
Die nächste Inhouse Farming Convention wird am 21. und 22. April 2027 stattfinden. Unter Beteiligung der DLG findet in 2026 die „Seagriculture“ vom 16. bis 18. Juni in Göteborg, Schweden, und die „Alga Europe“ vom 8. bis 11. Dezember 2026 auf Malta statt. Im Rahmen der EuroTier vom 10. bis 13. November 2026 in Hannover wird die Inhouse Farming – Feed & Food Show zudem Themen rund um die Aquakultur (Algen, Garnelen, Lachs) sowie Insekten Pilzkulturen und Start-ups für alternative Proteine präsdentieren.
Weltweite Ernte von 2,2 Mio. t Muscheln im Jahr
Mit dem Ausruf „Auf in die Muscheln…“ wurde der Vortrag von Manuela Melle, Niedersächsische Muschelfischer GbR, Großenkneten, anmoderiert. Weltweit werden jährlich etwa 2,2 Mio. t Muscheln geerntet und in Europa etwa 600.000 t. Im Wattenmeer der Nordsee betragen die jährlichen Erntemengen etwa 37.000 t Miesmuscheln – andere Muschelarten werden nicht mehr angelandet bzw. bewirtschaftet. Davon entfallen etwa 5 Prozent auf die niedersächsische Küste zwischen Ems und Weser und 37 Prozent auf Schleswig-Holstein. Die Niedersächsische Muschelfischer GbR wurde vor 30 Jahren gegründet. Heute gehören ihr noch drei Betriebe mit vier Booten an. Historisch betrachtet waren Miesmuscheln im heutigen Niedersachsen wichtig für die Ernährung der Küstenbewohner.
Vermarktung von Muscheln
Mit dem Ausbau der Eisenbahn ab 1890 nahm die Vermarktung von Muscheln zu und neue Formen der Konservierung und Haltbarmachung erweiterten den Absatz zusätzlich. Ab den 1960er Jahren wurde eine Produktionssteigerung durch die Aufnahme der Kultivierung von Miesmuscheln erreicht. Für diese Kultivierung werden zunächst Jungmuscheln geerntet und hiernach auf definierten Plätzen aufgetragen. Nach einer Abwachsphase folgt dann die Ernte der speisefähigen Miesmuscheln. Neben der Wildfischerei können Jungmuscheln mittels Saatmuschelanlagen gewonnen werden.
Die Anlandungen der Muschelfischer in Niedersachsen sind stark rückläufig und eine ökonomisch interessante Fischerei aktuell nicht möglich. Unabhängig davon ist das Produktionspotential und auch die Nachfrage nach Miesmuscheln gegeben. Allerdings ist die Muschelfischerei einer Vielzahl von Konflikten im Wattenmeer, wie dem Klimawandel, den LNG-Anlandungen und den damit verbundenen Chloreinleitungen, der Verlegung von Kabeltrassen von Off-Shore Windparkanlagen oder auch Baggerarbeiten und Umlagerungen von Sand und Schlick ausgesetzt. Wichtig für die Muschelfischerei wären Gesetzesanpassungen ebenso wie der Aufbau und die Stärkung der heimischen Nachfrage, um so das Geld im Produktionsraum zu halten.
Comeback der europäischen Auster
Im zweiten Vortrag referierte Dr. Bérenger Colsoul vom Thünen Institut für Fischereiökologie, Bremerhaven zur Wiederansiedlung und dem Comeback der europäischen Auster. Weltweit sind bisher etwa 85 Prozent der Austernbänke verloren gegangen. Mit Blick auf die Nordsee hat sich bereits Mitte des 16. Jahrhunderts eine Austernfischerei entwickelt, die im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte. 1924 wurde die Fischerei eingestellt und seit den 1950er Jahren galt die europäische Auster als ausgestorben. Im RESTORE (ReOyster Upscaling) Projekt, einem Folge- und Verbundprojekt vom Bundesamt für Natuschautz, dem Alfred-Wegener-Institut und dem Thünen Institut) werden seit 2025 integrative Maßnahmen zur Wiederansiedlung intakter Bänke für die Auster weiter vorangetrieben. Als Grundlage für die Wiederansiedlung werden Saatmuscheln benötigt. Da adulte Austern nicht transportiert/umgesetzt werden dürfen, müssen entsprechend keim- und krankheitsfreie Muscheln aufgezogen werden. Dies geschieht in entsprechenden Bruteinrichtungen, die im Rahmen des Projektes installiert/erprobt werden. Ziel ist die kontinuierliche und stabile Produktion von Saatmuscheln für die Wiederansiedlung.
