"Jeder Betrieb kann von Hybridweizen profitieren"

Peter Müller, Bayer Crop Science, zum Stand der Züchtung und Marktreife

Dürre und Hitzewellen wie in diesem Jahr begrenzen den Ertrag von Winterweizen. Hybridweizen gilt als viel versprechende Entwicklung in der Weizenzüchtung. Die Bayer AG hat eine Vereinbarung mit dem Züchtungsunternehmen RAGT geschlossen. Ziel ist es, Innovationen zu entwickeln, die die Produktivität und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft steigern. Im Interview mit dem Getreidemagazin und agrarticker.de erläutert Peter Müller, Bayer Crop Science das Vorhaben, Hybridweizen Anfang der 2030er Jahre auf den Markt zu bringen.

Dieser heiße Sommer hat erneut gezeigt, wie stark Trockenheit und Hitzestress Winterweizen beeinflussen. Hybridzüchtung wird häufig als Antwort auf diese schwierigen Anbaubedingungen genannt. Was unterscheidet Hybridweizen von konventionellen Sorten? 

Peter Müller: Für Landwirte wird es immer wichtiger Kulturen anzubauen, die nicht nur ein hohes Ertragspotenzial bieten, sondern auch unter wechselhaften Bedingungen zuverlässig ihre Leistung bringen. Genau hier kommt dem Hybridweizen eine besondere Bedeutung zu. Hybridweizen profitiert von dem, was Züchter als Hybridvigor oder Heterosis bezeichnen. In der Praxis bedeutet das eine stärkere Resilienz, eine vitalere Jugendentwicklung, ein verbessertes Wurzelwachstum und häufig eine höhere Widerstandsfähigkeit, wenn die Kultur Stress ausgesetzt ist. Unsere eigenen Arbeiten sowie veröffentlichte Forschungsergebnisse zeigen, dass Hybriden stärkere Wurzelsysteme entwickeln, sodass die Pflanzen Wasser und Nährstoffe effektiver erschließen.

Für die Betriebe ist das Ziel klar: eine stärkere Absicherung der Leistung. Ertrag bleibt wichtig, doch in vielen Regionen rückt für Landwirte die Ertragssicherheit unter Trockenheit, Hitze oder anderen Umweltbelastungen immer stärker in den Fokus. Hybridweizen hat das Potenzial, hierbei einen bedeutenden Beitrag zu leisten.

Hybrid-Raps, -Mais und -Roggen sind seit Jahrzehnten etabliert. Warum war Hybridweizen so schwierig zu entwickeln?

Die Herausforderung liegt in der Biologie des Weizens selbst. Anders als Raps, Mais und Roggen ist Weizen von Natur aus ein Selbstbefruchter. Hybridsaatgut effizient und wirtschaftlich im kommerziellen Maßstab zu erzeugen, ist daher deutlich komplexer. Züchter benötigen zuverlässige Systeme, die eine kontrollierte Kreuzung in großem Umfang ermöglichen und zugleich Saatgutqualität und Produktionseffizienz sicherstellen.

Ermutigend ist, dass Fortschritte in Züchtungstechnologien, Genomik, Präzisionszüchtung und Systemen zur Produktion von Hybridsaatgut die Perspektiven erheblich verbessert haben. Hybridweizen ist kein neues Konzept, doch erst in jüngerer Zeit sind die wissenschaftlichen und technischen Bausteine so zusammengekommen, dass eine großflächige Kommerzialisierung für Hybridweizen realistisch wird.

Wo liegen die Grenzen, zum Beispiel bei Krankheitsresistenz und Backqualität?

Qualität ist nicht verhandelbar. Kein Landwirt, Müller oder Bäcker wird Ertragszuwächse akzeptieren, wenn sie zulasten der Verarbeitungs- und Endproduktqualität gehen. Deshalb müssen Qualitätsziele von Beginn an in Züchtungsentscheidungen integriert werden. Unser Ziel ist es, Hybriden zu entwickeln, die agronomische Leistung mit den Qualitätsanforderungen des jeweiligen Zielmarktes verbinden.

Gleiches gilt für die Krankheitsresistenz. Hybridisierung ist keine magische Lösung, die alle Krankheiten beseitigt. Sie eröffnet jedoch Möglichkeiten, gewünschte Eigenschaften beider Elternlinien zu kombinieren und Resistenzpakete mithilfe moderner Züchtungsansätze kontinuierlich zu verbessern. Letztlich wird der Erfolg daraus entstehen, Genetik, Pflanzenbau einschließlich Pflanzenschutz zu einem vollständigen System für die Betriebe zu verbinden.

