Reisebericht von Paula Schultze

Begegnung mit Bären in Kanada

Tag 2 – 21.04. | Calgary – Wirtschaft und Lebensverhältnisse

Calgary, mit rund 1,3 Millionen Einwohnern, gilt als wirtschaftliches Zentrum der Provinz Alberta. Die Region ist traditionell stark durch Öl- und Gaswirtschaft geprägt, deren Bedeutung jedoch seit etwa 2013 zugunsten des Tourismussektors etwas abgenommen hat. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei etwa 2,5 %.

Die Stadt trägt den Beinamen „Cowtown“, da sie im Zentrum einer der größten Rindfleischproduktionsregionen Kanadas liegt (Alberta). Ein kulturelles Highlight ist das jährlich im Juli stattfindende Calgary Stampede Rodeo – das größte Rodeo der Welt.

Die Lebenshaltungskosten sind deutlich gestiegen: Für ein Ein-Zimmer-Apartment werden etwa 1.200 CAD monatlich fällig, was einem Anstieg von 30–40 % seit der Corona-Pandemie entspricht.

Sportlich dominiert Eishockey, insbesondere durch das Team der Calgary Flames. Das Stadion wird zudem für Großveranstaltungen wie Rodeos genutzt. Interessant ist auch das Steuersystem: Alberta erhebt keine Provinzsteuer, während andere Provinzen zusätzliche Abgaben verlangen. Die bundesweite Mindeststeuer liegt bei 5 Prozent.

Nutrien ist ein kanadischer Hersteller von Düngemitteln und gehört zu den weltweit größten Unternehmen dieser Branche. 
 

Paula Schultze. Fotos: privat

Tag 3 – 22.04. | Golden & Landwirtschaft in Alberta

Der Tag stand im Zeichen landwirtschaftlicher Ausbildung und Praxis.

Allgemeine Rahmenbedingungen:

  • Schulpflicht: 6–16 Jahre
  • Führerschein: Theorie ab 15 Jahren möglich, Praxis unter Auflagen
  • Landwirtschaftliche Nutzfläche Alberta: ca. 20 Mio. ha
  • Provinz etwa doppelt so groß wie Deutschland
  • Hauptkulturen: Mais, Raps, Weizen, Gerste, Soja

Olds College:

Das College dient als Lehr- und Versuchsbetrieb. Der Fokus liegt nicht auf maximaler Produktivität, sondern auf Forschung und Ausbildung.

  • Betriebsgröße: typisch 6.000–10.000 ha
  • Niederschlag: 300–500 mm/Jahr
  • Große Temperaturschwankungen (bis 50 °C) möglich
  • Einsatz moderner Technologien wie Drohnen zur Pflanzen- und Tierüberwachung
  • Präzisionslandwirtschaft ermöglicht Kosteneinsparungen von bis zu 35 %

Bisonfarm:

Ein Betrieb, der seit 1986 Bisons möglichst naturnah hält.

  • Keine Brandmarkung notwendig (Diebstahl kaum relevant)
  • Kälber werden im Frühjahr geboren (April/Mai)
  • Tiere reagieren stark auf Witterung – Kalbung bei schlechtem Wetter selten
  • Betriebsfläche: ca. 600 ha 

Hutterer-Kolonie (Three Hills Colony):

Eine religiöse Gemeinschaft mit kollektiv organisierter Landwirtschaft.

  • Betriebsgröße: ca. 4.000 ha
  • Familien mit 6–8 Kindern
  • Sprache: Plattdeutsch, Englisch: irgendwie alles gemischt
  • Strikte soziale Regeln (z. B. getrennte Mahlzeiten nach Geschlecht)
  • Maschinen werden gemeinschaftlich genutzt, sehr modern aufgestellter Betrieb

Tag 4 – Banff | Lebensstandard und Natur

Das durchschnittliche kanadische Bruttoeinkommen liegt bei etwa 70.000–75.000 CAD jährlich. Dennoch ist Wohneigentum oft schwer finanzierbar. Die Steuerlast
beträgt je nach Einkommen bis zu 40 Prozent.

