DLG-Mitgliederseminar:

Hören, Sehen und Riechen wie eine Kuh 

Was wir von der Wahrnehmung des Rindes für die Praxis lernen können

Wie riecht, hört und sieht eine Kuh? Dieser Frage gingen die Referenten Benito Weise, Entwickler der Kuhbrille und als Berater tätig bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, und Dr. Hans-Joachim Herrmann vom LLH Hessen im DLG-Mitglieder-Seminar am 9. Dezember 2025 auf den Grund. Die Moderation übernahmen Nicola Bock und Sven Häuser aus dem DLG-Fachzentrum Landwirtschaft und Lebensmittel.

 „Zu Beginn hilft es, sich einmal zu verdeutlichen, dass 85-90% der Dinge, die wir mit den Rindern vorhaben, auch „einfach so“ funktionieren. Damit meine ich, dass viele Abläufe im Stall ohne besondere Strategie möglich sind“, stellte Benito Weise, Entwickler der Kuhbrille und Berater bei der LWK Niedersachsen, gleich zu Beginn des Online-Seminars fest. „Doch schauen wir uns die übrigen 10 bis 15% an, sind das oft Situationen, die eskalieren. Ursache dafür ist häufig Stress – und zwar nicht hauptsächlich jener, der in genau dieser Situation entsteht.“ 

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Rinder können Artgenossen und auch ihre Betreuungspersonen am Geruch identifizieren. Foto: Fotolia

Sinneswahrnehmung des Rindes

Weise zeichnete für die Teilnehmenden des Onlineseminars ein Bild: Es basiert auf der Grundannahme, dass sich Stress aufbaut wie ein Türmchen aus Bauklötzen. „Und der letzte Stein, der daraufgelegt wird, bringt das Türmchen schließlich zum Einsturz, kurz, die Situation eskaliert“, beschrieb er und verdeutlichte so, dass Stressanalyse im Kuhstall keineswegs trivial ist.

Der Referent gab den Teilnehmenden Hilfestellungen an die Hand, indem er drei Fragen formulierte, die sich jede rinderhaltende Person stellen kann: „Frage Nummer eins: Wo kommen die Tiere her, meint, was ist ihre Lerngeschichte, was bringen sie an Prägung mit – und wie wurde das Rind im Zuge der Evolution zum Haustier? Als zweites fragen Sie sich: Wie nimmt das Tier diese Situation wahr – was riecht, sieht, hört das Tier? Rinder haben eine vollkommen andere Erlebniswelt als der Mensch! Das lohnt es, sich bewusst zu machen. Die dritte und letzte Frage lautet: Was würde das Tier jetzt normalerweise tun, wenn seine Möglichkeiten nicht durch den Menschen bzw. die vom Menschen geschaffene Haltungsumwelt begrenzt wären?“ Bei diesen drei Fragen steht ein Aspekt an erster Stelle: „Rinder sind Fluchttiere. Alle ihre Sinne sind von der Evolution dahingehend perfektioniert, ihre Feinde schnellstmöglich identifizieren und ihnen entkommen zu können – auch, wenn viele unserer Hausrinder die dazu passenden Verhaltensweisen oft nicht mehr zeigen“, betonte Weise.

Warum wir Situationen oft falsch einschätzen

Das häufigste Problem von rinderhaltenden Personen beschrieb der Referent so: „Wir beurteilen viele Situationen aus unserer, also aus einer menschlichen und damit aus der Perspektive eines Raubtieres. Für den entspannten und gefahrenminimierten Umgang mit unseren Kühen müssen wir jedoch ihre Perspektive, also die des Tieres einnehmen.“ Nicht zu unterschätzen sei diesbezüglich, dass der Mensch ein sehr visuell geprägtes „Tier“ ist und oftmals nur die Herausforderungen bzw. Gefahren als wichtig empfinde, die er sehen könne. 

Ganz anders bei unseren Rindern: „Für die Tiere ist es in vielen Situationen unerheblich, was sie sehen – weil das, was sie schmecken, riechen oder hören bereits ausreicht, um eine Situation zu beurteilen“, so Weise. Der Geruchssinn ist der wichtigste Sinn, da er direkt mit dem limbischen System im Gehirn verbunden ist und für die Entstehung von Emotionen verantwortlich ist. „Der Geruchssinn funktioniert von der ersten Lebensminute: Ein Geruch, der beim neugeborenen Säugetier Ekel auslöst, wird bis zum Lebensende verhindern, dass wir bspw. bestimmte Dinge in den Mund nehmen – und kann daher überlebenswichtig sein.“


„Wir beurteilen viele Situationen aus unserer, also aus einer menschlichen und damit aus der Perspektive eines Raubtieres."

