Im Rahmen des DLG-Young-Talents-Awards hatte ich die Möglichkeit, an einer Reise nach Kanada teilzunehmen. Zehn Tage lang konnte ich die Agrarwirtschaft in Kanada und Leute kennenlernen.
Tag 1 – 20.04.2026 Anreise Frankfurt – Calgary
Der erste Reisetag begann mit dem Flug von Frankfurt nach Calgary. Nach der langen Anreise stand vor allem das Ankommen im Vordergrund. Schon beim Hinflug konnten wir die atemberaubende Landschaft Kanadas bestaunen. Damit steigerte sich die Vorfreude auf die nächsten Tage nochmal mehr. Außerdem konnten wir unseren Reiseleiter Marco in unserer Gruppe begrüßen.
Tag 2 – 21.04. | Calgary – Wirtschaft und Lebensverhältnisse
Calgary, mit rund 1,3 Millionen Einwohnern, gilt als wirtschaftliches Zentrum der Provinz Alberta. Die Region ist traditionell stark durch Öl- und Gaswirtschaft geprägt, deren Bedeutung jedoch seit etwa 2013 zugunsten des Tourismussektors etwas abgenommen hat. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei etwa 2,5 %.
Die Stadt trägt den Beinamen „Cowtown“, da sie im Zentrum einer der größten Rindfleischproduktionsregionen Kanadas liegt (Alberta). Ein kulturelles Highlight ist das jährlich im Juli stattfindende Calgary Stampede Rodeo – das größte Rodeo der Welt.
Die Lebenshaltungskosten sind deutlich gestiegen: Für ein Ein-Zimmer-Apartment werden etwa 1.200 CAD monatlich fällig, was einem Anstieg von 30–40 % seit der Corona-Pandemie entspricht.
Sportlich dominiert Eishockey, insbesondere durch das Team der Calgary Flames. Das Stadion wird zudem für Großveranstaltungen wie Rodeos genutzt. Interessant ist auch das Steuersystem: Alberta erhebt keine Provinzsteuer, während andere Provinzen zusätzliche Abgaben verlangen. Die bundesweite Mindeststeuer liegt bei 5 Prozent.
Nutrien ist ein kanadischer Hersteller von Düngemitteln und gehört zu den weltweit größten Unternehmen dieser Branche.
Paula Schultze
Juniorpreis DLG Young Talents Award 2025
Paula Schultze begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zur Tierwirtin, die sie durch eine Weiterbildung zur staatlich geprüften Wirtschafterin für Landwirtschaft ergänzte. Ihre Praxiserfahrung im Bereich Milchviehhaltung vertiefte sie durch die weitere Arbeit am Milchcenter Prausitz. Seit Oktober 2024 ist sie Assistentin der Geschäftsführung für die Kreisbauernverbände Borna, Geithain und Leipzig. Außerdem ist sie vor kurzem in den familiengeführten Ackerbaubetrieb eingestiegen. Berufsbegleitend absolviert sie das Fernstudium Landwirtschaft / Agrarmanagement an der Hochschule Anhalt. Durch ihre Energie und ihren Tatendrang, der zur Gründung der Agrarjugend in Sachsen führte, konnte sie die Kommission beeindrucken. Zudem fiel der Kommission ihre ausgeprägte Leidenschaft für ihren Beruf sehr positiv auf.
Tag 3 – 22.04. | Golden & Landwirtschaft in Alberta
Der Tag stand im Zeichen landwirtschaftlicher Ausbildung und Praxis.
Allgemeine Rahmenbedingungen:
- Schulpflicht: 6–16 Jahre
- Führerschein: Theorie ab 15 Jahren möglich, Praxis unter Auflagen
- Landwirtschaftliche Nutzfläche Alberta: ca. 20 Mio. ha
- Provinz etwa doppelt so groß wie Deutschland
- Hauptkulturen: Mais, Raps, Weizen, Gerste, Soja
Olds College:
Das College dient als Lehr- und Versuchsbetrieb. Der Fokus liegt nicht auf maximaler Produktivität, sondern auf Forschung und Ausbildung.
- Betriebsgröße: typisch 6.000–10.000 ha
- Niederschlag: 300–500 mm/Jahr
- Große Temperaturschwankungen (bis 50 °C) möglich
- Einsatz moderner Technologien wie Drohnen zur Pflanzen- und Tierüberwachung
- Präzisionslandwirtschaft ermöglicht Kosteneinsparungen von bis zu 35 %
Bisonfarm:
Ein Betrieb, der seit 1986 Bisons möglichst naturnah hält.
- Keine Brandmarkung notwendig (Diebstahl kaum relevant)
- Kälber werden im Frühjahr geboren (April/Mai)
- Tiere reagieren stark auf Witterung – Kalbung bei schlechtem Wetter selten
- Betriebsfläche: ca. 600 ha
Hutterer-Kolonie (Three Hills Colony):
Eine religiöse Gemeinschaft mit kollektiv organisierter Landwirtschaft.
