EuroTier 2026: Trends in der Tierhaltungstechnik

Prof. Dr. habil. Heinz Bernhardt, EuroTier-Neuheitenkommission; Lehrstuhl für Agrarsystemtechnik, Technische Universität München, Freising

Die EuroTier 2026 unterstreicht einmal mehr ihre Bedeutung als zentrale internationale Innovationsplattform der Tierhaltungsbranche, auf der Unternehmen nicht nur neue Produkte präsentieren, sondern richtungsweisende Lösungen für die aktuellen Herausforderungen der Nutztierhaltung entwickeln und sichtbar machen. Der DLG-Neuheiten-Preis „Innovation Award EuroTier 2026“ verstärkt diese Funktion, indem eine unabhängige Expertenkommission besonders relevante Neuheiten nach Kriterien wie Praxistauglichkeit, Tiergerechtheit, Arbeitswirtschaft, Umwelt- und Energieeffizienz bewertet.

Die große Zahl der diesjährig mit dem Innovation Award ausgezeichneten Unternehmen und Innovationen verdeutlicht die Breite und Dynamik der technologischen Entwicklung: Das Spektrum der ausgezeichneten Neuheiten reicht von ressourceneffizienter Fütterung und tierbezogener Sensorik über automatisierte Stallsteuerung und Klimaanpassung bis hin zu neuen, integrierten Haltungskonzepten. Gemeinsam ist den Innovationen der Anspruch, Tierwohl und Tiergesundheit, Arbeitsentlastung, Wirtschaftlichkeit sowie einen effizienten Umgang mitRessourcen stärker miteinander zu verbinden.

Der Innovation Award der EuroTier 2026 hat eine wichtige Orientierungs- und Signalwirkung für die Branche: Mit 217 eingereichten und 178 anerkannten Neuheiten sowie vier Gold- und 27 Silbermedaillen macht er sichtbar, welche technischen Entwicklungen über bestehende Lösungen hinausgehen und welches Potenzial sie für die betriebliche Praxis besitzen. Die ausgezeichneten Innovationen zeigen dabei weniger einzelne Produkttrends als vielmehr übergreifende Entwicklungslinien. Bemerkenswert ist, dass die ausgezeichneten Neuheiten diesmal von Ausstellern aus 10 verschiedenen Ländern stammen, was einmal mehr die Internationalität der EuroTier unterstreicht.

Fütterung wird zum Hebel für Ressourceneffizienz

Innovationen in der Fütterung zielen zunehmend darauf ab, Nährstoffe effizienter verfügbar zu machen und besser zu nutzen. Dadurch kann bei gleicher Versorgung der Einsatz von Futtermitteln und Ressourcen reduziert werden. Fütterung entwickelt sich damit zu einem wichtigen Ansatzpunkt für mehr Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit.

Tierbezogene Sensorik wird zur Schnittstelle für die Stallsteuerung

Tierbezogene Sensoren werden zunehmend mit der technischen Steuerung des Stalls verknüpft. Daten zu Tierverhalten und -gesundheit können dadurch unmittelbar genutzt werden, um beispielsweise Klima- und Lüftungsbedingungen situationsgerecht anzupassen. Der Fokus verschiebt sich damit von der reinen Überwachung hin zu präventiver und automatisierter Steuerung.

Klimaanpassung wird zum festen Bestandteil moderner Tierhaltung

Die zunehmende Häufigkeit von Hitzewellen und Wetterextremen macht Klimaanpassung zu einer festen Managementaufgabe. Gefragt sind Lösungen, die Hitzestress frühzeitig erkennen und automatisch geeignete Maßnahmen einleiten. Dabei sollen Tierwohl und Tiergesundheit ebenso berücksichtigt werden wie Energieverbrauch, Arbeitsaufwand und Wirtschaftlichkeit.

Aus Einzellösungen müssen integrierte Systeme werden

Es gibt einen zunehmenden Bedarf an vernetzten Gesamtsystemen, die Sensorik, Steuerung, Aktoren und Arbeitsabläufe herstellerübergreifend miteinander verbinden. Dies gilt insbesondere für neue Haltungssysteme, die neue Arbeitsabläufe mit sich bringen. Künftig wird daher entscheidend sein, dass technische Einzellösungen nicht isoliert funktionieren, sondern praxisgerecht zusammenspielen und Arbeitsbelastung sowie Ressourcenaufwand tatsächlich reduzieren.