Benito Weise

Geruchssinn: Kühe können Schmerzen riechen

Rinder verfügen darüber hinaus über zwei unabhängig voneinander funktionierende Geruchszentren: das eine ist die Riechschleimhaut bzw. Nasenschleimhaut, das andere wird als Jacobsonsches Organ oder Vomeronasalorgan bezeichnet und ist am Boden der Nasenhöhle lokalisiert. Die Tiere können es über das Flehmen, also das gezielte, starke Hochziehen der Oberlippe aktiv einsetzen, um Gerüche und die damit verbundenen Botschaften zu analysieren, die ihre Artgenossen aussenden: 

„Rinder können Individuen am Geruch erkennen. Kleingruppen von bis zu 30 Tieren können sich gegenseitig über ihren individuellen Körpergeruch auseinanderhalten. Und Rinder riechen auch den Menschen, der den Stall betritt und wissen genau, welcher Mensch es ist; sie riechen im Zweifel sogar, in welcher Gemütslage sich der Mensch befindet, ob er Schmerzen hat und vieles mehr.“

Auch der Kotgeruch eines Rindes ist nicht immer derselbe: Davon abhängig, ob ihn das Tier in einer Stresssituation wie unmittelbar vor dem Klauenstand oder während des Klauenschneidens absetzt, kann er den Artgenossen die Botschaft übermitteln: Hier ist es nicht sicher; wenn ihr hier bleibt, dann könnt ihr Schaden erleiden. Ebenso signalisiert der Kot, der der tierbetreuenden Person noch vom Klauenschneiden an den Gummistiefeln klebt, den im Stall verbliebenen Tieren , dass die betreffende Person von einem „gefährlichen“ Ort kommt. Deshalb ist es eine gute Idee, sich die Stiefel gründlich zu waschen, bevor man die nächste Kuh aus der Stallgruppe in den Klauenstand holt. Wird der Kot wiederum von einer Kuh ausgeschieden, wenn sie ihr Kalb am Euter saugen lässt, enthält dieser ein bestimmtes Hormon, das dem Kalb signalisiert: Hier bist du in Sicherheit.

Hörsinn: Kühe hören, was uns verborgen bleibt

Zum Hörsinn haben unter anderem Rickye und Henry Heffner intensiv bei unterschiedlichen Tierarten geforscht. Im Rahmen dieser Versuche haben sie Rinder mit Futter- und Wasserbelohnungen darauf trainiert, auf Geräusche zu reagieren und mit dieser Methode anschließend Hörkurven für Rinder erstellt. Die Ergebnisse zeigen, das Rinder in Bereichen zwischen 16 und 17 Hz bis 35 kHz sehr gut hören können. „Der Mensch dagegen bewegt sich in einem Frequenzspektrum von 20 Hz bis 20 kHz. Rinder befinden sich also in einer ganz eigenen Hörwelt, wenn man so will“, stellte Benito Weise dar.

Übersetzt für die Stallumgebung bedeutet das, laut Weise, konkret: „Überall dort, wo Luft und Flüssigkeiten durch geringe Querschnitte gedrückt werden, entstehen Geräusche im sehr hohen Frequenzbereich. Auch die Lüftungstechnik verursacht Geräusche, die für den Menschen nicht hörbar sind. Unsere Kühe sind also permanentem Krach ausgesetzt, den wir nicht wahrnehmen – plus den Geräuschen von Futtermischwagen, Melktechnik, eventuellem Geklapper vom Fressgitter, um nur einige Lärmquellen aufzuzählen.“

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Ein Kuhstall ist täglich voller Geräusche. Hinzu kommt, das Kühe in einem viel breiteren Frequenzbereich hören, was leicht Stress auslösen kann. Foto: AdobeStock

Überall dort, wo Luft und Flüssigkeiten durch geringe Querschnitte gedrückt werden, entstehen Geräusche im sehr hohen Frequenzbereich. Das kann Stress bei den Tieren auslösen.

