Nachhaltigkeit
Kriterienkatalog für alternative Proteine

Eine Hand in Schutzkleidung berührt ein Behältnis, das mit organischem Substrat und zahlreichen Insektenlarven gefüllt ist.
© KUKA@ENORM_Biofactory

Alternative Proteinquellen sind ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Ernährungswende. Gleichzeitig fehlen bislang praxisnahe und vergleichbare Bewertungsinstrumente. Im Rahmen ihrer Masterarbeit im Studiengang „Nachhaltige Ernährungswirtschaft“ an der Justus‑Liebig‑Universität Gießen hat Davina Löhrig einen Ansatz entwickelt, der die Nachhaltigkeit alternativer Proteine entlang der gesamten Wertschöpfungskette bewertet – von der Rohstofferzeugung bis zur Vermarktung.

Pflanzliche Proteine, Insekten, Algen sowie Pilz‑ und Mykoproteine gewinnen angesichts ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen an Bedeutung. Sie besitzen meist eine hohe Nährstoffdichte und liefern essenzielle Aminosäuren. Gleichzeitig wird ihr Nachhaltigkeitspotenzial kontrovers diskutiert, etwa aufgrund energieintensiver Prozesse oder hoher Verarbeitungsgrade. Entsprechend wächst der Bedarf an Instrumenten, die Nachhaltigkeitsleistungen systematisch, transparent und vergleichbar erfassen.

Der entwickelte Mindestkriterienkatalog bündelt ökologische, ökonomische, soziale und ernährungsphysiologische Aspekte und bietet Unternehmen einen klaren Orientierungsrahmen. Ein strukturiertes Vorgehensmodell unterstützt Unternehmen bei Zielsetzung, Datenerhebung, Bewertung und Ableitung von Maßnahmen. So entsteht ein skalierbares Instrument, das Transparenz schafft, Optimierungspotenziale sichtbar macht und regulatorische Anforderungen besser erfüllbar macht.

Ziel, Geltungsbereich und Grundprinzipien

Der Mindestkriterienkatalog ermöglicht eine transparente, modulare Bewertung von Produkten aus alternativen Proteinen innerhalb der EU. Verpackungen sind explizit ausgenommen. Unternehmen können Kriterien je nach Datenlage priorisieren – etwa für Produktentwicklung, Kommunikation oder Audit‑Readiness.

Ökologie
Bewertet werden Umweltwirkungen entlang der Wertschöpfungskette, darunter Treibhausgasemissionen, Energieverbrauch und Kreislaufwirtschaft. Rest‑ und Nebenströme sollen möglichst vollständig genutzt werden, um Abfälle zu reduzieren. Eng verknüpft ist die effiziente Ressourcennutzung, insbesondere die Konversionsrate von Stickstoff zu Protein.

Ökologische Kriterien 
= Bewertung der Umweltwirkungen entlang der Wertschöpfungskette.
THG-EmissionenWie viel THG wird über den gesamten Herstellungsprozess freigesetzt? Dabei sind alle Geltungsbereiche (Scope 1-3) zu berücksichtigen.
FrischwasserverbrauchWie viel Frischwasser wird in der Produktion pro Produkteinheit benötigt?
Nutzung erneuerbarer EnergienWie viel Energie wird benötigt? Werden erneuerbare Energien eingesetzt?
Kreislaufwirtschaft (Ressourcennutzung)Werden Neben- und Restströme eingesetzt und / oder weitergegeben?
UmweltzertifizierungenLiegen ökologische Zertifizierungen vor?

 

Ökonomie
Im Fokus stehen Produktionskosten, Energieeffizienz, Wirtschaftlichkeit und Skalierbarkeit. Während pflanzliche Proteine bereits etabliert sind, befinden sich Insekten‑, Algen‑ und Pilzproteine in unterschiedlichen Entwicklungs‑ und Industrialisierungsstadien.

Ökonomische Kriterien 
= Betrachtung der Wirtschaftlichkeit auf Betriebs‑ und Gesellschaftsebene.
Rentabilitätz. B. Kosten pro Produktionseinheit
Einkommen der ProduzierendenNetto- / Bruttomargen Sicherung des Einkommens für lokale Produzenten
Wachstumsperspektive: SkalierbarkeitSind die Produktionskapazitäten erweiterbar? Investitionspotenzial und langfristige Rentabilität
RessourceneffizienzKonversationsrate (Umwandlung von Stickstoff in Protein); Nutzung von Nebenströmen und Reststoffen
RisikomanagementAbsicherung gegen Produktionsrisiken und geopolitische Risiken, Zugang zu alternativen Beschaffungskanälen, resilienter Anbau, Anfälligkeit gegen Kontaminationen
ErschwinglichkeitKosten der Produkte relativ zum Einkommen (Erreichbarkeit für Konsumierende)
Lokale WertschöpfungLokale Lieferunternehmen und regionale Wirtschaft
InnovationspotenzialSchaffung von Arbeitsplätzen und Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts; Fähigkeit durch AP langfristig ein Wettbewerbsvorteil zu schaffen.

 

Soziales
Arbeits‑ und Sozialstandards, Rückverfolgbarkeit und Tierwohl (bei Insekten) gewinnen an Bedeutung. Besonders bei global bezogenen Rohstoffen wie Soja oder bestimmten Algenarten besteht Bedarf an mehr Transparenz.