Lebendfutter für die Austern
Im Austern-Bruthaus werden verschiedene Prozesse aufeinander abgestimmt. In einem ersten Schritt müssen adulte Austern importiert werden und eine entsprechende Quarantäne durchlaufen. Gleichzeitig werden die zukünftigen Laichtiere bewertet (Alter, Genetik, Physiologischer Status, Geografische Herkunft). Im Bruthaus selbst müssen die Elterntiere dann unter idealen Umweltansprüchen gehalten werden. Nach der erfolgreichen Vermehrung wird im nächsten Schritt die Larvenaufzucht sowie deren Ansiedlung auf Hartsubstraten begleitet. Für die Muscheln muss ebenso kontinuierlich Lebendfutter (marine Mikroalgen) bereitgestellt werden. Bei der Aufzucht von europäischen Austern ist eine Wasserkonditionierung unterlässlich; diese umfasst mechansiche Filter und Abschäumer, nitrifizierende und denitrifizierende Biofilter sowie eine entsprechende Desinfektionsstufe. Im Jahr 2025 konnten rund 500.000 Saatmuschelindividuen erzeugt werden.
Wollhandkrabbe als Einwanderer
Im Anschluss thematisierte Björn Suckow vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), Marine Bioökonomie, Bremerhaven, die Wollhandkrabbe als Einwanderer. Die Krabbe ist vermutlich im Ballastwasser von Schiffen aus Asien nach Europa gelangt und gilt als eine der schlimmsten invasiven gebietsfremden Arten. Die Wollhandkrabbe kann massenhaft auftreten, ist ein Allesfresser, weist eine ausgiebige Grab- und Wühltätigkeit auf, beschädigt Uferböschungen sowie fischereiliche Gerätschaften und stellte somit ein Problem dar. Im Rahmen des „Clancy“ Projektes sollen Möglichkeiten für eine dauerhafte und effiziente Reduzierung der Wollhandkrabbe ausgelotet werden. Da die jungen Krabben flussaufwärts migrieren – hier einen Teil ihres Erwachsenenlebens verbringen – und dann für die Fortpflanzung wieder ins Meer wandern, können die Tiere mit Hilfe von Fallen lebend gefangen werden. Im Einzugsgebiet der Weser übernimmt das AWI die Überwachung und Evaluierung der Lebendfallen. Diese wurden bspw. direkt in Fischwanderhilfen installiert. Bei der flussaufwärts Wanderung fallen die Krabben in den Spalt der Falle und können dann über Rohrsysteme in Fangkörbe gelangen. Den Wollhandkrabben war es dabei möglich Höhenunterschiede von 8 m zwischen Falle und Fangkörben in KG-Rohren zu überwinden. Die Fangkörbe werden in regelmäßigen Abständen überprüft und geleert. Dabei werden die Tiere gewogen und vermessen. Andere Tiere und auch Fische sind bisher nicht mit den Lebendfallen gefangen worden. Neben der Entnahme der Krabben aus den Gewässern werden im Projekt ebenso potentielle Verwertungskonzepte wie Futtertiere im Zoo, Wertstoffgewinnung, Einsatzsatz als Futtermittel für Fische und Garnelen, oder auch als Inhaltsstoff in neuen Lebensmitteln beleuchtet.
Kontrolle von chemischen Schadstoffen
Zum Qualitätscheck von Muscheln und Co hielt Dr. Edda Bartelt vom Laves, Institut für Fischerei und Fischereierzeugnisse, Cuxhaven, einen Vortrag. Rechtlichen Regelungen geben den Rahmen für amtliche Kontrollen von lebenden Muscheln aus eingestuften Erzeugungs- und Umsetzungsgebieten durch die zuständigen Behörden. Von den zuständigen Ämtern wird kontrolliert, dass keine rechtswidrigen Praktiken in Bezug auf Ursprung und Herkunft der Muscheln zum Einsatz kommen, die mikrobielle Beschaffenheit der Tiere sichergestellt ist sowie eine Testung auf Toxin produzierendes Plankton und marine Biotoxine durchgeführt werden. Zudem findet eine Kontrolle auf das Vorhandensein von chemischen Schadstoffen statt. Die mikrobiologische Klassifizierung von Muschelerzeugungsgebieten erfolgt in Abhängigkeit der Anwesenheit von E. coli in drei Klassen A, B und C.
Während die Muscheln aus Klasse A verkauft werden können, ist für die Muscheln der Klasse B und C eine Reinigung, eine Verbringung in saubere Zonen und/oder eine Erhitzung nach der Ernte notwendig. Bei der Feststellung von Salmonellen wurde es sofort zu einer Schließung des Erzeugungsgebietes kommen. Die Untersuchungen finden im 14-tägigen Rhythmus statt. Im Rahmen von Algenblüten kann es zur Bildung und Freisetzung von Toxinen kommen. Aufgrund der hohen Filtertätigkeiten der Miesmuscheln kann es entsprechend zu einer Aufnahme der Toxine kommen, die sich wiederum im verzehrsfähigen Produkt anreichern. In Abhängigkeit der Jahreszeit werden Wasser und Muscheln in definierten Intervallen in den Muschelbezirken beprobt. Für die entsprechenden Toxine gibt es dann Auslösewerte. Die Miesmuscheln aus den zu beernteten Erzeugungsgebieten werden zudem mindestens einmal pro Saison auf mögliche Kontaminanten (Schwermetalle, chlorierte Kohlenwasserstoffe, Radionuklide) beprobt.