Benito Weise

Tiergesundheit im Fokus: Lärmbelastung richtig erkennen und vermeiden

Der Referent forderte die Zuhörenden auf, an dieser Stelle gedanklich zum „Stresstürmchen“ zurückzukehren, und erläuterte: „Humanmediziner haben inzwischen festgestellt, dass eine permanente Lärmbelastung durch Verkehrslärm beim Menschen Erkrankungen hervorrufen kann. Dazu gehören Schlafstörungen, Kopfschmerzen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn Sie sich nun vergegenwärtigen, dass unsere Milchkühe täglich einem noch viel breiteren Lärmspektrum ausgesetzt sind – durch den breiteren Frequenzbereich, den sie hören können – können Sie in etwa erahnen, welchen Einfluss das auf den Stresspegel und die Gesundheit der Tiere haben kann.“ 

Ein Tipp für die Praxis: „Setzen Sie sich fünf Minuten in den Melkstand und notieren Sie sich, welche Lärmquellen mit wenig Aufwand minimiert bzw. eliminiert werden können. Dies kann u.a. das Anmelken von Färsen deutlich vereinfachen – für Mensch und Tier.“

Um die Lärmbelästigung für die Tiere im eigenen Stall messen zu können, benötigt man tatsächlich ein Ultraschallmikrofon: „Mit einem Dezibel-A-Messgerät kommen Sie hier nicht weiter“, erklärte Weise. Doch wie wirkt sich Lärm konkret auf die Kühe aus? „Das lässt sich pauschal sehr schwer beantworten. Wenn der Lärm insgesamt in bestimmten Bereichen steigt, erfordert das auf Tierseite mindestens eine längere Gewöhnung. Das klassische Beispiel hierfür wäre der Melkroboter, bei dem es stark vom Baujahr abhängt, wie lärmintensiv der Betrieb ist.“ Grundsätzlich ordnete Weise es so ein: „Ein in den letzten fünf Jahren produzierter Melkroboter ist in Summe leiser als ein durchschnittlicher Melkstand. Es gibt aber auch Melkstände, die sehr leise sind, weil die betreffenden Landwirte schon beim Bau darauf geachtet haben, die geräuschintensive Technik in den Keller unter dem Melkstand zu verlegen.“

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Durch die am Kopf weit außen stehenden Augen haben Rinder ein Sichtfeld von 330 Grad. Foto: AdobeStock

Sehsinn: Kühe sehen große Fläche, aber eher unscharf

Durch die am Kopf weit außen stehenden Augen haben Rinder ein Sichtfeld von 330 Grad, „die Annahme ist aber, dass die Tiere über ihren ganzen Sehfeldbereich viel unschärfer sehen können als der Mensch, dessen Sichtfeld maximal 110 Grad beträgt“, leitete Weise diesen Teil der Sinneswahrnehmungen ein.

Das Rinderauge hat eine querovale Pupille, auch das ist evolutionsbedingt: Bei der Beobachtung ihres Umfelds geht es bei den Fluchttieren hauptsächlich darum, die Horizontlinie zu beobachten und auf Bewegungen zu überprüfen: „Dabei ist für das Rind optisch erst einmal uninteressant, ob es sich bei einer herannahenden Bewegung um einen Wolf oder ein anderes Raubtier handelt, entscheidend ist die Früherkennung sich nähernder Gefahren.“

Warum Kühe mehr Zeit für Lichtwechsel brauchen  

Zudem sprach Dr. Hans-Joachim Herrmann die längere Gewöhnungsphase von Hell zu Dunkel an: „Ermöglichen Sie den Tieren immer, sich in ihrem Tempo an veränderte Lichtverhältnisse zu gewöhnen! Das dauert bei ihnen etwa fünfmal so lange wie bei uns Menschen. Im ersten Moment, wenn beispielsweise die Stalltür geöffnet wird, sind sie regelrecht blind.“ Im Online-Seminar wurde ergänzend ein Video gezeigt, auf dem das beeinträchtigte Sehvermögen durch einen plötzlichen Wechsel von dunklen zu hellen Lichtverhältnissen und umgekehrt eindrucksvoll demonstriert wurde. Schatten sind ebenfalls ein größeres Thema: Rinder können nicht zwischen einem Schatten auf oder einem Loch im Boden unterscheiden. Herrmann ergänzte einen Tipp für die Praxis: „Gestalten Sie Treibegänge auf Ihrem Betrieb so, dass sie eine gleichmäßige Untergrundbeschaffenheit haben und zudem frei von Schlagschatten sind.“ Wichtig zu wissen ist außerdem, dass Rinder teilweise farbenblind sind: „Für sie ist die Welt blau, gelblich-grün und grau, denn ihnen fehlt der Farbrezeptor für rot.“

Für die Umgewöhnung von heller zu dunkler Umgebung - oder umgekehrt - benötigen Rinder etwa fünfmal so lange wie der Mensch. Währenddessen sind sie regelrecht blind.

