DLG-Feldtage 2026: Eröffnungsrede des DLG-Präsidenten Hubertus Paetow
Redemanuskript des Präsidenten der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) Hubertus Paetow anlässlich der DLG-Feldtage 2026 vom 16. bis 18. Juni 2026 auf dem Gelände des Internationalen DLG-Pflanzenbauzentrums in Bernburg-Strenzfeld - Leitthema: Pflanzenbau out of the Box
[…]Meine sehr verehrten Damen und Herren […],
herzlich willkommen zu den DLG-Feldtagen hier in Bernburg. Und zuallererst herzlichen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass diese Feldtage hier stattfinden können.
Es sind bewegte Zeiten für die Welt und auch für die Landwirtschaft. Wer hätte 2024 auf den Feldtagen in Erwitte geglaubt, dass auch zwei Jahre danach die Kriege in der Ukraine und Nahost immer noch die Welt in Atem halten.
Und dazu ist ein amerikanischer Präsident im Amt, der mit seiner Unberechenbarkeit die globale Handels- und Sicherheitspolitik grundlegend beschädigt.
Und auch wenn sich in Nahost jetzt eine vorläufige Einigung abzeichnet, glaubt wohl niemand daran, dass wir zu den geordneten Verhältnissen vor den großen Krisen zurückkehren werden.
Wir hätten auch nicht geglaubt, dass diese Entwicklungen die deutsche Wirtschaft so aus der Bahn werfen.
Deutschland hat die rote Laterne im Wachstumsvergleich
Das BIP in Deutschland ist seit 2019 um 0,2 Prozent gewachsen, das der Spanier um 10 Prozent und jenes der Vereinigten Staaten um 15 Prozent.
Im Wachstumsvergleich der EU-Länder hat Deutschland 2025 erstmals seit Anfang des Jahrtausends wieder die rote Laterne.
Es sind also nicht nur die globalen Krisen, die der Wirtschaft schaden, denn die gab es für die anderen EU-Länder auch.
Die Rezession hat ihren Grund im politischen Stillstand in Deutschland, in unserem gespaltenen Verhältnis zu Fortschritt, Produktivität und Wachstum, in unserer Angewohnheit, auch jeden noch so kleinen Reformschritt sofort als Angriff auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Klimaschutz oder die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sehen. Fast scheint es, dass die Gesellschaft nur noch von einer kollektiven Fortschrittsverweigerung zusammengehalten wird.
Schwere Zeiten also für eine fortschrittliche Landwirtschaft. Und das bei großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Deutlich gestiegene Dünger- und Dieselpreise, in Relation dazu schwache Erlöse bei Getreide, Ölsaaten und Zucker: Die Belastungen auf den Betrieben sind real und spürbar.
Chancen in schwierigen Zeiten erkennen
Wir wären aber nicht die DLG, wenn wir angesichts dieser Situation in das allgemeine Klagelied einstimmen würden. Jede Zeit hat ihre Chancen.
Die letzten Jahre haben gute Gewinne gebracht, so dass hoffentlich Rücklagen vorhanden sind, um die gegenwärtige Situation zu überwinden. Immerhin fallen bei den Betriebsmitteln die Preise schon wieder und es gab in den letzten Wochen auch gute Gelegenheiten für Vorverkäufe bei Getreide und insbesondere bei Ölsaaten.
Das Wetter im Frühjahr war fast überall optimal für die Feldfrüchte, lediglich im Osten Brandenburgs und in Franken ist es erneut zu trocken.
Alles in allem also keine Katastrophe, aber auch kein Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen.
Es ist genau die richtige Zeit, um nach vorne zu schauen und die nächsten Schritte auf den Betrieben zu planen.
Und wo könnte man das besser als hier in Bernburg auf den DLG-Feldtagen, unserem Messefestival unter freiem Himmel.
Mit dem Leitthema „Pflanzenbau out of the Box“ - dem klaren Appell an die gesamte Wertschöpfungskette, den Ackerbau, die Landwirtschaft neu zu denken.
DLG-Feldtage sind das Schaufenster einer unternehmerischen Landwirtschaft
Die DLG-Feldtage sind mehr als eine Messe. Sie sind das Schaufenster einer unternehmerischen Landwirtschaft, die Antworten auf die drängenden Fragen der Branche sucht – und findet. Hier trifft sich eine Land- und Lebensmittelwirtschaft, die nicht wartet, bis die Politik die Richtung vorgibt, sondern die selbst vorangeht: lösungsorientiert, konstruktiv, offen für das Neue.
