Rede des DLG-Präsidenten Hubertus Paetow auf der Mitgliederversammlung zur DLG-Wintertagung 2026

KI und Innovationsgeist als Werkzeuge zur nachhaltigen Produktivitätssteigerung

[…]Meine sehr verehrten Damen und Herren […], 

herzlich willkommen zur Mitgliederversammlung der DLG hier in Hannover. Es freut mich sehr, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind – in einem Jahr, das aus Sicht vieler Betriebe, vieler Branchen und vieler Medienberichte vermeintlich unter keinem guten Stern steht, weder in der Landwirtschaft noch in der gesamten Wirtschaft. Schlechte Preise und hohe Kosten in der Landwirtschaft, wirtschaftliche Stagnation und Abwanderung in der Industrie, Unsicherheiten in der Energieversorgung und in den Sozialsystemen – all das trübt die Vorfreude auf das restliche 2026.

Dabei standen die Erwartungen nach der vergangenen Legislaturperiode eigentlich unter einem anderen Vorzeichen. Es sollte ein „Herbst der Reformen“ werden, ein Aufbruch, der die Wirtschaftskraft stärkt und die Sozialsysteme auf den demografischen Wandel vorbereitet.

Aber wie so oft gilt: Klare Ziele sind gut und wichtig – aber sie stellen sich nicht von allein ein. Es gilt nach wie vor: Ein Ziel ohne Weg bleibt ein Wunsch. 

Ein zentrales politisches Projekt dieser Zielarchitektur ist – oder war – der europäische Green Deal, der inzwischen als „Clean Industrial Deal“ neu etikettiert wurde. Seine übergeordneten Ziele sind unbestritten wichtig und gültig: Nachhaltigkeit stärken, Klima schützen, Ressourcen bewahren. Wir alle wissen: Ohne gesunde Böden, ohne Wasser, ohne Artenvielfalt und ohne gesunde Tiere kann Landwirtschaft nicht bestehen. 

Aus dieser unbestritten richtigen und gültigen Erkenntnis hat die Politik dann aber, insbesondere im Green Deal, starre Zielvorgaben formuliert, insbesondere für den Agrarbereich:

  • 30 Prozent Ökolandbau,
  •  50 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel,
  •  10 Prozent der Fläche für Naturwiederherstellung,
  •  und daneben viele weitere Vorgaben für Klima, Wasserqualität, Biodiversität und Tierwohl.

Papier allein erzeugt keine Zukunftsfähigkeit

Auf dem Papier ist das alles sauber strukturiert: für jedes Ziel ein Strategiepapier, eine Fachanhörung, ein Gesetzentwurf. Doch Papier allein erzeugt jedoch noch keine Zukunftsfähigkeit.

Mit den Zielen allein ist eben noch nichts erreicht. 

Es fehlt die Idee, wie wir den Fortschritt so gestalten, dass diese Ziele unter realen betrieblichen und wirtschaftlichen Bedingungen erreichbar werden, und es fehlt eine periodische Überprüfung, ob diese starren Zielvorgaben noch zur Strategie passen oder ob nachjustiert werden muss.

Es fehlen politische Rahmenbedingungen, die nicht nur verbieten, sondern ermöglichen. 

Und es fehlt der Mut, Entscheidungen klar zu treffen, statt sich in Ausnahmen, Übergangsregeln und Detailvorschriften zu zerfasern.

Und an diesen Mängeln, meine Damen und Herren, ist das Projekt nachhaltige Landwirtschaft im Rahmen des Green Deal gescheitert. Und damit meine ich nicht, dass wir das Projekt damit aufgeben sollen, sondern dass wir einen Neustart brauchen, und dafür muss man, so schwer es fällt, einen als untauglich erachteten Ansatz auch einmal für gescheitert erklären, damit im Kopf Platz für etwas Neues entsteht.

Wir erleben einen konstruktiven gesellschaftlichen Diskurs

Ich glaube, die Zeichen stehen gut dafür, dass wir im Jahr 2026 einen entscheidenden Schritt weiterkommen. 

