Reisebericht von Lucie Kosemetzky
Zwischen Kleinbauernstrukturen, Agrarökologie und globalen Herausforderungen – Reisebericht zur agrarpolitischen Bildungsreise nach Tansania
Im Rahmen des DLG Young Talents Awards hatte ich die Möglichkeit, an dieser Reise teilzunehmen. Ziel war es, die landwirtschaftlichen Strukturen von Tansania kennenzulernen, die agrarpolitischen Rahmenbedingungen zu verstehen und den Austausch mit lokalen Akteuren zu fördern.
Vom 26. November bis zum 7. Dezember 2025 führte uns die Reise durch verschiedene Regionen Tansanias – von Arusha über die Uluguru-Berge bis nach Sansibar – und bot eindrucksvolle Einblicke in die Vielfalt und die Herausforderungen der ostafrikanischen Landwirtschaft.
Ankunft und erste Eindrücke: Landwirtschaft im Spannungsfeld
Nach der Anreise über Addis Abeba erreichten wir den Kilimanjaro International Airport und fuhren weiter nach Arusha. Bereits während des Flugs und der ersten Fahrten wurde deutlich, wie stark klimatische Bedingungen, Infrastruktur und Bevölkerungsentwicklung die landwirtschaftliche Produktion prägen. Erosionserscheinungen, Trockenheit und gleichzeitig wachsende urbane Strukturen verdeutlichten die Herausforderungen, denen sich das Land gegenübersieht.
Erste fachliche Gespräche sowie Einblicke in die Kultur der Massai machten deutlich, wie eng Landwirtschaft, Tradition und gesellschaftliche Strukturen miteinander verwoben sind.
Landwirtschaftliche Praxis: Zwischen Innovation und Subsistenz
Ein zentraler Programmpunkt war der Besuch der Organisation TAHA (Tanzania Horticultural Association). TAHA ist ein großes Netzwerk zur Förderung des Gartenbaus. Mit ihren über 25.000 Mitgliedern unterstützt sie Landwirte durch Beratung, Schulungen und Vernetzung entlang der Wertschöpfungskette.
Besonders eindrucksvoll war der Besuch eines kleinbäuerlichen Betriebs am Mount Meru, der Kaffee- und Bananenanbau kombiniert. Dieses System zeigt exemplarisch die Effizienz traditioneller Mischkulturen: Bananen dienen den Kaffeepflanzen als Schattenspender und Wasserquelle, während die Nebenprodukte als Tierfutter genutzt werden.
Auch bei weiteren Betrieben wurde deutlich, dass in der kleinstrukturierten Landwirtschaft mit begrenzten Ressourcen gearbeitet wird. Mechanisierung ist kaum vorhanden und viele Arbeitsschritte erfolgen manuell. Gleichzeitig sind die Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Landwirte bemerkenswert.
Lucie Kosemetzky
Juniorpreis DLG Young Talents Award 2024
Lucie Kosemetzky begann ihre ehrenamtliche Tätigkeit bereits während ihres Studiums als Mitglied der „Junge DLG / Team Bernburg“. Neben ihrer Mitgliedschaft im Hochschulteam ist sie mittlerweile auch Mitglied im DLG-Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit. Seit März letzten Jahres vertritt sie als Vorsitzende des Landesverbands der Junglandwirte Sachsen-Anhalt die Interessen der Junglandwirte.
Kosemetzky, die sich schon von Kindesbeinen an für die Landwirtschaft begeisterte, absolvierte eine Ausbildung zur Landwirtin. Im unmittelbar darauf folgenden Bachelor-Studium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Anhalt in Bernburg konzentrierte sie sich insbesondere auf den Anbau und die Silageherstellung von Luzerne im mitteldeutschen Trockengebiet. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu unterschiedlichen Aussaatmengen und Luzerne-Sorten sowie zu Laborversuchen mit verschiedenen Silagezusätzen stellte sie auf mehreren Fachtagungen vor.
Während ihres Masterstudiums beschäftigt sie sich weiterhin mit dem Thema nachhaltige Proteinquellen. Für Frau Kosemetzky steht jedoch nicht nur die theoretische Ausbildung im Vordergrund. Die junge Landwirtin plant derzeit einen Auslandsaufenthalt, um praktische Erfahrungen zu sammeln und verschiedene Anbausysteme für Leguminosen in verschiedenen Ländern kennenzulernen. Sie beabsichtigt, die gewonnenen neuen Perspektiven zu nutzen, um innovative Lösungen zu entwickeln, sowohl ihre eigene persönliche Entwicklung als auch die Landwirtschaft insgesamt voranzubringen und zu nachhaltigeren Anbaumethoden beizutragen.
Zwischen ihrem Bachelor- und Masterstudium absolvierte sie den TOP-Kurs an der Andreas-Hermes-Akademie, um ihre persönlichen Kompetenzen weiterzuentwickeln und sich auf Führungsaufgaben in einer Vielzahl von Bereichen vorzubereiten.