Auffällig ist das Konsumverhalten: Über 40 Prozent der Bevölkerung lebt über ihre Verhältnisse. Kreditlinien wachsen mit der Dauer der Erwerbstätigkeit, jedoch zu hohen Zinssätzen (bis zu 26 Prozent). 

Natur & Sicherheit:

  • Begegnungen mit Bären sind möglich – Sicherheitsregeln sind essenziell

  • Jährlich werden etwa 5.000 Bären erlegt

  • Beim Camping: strikte Trennung von Nahrung und Schlafplatz


Tag 5 – Eisenbahn & British Columbia

Die transkontinentale Eisenbahn war entscheidend für die Entwicklung Kanadas.

  • Bauzeit: 1867–1885

  • Leistung: bis zu 6 km Strecke pro Tag

  • Große Beteiligung chinesischer Arbeiter

Heute verbindet die „Trans Canada“ das Land auf rund 7.800 km. Eine Zugreise von Vancouver nach Toronto dauert etwa vier Tage und kostet mehrere tausend Dollar.
Der Glacier Nationalpark beeindruckt durch gemäßigten Regenwald und enorme Baumgrößen.

Tag 6 – Landwirtschaft & Bildung

Kanada ist auf Immigration angewiesen, da die Geburtenrate bei nur 1,6 Kindern pro Familie liegt.

Milchviehbetrieb:

  • 1.350 melkende Kühe

  • Jahresleistung: ca. 38 Mio. kg Milch

  • Milchpreis: etwa 53 Cent/kg

  • Spezialisierung auf Milchproduktion, keine eigene Nachzucht

Forstwirtschaft (UBC):

  • Hauptbaumarten: Douglasie, Fichte

  • Probleme durch Borkenkäfer (milde Winter begünstigen Ausbreitung)

  • Trend zu Holzhochhäusern

  • Kontrollierte Waldbrände als Präventionsmaßnahme

Studium:

  • Universität mit ca. 70.000 Studierenden

  • Studiengebühren für internationale Studierende: bis zu 40.000 CAD gesamt

  • Ein historischer Exkurs beleuchtete die Behandlung indigener Bevölkerung:
    Kinder wurden bis in die 1970er Jahre in Internate gezwungen – ein dunkles Kapitel der kanadischen Geschichte.

Tag 8 – Sonderkulturen & Agrarstruktur 

Blaubeeranbau:

  • 90 Prozent Export in die USA

  • pH-Wert des Bodens: ca. 5,5

  • Einsatz von Bienen und Hummeln zur Bestäubung

  • Erntezeit: Juli bis September

  • Nutzungsdauer der Pflanzen: bis zu 30 Jahre

Der Betrieb zeigte eindrucksvoll die wirtschaftlichen Möglichkeiten:

  • Früher Landpreise: 300–400 $/Acre

  • Heute: 300.000–400.000 $/Acre

Die Kombination aus Landwirtschaft und Immobilieninvestitionen haben den Farmer zum Multimillionär gemacht. Allerdings hat uns dieser Besuch erneut verdeutlicht, das unsere gewohnten Standards oft an der deutschen Grenze enden. 

Allgemeine Zahlen:

  • Landwirtschaftliche Fläche Kanada: 67 Mio. ha (7 Prozent der Gesamtfläche)

  • Anzahl Landwirte: ca. 230.000

Tag 9 – Victoria Island und Vancouver
 

Tag 10 Abreise

Die Reise durch Kanada verdeutlichte die enormen Dimensionen und Unterschiede zur deutschen Landwirtschaft. Große Flächen, hohe Technisierung und Spezialisierung prägen die Betriebe. Gleichzeitig stehen Landwirte vor Herausforderungen wie Klimaschwankungen, steigenden Kosten und gesellschaftlichen Veränderungen, sind aber bei weitem nicht so reglementiert, was oft einen Widerspruch darstellt.

Aber auch die landschaftlichen Dimensionen waren gigantisch: von Schnee und Eis zu Steppe, weiter zu Toscana – Feeling und schlussendlich California – Vibes.