Nicht nur, weil uns die weltweit veränderte wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage dazu zwingt. Sondern vor allen, weil man allenthalben spürt, dass der gesellschaftliche Diskurs über die Zukunft der Wirtschaft allgemein und auch der Landwirtschaft sich verändert – und zwar spürbar konstruktiv.

Wir erleben:

  • Eine Gesellschaft, die weiterhin Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz fordert – zugleich aber stärker anerkennt, dass wirtschaftlich stabile Betriebe die Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften sind.

  •  Einen konstruktiven politischen Dialog, auch mit den Umweltverbänden, mit einer breit getragenen Vision einer nachhaltigen und erfolgreichen Landwirtschaft.
     
  • Einen neuen Stellenwert der Ernährungssicherung im Sinne eines resilienten europäischen Ernährungssystems.

  • Und ein wachsendes Verständnis für das, was Betriebe tatsächlich belastet: Kostensteigerungen, Marktvolatilität, Fachkräftemangel und eine unproduktive, frustrierende Bürokratie.

Wir haben also sowohl Handlungsdruck als auch die Bereitschaft vieler Akteure, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Am Ende bleibt das größte Hindernis: der politische Betrieb selbst.

Heutige Politik entscheidet immer noch in viel zu kleinen Schritten, mit vielen Einschränkungen. Jede einzelne Stakeholdergruppe (und da nehme ich uns Landwirte nicht aus) hat ihre eigenen Gründe dafür, warum eine grundlegende Veränderung gerade jetzt nicht stattfinden kann. 

Zu jedem Reformkonzept findet sich eine Gruppe, die sich dadurch  ungerecht behandelt fühlt. Und Politik versucht, all diese Einwände zu berücksichtigen, statt zu priorisieren und auf das letzte Zehntelprozent Einzelfallgerechtigkeit zugunsten breit getragener Konsense zu verzichten.

Regulierung wird so zur wirren Anhäufung von Detailvorschriften – selten aber zur Grundlage verlässlicher klarer Rahmenbedingungen. 

Kern des gesellschaftlichen Fortschritts ist die Produktivitätssteigerung

Gehen wir mal davon aus, dass auch Politik und Verwaltung sich in die Allianz der Veränderungswilligen für 2026 einreihen – dann brauchen wir nur noch die zentrale Idee, wie wir die Veränderungen ans Laufen bringen, sprich in die Betriebe und Wertschöpfungsketten. Dazu haben wir im letzten Jahr unser DLG-Fortschrittskonzept entwickelt und vorgestellt. 

Der Kern gesellschaftlichen Fortschritts ist und bleibt die Produktivitätssteigerung. Ohne diese gibt es keinen Wohlstand, keine Wettbewerbsfähigkeit und auch keine finanziellen Spielräume für Investitionen in Klima- und Umweltschutz. 

Und auch die viel zitierte demografische Entwicklung ist nur dann eine Wachstumsbremse, wenn sie nicht durch steigende Arbeitsproduktivität kompensiert wird. Wer wüsste das besser als wir Landwirte.

Was wir brauchen – und was wir als Branche demonstrieren müssen – ist ein neues Leitbild: 

Nachhaltige Produktivitätssteigerung.

Das bedeutet:

  • Mehr Wertschöpfung pro Hektar, pro Tier, pro Arbeitskraft, bei gleichzeitig stärkerem Umwelt- und Klimaschutz und bei hoher gesellschaftlicher Akzeptanz.

  • Messung und Bewertung aller Produktionsfaktoren, auch bei Klima- und Artenschutz, damit die unternehmerischen und auch die politischen Entscheidungen auf einer soliden Grundlage stehen.

  • Weiteres Wachstum der deutschen Nahrungsmittelproduktion, um das Ernährungssystem für zukünftige Herausforderungen resilient zu gestalten.

Es geht nicht um ein einfaches „Immer größer, immer mehr“. Es geht darum, klüger zu wirtschaften: mit moderner Technik, guter Beratung, Professionalität, Verantwortung, auch in neuen Kooperationen und neuen Formen regionaler Zusammenarbeit. 

Nachhaltige Produktivitätssteigerung bedeutet eben kein Rollback, sondern die kluge Synthese der Forschungsergebnisse der letzten Jahre zur ökologisch verträglichen Produktion, gepaart mit Fortschritten im Hightech-Bereich, von KI bis hin zu neuen Züchtungstechnologien.

