Forschung im Weinbau: Impulse für die Zukunft
Arbeitstagung des FDW zeigt innovative Ansätze zu Klimaanpassung, Technologieein-satz und nachhaltigen Produktionssystemen – Geodatenbasiertes Landnutzungsmodell im Fokus
Was passiert, wenn nahezu 150 Weinexpertinnen und -experten ihre neuesten Erkenntnisse aus Forschungsprojekten teilen und gemeinsam an den Herausforderungen des Weinbaus arbeiten? Es entsteht eine Energie des Aufbruchs, die bei der diesjährigen Tagung des Forschungsrings des Deutschen Weinbaus (FDW) erkennbar war, und die zeigt, wie viel Potenzial in gemeinsamer Forschung und fachlichem Austausch steckt. Die Arbeitstagung fand im Dienstleistungszentrum Rheinhessen-Nahe-Hunsrück statt. Diskutiert wurden neueste Erkenntnisse aus Rebenzüchtung, Bodenkunde, Rebveredelung, Pflanzenschutz, Kellerwirtschaft sowie Betriebs- und Marktwirtschaft. Rund 50 Referentinnen und Referenten präsentierten Forschungsergebnisse aus laufenden und abgeschlossenen Projekten – ein Programm, das ebenso informativ wie inspirierend war und die Vielfalt aktueller Entwicklungen im Weinbau sichtbar machte.
Die Arbeitstagung des FDW zeigte eindrucksvoll, wie breit und dynamisch die Forschung im deutschen Weinbau aufgestellt ist. Ob Klimastress, neue Technologien oder nachhaltige Produktionssysteme – die insgesamt rund 50 Fachvorträge lieferten vielfältige Impulse für einen zukunftsfähigen, resilienten und qualitätsorientierten Weinbau. Exemplarisch für diese Bandbreite wird im Folgenden ein einzelnes Forschungsprojekt vorgestellt.
Prof. Dr. Marc Dreßler, Professur für Betriebswirtschaftslehre im dualen Studiengang Weinbau & Oenologie am Weincampus Neustadt, präsentierte gemeinsam mit Sandra Mosch, wissenschaftliche Mitarbeiterin, neueste Ergebnisse des Projekts „Rebflächenszenarien: Erste Projektergebnisse“:
Der Weinbau in Europa steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen und auch die deutsche Weinwirtschaft befindet sich in einer Absatzkrise, die insbesondere den Fassweinsektor betrifft. Aktuell werden weltweit Rebflächen gerodet und zeitgleich neu bepflanzt. Dies gilt auch für Deutschland. Einige Betriebe arbeiten nicht kostendeckend und notwendige Investitionen unterbleiben. In der Folge wird Rebfläche nicht oder nicht ausreichend gepflegt, so dass auch benachbarte Rebflächen in Mitleidenschaft gezogen werden. Die aktuelle Situation von gezielter aber auch passiver Nichtbearbeitung birgt für die Branche Gefahren. Es wäre wünschenswert und zielführend, wenn die Anpassung der Weinmenge bzw. die Aufgabe von Rebfläche gezielt, geplant und gesteuert umgesetzt würde. Politische Instrumente zur gezielten Rebflächenanpassung zur Stabilisierung des Marktes und Erhalt von Kulturlandschaften werden aktuell diskutiert, es mangelt jedoch an evidenzbasierten Entscheidungsgrundlagen. Insbesondere werden räumliche Analysen der möglichen Auswirkungen auf Rebflächenstrukturen durch potentielle Betriebsaufgaben bzw. Stilllegungen von Flächen zur Orchestrierung einer resilienten Weinproduktion in Deutschland benötigt. Die wirtschaftliche Situation der Erzeuger ist äußerst angespannt.
Geodatenbasiertes Landnutzungsmodell
Im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts, gefördert durch den FDW und realisiert von einem Team Weincampus Neustadt und Uni Hohenheim (Marc Dressler, Sandra Morsch, Christian Sponagel, Leopold Vogt) wird ein geodatenbasiertes Landnutzungsmodell entwickelt. Auf Basis der Europäischen Weinbaukartei, verlässlicher Ist-Produktionskosten sowie alternativer wirtschaftlicher Nutzungsalternativen werden schlagspezifische Weinbaugegebenheiten (z.B. Frost, Steigung, Alter der Reben …) berücksichtigt. Mithilfe realer Geo-Daten wird so die Nutzung von Rebflächen zunächst am Beispiel von zwei Modellgemeinden im Anbaugebiet Pfalz ökonomisch optimiert.