Soziale Kriterien 
= Bewertung der Auswirkungen auf Mitarbeitende, Gesellschaft und auf Tiere (hier Insekten).
Gerechte LöhneZ. B. existenzsichernde Löhne
BeschäftigungsqualitätArbeitsplatzsicherheit mit langfristiger Beschäftigungsperspektive, geringe Personalfluktuation, gerechte Arbeitsverträge
Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen am ArbeitsplatzZugang zu medizinischer Versorgung, Schutz vor Allergien und Krankheiten, gute Ausstattung
SozialzertifizierungenLiegen Zertifikate zur sozialen Verantwortung vor? Lieferkettenverantwortung und Rückverfolgbarkeit
ErnährungssicherheitAllgemeiner dezentraler Zugang zu gesunder Ernährung, welche den Bedarf vielfältig deckt.
Tierwohl (bei Insekten)Die Tierwohlstandards nach Brambell sind zu berücksichtigen.

 

Ernährungsphysiologie
Nährstoffdichte, Aminosäureprofil und potenzielle Allergene sind entscheidend für Verbraucherakzeptanz. Während Insekten, Mykoproteine und einige Mikroalgen vollständige Aminosäureprofile aufweisen, sind pflanzliche Proteine oft unvollständig oder weniger bioverfügbar. Herausforderungen bestehen zudem bei Allergenen und hohen Verarbeitungsgraden. Da die ernährungsphysiologische Qualität als essenzieller Faktor für die Verbraucherakzeptanz angesehen wird, ist dieses Kriterium für einen langfristigen Markterfolg von herausragender Bedeutung.

Ernährungsphysiologische Kriterien
 = Bewertung des ernährungsphysiologischen Mehrwerts. Die Nährstoffqualität ist wesentlich für Verbraucherakzeptanz.
ProteinqualitätPDCAAS = Auskunft über die Proteinqualität und den Aminosäuregehalt. DIAAS = Methode zur Quantifizierung der Proteinqualität von Lebensmitteln.
Makronährstoffprofilz. B. Anteil gesättigter Fettsäuren
MikronährstoffeGehalt und Bioverfügbarkeit von Vitaminen und Mineralstoffen.
BallaststoffeIst das Endprodukt ballaststoffreich?
Antinutritive StoffeVorhandensein gesundheitsgefährdender Stoffe oder von Substanzen (z. B. Phytate, Tannine, Trypsin-Inhibitoren, Chitin), die die Aufnahme von Nährstoffen hemmen.

 

Vorgehensmodell für Betriebe

Die Anwendung erfolgt in sechs Schritten:

Zielformulierung 
Festlegung der relevanten Nachhaltigkeitsaspekte, des Scopes und der Produktgruppen.

Systemanalyse
Identifikation und Prüfung verfügbarer Daten. Die Datenlage ist grundsätzlich gut, variiert jedoch stark nach Proteinquelle und Verarbeitungsgrad.

Scoping
Auswahl der wichtigsten Kriterien nach 80/20‑Regel sowie Festlegung geeigneter Messgrößen und Indikatoren.

Bewertung
Analyse der Daten mittels Scoring oder Selbsteinschätzung. Ergebnis ist ein konsistentes Nachhaltigkeitsprofil.

Maßnahmenentwicklung
Ableitung konkreter Optimierungsansätze, z. B. Energieeinsparungen, Lieferkettenanpassungen oder Rezepturoptimierungen.

Implementierung
Aufbereitung der Ergebnisse für Stakeholder, Dokumentation und Vorbereitung auf regulatorische Anforderungen.

Praxisimpulse je Proteinkategorie

Insekten
Hohe Futterverwertung, kurze Produktionszyklen und die Nutzung organischer Nebenströme verbessern die Nachhaltigkeit. Wärmerückgewinnung und effiziente Energienutzung sind zentrale Hebel.

Mikroalgen
Sie besitzen ein hohes Proteinsynthesepotenzial, benötigen jedoch energieintensive Kulturbedingungen. Erneuerbare Energien, optimiertes Licht‑ und Carbon- Management sowie geschlossene Wasserkreisläufe verbessern die Umweltbilanz.

Fermentation/Mykoproteine
Kontinuierliche Proteinproduktion bei geringer Flächeninanspruchnahme. Potenziale liegen in der Nutzung agrarischer Reststoffe und der Optimierung der Prozessenergie.

Pflanzliche Proteine
Rohstoffwahl und Fruchtfolgen beeinflussen Bodenfruchtbarkeit und Stickstoffbedarf. In der Verarbeitung bieten energieeffiziente Extrusion, optimierte Trocknung und verbesserte Rezepturen wichtige Hebel.

Ausblick

Der Kriterienkatalog ergänzt bestehende Systeme wie SAFA, RISE oder SMART, die für alternative Proteine nur eingeschränkt geeignet sind. Weiterer Forschungsbedarf besteht insbesondere bei der Gewichtung der Kriterien, der Vergleichbarkeit unterschiedlicher Verarbeitungsgrade, Datenlücken (v. a. Fermentation, Indoor‑Algen, Insekten) sowie der Integration von Verbraucherakzeptanz, sensorischer Qualität und Gesundheitswirkungen.

Autoren

  • Davina Löhrig (M.Sc.), Transgourmet Deutschland GmbH

  • Prof. Dr. Christian Herzig, JLU Gießen

  • Prof. Dr. Nils Borchard, DLG e.V.

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