Trends Milchviehhaltung

Die Trends in der Milchviehhaltung gehen in Richtung einer ressourceneffizienten, tiergerechten und stärker automatisierten Produktion, bei der Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sowie Wirtschaftlichkeit gemeinsam betrachtet werden. Zentrale Themen sind die Weiterentwicklung moderner Liegeboxenlaufställe, eine tiergerechte Gestaltung von Liege-, Fress- und Tränkebereichen sowie elastische und gut zu reinigende Laufflächen. Gleichzeitig gewinnt das Wirtschaftsdüngermanagement an Bedeutung: Neue Verfahren zur getrennten Erfassung von Kot und Harn sowie automatisierte Reinigungssysteme sollen Emissionen reduzieren und Nährstoffe besser nutzbar machen . Angesichts zunehmender Hitzeperioden rückt zudem die Vermeidung von Hitzestress stärker in den Fokus. Verbesserte natürliche Lüftung, Ventilatoren, Beschattung und gezielte Kühlung sollen das Stallklima verbessern und damit Tiergesundheit, Futteraufnahme und Milchleistung sichern. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Digitalisierung, Sensorik und Robotik: Automatisiertes Melken, Füttern, Futteranschieben und Reinigen können Arbeitsabläufe erleichtern und gleichzeitig Daten zu Tierverhalten, Gesundheit und Leistung liefern. Gleichzeitig bleibt die fachkundige Kontrolle durch den Milchviehhalter unverzichtbar. Insgesamt zeigt sich ein Trend zu ganzheitlichen Stall- und Produktionssystemen, die Tiergesundheit und Tierwohl, Arbeitsqualität, Ressourceneffizienz, Emissionsminderung und wirtschaftliche Tragfähigkeit miteinander verbinden – wobei technische Lösungen immer standort- und betriebsbezogen bewertet werden müssen.

Trends Schweinehaltung

Die Trends in der Schweinehaltung stehen vor allem im Zeichen von Wirtschaftlichkeit, Digitalisierung, Tierwohl, Automatisierung und Arbeitserleichterung. Angesichts hoher Kosten und schwieriger Marktbedingungen gewinnen effiziente Produktionsprozesse weiter an Bedeutung. Die Digitalisierung entwickelt sich dabei zu einem zentralen Werkzeug: Stallklima, Fütterung, Wasserverbrauch, Tierverhalten und Verkaufsmanagement werden zunehmend miteinander vernetzt. Künstliche Intelligenz hilft dabei, Bilder und Datenmengen in Echtzeit auszuwerten, um Krankheiten und Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und Managemententscheidungen zu unterstützen. Im Abferkelstall liegt der Fokus auf tiergerechteren Haltungssystemen, verbesserten Liege- und Heizmöglichkeiten sowie einer automatisierten Überwachung von Sauen und Ferkeln. Gleichzeitig gewinnen Lösungen für die Mast unkupierter Schweine, insbesondere die frühzeitige Erkennung von Schwanzverletzungen, weiter an Bedeutung. Weitere Entwicklungen betreffen automatisierte Einstreu- und Entmistungssysteme, die Arbeitszeit und körperliche Belastungen reduzieren sowie die Staubbelastung beim Einstreuen verringern. Bei der Fütterung stehen neben einer bedarfsgerechten Versorgung bessere Wartungs- und Reinigungskonzepte und eine verbesserte Futterhomogenität im Mittelpunkt. Ergänzt wird dies durch zunehmend automatisierte Hygiene- und Reinigungstechnik, die dazu beitragen soll, Infektionsketten zu unterbrechen und gleichzeitig den Arbeitsaufwand für Tierhalter und Mitarbeiter zu senken. Insgesamt zeigt sich ein deutlicher Trend hin zu einer stärker vernetzten, datenbasierten, tiergerechten und automatisierten Schweinehaltung, die sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Tiergesundheit und Arbeitsbedingungen verbessern soll.

