Warum die Initiative Plattform Ackerbau jetzt wichtig ist
DLG-Präsident Hubertus Paetow über Motivation und Ziele der neuen Branchenlösung
Die Initiative Plattform Ackerbau (IPA) setzt auf Zusammenarbeit statt Insellösungen und schafft eine neutrale Plattform für Austausch, Innovation und gemeinsame Standards entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im Interview spricht DLG-Präsident Hubertus Paetow über die Motivation zur Gründung der IPA, die Ziele der Initiativen und Perspektiven der Zusammenarbeit. Die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) hat innerhalb der IPA die Rolle des Koordinators.
DLG-Newsroom: Was war die Motivation, die Initiative Plattform Ackerbau zu starten?
Hubertus Paetow: Wir stehen vor der Aufgabe, die Produktivität im Ackerbau nachhaltig zu steigern und gleichzeitig Ressourcen zu schonen – ein Fortschrittskonzept, das die gesamte Branche betrifft. Damit das gelingt, müssen alle Akteure an einem Strang ziehen und gemeinsam Lösungen entwickeln, bevor Risiken zu Krisen werden. Die Plattform Ackerbau setzt genau hier an: Sie schafft einen Rahmen für vernetzte Zusammenarbeit, fachlichen Austausch und die Entwicklung tragfähiger Standards. In einer Zeit voller Spannungen und Unsicherheiten ist das ein starkes Signal: Wir wollen gestalten, nicht reagieren.
Hinzu kommen Anforderungen entlang der Wertschöpfungskette: Landwirte und Handel müssen Qualitätsstandards erfüllen, etwa den Proteinwert von 12 Prozent bei Mahlweizen – eine Vorgabe, die unter den Bedingungen der Düngeverordnung zunehmend schwer einzuhalten ist. Und nicht zuletzt erwarten Verbraucherinnen und Verbraucher Transparenz und Rückverfolgbarkeit.Diese Aufgaben lassen sich gemeinsam besser lösen als im Alleingang. Genau hier setzt die Plattform Ackerbau an.
Welchen Vorteil bietet die Initiative Plattform Ackerbau den Stakeholdern konkret?
Die Plattform bringt alle Akteure der Wertschöpfungskette an einen Tisch – vom Landwirt über den Agrarhandel, die Mühlen und Backwarenhersteller, die Mälzereien und Brauereien bis hin zu Futtermittelherstellern und dem Lebensmitteleinzelhandel. Diese Vielfalt braucht eine neutrale Schnittstelle, die den Austausch strukturiert und koordiniert. Genau das leistet die Initiative: Sie schafft Raum für fachlichen Dialog, für gemeinsame Lösungen – etwa bei der CO₂-Bilanzierung oder anderen Nachhaltigkeitsthemen – und sorgt für eine abgestimmte Kommunikation nach innen und außen. Wir wissen aus anderen Branchenlösungen, ob Fleisch, Milch oder Sonderkulturen: Solche Systeme sind wirksame Instrumente, wenn sie gut organisiert sind.
Was sind Arbeitsfelder für die Initiative Plattform Ackerbau?
Die Themen sind vielfältig und werden in den kommenden Monaten konkretisiert. Ein Beispiel ist die Sicherung von Qualitätsparametern in der Getreideverarbeitung. Weitere Felder können Standards für die Ermittlung von Treibhausgas-Fußabdrücken, die Entwicklung moderner Pflanzenschutzkonzepte angesichts des Wirkstoffverlustes, Biodiversitätsprogramme mit messbarer Wirkung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit sowie der Umgang mit neuen Technologien sein. Das Spektrum ist groß – entscheidend ist, dass wir die Themen gemeinsam angehen.
Über die Initiative Plattform Ackerbau
Die branchenübergreifende Initiative Plattform Ackerbau versteht sich als strategisches Instrument zur Stärkung der qualitätsorientierten Wertschöpfungskette und fungiert dabei als neutrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft, Landhandel, Verarbeitung sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Sie fördert fachlichen Dialog, unterstützt den Wissenstransfer und schafft zugleich eine gemeinsame Basis für die Kommunikation mit Gesellschaft und Marktakteuren. Die Koordination der Initiative Plattform Ackerbau übernimmt die DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft e.V.), die zugleich auch Gründungsmitglied ist. Weitere Gründungsmitglieder sind der Deutsche Raiffeisenverband e.V. (DRV), DER AGRARHANDEL e.V. (DAH), der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS e.V., der Verband Deutscher Großbäckereien e.V. sowie der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH).
Die Anzahl der Akteure innerhalb der Wertschöpfungskette Ackerbau ist ebenfalls groß, auch die Interessenlage dürfte vielfältig sein: Wie realistisch ist da der Anspruch, dass alle wirklich und immer an einem Strang ziehen?
Die Initiative ist so aufgestellt, dass alle relevanten Fachbereiche, Stakeholder und wissenschaftlichen Experten eingebunden sind. Das sichert Konzepte, die Interessen berücksichtigen und zugleich praxisnah und wirksam sind. Wir kooperieren zudem mit bestehenden Systemen wie QS, um Doppelstrukturen zu vermeiden und an Erfahrungen aus erfolgreichen Standards anzuknüpfen. Natürlich wird es weiterhin individuelle Projekte geben – aber dort, wo gemeinsame Lösungen sinnvoll sind, ziehen wir an einem Strang.
Wäre die ,Nachhaltige Produktivitätssteigerung‘, das neue Leitbild der DLG, ein Beispiel für ein solches übergreifendes Thema, bei dem alle Akteure an einem Strang ziehen sollten?
Absolut. Nachhaltige Produktivitätssteigerung verbindet Ertragssteigerung mit Ressourcenschutz und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Das bedeutet: Wir müssen nicht nur effizienter produzieren, sondern auch Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Klimaschutz im Blick behalten. Damit dieses Konzept wirkt, darf es nicht theoretisch bleiben. Alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette müssen es aktiv mit Leben füllen und in ihre Strategien integrieren. Die Plattform Ackerbau bietet den Raum, um diesen Orientierungsrahmen gemeinsam umzusetzen und weiterzuentwickeln.
Es gibt auch Branchenlösungen, die erst als Reaktion auf eine Krise oder einen Skandal entstanden sind, der für die Einzelakteure zu groß war, um diesen wirksam zu bewältigen. Die Initiative Plattform Ackerbau geht ohne diesen externen Druck an den Start…
Und das ist ein Vorteil. Wir wollen gestalten, nicht reagieren. Die Initiative setzt auf Eigenverantwortung der Branche. Wir arbeiten vernetzt und auf fachlich hohem Niveau, um Risiken früh zu erkennen und Lösungen zu entwickeln, bevor sie zur Krise werden. In einer Zeit voller Spannungen und Unsicherheiten ist das ein starkes Signal: Zusammenarbeit und proaktives Handeln ist unsere beste Vorsorge.
Sie sind DLG-Präsident: Weshalb übernimmt die DLG die koordinierende Rolle innerhalb der Initiative?
Die DLG ist in allen Bereichen der Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie in der Wissenschaft breit vernetzt. Ihr Auftrag ist der unabhängige Know-how-Transfer und die Förderung von Fortschritt und Innovation. Das passt ideal zur Rolle der Plattform als neutrale Schnittstelle. Mit unserem Netzwerk aus Praxis, Wirtschaft und Wissenschaft sind wir nah an den Innovationen und können Impulse setzen. Und weil die DLG nicht auf ein Segment fokussiert ist, erfüllt sie den Anspruch der Neutralität in besonderer Weise.
Interview: Stefanie Pionke, DLG-Newsroom