Kleinbäuerliche Systeme und Klimaherausforderungen
Ein Besuch bei einem Landwirt in der Region Manyara verdeutlichte die Herausforderungen der kleinbäuerlichen Landwirtschaft: begrenzte Bewässerungsmöglichkeiten, Abhängigkeit von Niederschlägen sowie ein eingeschränkter Zugang zu Märkten.
Gleichzeitig wurde deutlich, welche starken Auswirkungen der Klimawandel bereits heute zeigt – etwa durch Trockenperioden, die die Futterverfügbarkeit und die Tiergesundheit beeinträchtigen.
Auch spontane Begegnungen, wie ein gemeinsames Fußballspiel mit Kindern in einem Dorf, zeigten die Lebensrealität und die Offenheit der Menschen vor Ort.
Biodiversität und Nutzungskonflikte
Die Safari im Lake-Manyara-Nationalpark verdeutlichte, welche Bedeutung intakte Ökosysteme für den Tourismus und die Biodiversität haben. Gleichzeitig wurde klar, dass es Nutzungskonflikte zwischen Naturschutz und Landwirtschaft gibt, insbesondere in Regionen mit wachsender Bevölkerung.
Traditionelle Lebensweisen: Das Beispiel der Massai
Der Besuch eines Massai-Dorfes bot tiefe Einblicke in traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweisen. Die halbnomadische Viehhaltung basiert stark auf natürlichen Ressourcen und ist eng mit den kulturellen Strukturen der Massai verbunden.
Die klare Rollenverteilung sowie die gemeinschaftliche Organisation zeigen alternative Formen von Landwirtschaft und Gesellschaft, die sich deutlich von europäischen Systemen unterscheiden. Gleichzeitig wurden auch Herausforderungen sichtbar, etwa Nutzungskonflikte zwischen Viehhaltung und Ackerbau sowie der zunehmende Druck auf Ressourcen.
Agrarökologie als Zukunftsmodell
Ein besonderer Schwerpunkt der Reise lag auf der Arbeit der Organisation Sustainable Agriculture Tanzania (SAT). SAT fördert ökologische Landwirtschaft und unterstützt Landwirte durch Schulungen, Zertifizierungsprogramme und Demonstrationsfarmen.
In den Uluguru-Bergen lernten wir agrarökologische Systeme kennen, die durch Mischkulturen, Terrassierung und nachhaltige Bodenbewirtschaftung geprägt sind. Solche Ansätze tragen dazu bei, Erosion zu reduzieren, Erträge zu stabilisieren und die Resilienz gegenüber Klimaveränderungen zu erhöhen.
Internationaler Austausch: Das Agrarrendezvous
Ein Höhepunkt der Reise war das sogenannte „Agriculture Rendezvous“, bei dem ein intensiver Austausch mit tansanischen Agrarstudierenden stattfand.
In Workshops wurden Themen wie:
- Generationenwechsel in der Landwirtschaft
- nachhaltige Produktionssysteme
- Marktzugang und Wertschöpfung
diskutiert und mit deutschen Perspektiven verglichen.
Dabei wurde deutlich, dass trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen viele Herausforderungen ähnlich sind, beispielsweise die wirtschaftliche Attraktivität der Landwirtschaft oder der Zugang zu Märkten.
Sansibar: Landwirtschaft, Tourismus und Wertschöpfung
Die letzten Tage der Reise führten nach Sansibar, wo insbesondere der Gewürzanbau im Fokus stand. Bei dem Besuch einer Gewürzfarm wurde die große Vielfalt an Produkten wie Nelken, Vanille, Zimt und Ingwer deutlich. Gleichzeitig zeigte sich, wie wichtig Verarbeitung und Direktvermarktung für die Einkommenssicherung sind.
Ein weiterer Betrieb demonstrierte die Verarbeitung von Süßkartoffeln zu verschiedenen Produkten und zeigte damit ein Beispiel für lokale Wertschöpfung und unternehmerische Initiative.
Fazit: Landwirtschaft im globalen Kontext
Die Studienreise hat eindrucksvoll gezeigt, wie unterschiedlich Landwirtschaft weltweit organisiert ist und unter welchen Bedingungen sie stattfindet. Während in Deutschland Themen wie Effizienz, Nachhaltigkeit und Regulierung im Vordergrund stehen, ist die Landwirtschaft in Tansania stark geprägt von:
- kleinbäuerlichen Strukturen
- begrenztem Ressourcenzugang
- hoher Abhängigkeit vom Klima
Gleichzeitig wurde deutlich, welches Potenzial in agrarökologischen Ansätzen, Bildung und internationalem Austausch liegt.
Besonders prägend war die Erkenntnis, dass Lösungen für globale Herausforderungen wie Klimawandel und Ernährungssicherung immer im lokalen Kontext gedacht werden müssen.
Neben den fachlichen Erkenntnissen hat die Reise auch meinen persönlichen Horizont erweitert – durch Begegnungen mit Menschen, Einblicke in andere Lebensrealitäten und das Verständnis für kulturelle Zusammenhänge.
Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, an dieser Bildungsreise teilzunehmen, und werde die gewonnenen Erfahrungen sowohl fachlich als auch persönlich weitertragen.