Reisebericht von Jannik Luk Heckel 

Freiheit, Weite, Farmleben – Landwirtschaftliches Praktikum in Namibia

Viele kennen Namibia vor allem als Urlaubsparadies mit seinen endlosen Weiten, der Wüste Namib oder dem Etosha-Nationalpark. Doch neben den bekannten Touristenzielen prägt ein weiterer Wirtschaftszweig das Land und seine Landschaft ganz entscheidend: die Landwirtschaft.

Landwirtschaft in Namibia – Leben und Wirtschaften im trockenen Süden Afrikas 

Namibia gilt als eines der trockensten Länder im südlichen Afrika. Große Teile des Landes bestehen aus Halbwüsten oder Trockensavannen, Regen fällt meist nur in wenigen Wochen oder gar Tagen im Jahr. Trotzdem spielt die Landwirtschaft eine zentrale Rolle, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Rund zwei Drittel der Bevölkerung leben direkt oder indirekt von ihr und die Landwirtschaft trägt etwa 7,7 % zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Besonders bedeutend ist die Nutztierhaltung, allen voran von Rindern, Schafen und Ziegen. Etwa 2,5 Millionen Rinder leben in Namibia. In den trockeneren Regionen wird überwiegend Mutterkuhhaltung in extensiver Weidewirtschaft betrieben. Während 47 % der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt werden, wird nur auf 1 % der Fläche Ackerbau betrieben. Auf diesen Flächen spielt der Anbau von Körnermais und Sorghum eine wichtige Rolle, ist dabei aber vor allem auf Gebieten mit höheren Niederschlägen oder guten Grundwasservorkommen begrenzt.

Start ins Praktikum – Landwirtschaftliche Strukturen und klimatische Bedingungen in Namibia

Mitte August 2025 durfte ich im Rahmen eines freiwilligen Praktikums einen Monat auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Norden Namibias verbringen. Der Betrieb liegt in einem weiten Tal zwischen den Otavi-Bergen. Neben der Mutterkuhhaltung werden Milchkühe gehalten, was in Namibia inzwischen in dieser Größenordnung aufgrund des starken Preisdrucks aus Südafrika eine Seltenheit ist. Zusätzlich zur Rinderhaltung wird auf rund 300 Hektar Ackerbau betrieben. Angebaut werden Körner- und Silomais sowie Sonnenblumen. Die Flächen sind reine Trockenstandorte ohne zusätzliche Bewässerung und somit vollständig von den natürlichen Regenfällen abhängig. Nach zwei sehr trockenen Jahren mit nur etwa 300 Millimetern Niederschlag pro Jahr fielen in diesem Jahr über 1.000 Millimeter Regen. Entsprechend üppig waren die Weiden bewachsen und auch die Erträge in diesem Jahr fielen zufriedenstellend aus. Während meines Aufenthalts war in Namibia bereits Winter- und damit Trockenzeit, sodass auf den Feldern nicht mehr viel Arbeit anfiel.

Neben rund 50 melkenden Brown-Swiss-Kühen hält der Betrieb auch 100 Mutterkühe, hauptsächlich Kreuzungen aus hitzetoleranteren Brahmanrindern, Angus, Braunvieh und Brangus. Diese weiden auf den abgeernteten Maisflächen und auf den weitläufigen Naturweiden gemeinsam mit einigen Eseln sowie den auf dem Betriebsgelände vorkommenden Wildtieren wie Elandantilopen, Dukker, Kudus und Warzenschweinen.

Mein Tagesablauf war, neben den routinemäßig anfallenden Arbeiten eines milchproduzierenden Betriebs, sehr abwechslungsreich. Morgens um 7 Uhr beginnt das Melken der Milchkühe. Die Tiere verbringen die Nacht in einem sogenannten „Kraal“, einem eingezäunten Bereich nahe des Melkstandes, in dem sie auch zusätzlich gefüttert werden. Gemolken werden die Kühe zweimal täglich in einem Sechser-Tandem-Melkstand. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei etwa 15 Litern pro Kuh und Tag. In Zukunft soll die Leistung und Tiergesundheit durch gezielte Zucht und künstliche Besamung gesteigert werden.

Jannik Luk Heckel

Hauptpreis DLG Young Talents Award 2024

Jannik Luk Heckel stammt aus Landau in der Pfalz, ist gelernter Landwirt und Student im Bachelorstudium Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim. Die Auswahlkommission stellte sein sehr breit aufgestelltes ehrenamtliches Engagement unter anderem als Team Captain im Junge DLG/Team Hohenheim und sein ausgeprägtes Interesse am Blick über den Tellerrand besonders heraus. So wurde auf seine Initiative hin eine gemeinsam mit einem Kommilitonen selbst organisierte praktische Lehreinheit als Zusatz zum „Grundmodul Anatomie der Nutztiere“ ins Leben gerufen, die mittlerweile fest im Lehrplan etabliert ist.

