Best Practice für die Betriebsführung 

Nachhaltige Produktivitätssteigerung im Management

Symbolbild für Betriebsführung zeigt Taschenrechner auf Tastatur
Gutes Management braucht eine umfassende Kalkulation sowohl marktwirtschaftlicher als auch nachhaltiger KPIs. ©Gert Altmann auf Pixabay

Mit der nachhaltigen Produktivitätssteigerung hat die DLG ein Leitbild formuliert, das ökologische, ökonomische und soziale Zielsetzungen konsequent zusammendenkt. Was bedeutet dieser Ansatz konkret für die betriebliche Praxis? Welche Rolle spielen technologische Innovationen, Digitalisierung und Managementkompetenz? Darüber spricht Erik Guttulsröd, Bereichsleiter Betriebsführung im Fachzentrum Landwirtschaft & Lebensmittel der DLG. Im Interview erläutert er, welche fachlichen Perspektiven das Leitbild eröffnet, wo aktuell die größten Hebel für Betriebe liegen und wie seine Vision einer zukunftsfähigen, leistungsstarken und zugleich nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft aussieht. 

DLG-Newsroom: Welche fachlichen Perspektiven eröffnet das DLG-Leitbild der Nachhaltigen Produktivitätssteigerung für die Betriebsführung in der Landwirtschaft? 

Erik Guttulsröd: Für mich ist die nachhaltige Produktivitätssteigerung in erster Linie ein moderner Management-Ansatz. Er verbindet ökologische Zielsetzungen konsequent mit ökonomischer Leistungsfähigkeit. Aus Sicht der Betriebsführung bedeutet das vor allem eines: Optimierung – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette eines Betriebs. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist dabei die Professionalisierung des Managements. Nachhaltige Produktivitätssteigerung bedeutet nicht zwingend, sofort neue Technologien einzuführen. Vielmehr sollten Betriebe zunächst ihre eigenen Abläufe, Entscheidungswege und Datengrundlagen analysieren. In vielen Fällen liegen dort noch ungenutzte Reserven – individuell unterschiedlich, aber fast immer vorhanden.

Ist das also alles eine Frage der Management-Kompetenz – oder kann Technologie auch helfen?

Das Leitbild eröffnet gleichzeitig den Raum, über reine Selbstoptimierung des individuellen Betriebsleiters oder der Betriebsleiterin hinauszugehen. Digitalisierung, Smart Farming, Robotik und zunehmend auch Künstliche Intelligenz können Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter dabei unterstützen, komplexe Zusammenhänge besser zu überblicken. Langwierige Datensammlungen und Rechenprozesse lassen sich automatisieren, Informationen stehen in Echtzeit zur Verfügung, und Entscheidungen können fundierter und schneller getroffen werden. Das stärkt sowohl die ökologische als auch die ökonomische Seite der Betriebe.  

Innovation, Digitalisierung und Systemvernetzung

Welche dieser technologischen Innovationen sind für die Betriebsführung besonders wegweisend? 

Besonders wegweisend sind aus meiner Sicht Technologien, die Ressourceneinsatz und Produktivität gleichzeitig verbessern. Beispiele dafür sind zudem auch präzise Applikationstechniken wie Spot-Spraying oder kameragestützte Pflanzenschutzverfahren, bei denen Betriebsmittel nicht mehr flächendeckend, sondern gezielt eingesetzt werden. Ähnliches gilt für Systeme zur Tierbeobachtung im Stall, etwa über Geräusch- oder Bilderkennung zur frühzeitigen Krankheitsdetektion. Dadurch lassen sich Krankheiten früher erkennen, Behandlungen gezielter durchführen und Leistungseinbußen vermeiden – ein klarer Gewinn für Tierwohl, Umwelt und Wirtschaftlichkeit. Auch sämtliche Innovationen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz setzen enorme Hebel in Richtung nachhaltiger Produktivitätssteigerung, da sie Verwaltungsprozesse und Management-Entscheidungen unterstützen kann. 

Porträtfoto von Erik Guttulsröd.
Erik Guttulsröd ist Bereichsleiter Betriebsführung im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft & Lebensmittel. ©DLG

Welche Hemmnisse bestehen gegenwärtig in der Verbreitung der Technologien?

Ein wesentliches Hemmnis liegt aktuell weniger in der Technologie selbst als in der mangelnden Vernetzung der Systeme. Viele Lösungen existieren nebeneinander, sprechen aber noch zu selten miteinander. Daten werden mehrfach eingegeben, Schnittstellen fehlen, und digitale Prozesse enden häufig an Systemgrenzen. Gerade im Zusammenspiel von Farmmanagement-Systemen, Buchhaltung, Förderanträgen und Maschinendaten liegt hier ein enormes Potenzial.

Wie könnten diese Barrieren überwunden werden?

Wenn es gelingt, diese Systeme stärker zu integrieren, können erhebliche Produktivitätsreserven aktiviert werden – nicht zuletzt durch den Abbau bürokratischer Belastungen. Tätigkeiten wie Dokumentation, Nachweise oder Kontrollen ließen sich deutlich effizienter gestalten. Das würde Betriebe spürbar entlasten und gleichzeitig die Qualität der Daten für Nachhaltigkeitsbewertungen verbessern. Ein einheitlicher Datenraum – mit optimalem Schutz der Daten, transparenten Mechanismen des Datenmanagements und barrierefreien Schnittstellen zwischen verschiedenen Dokumentations- und Managementsystemen – könnte hier eine Lösung darstellen.  