KI und Digitalisierung ermöglichen nächstes Kapital der Erfolgsgeschichte

Da kommt die Entwicklung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wie gerufen. Beides sind keine vorübergehenden Trends. Sie sind das nächste Kapitel in der Erfolgsgeschichte der modernen Landwirtschaft – wenn wir sie richtig nutzen. Sie ermöglichen uns einen präziseren Einsatz von Ressourcen, einen besseren Schutz von Klima und Biodiversität, eine deutlich präzisere Überwachung von Tiergesundheit und Tierwohl, eine Entlastung der Arbeitskräfte und eine erhebliche Vereinfachung bei Dokumentation, Transparenz und Bürokratie. Dieses Bündel von Chancen werden wir in der morgigen Tagung weiter beleuchten.

Natürlich stellen sich neue Fragen: 

  • Wem gehören die Daten?

  • Wie vermeiden wir neue Abhängigkeiten von wenigen großen Anbietern?  

  • Wie schaffen wir es, dass Innovation nicht an wenigen Leuchtturmbetrieben hängenbleibt, sondern in die Breite kommt?

  • Wie nehmen wir die Menschen auf den Betrieben mit auf diese nächste Stufe des Fortschritts?

Das sind Fragen, die wir beantworten müssen – als Gesellschaft, als Branche und auch als Fachnetzwerk DLG.

Die notwendige Veränderung, der Fortschritt, entsteht nicht, indem wir nur auf die Politik zeigen, schimpfen und abwarten. Veränderung entsteht dort, wo Menschen in ihrem eigenen Umfeld Verantwortung übernehmen:

  • In den Betrieben, die neue Wege gehen,

  • in Netzwerken, in denen Wissen geteilt wird,

  • in Partnerschaften zwischen Praxis, Wissenschaft und Wirtschaft,

  • in Initiativen und Projekten, die zeigen, dass Nachhaltigkeit und Produktivität kein Widerspruch sind.

Wir dürfen die Deutungshoheit über die Zukunft der Landwirtschaft nicht anderen überlassen. Wenn wir zeigen, wie nachhaltige Produktivitätssteigerung in der Praxis funktioniert – auf dem Feld, im Stall, im Energiemanagement, in regionalen Wertschöpfungsketten –, dann gestalten wir Zukunft, statt auf sie zu warten.

Wir als DLG gestalten Fortschritt gemeinsam 

Die DLG steht genau für diesen Ansatz: Wir beschweren uns nicht über die Entwicklungen – wir versuchen, sie gemeinsam zu gestalten. Wir sind das Fortschrittsnetzwerk.

Und dieses Netzwerk lebt von Ihnen – von Ihren Ideen, Ihrer Offenheit, Ihrer Bereitschaft, sich einzubringen. Dafür möchte ich Ihnen ausdrücklich danken. Nicht nur für Ihre Mitgliedschaft, sondern vor allem für Ihre Zeit, Ihre Erfahrungen und auch für Ihre Kritik.

Lassen Sie uns die kommenden Monate nutzen, um gemeinsam zu erarbeiten:

  • Was bedeuten die politischen Ziele – 30 Prozent Öko, 50 Prozent weniger Pflanzenschutz, Naturwiederherstellung – in der Realität unserer Betriebe?

  • Wo muss die EU-Agrarpolitik und der Green Deal aus Sicht der Praxis nachjustiert werden?

  • Welche Rahmenbedingungen brauchen wir, damit Innovation tatsächlich stattfindet?

  • Und wie nutzen wir Digitalisierung und KI, um mehr Nachhaltigkeit und mehr Produktivität zu erreichen?

An Zielvorgaben mangelt es uns nicht. Die entscheidende Frage ist: Wer nimmt die Umsetzung in die Hand?Ich meine: Das ist unsere Aufgabe als DLG, aus politischen Zielen konkrete, funktionierende Praxis zu machen. Nicht im Sinne von: „Die Politik soll endlich…“, sondern im Sinne von: „Was können wir tun – und was brauchen wir dafür?“

Mit diesem Geist der Verantwortung und der Gestaltung eröffne ich nun die Mitgliederversammlung 2026. 

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