Ein Mann steht an der Tür zu einem Traktor
Peter Müller, Head of Cereals, Cotton, Canola/OSR & Biofuels, Bayer Crop Science. Foto: BCS

Qualität ist nicht verhandelbar. 

Zur Person

Peter Müller ist Head of Cereals, Cotton, Canola/OSR & Biofuels bei Bayer Crop Science. Der Diplom-Volks- und Betriebswirt blickt auf mehr als 30 Jahre Erfahrung bei Bayer zurück, darunter zahlreiche internationale Führungspositionen in Europa und Asien. Von 2019 bis 2023 war Müller Geschäftsführer der Bayer Crop Science Deutschland GmbH. Zuvor leitete er die Region Südasien. Seit März 2023 verantwortet er bei Bayer Crop Science die globale Strategieeinheit für Sonderkulturen. Darüber hinaus engagiert sich Müller in verschiedenen Branchenorganisationen. Er war Vorstandsmitglied des Industrieverbands Agrar (IVA) sowie Aufsichtsratsmitglied des Forum Moderne Landwirtschaft. Seit 2023 ist er Vorsitzender der Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie e.V. (VLI). 

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Wie viel zusätzlichen Ertrag erwarten Sie von Hybridweizen im Vergleich zu konventionellen Weizensorten?

Wir wollen in unserer Kommunikation diszipliniert und datenbasiert bleiben.

Auf Grundlage der aktuellen Erwartungen gehen wir davon aus, dass Hybridweizen zum Zeitpunkt der Markteinführung im Vergleich zu konventionellem, offen abblühendem Weizen einen Produktivitätsvorteil von etwa 10 Prozent im Mittel der getesteten Standorte über die Jahre bieten kann – mit weiteren Zugewinnen, wenn die Technologie im Laufe der Zeit reift.

Ebenso wichtig ist jedoch die Ertragsstabilität. Viele Landwirte berichten uns, dass sie sich zunehmend Sorgen über die Schwankungen über die Jahre machen. Eine verlässlichere Leistung unter schwierigen Bedingungen ist für viele Anbauer mindestens so wertvoll wie eine Steigerung des maximalen Ertragspotenzials.
 

Für welche Betriebe oder Standorte könnte Hybridweizen besonders attraktiv sein?

Wir sehen Potenzial in einem breiten Spektrum von Weizenanbaugebieten. Jeder Betrieb, der nach größerer Ertragsstabilität oder verbesserter Widerstandsfähigkeit sucht, kann von Hybridweizen profitieren. Besonderes Interesse erwarten wir in Regionen, die Trockenstress, wechselhaften Witterungsmustern oder anderen Produktivitätsgrenzen aufgrund des Standorts ausgesetzt sind.

Wichtig ist: Hybridweizen ist nicht für einen Nischenmarkt gedacht. Die genetische Basis die Bayer entwickelt, hat das Potenzial, auf einen sehr großen Anteil der Weizenflächen in Europa und Nordamerika zu passen. Unser Anspruch ist es, breit Wert zu schaffen – nicht nur für ausgewählte Segmente.

Könnten höhere Saatgutkosten Landwirte davon abhalten, Hybriden einzusetzen?

Landwirte sind Ökonomen/besser: Unternehmer? und entscheiden entsprechend. Sie werden eine Technologie einsetzen, wenn sie einen klaren wirtschaftlichen Mehrwert schafft. Die entscheidende Frage ist nicht der Preis des Saatguts an sich, sondern der Return on Investment pro Hektar. Wenn eine Hybride dauerhaft höhere und stabilere Erträge, stärkere Widerstandsfähigkeit und eine bessere Gesamtprofitabilität liefert, werden die Betriebe ihre Entscheidungen entsprechend treffen. Unsere Verantwortung ist es, diesen Wert durch belastbare lokale Daten und praktische Erfahrungen auf den Betrieben klar zu belegen. Die Wirtschaftlichkeit für die Landwirte wird letztlich über die Akzeptanz entscheiden.

In welchem Umfang können digitale Werkzeuge helfen, das Leistungspotenzial von Weizen zu erschließen?