Der Umgang mit Innovationen bedeutet nicht, sich zwischen blinder Begeisterung und ängstlicher Ablehnung entscheiden zu müssen, wie der Papst es gerade so treffend gesagt hat.
Verantwortungsvolle Innovation bedeutet, sie mit dem eigenen Sachverstand zu prüfen. Mit dem Wissen der Akteure aus Wissenschaft, Praxis, Entwicklung und Beratung, die hier auf diesem Gelände zusammenkommen.
KI, Robotik und Automation sind Werkzeuge für den Fortschritt
Innovationsoffenheit bedeutet, Robotik, Automation und Künstliche Intelligenz nicht als Selbstzweck zu betrachten, sondern als Werkzeuge für den Fortschritt, den wir dringend brauchen.
Für diesen Fortschritt brauchen wir ein neues Leitbild. Denn das bisherige, der Green Deal, ist in der Umsetzung gescheitert. Vielleicht war das Konzept doch zu visionär für die bürokratische EU, vielleicht waren aber auch die Grundgedanken nicht gut genug entwickelt.
Jedenfalls heißt das neue Programm der EU-Kommission „Clean Industrial Deal”, und das zeigt, dass auch in Brüssel niemand mehr an den Erfolg eines rein ökologischen Umbaus der Wirtschaft glaubt.
Unser DLG-Leitbild für die Landwirtschaft nach dem Green Deal haben wir auf der Wintertagung vorgestellt. Es heißt Nachhaltige Produktivitätssteigerung.
Das heißt nicht, Ertrag um jeden Preis, sondern die ganzheitliche Betrachtung des Fortschritts.
Steigende Erträge bei geringerem Ressourcenverbrauch, aber auch positive Leistungen der Landwirtschaft für Biodiversität, Tierwohl und Klima gehören mit in die Produktivitätsgleichung, mit der wir auch hier auf den Feldtagen den Fortschritt bewerten.
Das kann eine neue, resistente Sorte, ein präzises Pflanzenschutzverfahren – ob mit oder ohne Chemie - oder der Einsatz von Robotik und KI sein – alles, was uns dem Ziel der nachhaltigen Produktivitätssteigerung näherbringt, können wir hier auf den DLG-Feldtagen live erleben und auf die Eignung für den eigenen Betrieb prüfen.
Zum Stichwort KI: KI ist in aller Munde – und das zu Recht. Sie ist kein vorübergehender Trend. Sie ist das nächste Kapitel in der Erfolgsgeschichte der modernen Landwirtschaft. Wenn wir sie richtig nutzen.
KI entlastet bei Bürokratie, Robotik und Automation bei knappen Arbeitskräften
KI ermöglicht uns einen noch präziseren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger. Sie hilft uns, Erntelogistik besser zu planen, Maschinenauslastungen zu optimieren, Risiken frühzeitig zu erkennen. Robotik und Automation entlasten dort, wo Arbeitskräfte knapp sind – und sie werden knapper.
Und wer wäre nicht begeistert von der Vorstellung, dass morgen all die langweiligen Bürotätigkeiten für Dokumentation und Schriftverkehr auf Zuruf von einem Agenten erledigt werden, und wir endlich wieder mehr Zeit auf dem Acker als am Schreibtisch verbringen können.
Das alles sind keine Versprechen für übermorgen. Das sind Realitäten, die Sie hier auf den Feldtagen live erleben können.
Drängende Fragen im Netzwerk zukunftsorientiert beantworten
Aber – und das ist mir wichtig – wir dürfen dabei nicht naiv sein. Die Fragen, die sich stellen, sind ernst zu nehmen: Wem gehören die Daten, die unsere Betriebe produzieren? Wie vermeiden wir neue Abhängigkeiten von wenigen großen Technologieanbietern? Wie stellen wir sicher, dass Innovationen nicht nur auf Leuchtturmbetrieben landen, sondern in der Breite ankommen?
Diese Fragen beantworten wir nicht, indem wir auf die Politik zeigen. Wir beantworten sie, indem wir als Branche, als Netzwerk, als DLG die Deutungshoheit über die Zukunft der Landwirtschaft behalten. Indem wir neue Technologien nicht passiv konsumieren, sondern aktiv mitgestalten – mit dem Sachverstand, den wir hier in diesem Netzwerk vereinen.
Und für dessen Austausch und Diskussion die DLG-Feldtage 2026 hier in Bernburg-Strenzfeld unter dem Leitthema „Pflanzenbau out of the Box“ eine wichtige Plattform bieten.