Tier- und Zaunkontrolle mit dem Feierabend verbinden. Bei den abendlichen Fahrten über das Betriebsgelände wurde man für die Arbeit des Tages mit traumhaften Sonnenuntergängen belohnt. © Jannik Luk Heckel

Handwerk, Nachwuchs und Weiten – Wie der Betrieb seine Ressourcen nutzt

Die Milch wird anschließend in der hofeigenen Molkerei und Käserei verarbeitet. Hergestellt werden Joghurt, Sahne, Buttermilch und mehrere Käsesorten wie Feta, Frischkäse, Halloumi und Gouda. Täglich werden mehrere Kilogramm Frisch- und Hartkäse produziert, die in Direktvermarktung an Lodges, Privatpersonen und Supermärkte verkauft werden. In der Molkerei erhielt ich erstmals spannende Einblicke in diesen für mich bisher fremden Bereich und die Möglichkeit, auch selbst bei der Käseproduktion zu helfen. Besonders beeindruckend war für mich, wie mit begrenzten Mitteln eine solch hochwertige und vielfältige Veredelung auf dem Betrieb umgesetzt werden kann.

Ein Teil der Milch und anfallenden Molke dient der Kälberaufzucht. Die Bullenkälber werden bis zum Absetzen gemästet und über Auktionen meist nach Südafrika verkauft, während die Kuhkälber für die Remontierung aufgezogen werden. Die Fütterung der Milchkühe besteht aus Mais- und Sorghumsilage sowie einem eigens angemischten Kraftfuttermix aus Körnermais, Sonnenblumen, Luzernepellets, Mineralfutter und Zuckerrohrmelasse. Gemischt wird das Futter von Hand in den Trögen der Kraale. Zusätzlich können die Tiere auf den Weiden grasen und erhalten betriebseigenes Heu. Die Mutterkühe befinden sich ganzjährig auf den großen Weide- und abgeernteten Maisflächen, die teilweise mehrere hundert Hektar umfassen. Die in Deutschland typischen Einteilung von Großvieheinheiten pro Hektar ist dabei in Namibia aufgrund der ausgeprägten Wintertrockenheit vielmehr in Hektar pro Tier umgewandelt. Je nach Standort und Leistungsziel sind bis zu 20 Hektar pro Tier möglichst ohne Zufütterung vorgesehen.

Zwischen Zäunen und Wildtieren – Warum Tiergesundheit oberste Priorität hat

Nach dem Melken stand täglich eine Kontrollfahrt über das Betriebsgelände auf dem Plan. Dabei werden die kilometerlangen Zäune auf Schäden oder unbefugtes Eindringen überprüft, die Tiere gezählt und mit zusätzlichem Mineralfutter versorgt. Ein besonderes Augenmerk des Betriebs lag dabei immer auf der Tiergesundheit. Regelmäßig, auch während meines Aufenthalts, werden Impfungen durchgeführt. Unter anderem sind Impfungen gegen Brucellose, Lumpy Skin Disease und Tollwut, die in Namibia vor allem in der Kudupopulation vorkommt, Routine. Dafür werden die Tiere an den „Posten“ zusammengetrieben, wo sich Behandlungsstände, Wasserstellen und zentrale Treibwege auf die verschiedenen Weideflächen befinden.

Um der starken Sonneneinstrahlung zu umgehen, beginnt die Nachmittagsschicht erst nach einer längeren Mittagspause. Aufgabenbereiche waren dort häufig, neben dem Melken, das Anmischen des eigenen Kraftfuttermixes, Reparaturarbeiten oder die Ernte der noch auf den Feldern verbliebenen restlichen Sonnenblumenköpfe.

Der Aufenthalt in Namibia war in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung. Neben den fachlichen und praktischen Erfahrungen konnte ich auch persönlich viel über Eigeninitiative, Improvisation und Zusammenarbeit lernen. Sei es bei Reparaturen, Ideenentwicklungen oder in der täglichen Zusammenarbeit mit den sechzehn Mitarbeitenden.

Die Milchkühe werden in der Trockenstehzeit auf den Grasweiden des Betriebes gehalten. Neben der Naturweide wird zusätzliche auch Blau-Büffelgras als ertragsstarkes und trockenheitstoleranteres Futtergras für die Weide und als Heu angebaut. © Jannik Luk Heckel
Gemolken werden die 50 Milchkühe zweimal täglich in einem Tandemmelkstand der Firma Alfa Laval. Zum Locken und als zusätzliche Energie- und Mineralquelle bekommen die Tiere individuelle Zuteilungen des betriebseigenen Kraftfuttermixes. © Jannik Luk Heckel

Herausforderungen teilen, besondere Momente erleben

Gleichzeitig wurde dabei aber auch deutlich, dass viele Herausforderungen, die wir in Deutschland kennen, auch in Namibia präsent sind. Wetterextreme, sei es Dürre oder Starkregen, hohe Produktionskosten bei niedrigen Marktpreisen, Schwierigkeiten bei der Mitarbeitersuche und eine umfangreiche Bürokratie, die sich kaum von der deutschen unterscheidet, sind auch hier eine tägliche Herausforderung für die Betriebsleitenden. Dennoch wird man für die viele und anstrengende Arbeit täglich auf besondere Weise belohnt. Die traumhaften Sonnenauf- und -untergänge, die unendlichen Weiten, der klare Sternenhimmel und vor allem die geselligen Abende bei einem „Sundowner“ an den schönsten Plätzen des Betriebs machen das Praktikum unvergesslich.

Ich bedanke mich herzlich bei den beiden Betriebsleitern, den Mitarbeitern und allen neuen Freunden, die dieses Praktikum zu einer einzigartigen Erfahrung gemacht haben, sowie bei der DLG, ohne deren Unterstützung im Rahmen des Young Talents Awards dieses Praktikum nicht möglich gewesen wäre.

Impressionen Namibia

 © Jannik Luk Heckel