Am DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt verantwortet Dr. Frank Volz im Bereich der Betriebsmittelprüfungen, geleitet von Michael Eise, unter anderem die Prüfungen der Tierkennzeichen. Welche Kennzeichnungsformen das umfasst und wie sie im Einzelnen für den Einsatz in der Praxis geprüft werden, wurde im Interview besprochen.
DLG: Herr Dr. Volz, wenn man an Tierkennzeichen denkt, fallen einem sofort die typischen Ohrmarken bei Rindern ein. Umfasst diese Bezeichnung noch weitere Kennzeichnungsformen?
Dr. Frank Volz: Tierkennzeichen gibt es für viele Tierarten und in sehr unterschiedlichen Ausführungen und Bauformen. Neben Ohrmarken bei Rindern und Schweinen, Schafen und Ziegen kennt man in der Landwirtschaft auch noch Hals- und Fesselbänder sowie Pansenboli. Hinzu kommen die Beringung bei Vögeln und der große Bereich der injizierbaren Transponder. Letztere finden nicht nur bei Haustieren wie Hunden oder Katzen Verwendung; sie sind in der Pferdehaltung inzwischen nicht nur Standard, sondern sogar vorgeschrieben. Je nachdem wie weit oder wie historisch man das Thema fassen will, fallen aber auch noch Tätowierungen und Brandzeichen unter die Tierkennzeichnungen.
Im wesentlichen unterschieden werden bei den Tierkennzeichen solche, die ausschließlich die aufgedruckten Informationen tragen, d. h. Nummern oder Barcodes, und solche, die noch eine elektronisch gespeicherte Nummer ausgeben können.
Unterschieden wird also in elektronische und konventionelle Kennzeichen. Welche Kriterien werden bei den elektronischen Kennzeichen geprüft?
Bei den elektronischen Tierkennzeichen werden Performance und Conformance geprüft, das heißt, wir erfassen die Leistungsdaten der Elektronik und die Qualität des übertragenen Datensignals. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Transponder keine Batterie oder sonstige eigene Stromversorgung besitzen. Ein Lesegerät muss also zunächst per Induktion die Elektronik berührungslos aufladen, bevor diese die digitale Information per Funk übertragen kann. Wir messen zum einen die für eine Aktivierung des Transponders und eine sichere Datenübertragung nötige Stärke des Induktionsfelds bzw. die entsprechend korrespondierende Lesereichweite. Zum anderen wird die Zeit bis zu einer Antwort des Transponders ermittelt. Außerdem wird geprüft, ob sich unter ungünstigen Umweltbedingungen die Resonanzfrequenz des Transponders verändert.
Die Struktur des übertragenen Signals ist genormt und diese ISO-Norm muss natürlich eingehalten werden. Wichtige Informationen sind hier neben der eigentlichen Identifikationsnummer
- ein Ländercode,
- die Kennzeichnung, ob es sich um ein Tier handelt, und
- ob die Datenintegrität eingehalten wird, d. h., ob die übertragene und die errechnete Prüfsumme übereinstimmen.
Und wie sieht das für die konventionellen Kennzeichen aus?
Unabhängig davon, ob ein Tierkennzeichen elektronisch oder konventionell ist, muss sichergestellt sein, dass es nicht wiederverwendet werden kann. Das bedeutet: Einmal geschlossen darf sich die Ohrmarke nicht wieder öffnen lassen. Wenn sie doch zerreißt, muss die Spitze im Verschlussmechanismus verbleiben und diesen blockieren. Außerdem sind – je nach Tierart – Mindestkräfte definiert, die eine Ohrmarke im Zugversuch aushalten muss, bevor sie zerreißt. Diesen Zugversuchen vorgeschaltet werden teilweise noch künstliche Alterungsprozesse wie UV-Licht, Regen, Hitze oder Kälte. Außerdem werden die Ohrmarken auf Schadstoffe untersucht sowie die Lesbarkeit und Farbstabilität der Aufdrucke bewertet.
Welche Geräte bzw. Prüfinstrumente kommen dafür zum Einsatz?
Im Wesentlichen sind dies eine Zugprüfmaschine und ein Prüfstand für die Elektronikprüfung. Hinzu kommen Klimaschränke und Bewitterungsprüfkammern für die künstliche Alterung der Tierkennzeichen über Klima-, UV- und Regensimulationszyklen. Aber auch kleine Standardprüfgeräte wie Schieblehre, Analysenwaage oder klassische Barcode-Lesegeräte kommen zum Einsatz.