Bei der gemeinsamen Agrarpolitik hat es zuletzt positive Signale aus dem EU-Parlament und der Bundesregierung zum wichtigen Thema „Degression und Kappung” gegeben.
Wir können nur hoffen, dass sich das Parlament mit seinen Vorschlägen im Trilog durchsetzt, und wünschen uns dafür natürlich Unterstützung aus Deutschland.
Bei Düngeverordnung und Pflanzenschutzmittelzulassung steht der grundlegende Kurswechsel noch aus.
Wie schon gesagt, der Green Deal ist in seiner ursprünglichen Form gescheitert. Das ist keine Niederlage für die Idee der Nachhaltigkeit und ihre Ziele der Bewahrung der natürlichen Ressourcen – es ist eine Niederlage für starre Zielvorgaben ohne realistische Umsetzungswege.
Vernünftige Zulassungspraxis statt Schaden für die Biodiversität
Das Beispiel der „Sustainable Use Regulation“, kurz SUR, zeigt das sehr gut: Die 50 Prozent weniger Einsatz von Pflanzenschutz aus der SUR klingen gut auf dem Papier.
Aber wenn für ganze Pathogengruppen keine wirksamen Alternativen zur Verfügung stehen, gefährden wir den Anbau wichtiger Kulturen und damit die Vielfalt unserer Fruchtfolgen.
Der Schaden für die Biodiversität wäre am Ende größer als bei einer vernünftigen Zulassungspraxis, die Innovationen ermöglicht statt verhindert.
Ähnliches gilt für die Düngeverordnung.
Ein einfaches, zielführendes Regelwerk ist auch hier noch nicht in Sicht. Natürlich sind viele froh, dass die komplizierte Stoffstrombilanz Geschichte ist. Aber aus Sicht der meisten Betriebe wäre ein Nährstoffvergleich mit vernünftigen Überschussgrenzen einfacher zu handhaben als ein Wirrwarr aus Bedarfsermittlungen und roten Gebieten.
Vor dem Hintergrund stark abnehmender Stickstoffüberschüsse stellt sich ohnehin die Frage, warum hier immer noch an hochkomplexen Entwürfen gearbeitet wird, statt auf das Erreichte hinzuweisen und die Betriebe mit neuer Regulierung zu verschonen – und stattdessen auf klare und unmissverständliche Zielvorgaben zu setzen.
Immerhin ist der Zielwert beim Stickstoffüberschuss aus der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie für 2030 schon im letzten Jahr erreicht worden. Die Branche hat geliefert, die Bürokratie hinkt hinterher.
Gemeinsam am zukunftsfähigen Regelwerk arbeiten
Wir brauchen politische Rahmenbedingungen, die nicht nur verbieten, sondern ermöglichen. Rahmenbedingungen, die Verlässlichkeit und Chancen schaffen, statt sich in Ausnahmen, Übergangsregeln und Detailvorschriften zu zerfasern.
Ich sage das nicht als Klage. Ich sage es als Auftrag – an die Politik, die heute mit uns hier ist, und vor allem an uns selbst. Denn die entscheidende Frage lautet nicht: „Was soll die Politik endlich tun?" Die entscheidende Frage lautet: „Was können wir tun – und was brauchen wir dafür?"
Es gibt also jede Menge gute Gründe, in den nächsten drei Tagen hier in Bernburg sowohl die neuesten Innovationen zur nachhaltigen Produktivitätssteigerung zu erleben; als auch in den Austausch zu treten – untereinander als Praktikerinnen und Praktiker, Wissenschaft und Wirtschaft - und mit der Politik. Sicherlich liefern die DLG-Feldtage, zwischen den pflanzenbaulichen und technischen Neuerungen, einen inspirierenden Rahmen, um gemeinsam an einem zukunftsfähigen Regelwerk zu arbeiten.
Die DLG-Feldtage stehen für eine Landwirtschaft, die Verantwortung übernimmt. Die nicht auf Veränderung wartet, sondern sie gestaltet. Die zeigt, dass Nachhaltigkeit und Produktivität kein Widerspruch sind – sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, für Ihre Neugier und für Ihre Bereitschaft, sich einzubringen. Ich danke unseren Ausstellern, unseren Partnern und allen, die diese Veranstaltung möglich gemacht haben.
Willkommen auf den DLG-Feldtagen 2026. Lassen Sie uns gemeinsam Fortschritt erleben – und gestalten.
Weitere Informationen finden Sie hier.
Bildmaterial unter Angabe der Quelle (siehe Dateinamen) zu redaktionellen Zwecken frei verwendbar.
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