Das Projekt zielt darauf ab, Szenarien zur gesteuerten Optimierung und Reduktion der Rebflächen in Deutschland zu entwickeln und deren Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zu analysieren. Der empirisch basierte Ansatz erlaubt, räumlich und betriebswirtschaftlich belastbar abzuschätzen, welche Rebflächen unter aktuellen und veränderten Rahmenbedingungen weiter bewirtschaftet, umgenutzt oder aufgegeben werden könnten und sollten. Für jeden Schlag wird die optimale Nutzung unter Simulation von Preisveränderungen und Rodungsprämienszenarien bestimmt.
Erste Ergebnisse
Die ersten Ergebnisse der Modellierung offenbaren, dass unter aktuellen Rahmenbedingungen und bei Annahme von ausschließlich Fassweinproduktion ein Drittel bis zur Hälfte der Rebflächen defizitär bewirtschaftet werden. Eine Rotationsprämie würde aus wirtschaftlicher Perspektive zu einer Stilllegung von signifikanter Rebfläche führen. Diese Einsichten werden mit Discrete Choice Experimenten kombiniert, bei denen die Weinerzeuger hinsichtlich der möglichen Beanspruchung von incentivierten Stilllegungsprogrammen evaluiert werden. Hier zeigen bisherige Rückläufe und Analysen, dass die Präferenzen sehr heterogen sind und neben dem finanziellen Anreiz auch maßgeblich betriebsstrukturelle Rahmenbedingungen entscheidungsrelevant sind. Die Teilnahmebereitschaft an Rodungsprogrammen hängt wesentlich von der betrieblichen Ausgangssituation ab. Betriebe mit direkter Vermarktung und Profilierung (z.B. Flaschenweinproduktion > 80%), gesicherter Nachfolge oder optimistischer Markterwartung reagieren systematisch anders als Betriebe mit alternativen Einkommensquellen oder größerer struktureller Flexibilität.
Entscheidungsbasis für die Agrarpolitik
Die Ergebnisse untermauern, dass Stilllegungsentscheidungen nicht pauschal bestimmt werden, sondern betriebsindividuelle Rahmenbedingungen und Nutzenwerte eine Orchestrierung erlauben. Die in der Simulation angesetzte Rodungsprämie könnte weitreichende strukturelle und finanzielle Implikationen haben.
Eine Orchestrierung zur Motivation aber auch zur weinbaulichen Perspektive für resiliente Betriebe ist weinbaulich aber auch gesellschaftlich (z.B. Schädlingsbefall, Landschaftsbilder und (Wein-)Tourismus dringlich. Die empirischen Einsichten bilden eine relevante Entscheidungsbasis für die Agrarpolitik und insbesondere für eine lokal basierte und wertschöpfende Transformation des Weinbaus.
Über den Forschungsring des Deutschen Weinbaus (FDW)
Der Forschungsring des Deutschen Weinbaus (FDW) widmet sich seit mehr als 50 Jahren der angewandten Forschung im Bereich Weinbau und Wein. Die Geschäftsführung des FDW liegt beim Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau, Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz und der DLG. Ziel ist die Koordination und Umsetzung der länderübergreifenden Forschungsfinanzierung der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz. Der FDW besteht aus insgesamt sechs Arbeitskreisen mit mehr als 200 Mitgliedern, die unterschiedliche Forschungsgebiete bearbeiten. Neben den sechs Arbeitskreisen gibt es speziell für praxisrelevante Fragestellungen den Ausschuss für Technik im Weinbau (ATW). Einmal pro Jahr führt der FDW eine zweitägige Arbeitstagung an wechselnden Standorten durch.
Vollständiges Programm der Arbeitstagung 2026: hier
Weitere Infos zum FDW: https://www.forschungsring-weinbau.de/de/
Pixabay_matze_macht_mucke-grapes-2560353.jpg