Die Saatgutwirtschaft steht vor einem Dilemma. In der EU droht ein Verbot des Wirkstoffes Fludioxonil. Er ist Bestandteil vieler bewährter Beizen gegen samen und bodenbürtige Pilzkrankheit im Getreide - wie Landor CT, Rubin Plus oder Vibrance Trio. Mit deren Wegfall dürfte es in Deutschland in Weizen und Gerste keinen ausreichenden Schutz gegen Flugbrand mehr geben. Für Hafer steht nach einem Verbot gar keine chemische Beize mehr zur Verfügung. Kurz- bis mittelfristig sind keine Neuzulassungen zu erwarten. Somit sind schwere Auswirkungen auf die Saatgutproduktion und den Anbau von Wintergetreide zu erwarten.
Über das Ende der Zulassung und die möglichen Folgen für die Landwirtschaft referierte Prof. Klaus Schlüter auf der Dünge- und Pflanzenschutztagung in Mellingen/Thüringen.
Fludioxonil ist der einzige (noch) zugelassene Wirkstoff zur Saatgutbehandlung, der nach der Saat in das keimende Korn eindringt und den Pilz besonders sicher abtöten kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat ihn im Jahr 2024 als .endogener Disruptor" eingestuft, weil er in den Stoffwechsel höherer Organismen eingreifen kann, wenn größere Mengen davon aufgenommen werden. Über den Zeitpunkt, wann das Verbot in Kraft tritt, entscheidet der Ständige Ausschusses für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel (SCoPAFF) bei der EU-Kommission im Frühjahr 2026. Derzeit ist davon auszugehen, dass das Mittel zur Beizsaison im Herbst 2026 noch angewendet werden darf. Eine Zulassungsverlängerung scheint ausgeschlossen.
In einem Vortrag auf der Dünge- und Pflanzenschutztagung 2025 im November in Mellingen/Thüringen kritisierte der Wissenschaftler Prof. Klaus Schlüter, ehemaliger Dozent an der HAW Kiel, dass es bei der Wirkstoffbewertung keine Rolle gespielt habe, dass er ausschließlich am Saatgut eingesetzt wird und nicht in das Konsumgetreide gelangt. Der heimtückische Flugbrand sei ein Fluch für die Landwirtschaft gewesen, bis die Beize eingeführt wurde. Am Beispiel der Gerste zeigte Prof. Schlüter den Infektionsverlauf: Eine infizierte Ähre trägt Millionen Sporen, die andere Ähren infizieren."
Besonderheiten der Flugbrande
Anders als der Steinbrand beim Weizen überdauert Flugbrand nicht in Form von Sporen außen auf dem Saatkorn. Stattdessen gelangt er von den kranken Ähren im Bestand über Sporen in die Blüten gesunder Pflanzen und dringt dort bis in den Embryo des gesund aussehenden Korns ein. Wenn sich daraus nach der Aussaat ein Keimling entwickelt, sitzt der Flugbrand deshalb bereits in der völlig gesund erscheinenden Pflanze.
Bis zum Ährenschieben bleibt der Befall unsichtbar. Erst bei der Entfaltung der Ähren wird der Schaden deutlich: Anstelle von Körnern entwickeln sich in den Kornanlagen massenhaft schwarze Sporen, die durch den Wind in gesunde Ähren getragen werden. Übrig bleibt eine leere Ähre. Die Freisetzung dieser Teleuto-Sporen erfolgt in einer Phase, in der Ähren anfällig sind. Sie dringen bis zur Samenanlage ein und schädigen den Embryo - der Kreislauf beginnt von vorn.
Beim Hafer dagegen liegt eine Keimlingsinfektion vor", so Schlüter. Die Sporen lagern sich auf dem Korn ab, der Keimling wird infiziert. Auch hier gilt: Außer Fludioxonil gibt es keinen wirksamen Schutz gegen Flugbrand.
Restriktive Haltung
Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) begründet ein Verbot des Wirkstoffes mit seiner Auffassung, dass prophylaktischer Pflanzenschutz nicht mit integriertem Pflanzenschutz vereinbar sei. Dies erklärt die restriktive Haltung der Behörden gegenüber Beizmitteln.
Grundlage für die Bestimmungen im deutschen Pflanzenschutzgesetz ist die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009. Sie regelt das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln in der EU. Inzwischen bewertet die EU allerdings Pflanzenschutzmittel nach dem Chemikalienrecht und nicht mehr risiko-, sondern gefahrenbasiert: Mögliche Gefahren werden auf Basis eines konzentrierten Produktes bewertet.
Sind Alternativen in Sicht?
Alternative und neue Wirkstoffe, die Fludioxonil ersetzen könnten, sind in den kommenden Jahren nicht in Sicht. Bayer hat bis 2027 eine Zulassung für die Beize Redigo Pro erhalten und bewirbt sie als Alternative. Das Produkt enthält die Wirkstoffe Prothoconazol und Tebuconazol, die eine Wirkung gegen Flugbrand haben.
