Zwischen Grünland, Innovation und Gastfreundschaft
Eine landwirtschaftliche Forschungsreise nach Neuseeland
Christoph Stumpe ist Preisträger des DLG Young Talents Awards. Seit 2024 verleiht die DLG den DLG Young Talents Award, mit dem junge Fachkräfte in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung unterstützt werden. Stumpe erhielt 2024 den Sonderpreis zum Thema „Digitalisierung in der Landwirtschaft“. Im Praxisbericht gibt er Einblicke in seine Erfahrungen auf seiner Forschungsreise in Neuseeland.
Neuseeland, das dünn besiedelte Land mitten im Südpazifik, ist landwirtschaftlich geprägt von Grünlandflächen, die rund 90 % der genutzten Fläche ausmachen. Während historisch die Schafhaltung prägend war, hat sich die landwirtschaftliche Nutzung in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend hin zur Milchviehhaltung verlagert. Dieser Strukturwandel wird besonders am Beispiel der Region Canterbury auf der Südinsel deutlich. Dort hat der Ausbau von Center-Pivot-Beregnungsanlagen auf vormals trockenen Grünlandstandorten die Voraussetzung für eine intensive Milchproduktion geschaffen.
Dairy-Industrie als entscheidender Wirtschaftsfaktor
Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt in dieser Region bei etwa 800 Kühen, überwiegend der Rasse Kiwi-Cross (Kreuzung aus Holstein-Friesian und Jersey). Die Tiere werden ganzjährig auf rund 250 ha Weidefläche gehalten. Die Milchproduktion folgt konsequent einer grünlandbasierten Low-Input-Strategie ohne klassische Stallhaltung. Ergänzende Fütterung erfolgt nur in begrenztem Umfang, beispielsweise in Trockenperioden. Unter diesen Rahmenbedingungen erreichen die Betriebe durchschnittliche Milchleistungen von etwa 4.800 kg pro Kuh und Jahr.
Die erzeugte Milch wird hauptsächlich von der Molkereigenossenschaft Fonterra erfasst und zu haltbaren Produkten, vor allem Milchpulver, verarbeitet. Mit einem Exportanteil von rund 95 % stellt der Dairy-Sektor einen zentralen Wirtschaftsfaktor für Neuseeland dar und trägt maßgeblich zur Handelsbilanz des Landes bei. Ambitionierte Exportziele unterstreichen die weiterhin hohe Bedeutung des Dairy-Sektors.
Kollegiales Miteinander und hohe Innovationsbereitschaft
Während meiner Reise konnte ich erleben, wie stark die neuseeländische Milchviehbranche von einem kollegialen Selbstverständnis geprägt ist. Ein vergleichsweise niedrigschwelliger Einstieg in die Landwirtschaft ist über das sogenannte Share-Milker-Konzept möglich, bei dem Betriebsleiter ohne eigenen Landbesitz schrittweise Verantwortung übernehmen und Kapital aufbauen können. Dieses Modell trägt zur Dynamik und Offenheit der Branche bei.
Gleichzeitig zeichnet sich der Sektor durch einen hohen Innovationsgrad aus. Dies wurde mir unter anderem im Rahmen des Besuchs der Precision Dairy Farming Conference in Christchurch deutlich, auf der aktuelle technologische Entwicklungen präsentiert und diskutiert wurden. Zu den zentralen Trends zählen der Einsatz von Wearables zur Tierüberwachung sowie Virtual-Fencing-Systeme, die eine flexible Weideführung ohne physische Zäune ermöglichen. In Neuseeland ist das Start-up Halter besonders präsent, das erst im Jahr 2021 gegründet wurde und beide Trends miteinander kombiniert. Über eine Smartphone-App hat der Landwirt Zugriff auf tiergenaue Gesundheitsdaten und kann die Tiere ohne physischen Eingriff kleinteilig den Grünlandflächen zuteilen. Es war für mich beeindruckend zu sehen, wie gut diese Technologie in der Praxis für Tier und Mensch funktioniert, die fast ausschließlich akustische Signale zur Leitung der Tiere verwendet. Die in Neuseeland typische enge Verzahnung von Praxis, Forschung und Industrie über Branchenorganisationen, wie DairyNZ, begünstigt die rasche Implementierung solcher Technologien im Betriebsalltag.
Faszinierende Natur mit einzigartiger Flora und Fauna
Neben den fachlichen Eindrücken bot mir die Reise auch die Möglichkeit, den landschaftlichen Reichtum Neuseelands kennenzulernen. Zahlreiche Nationalparks verdeutlichen die außergewöhnliche Vielfalt der Natur, die ich unter anderem bei mehreren Wanderungen und Kayaktouren erleben konnte. Charakteristisch sind besonders auf der Südinsel die starken Kontraste: In tieferen Lagen finden sich moosbedeckte Regenwälder, während in höheren Regionen schneebedeckte Gipfel und Gletscher das Landschaftsbild prägen.
Besonders auffällig ist die Vielzahl endemischer Pflanzen- und Tierarten. Neben faszinierenden Baumarten sind mir vor allem die flugunfähigen Laufvögel im Gedächtnis geblieben, die ausschließlich in Neuseeland vorkommen. Ergänzt wird dieses Bild durch eine abwechslungsreiche Küstenlandschaft mit einsamen Buchten sowie durch Regionen mit aktiver vulkanischer Prägung, insbesondere auf der Nordinsel. Trotz der langen Reise habe ich immer noch das Gefühl, dass ich nur einen Bruchteil der Reichhaltigkeit der Natur von Neuseeland entdeckt habe.
Gastfreundschaft macht die Reise einzigartig
Eine große Bereicherung der Reise war der persönliche Austausch mit Landwirten, Forschenden und ihren Familien. Über Forschungseinrichtungen und einzelne private Kontakte haben sich erstaunlich schnell Einladungen zu privaten Feiern ergeben. Diese Offenheit ermöglichte intensive Gespräche über die neuseeländische Landwirtschaft hinaus. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch kulturelle Themen, etwa der Austausch über die Maori-Kultur sowie über die Erfahrungen europäischer Auswanderer und deren Nachfahren.
Die Geschichte des Landes als Einwanderungsgesellschaft prägt bis heute das gesellschaftliche Miteinander und trägt maßgeblich zur ausgeprägten Gastfreundschaft bei. Die kulturelle Vielfalt wird dabei vielfach als Stärke wahrgenommen und macht Neuseeland sowohl aus fachlicher als auch aus menschlicher Perspektive für mich zu einem sehr attraktiven Land. Die Gastfreundschaft ist nur eine Eigenschaft, die ich mir von den „Kiwis“ abschauen und bei Gelegenheit gerne wieder vor Ort erleben möchte.
Abschließend möchte ich festhalten, dass die Reise eine einmalige Erfahrung war, die mir einen globaleren Blick auf die Landwirtschaft und unser Zusammenleben in Europa verschafft hat. Ich bin mir sicher, dass die Erfahrungen meine weitere Entwicklung positiv prägen werden. Mein großer Dank gilt der DLG, die diese Forschungsreise durch die Unterstützung im Rahmen des DLG Young Talents Award ermöglicht hat.