“Fungizide Beizen schützen dort, wo der Erreger sitzt”
Karen Kamrath und Michael Seifert im Interview mit dem Getreidemagazin zur Zulassungssituation von Beizen für Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln
Der Wegfall von Wirkstoffen trifft Beizmittel besonders hart. Mit Hochdruck hat Bayer CropScience Deutschland GmbH neue Mittel für Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln in der aktuellen Saison auf den Markt gebracht. Michael Seifert, Market Development Manager beschreibt die Wirkung und Einsatzgebiete der neuen Beizmittel im folgenden Interview. Karen Kamrath, Grower Marketing Managerin bei Bayer CropScience ist Expertin für die Zulassungen von Pflanzenschutzmittel. Sie gibt einen aktuellen Überblick zur Zulassungssituation in der EU und Deutschland.
Getreidemagazin: Wie sehen sie die Getreidebeizen im Zusammenhang mit der Produktion von Qualitätsgetreide?
Michael Seifert: Um Qualitätsgetreide zu produzieren, ist das Zusammenspiel vieler Faktoren von entscheidender Bedeutung. Ein wichtiger Baustein gleich zu Beginn ist die Beizung des Saatgutes. Diese Maßnahme zielt darauf ab, samen- und bodenbürtige Krankheitserreger effektiv zu bekämpfen. Die Bedeutung liegt darin, dass viele dieser Krankheiten erst im Verlauf der Vegetationsperiode sichtbar werden. Zu diesem Zeitpunkt ist es jedoch oft bereits zu spät, um eine wirksame Bekämpfung einzuleiten.
Die Beizung von Getreide hat sich daher als elementar wichtiger Baustein etabliert, weil dabei sehr gezielt, effektiv und früh gegen genau diese Krankheiten vorgegangen werden kann. Zudem unterstützt eine qualitativ hochwertige Beizung die Keimung und den Auflauf des Bestandes. Dies stellt die erste Grundlage für einen späteren hohen Ertrag sicher, indem gesunde und kräftige Pflanzen von Beginn an heranwachsen.
Bayer hat zwei neue Getreidebeizen eingeführt. Was bedeuten diese für den Einsatz in der Landwirtschaft?
Seifert: DMit Redigo Pro und Bariton kann Bayer dem Markt zwei Optionen zur Verfügung stellen, die den Werkzeugkasten des Saatgutschutzes erweitern und gleichzeitig sehr starke und verlässliche Ergebnisse bei samen- und bodenbürtigen Krankheiten vorweisen können.
Bariton bietet einen effektiven Basisschutz für Weizen-, Roggen- und Triticalesaatgut. Das enthaltene Prothioconazol hemmt die Erneuerungsvorgänge in der Pilzmembran. Fluoxastrobin hingegen beeinträchtigt den Atmungsstoffwechsel in den Pilzzellen. Durch diese synergistische Wirkung wird eine Vielzahl wichtiger Infektionen frühzeitig und effektiv abgewehrt. So bietet es einen Schutz gegen unter anderem Steinbrand, Fusarium, Schneeschimmel, Septoria nodorum und Roggenstängelbrand.
Was zeichnet die Beize Redigo Pro aus?
Seifert: Redigo Pro hingegen ist eine Allround-Lösung für Weizen, Gerste, Roggen, Triticale und Hafer. Es basiert auf einer Kombination von Prothioconazol und Tebuconazol. Diese Wirkstoffe bieten zusammen einen gezielten Schutz gegen schwierig zu erfassende, samenbürtige Erreger.. Gerstenflugbrand und Weizenflugbrand sind schwierig zu erfassen – und hier kann das Mittel mit dem darin enthaltenen Tebuconazol höchste Wirkungsgrade verzeichnen. Dazu kommen eine hervorragende Verarbeitbarkeit, gute Fließfähigkeit und – in der Kombination mit dem Kleber Inteco – auch sehr niedrige Staubwerte.
Welche Perspektiven haben diese Mittel im Markt?
Seifert: Prothioconazol und Fluoxastrobin in Bariton beziehungsweise Prothioconzaol und Tebuconazol in Redigo Pro sind keine neuen Wirkstoffe. Sie werden im klassischen Pflanzenschutz bereits lange eingesetzt und haben sich bewährt.