Mit dem Blick auf die Miesmuscheln der niedersächsischen Nordsee kann auf Grundlage einer Vielzahl von Untersuchungsjahren festgestellt werden, dass die mikrobiologische Einstufung vorrangig in Klasse A erfolgt. Toxinbildenden Algen sowie weitere marinen Biotoxine kommen selten vor. Hinsichtlich etwaiger Kontaminanten sind die Miesmuschelgebiete ebenfalls unauffällig.
Mikroplastik in Fischen
Im Anschluss referierte Dr. Henrike Seibel vom Fraunhofer IMTE, Büsum, zu den Auswirkungen von Mikroplastik auf das Mikrobiom von Fischen. Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilze, die einen bestimmten Lebensraum, wie den Darm oder die Haut besiedeln. Mikroplastik kann unterschiedliche Effekte auf das Mikrobiom von Fisch haben. Bestimmte Polymere befördern dabei offenbar bestimmte mikrobielle Verschiebungen. Ebenso kann es durch Mikroplastikfasern zu mechanischen Reizungen des Darms kommen und in Entzündungen resultieren. Ferner gibt es aus der Literatur Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Mikroplastik und systemischen Effekten auf die Darm-Hirn-Achse. Ferner kann Mikroplastik als Vektor dienen. Als „Plastispären“ können Partikel andere Mikroorganismen oder auch Resistenzgene in den Darm von Fischen eintragen. Im Darm selbst können zudem Additive und adsorbierte Schadstoffe freigesetzt werden und bestimmte Bakteriengruppen selektiv beeinflussen. Die letztendlichen Effekte für den Fisch hängen stark von den Partikeleigenschaften, der Art des Polymers, der Expositionsdauer und der Fischart ab. Mit Blick auf Mikroplastik in Fischen, die als Lebensmittel dienen, werden Polymere ganz überwiegend im Magen-Darm-Trakt angetroffen und seltener in den Kiemen, der Leber oder der Muskulatur.
Da bei Konsumfischen der Magen-Darm-Trakt entnommen wird, reduziert sich hier die Möglichkeit der Aufnahme vom Mikroplastik bei Verzehr deutlich. Die geschätzte tägliche Exposition mit Mikroplastiküber Fisch und Seafood liegt um Größenordnungen unterhalb der Exposition durch Innenraumluft. Ganz wichtig: aktuell gibt es keine Verzehrwarnungen für Fisch aufgrund von Mikroplastik.
Einblick in die Aquakulturforschung
Abschließend gab Kai Lorkowski von AWI, Bremerhaven einen kurzen Einblick in die Forschung des AWI rund um die Aquakultur und damit einen Ausblick auf den sich anschließenden Exkursionstag des diesjährigen DLG-Ausschusses.
Zwischen Hoch- und Niedrigwasser, Strömungen und Winden ist insbesondere das Wetter nahezu unvorhersehbar an der Nordsee. Aus diesem Grund musste leider frühzeitig und noch während der Planungen auf eine Tour „in die Muscheln“ verzichtet werden. Allerdings hat das AWI dankenswerterweise seine Tore für den DLG-Ausschuss weit geöffnet. So gab Kai Lorkowski als technischer Leiter des Aquakulturzentrums einen Einblick in die Aquakulturforschung am Standort.
Polar- und Meeresforschung
Das Alfred-Wegener-Institut betreibt Polar- und Meeresforschung von der Tiefsee bis in die Atmosphäre. Die Gründung des Instituts erfolgte in 1980er Jahren. Das AWI ist mit Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und betreibt Grundlagen und anwendungsorientierte Forschung. Aktuell sind rund 1.300 Menschen beim AWI beschäftigt. Neben Standorten auf Helgoland, in Potsdam, in Sylt und der Arktis sind davon 800 Mitarbeitende in Bremerhaven beschäftigt. Im Bereich der marinen Ressourcen ist hier die Aquakultur angesiedelt. Das Team umfasst bis zu 45 Personen, wovon etwa 20 einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Die Finanzierung der Aquakulturforschung erfolgt zu rund 70 Prozent auf Grundlage von Drittmitteln. Angestrebtes Ziel ist es Projekte zu beantragen, bei denen sich auch die Praxis beteiligt. Zur Umsetzung der Forschung ist am Standort Bremerhaven das „Zentrum für Aquakulturforschung“ (ZAF) installiert worden.
In bis zu 13 modernen und skalierbaren Kreislaufsystemen, aber auch Aquarienanlagen, können Fütterungs- und Haltungsexperimente durchgeführt werden – ausgelegt ist das ZAF dabei im Speziellen für die Haltung von marinen Arten. Neben Lachsen, Garnelen, Gelbschwanzmakrelen (siehe Abbildung 1) und Wolfsbarschen können am AWI ebenso aquaponsiche Pflanzensysteme oder auch Makroalgen (Abbildung 2) angetroffen werden – jeweils zur Beantwortung von spezifischen Forschungsfragen.
An dieser Stelle möchte sich der DLG-Ausschuss herzlich bei den Referentinnen und Referenten, Gästen für die Beteiligung sowie Kai Lorkowski für die Gastfreundschaft und die spannenden Einblicke bedanken.