Trends Geflügelhaltung

Die Geflügelhaltung entwickelt sich zunehmend in Richtung mehr Biosicherheit, Tierwohl und Tiergesundheit bei gleichzeitig höherer Ressourceneffizienz. Gleichzeitig stehen eine verbesserte Darmgesundheit zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes sowie eine effizientere Nährstoffversorgung im Fokus. Auch mobile und zunehmend automatisierte Stallsysteme liegen im Trend, da sie eine flexible Flächennutzung ermöglichen und Nährstoffeinträge in den Boden begrenzen. Im Bereich der Legehennenhaltung werden zudem digitale und sensorbasierte Lösungen zur Optimierung des Eiertransports wichtiger, etwa zur Erkennung und Vermeidung von Stoßbelastungen und damit zur Verringerung von Knickeiern.

Trends Betriebsmitteln und Betriebstechnik

Bei Betriebsmitteln und Technik für den Betriebsmitteleinsatz zeichnet sich ein Trend zu höherer Futtereffizienz, Tiergesundheit, Ressourcenschonung und stärkerer Kreislaufwirtschaft ab. Angesichts steigender biologischer Leistungen und wachsender Anforderungen an die Fütterung rücken insbesondere die Darmgesundheit bei Schweinen und Geflügel bei gleichzeitig reduziertem Einsatz von Antibiotika in den Mittelpunkt. Dabei gewinnen phytogene Substanzen und Phytobiotika an Bedeutung, häufig in komplexen Mischungen, die auf eine Stabilisierung der Darmflora, eine bessere Futterverwertung und die Vermeidung von Gesundheits- und Verhaltensproblemen abzielen. Parallel wächst die Bedeutung der Nutzung von Nebenströmen aus der Lebensmittel- und Bioenergieproduktion, um vorhandene Ressourcen besser auszuschöpfen und die Kreislaufwirtschaft voranzubringen. Bei der Fütterungstechnik geht die Entwicklung in Richtung präziser, effizienter und stärker automatisierter Verfahren, die neben der Futterbereitstellung auch Tierwohl, Beschäftigung, Arbeitssicherheit und die Reduzierung unerwünschter Stoffe berücksichtigen. Umwelt- und Klimaschutz bleiben relevante Themen, auch wenn emissionsmindernde Maßnahmen aktuell etwas in den Hintergrund gerückt sind; wenngleich Lösungen zur Wirtschaftsdüngerbehandlung und zur effizienteren Nährstoffnutzung weiteres Potenzial zur Emissionsminderung bieten. Angesichts zunehmender klimatischer Schwankungen und variablerer Ernteerträge gewinnen zudem Technologien zur Verringerung von Futterverlusten und zur besseren Ausschöpfung der im Futter enthaltenen Nährstoffe an Bedeutung. Insgesamt zeigt sich, dass Innovationen nicht zwingend auf völlig neuen Produkten beruhen müssen: Auch die intelligente Kombination etablierter Verfahren und Technologien eröffnet Möglichkeiten, den Betriebsmitteleinsatz wirtschaftlicher, nachhaltiger und tiergerechter zu gestalten.

Trends Digitalisierung und Herdenmanagement

Digitale Lösungen für Herdenmanagement, Qualitätssicherung und Smart Farming entwickeln sich zunehmend von einzelnen Anwendungen zur vernetzten Systemlösung. Im Mittelpunkt stehen dabei Künstliche Intelligenz, digitale Bots, bildgebende Verfahren und Gesundheitsmonitoring. Moderne Sensoren und Kameras erfassen immer mehr Informationen zu Verhalten, Leistung, Gesundheit und Tierwohl und ermöglichen eine frühzeitige Erkennung von Krankheiten und Auffälligkeiten sowie eine gezieltere Zucht- und Managemententscheidung. Dabei werden Daten zunehmend über die gesamte Lebens- und Produktionskette eines Tieres erfasst und für die Optimierung betrieblicher Prozesse genutzt. Gleichzeitig gewinnt die herstellerübergreifende Vernetzung von Stall- und Lüftungstechnik an Bedeutung. Insgesamt geht der Trend zu smarten Entscheidungshilfen, die nicht nur Informationen bereitstellen, sondern aus deren Analyse konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Durch die Verknüpfung von technischen, agronomischen und veterinärmedizinischen Daten sollen dabei Arbeitsaufwand und Belastung reduziert, Tiergesundheit und Tierwohl verbessert sowie die Wirtschaftlichkeit gesteigert werden.

Foto: DLG

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PM_EuroTier_2026_Zusammenfassender Trendbericht_Bernhardt.pdf