Technologieoffenheit und die Zukunft der Landwirtschaft

Ein Kernpunkt des Leitbilds der nachhaltigen Produktivitätssteigerung ist die Forderung nach einer gesamtgesellschaftlichen Technologieoffenheit. Für welche Innovationen ist diese besonders entscheidend? 

Technologieoffenheit in der Landwirtschaft allgemein ist aus meiner Sicht eine zentrale Voraussetzung, um den Herausforderungen des Klimawandels, knapper Ressourcen und hoher gesellschaftlicher Erwartungen überhaupt begegnen zu können. Besonders deutlich wird das beim Thema Züchtung und Genetik. Neue Züchtungsverfahren wie CRISPR Cas eröffnen die Möglichkeit, deutlich schneller auf veränderte klimatische Bedingungen zu reagieren – etwa bei Trockenresistenz oder Hitzetoleranz.

Angesichts der Tatsache, dass der Klimawandel bereits Realität ist, können wir es uns kaum leisten, zehn oder fünfzehn Jahre auf klassische Züchtungsfortschritte zu warten. Gleichzeitig ist klar, dass diese Technologien eine sachliche, transparente und wissenschaftlich fundierte gesellschaftliche Debatte benötigen. Technologieoffenheit bedeutet dabei nicht, Risiken auszublenden, sondern Chancen und Risiken nüchtern abzuwägen und verantwortungsvoll zu gestalten. 

Hemmnisse in der Verbreitung der Technologie: Daten werden mehrfach eingegeben, Schnittstellen fehlen, und digitale Prozesse enden häufig an Systemgrenzen. 

Erik Guttulsröd, Bereichsleiter Betriebsführung und Nachhaltigkeit, DLG-Fachzentrum Landwirtschaft & Lebensmittel

Symbolbild KI: Stilisierte menschliche Gehirne, Bildschirme, Datenpunkte. ©Gert Altmann auf Pixabay
KI hat theoretisch enormes Potenzial, Management-Prozesse zu vereinfachen. ©Gert Altmann auf Pixabay

Das berührt direkt die landwirtschaftliche Praxis allgemein: Wie sieht es mit Innovationsfreundlichkeit konkret in der Betriebsführung aus?

Ähnliches gilt für Künstliche Intelligenz und datenbasierte Systeme, die bei Betriebsmanagement-Tools zum Einsatz kommen. Hier spielen Themen wie Datenschutz, Datensouveränität und Akzeptanz eine große Rolle. Gleichzeitig nutzen wir in vielen Lebensbereichen digitale Dienste ganz selbstverständlich. Diese Widersprüche müssen offen adressiert werden. Aufklärung, nachvollziehbare Beispiele aus der Praxis und glaubwürdiges Storytelling sind entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und Ängste abzubauen.

Wie sieht Ihre Vision einer erfolgreich etablierten nachhaltigen Produktivitätssteigerung aus?

Meine Vision ist eine Landwirtschaft, die ihre Produktionsleistung sichert – idealerweise sogar steigert – und dabei weniger Ressourcen verbraucht. In einer solchen Landwirtschaft sind Tiere gesünder, Erträge stabiler, und Betriebe wirtschaftlich resilient aufgestellt. Digitale Systeme unterstützen die Betriebsleitung dabei, Entscheidungen kontinuierlich und datenbasiert zu treffen, statt erst im Rückblick am Jahresende zu analysieren, was gut oder schlecht gelaufen ist.

Ein gut gemanagter Milchviehbetrieb ist dafür ein anschauliches Beispiel: Gesunde, leistungsfähige Kühe führen zu höheren Milchleistungen, besserer Futterverwertung und einer verbesserten Treibhausgasbilanz. Weniger Verluste, weniger Krankheiten und eine bessere Nutzung vorhandener Ressourcen gehen hier Hand in Hand mit Tierwohl und Klimaschutz.

Oft herrscht in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion die Auffassung vor, dass Wirtschaftsunternehmen wie es ja auch landwirtschaftliche Betriebe welche sind ohne Regulatorik und Auflagen nicht in Ressourcenschonung investieren…

Landwirte denken in Generationen und haben eine intrinsische Motivation, ihre Produktionsgrundlagen zu erhalten. Aber es stimmt, um die Transformation im Bereich Innovationen und Technik zu beschleunigen, braucht es oftmals auch externe Unterstützung von Seiten Politik und Gesellschaft. Entscheidend ist deshalb, dass Nachhaltigkeitsleistungen künftig stärker in Wert gesetzt werden.  Erste Ansätze sehen wir bereits – etwa durch Bonusprogramme, differenzierte Milchpreisbestandteile oder verbesserte Finanzierungskonditionen bei nachgewiesenen Klimaleistungen. Wenn ökologische Verbesserungen auch ökonomisch honoriert werden, beschleunigt das die Transformation erheblich.

Nachhaltige Produktivitätssteigerung ersetzt damit einseitige Verzichts- oder Reduktionsdebatten. Sie steht für eine Weiterentwicklung hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von ESG – also Ökologie, Soziales und Unternehmensführung – als tragfähige Grundlage einer zukunftsfähigen Land‑ und Lebensmittelwirtschaft. 

Interview: Stefanie Pionke, DLG-Newsroom