Zur Person:
Dr. Frank Volz betreut als Prüfingenieur für Betriebsmittel seit 2024 u.a. den Bereich der Tierkennzeichen am DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt. Der Diplom-Chemiker und -Biologe verantwortet neben den Prüfungen für Tierkennzeichen auch die Prüfungen in den Bereichen Blumenerde und Dünger, Düngekalke, Bodenschutzkalkung, Euterhygienemittel, Feste Biobrennstoffe, Folien und Netze, Grillkohle, Hygienemittel Lebensmittel, Hygiene-/Einstreu, Katzenstreu, Reinigungsmittel, Schmier-/Kraftstoffe, Siliermittel und Stalldesinfektionsmittel. Interessierte können hier ein Angebot anfordern.
Wer gibt die Prüfungen bei Ihnen bzw. beim DLG-Testzentrum in Auftrag?
Der wichtigste Auftraggeber ist das Internationale Komitee für Tierleistungsprüfungen ICAR, eine internationale Nichtregierungsorganisation mit 130 Mitgliedern aus 55 Ländern. Die Arbeitsweise dieser Organisation ist vergleichbar mit der bei den DLG-Prüfungen: Auf Basis von internationalen Normen und Praxisanforderungen werden entsprechende Prüfrichtlinien entwickelt.
ICAR hat aber selbst keine Labore, sondern vergibt diese Aufträge, also führt das DLG-Testzentrum dann im Auftrag von ICAR entsprechende Prüfungen durch. ICAR wiederum bewertet die Ergebnisse der Prüfung und wenn die Tierkennzeichen die Anforderungen erfüllt haben, erhalten sie ein entsprechendes Zertifikat und werden auf deren Homepage gelistet. Weitere Auftraggeber sind die Hersteller selbst sowie kleinere Gremien und Verbände wie beispielsweise die CCIA (Canadian Cattle Identification Agency).
Neben Prüfungen nach ISO-Normen, ICAR- oder CCIA-Standards prüfen wir auch vereinzelt, ob Produkte die im Commonwealth noch verbreiteten PAS-Standards (Publicly Available Specification) einhalten. Zunehmend werden auch Tierkennzeichnungsprüfungen im Rahmen der EU-Durchführungsverordnungen 2021/520 und 2021/963 zur Identifikation von Einhufern bzw. zur Rückverfolgbarkeit bestimmter Nutztiere nachgefragt.
Diese EU-Prüfungen greifen teilweise vollständig oder auch in abgespeckter Form auf die bereits erwähnten Standards zurück, wobei die Listung für Deutschland bei der DLG erfolgt.
Wie lange werden diese Prüfungen bereits am DLG-Testzentrum durchgeführt und welche nennenswerten Veränderungen bzw. Verbesserungen der Produkte können Sie seither feststellen?
Das DLG-Testzentrum ist seit 2009 für die Tests von elektronischen und konventionellen Tierkennzeichen akkreditiert und wurde ein Jahr später von ICAR als Testlabor für Tierkennzeichen auf internationaler Ebene zugelassen.
Mit dem seither stetig steigenden Prüfumfang hat die DLG einiges in bessere Prüfmöglichkeiten investiert. Anfang 2026 werden wir unsere Inhouse-Kapazitäten für die UV-Bewitterung verdoppeln, um teure externe Laborunterstützung zu verringern. Mit verbesserter Technologie entwickeln sich gleichzeitig auch die Anforderungen an die Tierkennzeichen und deren Prüfung ständig weiter. Hier arbeiten wir in den entsprechenden Working-Groups der ICAR mit.
Nachdem die letzten Veränderungen vor allem die mechanischen Eigenschaften von Ohrmarken und die elektronische Lesbarkeit von Transpondern betroffen haben, klopft aktuell eine komplett neue Generation von RFIC-Chips an die Stalltüren, für die die Anforderungen in Gänze neu entwickelt werden müssen. Insgesamt ist das Thema also viel spannender, als man dies beim ersten Blick auf eine Zange und zwei Plastikbauteile vermuten könnte.
Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.
DLG-Testzentrum in Groß-Umstadt
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