- Betriebsgröße: ca. 4.000 ha
- Familien mit 6–8 Kindern
- Sprache: Plattdeutsch, Englisch: irgendwie alles gemischt
- Strikte soziale Regeln (z. B. getrennte Mahlzeiten nach Geschlecht)
- Maschinen werden gemeinschaftlich genutzt, sehr modern aufgestellter Betrieb
Tag 4 – Banff | Lebensstandard und Natur
Das durchschnittliche kanadische Bruttoeinkommen liegt bei etwa 70.000–75.000 CAD jährlich. Dennoch ist Wohneigentum oft schwer finanzierbar. Die Steuerlast
beträgt je nach Einkommen bis zu 40 Prozent.
Auffällig ist das Konsumverhalten: Über 40 Prozent der Bevölkerung lebt über ihre Verhältnisse. Kreditlinien wachsen mit der Dauer der Erwerbstätigkeit, jedoch zu hohen Zinssätzen (bis zu 26 Prozent).
Natur & Sicherheit:
Begegnungen mit Bären sind möglich – Sicherheitsregeln sind essenziell
Jährlich werden etwa 5.000 Bären erlegt
Beim Camping: strikte Trennung von Nahrung und Schlafplatz
Tag 5 – Eisenbahn & British Columbia
Die transkontinentale Eisenbahn war entscheidend für die Entwicklung Kanadas.
Bauzeit: 1867–1885
Leistung: bis zu 6 km Strecke pro Tag
Große Beteiligung chinesischer Arbeiter
Heute verbindet die „Trans Canada“ das Land auf rund 7.800 km. Eine Zugreise von Vancouver nach Toronto dauert etwa vier Tage und kostet mehrere tausend Dollar.
Der Glacier Nationalpark beeindruckt durch gemäßigten Regenwald und enorme Baumgrößen.
Tag 6 – Landwirtschaft & Bildung
Kanada ist auf Immigration angewiesen, da die Geburtenrate bei nur 1,6 Kindern pro Familie liegt.
Milchviehbetrieb:
1.350 melkende Kühe
Jahresleistung: ca. 38 Mio. kg Milch
Milchpreis: etwa 53 Cent/kg
Spezialisierung auf Milchproduktion, keine eigene Nachzucht
Forstwirtschaft (UBC):
Hauptbaumarten: Douglasie, Fichte
Probleme durch Borkenkäfer (milde Winter begünstigen Ausbreitung)
Trend zu Holzhochhäusern
Kontrollierte Waldbrände als Präventionsmaßnahme
Studium:
Universität mit ca. 70.000 Studierenden
Studiengebühren für internationale Studierende: bis zu 40.000 CAD gesamt
Ein historischer Exkurs beleuchtete die Behandlung indigener Bevölkerung:
Kinder wurden bis in die 1970er Jahre in Internate gezwungen – ein dunkles Kapitel der kanadischen Geschichte.
Tag 8 – Sonderkulturen & Agrarstruktur
Blaubeeranbau:
90 Prozent Export in die USA
pH-Wert des Bodens: ca. 5,5
Einsatz von Bienen und Hummeln zur Bestäubung
Erntezeit: Juli bis September
Nutzungsdauer der Pflanzen: bis zu 30 Jahre
Der Betrieb zeigte eindrucksvoll die wirtschaftlichen Möglichkeiten:
Früher Landpreise: 300–400 $/Acre
Heute: 300.000–400.000 $/Acre
Die Kombination aus Landwirtschaft und Immobilieninvestitionen haben den Farmer zum Multimillionär gemacht. Allerdings hat uns dieser Besuch erneut verdeutlicht, das unsere gewohnten Standards oft an der deutschen Grenze enden.
Allgemeine Zahlen:
Landwirtschaftliche Fläche Kanada: 67 Mio. ha (7 Prozent der Gesamtfläche)
Anzahl Landwirte: ca. 230.000
Tag 9 – Victoria Island und Vancouver
Tag 10 Abreise
Die Reise durch Kanada verdeutlichte die enormen Dimensionen und Unterschiede zur deutschen Landwirtschaft. Große Flächen, hohe Technisierung und Spezialisierung prägen die Betriebe. Gleichzeitig stehen Landwirte vor Herausforderungen wie Klimaschwankungen, steigenden Kosten und gesellschaftlichen Veränderungen, sind aber bei weitem nicht so reglementiert, was oft einen Widerspruch darstellt.
Aber auch die landschaftlichen Dimensionen waren gigantisch: von Schnee und Eis zu Steppe, weiter zu Toscana – Feeling und schlussendlich California – Vibes.