Die regulatorischen Unsicherheiten im Getreidebeizsegment erschweren die Planung für Beizstellen und Landwirte. Denn es ist unklar, wie lange die derzeit zugelassenen Lösungen dem Markt noch zur Verfügung stehen. Klar ist, dass die Getreidebeize Bariton langfristig zugelassen ist. Redigo Pro ist mittelfristig die Lösung, um das Beizsegment zu bereichern und die gewohnten Wirkungsspektren beizubehalten.
Warum ist eine hohe Sicherheit gegenüber Flugbrand so wichtig?
Seifert: Flugbrand sitzt im Inneren des Korns und infiziert den Keimling — er wird erst später in der Pflanze sichtbar, bildet dann schwarze Sporenlager und steckt Nachbarpflanzen an. Flugbrand kann bis hin zu einem Totalausfall etablierter Pflanzen führen. Elektronenbeizen erreichen das Innere des Korns nicht und schützen daher den Keimling vor dieser Krankheit nicht.
Eine fungizide Beize schützt genau dort, wo der Erreger sitzt, und das mit nur wenigen Gramm Wirkstoff pro Hektar. Redigo Pro bietet genau diesen inneren Keimlingsschutz und reduziert so Ertrags‑ und Qualitätsrisiken in der Vermehrungskette.
Für Kartoffeln und einige Gemüsearten hat Bayer das biologische Fungizid Serenade Soil Activ im Herbst 2025 eingeführt. Was zeichnet das neue Produkt bei Kartoffeln aus?
Seifert: Serenade Soil Activ ist ein biologisches Fungizid auf Basis des Bodenbakteriums Bacillus amyloliquefaciens QST 713, das nach der Ausbringung die Wurzeln besiedelt und die Pflanze dort schützt, wo Probleme beginnen — an Wurzeln, Ausläufern und Knollen. Serenade hat eine Zulassung gegen Rhizoctonia und Silberschorf und wird beim Legen der Kartoffeln an der Pflanzmaschine appliziert. In umfangreichen Feldversuchen – unter anderem 147 Großparzellenversuche in den Niederlanden - zeigte es eine zuverlässige Reduktion von Rhizoctonia und Silberschorf. Zudem fördert das Mittel die Bildung von Ausläuferwurzeln und verbessert die Nährstoffaufnahme der Knolle wie zum Beispiel Calcium und Eisen sowie die Schalenqualität durch stärkere Suberinbildung.
Welche Vorteile gibt es hier in der Praxis?
Seifert: Praktisch bedeutet das höhere marktfähige Erträge und gesündere Knollen. Serenade reduziert deutlich die Bildung grüner Knollen und die Solaninbildung und senkt dadurch den Glykoalkaloidgehalt in den Knollen erheblich. Die Reduzierung des Glykoalkaloidgehaltes ist durch eine Vielzahl von Versuchen mehrjährig reproduzierbar.
Welche Wirkungen umfasst das neue Beizmittel Buteo start im Zuckerrübenanbau?
Seifert: Buteo start ist eine neuzugelassene systemische Insektizidbeize für die Zuckerrübe mit dem neuartigen Wirkstoff Flupyradifurone. Der Wirkstoff ist der einzige Wirkstoff aus der Klasse der Butenolide. Die chemische Signalübertragung wird gestört, so sind die Nicotinrezeptoren ständig geöffnet und es kommt so zu einer Überstimulation des Nervensystems.
Zugelassen ist die insektide Beize gegen Moosknopfkäfer, Erdflöhe, Drahtwurm, Tausendfüßler und Rübenfliege. In der Praxis stabilisiert das Mittel die Jungpflanzen in einer kritischen Phase und ist damit ein echter Hoffnungsträger für den Zuckerrübenanbau — wirkungsvoll, aber dort einzusetzen, wo man wirklich einen Unterschied machen kann – direkt bei der Aussaat durch eine moderne systemische Beizung. Im Februar hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft (BVL) dem Widerspruch von Bayer stattgegeben und für das Produkt Buteo Start die Auflage NW 811 Drainauflage - Keine Ausbringung auf drainierten Flächen.“) aufgehoben. Der Wegfall der Drainauflage bedeutet mehr Flexibilität für die Landwirte bei der Flächenwahl. Alle weiteren Anwendungsbestimmungen des Mittels behalten ihre Gültigkeit.
Kommen wir zur Zulassungssituation. Momentan fallen generell viele Wirkstoffe weg, ohne dass neue auf den Markt gelangen. Wie wirkt sich das in der Praxis aus?