Digitale Werkzeuge werden zunehmend wichtig, weil jedes Feld anders ist. Hybridweizen wird von demselben Trend profitieren, den wir in der modernen Landwirtschaft insgesamt beobachten: der Kombination von Genetik mit besseren pflanzenbaulichen Entscheidungen. Digitale Technologien können helfen, Aussaat, Bestandesmonitoring, Krankheitsmanagement und Ressourceneffizienz zu optimieren.

Eine Stärke von Bayer ist, dass wir Saatgut nicht isoliert betrachten. Wir können Züchtung, Pflanzenbau, Pflanzenschutz, digitale Fähigkeiten und Unterstützung für Landwirte zu einem umfassenderen Produktionssystem verbinden. Dieser integrierte Ansatz kann den Betrieben helfen, einen größeren Teil des genetischen Potenzials der Kultur auszuschöpfen.
 

Vor fünf Jahren haben Bayer und RAGT eine Zusammenarbeit zur Produktion von Hybridweizen angekündigt. Worauf liegt der Fokus der im Jahr 2026 unterzeichneten exklusiven Lizenzvereinbarung?

Die Vereinbarung markiert einen wichtigen strategischen Schritt für Bayer.

Die Lizenz verschafft Bayer breiten Zugang zu europäischer Elite-Weizengenetik und zugehörigen Züchtungsinformationen. Dies stärkt die genetische Grundlage unseres Hybridweizenprogramms und ermöglicht es uns, dieses Züchtungsmaterial vollständig in Bayers eigene Präzisionszüchtung und Produktentwicklung zu integrieren.

Der zentrale Punkt ist, dass Bayer die Strategie, Züchtungsentscheidungen, Produktentwicklung, Registrierung, Saatgutproduktion und Kommerzialisierung künftiger Bayer-Hybridweizensorten führen wird. Die Vereinbarung gibt uns mehr Eigenverantwortung, Geschwindigkeit und Flexibilität, um unsere langfristige Ambition umzusetzen.

RAGT bleibt ein hoch angesehener Züchter und weiterhin ein unabhängiges Unternehmen. Die Lizenz schafft eine starke Grundlage dafür, dass Bayer die nächste Phase der Hybridweizenentwicklung unter eigener Führung voranbringen kann.

Bayer plant, Hybridweizen Anfang der 2030er Jahre gleichzeitig in Europa und Nordamerika einzuführen. Wie sieht der Fahrplan bis dahin aus?

Wir konzentrieren uns derzeit darauf, die Grundlagen für langfristigen Erfolg zu schaffen. Dazu gehören die Integration von Elite-Genetik in Bayers Züchtungsplattform, die Beschleunigung der Produktentwicklung durch Präzisionszüchtung, der Ausbau der Saatgutproduktionskapazitäten, umfangreiche Feldvalidierung sowie die Vorbereitung der kommerziellen Marktzugänge.

Europa und Nordamerika entwickeln sich parallel. In Europa liegt unser anfänglicher Schwerpunkt auf Winterweizen, während wir in Nordamerika sowohl Chancen bei Winter- als auch bei Sommerweizen entwickeln. Kommerzielle Einführungen bleiben für die frühen 2030er Jahre geplant. Wir werden Sorten einführen,  die unter lokalen Bedingungen gründlich getestet und validiert wurden. Darauf können sich die Anbauer verlassen.

Bis Mitte der 2040er Jahre peilt Bayer einen Jahresumsatz von bis zu 1 Milliarde Euro an. Welchen Marktanteil erwarten Sie bis dahin für Hybridweizen?

Es wäre verfrüht, heute einen konkreten Marktanteil vorherzusagen. Was wir sagen können: Weizen ist die weltweit größte Nahrungspflanze, wird global auf mehr als 220 Millionen Hektar angebaut, und die Hybridisierung ist bislang weitgehend unerschlossen. Die Marktchance ist daher erheblich.

Die Geschwindigkeit der Akzeptanz wird letztlich davon abhängen, welchen Nutzen Landwirte auf dem Feld realisieren. Es zeigt sich immer wieder, dass Betriebe Innovationen übernehmen, wenn diese Profitabilität und Resilienz dauerhaft verbessern. Unser Fokus liegt nicht auf Marktanteilszielen, sondern darauf, Produkte zu entwickeln, für die sich Landwirte entscheiden, weil sie Saison für Saison echten Mehrwert liefern.

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