Zugelassene Anwendungen
Fludioxonil ist seit 2007 in der EU genehmigt und in Deutschland zugelassen. Der Wirkstoff ist ein nicht systemisches Fungizid aus der Gruppe der Phenylpyrrole. Es wird hauptsächlich für folgende Zwecke eingesetzt: Saatgutbehandlung: Schutz vor samen- und bodenbürtigen Pilzkrankheiten wie Flugbrand, Steinbrand bei Getreide sowie bei Gemüsearten. Zu den Beizmitteln gehören Landor, Maxim 480 FS, Celest, Vibrance Trio.
Neben den klassischen Beizen sind in der Saatgutbehandlung physikalische Verfahren wie die Elektronenbehandlung oder Heißdampf etabliert. So wirkt die Elektronenbeize sehr gut gegen auf der Samen- schale sitzende Erreger. Diese Oberflä chen-Desinfektion des Saatkorns wirkt aber wegen der fehlenden Tiefenwirkung nicht gegen bodenbürtige Schadpilze und im Samen sitzenden Flugbrand. Daher wird auch bei Elektronenbeizung empfohlen, Z-Saatgut nur aus chemisch gebeiztem Basissaatgut zu erzeugen.
In seinem Vortrag bewertete Schlüter die physikalischen Verfahren als positiv: "Nur mit Blick auf Flugbrand kommen wir nicht weiter". Eindringlich rät er zum Einsatz von Z-Saatgut. Es liefere eine gewisse Sicherheit gegenüber Flugbrand, da nur Flächen mit maximal 5 Ähren je Zählstrecke zur Saatgutproduktion zugelassen werden und somit eine unabhängige Überprüfung auf Flugbrandbefall stattfindet.
Zu den biologischen Verfahren zählten Bakterienpräparate, die wie ein chemischer Wirkstoff auf das Saatgut aufgebracht werden. Die stoffwechselaktiven Bakterien setzen chemische Stoffe frei, die die Krankheitserreger abtöten - zuverlässig und reproduzierbar allerdings nur unter Gewächshausbedingungen. Denn Kälte und Nässe können die Wirkung der Bakterien beeinträchtigen. Aufgrund dieser Unsicherheiten eignet sich das biologische Verfahren nicht für die Saatgutvermehrung.. Hier brauchen wir eine absolute Wirksamkeit", betont Schlüter. Einen positiven Nebeneffekt haben die Bakterien mit ihrer vitalisierenden Wirkung auf das Wurzelwachstum.
Abverkauf bis 2027
Wenn es nicht gelingt, Getreidebestände frei von Flugbrand zu halten und keine wirksame Beizung des Saatgutes mehr erfolgen kann, dürften sich Flugbrande massiv verbreiten und wie in vergangenen Jahrhunderten hohe Verluste verursachen, schildert der Wissenschaftler. Einige Zulassungsinhaber hätten bereits reagiert. So liege bei der EU-Kommission ein Antrag vor, Fludioxonil als "unverzichtbaren Wirkstoff" vorübergehend mit einer Ausnahmegenehmigung zu versehen. Mit einer Entscheidung darüber sei frühestens im Frühjahr 2026 zu rechnen. Sollte die Ausnahme erteilt werden, wäre sie auf den Einsatz des Beizmittels in der Züchtung bis zum Vorstufen-Saatgut beschränkt. Marktbeobachter rechnen mit einer Aufbrauchfrist, sodass die Beizmittel 2027 noch abverkauft und angewendet werden dürfen. Der Referent gibt den anwesenden Landwirten die Empfehlung, die Feldbestände genau im Blick zu haben und auf Flugbrande zu achten: .Entfernen Sie kranke Pflanzen aus den Beständen, damit sich der Befall nicht ausbreiten kann. Das Vermehrungspotenzial von Flugbrand einer einzelnen Ähre ist gigantisch, daher ist die Feldhygiene so wichtig."
Probleme nehmen zu
Droht eine Katastrophe ab 2026?", fragt Schlüter. Neue Mittel seien in der Pipeline, doch betrügen die Kosten für ein Mittel bis zur Marktreife weit über 300 Mio.€ und es dauere zehn bis zwölf Jahre. Viele Hersteller wollen sich mittlerweile nicht mehr in Europa engagieren, sondern entwickeln Produkte für andere Märkte. Neue Zulassungen in der EU seien demnach meist Nebenprodukte aus den Hauptzulassungen. Für den Flugbrand gelte jedenfalls: .Wir kommen nach 2026 in eine Phase, wo die Problematik zunehmen wird. Der Aufbau erfolgt langsam, da ihn die jahrelange Beize ausgeschaltet hat."
Interessante Ausführungen machte Schlüter zum Ökolandbau. Hier ist eine chemische Beizung nicht erlaubt und dennoch stellt sich das Problem Flugbrand kaum. Schlüter führt dies auf die unterschiedlichen Produktionsbedingungen zurück: die niedrigere N-Düngungsintensität führe generell zu einer geringeren Krankheitsanfälligkeit. Darüber hinaus würden Gerstensorten verwendet, die aufgrund ihrer Blütenmorphologie eine deutlich geringere Anfälligkeit für Flugbrand aufweisen und züchterisch weiterentwickelt werden.
Der Experte hofft, dass auch im konventionellen Bereich die Züchter in den kommenden Jahren den Fokus auf eine geringere Anfälligkeit der Sorten gegenüber Flugbrand legen.