 

Dr. Hans-Joachim Herrmann

LED-Licht im Stall: Unsichtbares Flickern als Stressfaktor

Essentiell für eine stressminimierte Haltung unserer Milchkühe ist die Berücksichtigung der sogenannten Flimmerfusionsfrequenz: „Beim Menschen relativ niedrig – ab 24 Bildern pro Sekunde können wir die einzelnen Aufnahmen nicht mehr voneinander unterscheiden. Für Rinder lautet die Annahme, dass sie bis zu 60 Bilder pro Sekunde unterscheiden können. „Hier möchte ich erneut die Humanmedizin zitieren: Bereits acht Stunden unter LED-Licht sind massiv gesundheitsschädlich, Tiere reagieren sogar noch sensibler auf diese Beleuchtungsform bzw. auf das sogenannte 100-Hertz-Flickern der LED-Leuchtstoffröhre. Das beschriebene Flickern entsteht durch 50-Hertz-Wechselstrom, wird von den Tieren stark wahrgenommen und kann dazu führen, dass sie ganze Stallbereiche nicht mehr betreten wollen“, mahnte Weise. Seine Empfehlung war, das im Stall verwendete Lampen explizit für die Verwendung in Tierhaltungen ausgewiesen sein sollten: „Diese weisen ein Flickern im Giga-Hertz-Bereich auf, das auch von den Tieren nicht mehr wahrgenommen werden kann und daher zulässig für die Tierhaltung ist.“
 

Warum Kühe stolpern: Sichtfeld und Orientierung im Alltag

Moderatorin Nicola Bock schloss die Frage an, woran es liege, dass Kühe im Alltag häufig stolpern, beispielsweise über kleine Schwellen. Herrmann erklärte: „Kühe sehen wie mit einer Art Gleitsichtbrille. Besonders, wenn sie von den betreuenden Personen getrieben werden, nehmen sie den Kopf hoch und haben keine Chance, den Untergrund ausreichend zu prüfen. Hier auch noch einmal mein Appell: Lassen Sie sich und Ihren Tieren genügend Zeit – das verhindert Unfälle und Paniksituationen.“ Weise ergänzte: „Kühe mit aufrechter Kopfhaltung können bis zu 1,50 m vor ihren Füßen nichts sehen. Wenn sie zu schnell laufen, versagt ihre Fähigkeit für das räumliche Sehen und sie stolpern.“

Praktische Tipps vom Profi

Dr. Hans-Joachim Herrmann übersetzte zum Abschluss des Seminars noch einmal das Gehörte in wertvolle Tipps für die tägliche Praxis: „Unser Wissen über die Sinneswahrnehmung von Rindern sowie das Verhalten eines Rindes als Herden- sowie als Fluchttier kann unsere Arbeit einfacher und sicherer machen und gleichzeitig das Tierwohl erhöhen“, betonte er zuerst und machte deutlich, dass Sinneswahrnehmung und Verhalten in direktem Zusammenhang stehen.

Bezugnehmend auf den Sehsinn ergänzte Herrmann: „Rinder sehen in der Nacht wesentlich besser als der Mensch. Sogenannte Orientierungslichter im Stall, damit die Tiere nachts angeblich besser den Melkroboter finden, dienen hauptsächlich dem Menschen. Unsere Kühe bräuchten diese zusätzliche Lichtquelle nicht; für die Tiere stellt sie im schlimmsten Fall einen zusätzlichen Stressfaktor dar.“ 

Um Behandlungen am Tier möglichst entspannt gestalten zu können, empfahl Herrmann die Zuhilfenahme von Behandlungsgängen, „am besten inklusive Sichtschutze. So können wir uns das natürliche Verhalten der Kühe zunutze machen, um Tiere stressfrei zu treiben.“

Für den täglichen Umgang mit den eigenen Rindern zitierte Herrmann die amerikanische Autistin Temple Grandin: „Stecke dieselbe Energie in die Beobachtung und Optimierung des Umgangs mit Rindern, wie du sie beim Einfangen und Treiben eines wilden Rindes gebraucht hast.“ 

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