Mehr als 60 Tierärztinnen und Tierärzte kamen Anfang September in den Landwirtschaftlichen Lehrstätten der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zusammen, um ihr Fachwissen in der Rindermedizin zu vertiefen. Veranstaltet wurde die etablierte Fortbildung von der DLG-Akademie in Kooperation mit dem Fachmagazin MilchPraxisVet.
Unter dem Motto „Was wäre wenn? VetMed anders denken! Wissen, Tools und Kniffe für ein zukunftsgerichtetes Arbeiten“ beschäftigten sich die Teilnehmenden vier Tage lang mit den Herausforderungen und Chancen der modernen Milchviehhaltung. Das Leitthema zog sich dabei wie ein roter Faden durch das gesamte Programm.
Stallbau der Zukunft: Hitzestress als zentrale Herausforderung
Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war die Frage, wie Milchviehställe künftig gestaltet werden müssen. Professor Dr. Daniel Werner von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zeigte gemeinsam mit weiteren Referenten auf, welche Anforderungen der Klimawandel, neue Umweltauflagen und steigende Tierwohlstandards künftig an Milchviehbetriebe stellen werden.
Dabei wurde deutlich: Der alte Grundsatz, „die Weide in den Stall zu holen“, greift heute vielerorts zu kurz. Moderne Ställe müssen insbesondere an heißen Tagen Bedingungen schaffen, die für die Tiere besser sind als auf der Weide. Denn die Zahl der Hitzetage nimmt kontinuierlich zu und Kühe reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen.
Die Folgen von Hitzestress reichen von Leistungsrückgängen und Fruchtbarkeitsstörungen bis hin zu Auswirkungen auf ungeborene Kälber. Um dem entgegenzuwirken, sind verschiedene bauliche und technische Maßnahmen möglich:
- gut isolierte Stall- und Dachkonstruktionen,
- offene Seitenwände mit variablen Verschattungssystemen (Curtains),
- leistungsfähige Lüftungs- und Ventilationssysteme,
- Kühlungsmöglichkeiten durch Vernebelungs- oder Sprühanlagen.
Da entsprechende Investitionen erhebliche Kosten verursachen, wurde empfohlen, Stallbauprojekte gemeinsam mit unabhängigen Fachleuten sorgfältig zu planen. Tierärztinnen und Tierärzte können hierbei eine wichtige Rolle übernehmen. Sie erkennen nicht nur die gesundheitlichen Folgen von Hitzestress, sondern können sich durch entsprechende Weiterbildung auch als kompetente Berater ihrer Milchviehbetriebe positionieren.
Zukunftsstrategien in der tierärztlichen Praxis
Wie wichtig eine langfristige Ausrichtung ist, zeigte André Hüting, Mitinhaber der Tierarztpraxis An der Güterstraße und der unabhängigen Beratungsfirma Kuhblick GmbH. Mit mehr als 50 Mitarbeitenden gehört die Praxis zu den großen Rinderpraxen Deutschlands.
Hüting berichtete, dass sein Team eine Zehn-Jahres-Vision für die Weiterentwicklung der Praxis erarbeitet hat. Ziel sei es, wichtige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und aktiv zu gestalten, statt lediglich auf Veränderungen zu reagieren. Als Beispiel nannte er die zunehmende Verbreitung automatischer Melksysteme. Dieser Trend werde sich seiner Einschätzung nach in den kommenden Jahren weiter verstärken und neue Anforderungen an Beratung und Betreuung der Betriebe stellen.
Künstliche Intelligenz als Chance für die Milchviehhaltung
Ein weiterer Schwerpunkt des Cattle Camps war der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Landwirtschaft. Bastian Kupsch vom Fraunhofer-Institut gab Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte und zeigte das Potenzial digitaler Technologien für Milchviehbetriebe auf.
Die Voraussetzungen für den Einsatz von KI sind in der Milchviehhaltung besonders günstig. Zum einen werden in Betrieben bereits seit vielen Jahren umfangreiche Daten erfasst. Moderne Sensor- und Kameratechnik erzeugt darüber hinaus eine ständig wachsende Datenmenge. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel den Bedarf an automatisierten Lösungen. Hinzu kommen steigende Anforderungen durch Politik und Gesellschaft, beispielsweise im Bereich Tiergesundheit oder bei der Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes.
Anhand praktischer Beispiele zeigte Kupsch, wie KI-Lösungen Landwirte unterstützen können. So können kameragestützte Systeme bereits heute automatisch Lahmheiten erkennen, Tiere bewerten und die Ergebnisse in übersichtlichen Dashboards darstellen. Dadurch lassen sich Probleme frühzeitig erkennen und geeignete Maßnahmen schneller einleiten.
Breites Fachprogramm und große Resonanz
Neben den Themen Stallbau und Digitalisierung standen auch Kälberhaltung, Fütterung und Fruchtbarkeitsmanagement auf dem Programm. Fachvorträge wurden durch zahlreiche praktische Übungen ergänzt.
Die Tierhaltungsschule Triesdorf mit ihrer Fleckviehherde und den innovativen Stallkonzepten bot hierfür ideale Bedingungen. Begleitet wurde die Veranstaltung von einer Industrieausstellung, auf der die Teilnehmenden mit Herstellern und Dienstleistern direkt ins Gespräch kommen konnten.
Das bewährte Konzept aus Fachvorträgen, Praxisübungen und persönlichem Austausch kommt offensichtlich gut an. Neben vielen langjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern konnten auch zahlreiche neue „Cattle Camper“ begrüßt werden. Entsprechend war das MilchPraxis Cattle Camp 2026 erneut vollständig ausgebucht.