Karen Kamrath: Wer tagtäglich auf seinem Acker unterwegs ist, spürt: Die Herausforderungen im Pflanzenschutz werden größer. Bewährte Pflanzenschutzmittel stehen plötzlich nicht mehr zur Verfügung, doch auf Zulassungen für neue Mittel muss man mittlerweile Jahre warten. Währenddessen breiten sich resistente Pflanzen wie Ackerfuchsschwanz und Weidelgras immer weiter aus. Zudem führt der Klimawandel neue Schädlinge und Krankheiten in die Felder, wie die gefürchtete Schilf-Glasflügelzikade, die in Rüben, Kartoffeln und Gemüse teils existenzielle Schäden verursacht. Diese und viele weitere Beispiele zeigen, wie akut die Situation ist. Die Landwirtschaft braucht Lösungen – und sie braucht sie schnell.
Was ist das Kernproblem und was führt zu dieser Wirkstoffknappheit?
Kamrath: Trotz enormer Anstrengungen und Investitionen in Forschung und Entwicklung leidet zunehmend die Verfügbarkeit insbesondere von chemisch-synthetischen, aber auch von biologischen Wirkstoffen. In Europa regelt die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 die Genehmigung von Wirkstoffen. Diese sollte eigentlich ein Gleichgewicht schaffen: Sicherheit für Mensch, Tier und Umwelt auf der einen Seite, und ausreichend Lösungen für die landwirtschaftlichen Probleme auf der anderen. Dieses Gleichgewicht ist aus den Fugen geraten.
Dazu kommt, dass die EU mit der Prüfung der selbst auferlegten Anforderungen nicht Schritt halten kann und dadurch immer mehr Innovationen im EU-Genehmigungsprozess festhängen – auch, weil immer neue Anforderungen hinzukommen. Momentan warten etwa 70 neue Wirkstoffe der europäischen Pflanzenschutzindustrie auf eine Entscheidung zur Genehmigung durch die Behörden. Dazu kommt, dass der letzte neue chemisch-synthetische Wirkstoff in der EU im Jahr 2019 genehmigt wurde. Seitdem sind aber mehr als 80 chemisch-synthetische Wirkstoffe weggefallen.
Was muss sich Ihrer Ansicht nach ändern?
Kamrath: Wichtig ist, das derzeitige Ausmaß der Verluste an chemisch-synthetischen, aber auch an biologischen Wirkstoffen auf EU-Ebene und bei den Produktzulassungen in Deutschland zu stoppen. Es gibt dazu heute bereits die Möglichkeit – und zwar auf Basis des Artikels 4 (7) der Verordnung (EG) 1107/2009 bei entsprechender Bedrohungslage und fehlenden Alternativen. Bislang macht die EU hiervon leider keinen Gebrauch.
Zudem braucht es schnell eine fundamentale Neuausrichtung des Genehmigungsverfahrens von Wirkstoffen auf EU-Ebene – weg von bestimmten Ausschlusskriterien, die auf rein theoretischen Gefahrenpotenzialen basieren, hin zu einer wissenschaftlichen und datenbasierten Bewertung. Würde man einige EU-Ausschlusskriterien risiko- statt gefahrenbasiert beurteilen, wie alle anderen Regionen der Welt es tun, könnten zahlreiche Wirkstoffe im Markt bleiben oder in den Markt kommen ganz ohne Abstriche bei der Sicherheit.
Was erwarten Sie von den Bestrebungen der EU, Verfahren zu beschleunigen?
Kamrath: Die Landwirtschaftsbranche erwartet von dem „Food and Feed Safety Simplification Omnibus“ – einem Verordnungsvorschlag der EU-Kommission zur Entbürokratisierung unter anderem der Pflanzenschutz-Zulassungsverordnung 1107/2009 – neue Impulse. Die erste Analyse ist jedoch ernüchternd. Die bestehenden Probleme beim Pflanzenschutz werden so nicht gelöst. Benötigt wird eine risikobasierte Bewertung von Wirkstoffen. So ist es der Standard auf der Welt. Wenn diese Vorgehensweise in Europa nicht geändert wird und es beim gefahrenbasierten Ansatz bleibt, führen kosmetische Reformen an anderer Stelle nicht zum Durchbruch. Die Erträge kommen weiter unter Druck, da weitere chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel wegfallen werden und gleichzeitig Innovationen ausbleiben.