Betriebe in der Düngerkrise entlasten
Die Straße von Hormus und die Resilienz unserer Ernährungssysteme
Die Spannungen rund um die Straße von Hormus zeigen, wie fragil globale Ernährungssysteme sind – und wie schnell geopolitische Krisen vom Acker bis zur Supermarktkasse durchschlagen. Ana Bojadjievska fordert in ihrem Gastkommentar, den Tagesspiegel Background zuerst veröffentlichte, ein Umsteuern: weniger fossile Abhängigkeiten in der Landwirtschaft, einen besseren Schutz von Verbraucherinnen und Verbrauchern in Krisenzeiten und den gezielten Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten
Steigende Energiepreise infolge des US‑israelischen Kriegs gegen den Iran alarmieren Europa. Dass wir die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduzieren müssen, ist bekannt. Weniger Beachtung findet jedoch, wie stark die Landwirtschaft – insbesondere durch den Einsatz von Mineraldüngern – an fossile Ressourcen gebunden ist. Über die Straße von Hormus laufen 20 bis 30 Prozent des weltweiten Düngemittelhandels.
Die hohe Konzentration der Produktion in dieser Region und wenigen weiteren Ländern verdeutlicht, wie verwundbar globale Ernährungssysteme sind. Internationale Organisationen warnen bei anhaltender Krise vor gravierenden Kaskadeneffekten.
Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland spüren steigende Energie‑ und Düngerpreise bereits heute, auch die Lebensmittelindustrie zeigt sich besorgt. Für Verbraucherinnen und Verbraucher werden die Folgen zeitverzögert an der Supermarktkasse deutlich werden.
In der politischen Debatte über schnelle Entlastungen droht jedoch die zentrale Frage unterzugehen: Wie bauen wir Abhängigkeiten ab und stärken unsere Ernährungssysteme nachhaltig? Jetzt ist es das Gebot der Stunde, ernsthaft über Resilienz zu sprechen.
Fossile Abhängigkeiten schrittweise reduzieren
Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen macht die Landwirtschaft nicht nur krisenanfällig, sondern schadet auch Klima, Umwelt und Gesundheit. Zwar kann ein maßvoller Einsatz von Düngemitteln zur Ernährungssicherheit beitragen, doch liegt der Verbrauch in Europa inzwischen über dem nachhaltigen Maß. Das degradiert Böden, belastet Gewässer und Luft und schwächt langfristig die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft.
Pionierhöfe wie der Eichhof in Schleswig-Holstein oder der Kugel Südhang Hof in Bayern zeigen, dass es auch anders geht. Eine europaweite Studie belegt: Der Düngemitteleinsatz kann im Schnitt um 61 Prozent sinken – bei nur rund zwei Prozent Ertragsverlust. Nachhaltigkeit und Produktivität schließen sich also nicht aus.
Langfristige politische Zielsetzungen und Anreize, etwa über die Subventionspolitik, sind nötig, um solche Ansätze in der Breite zu ermöglichen. Auch die betriebliche Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie stärkt die Resilienz. Die laufende Debatte zur Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027 bietet dafür eine zentrale Chance.
Kurzfristig müssen insbesondere kleinere Betriebe in der aktuellen Düngerkrise entlastet werden, um die Nahrungsmittelproduktion zu sichern. Die Maßnahmen dürfen jedoch nicht die strukturellen Probleme verdecken. Forderungen des Bauernverbands Copa-Cogeca, den CO2-Grenzausgleich für Düngemittel (CBAM) auszusetzen, würden kaum Entlastung bringen und langfristig die Resilienz schwächen. Der CBAM schafft faire Wettbewerbsbedingungen und fördert umweltfreundlichere heimische Alternativen – ein wichtiger Hebel für weniger Abhängigkeiten.
Verbraucher:innen in Krisenzeiten wirksam schützen
Resilienz bedeutet auch, aus früheren Krisen zu lernen. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine stiegen die Lebensmittelpreise in Deutschland stark an und liegen heute rund 30 Prozent höher als zuvor. Gleichzeitig zeigte sich, dass die hohe Marktkonzentration überproportionale Gewinne auf Kosten von Landwirten und Verbrauchern ermöglichte.
Wenn die Industrie nun kurzfristige Entlastungen fordert, braucht es Transparenz. Eine unabhängige Preisbeobachtungsstelle – wie in Frankreich oder Spanien – könnte Preisdaten systematisch erfassen und politische Entscheidungen fundieren. Von Ernährungsarmut bedrohte Haushalte müssen gezielt unterstützt werden. Resilienz heißt, Infrastruktur zu sichern und besonders vulnerable Gruppen zu schützen.
Regionalität stärken
Resilienz und Krisenvorsorge erfordert ein Umdenken: Effizienz allein reicht nicht aus, sie muss durch Diversifizierung, Redundanzen und Pufferkapazitäten ergänzt werden. Neben der Diversifizierung von Lieferketten und der Reduktion von Importabhängigkeiten gilt es, Regionalität zu stärken. Regionale Wertschöpfungsketten verkürzen Transportwege, senken den Energiebedarf und stabilisieren lokale Strukturen. Gleichzeitig profitieren Landwirtinnen und Landwirte und kleinere Betriebe von höheren Margen, während Verbraucherinnen und Verbraucher Zugang zu frischen, saisonalen Produkten erhalten.
Initiativen wie das Modellregionenprojekt „Besser essen in der Region“ des Landwirtschaftsministeriums, die von der Robert Bosch Stiftung geförderte Initiative „Zukunft aufgetischt“ oder Netzwerke von Ernährungsräten zeigen, wie regionale Akteure handlungsfähige Strukturen aufbauen. Gerade in Krisenzeiten sind solche lokal vernetzten und solidarischen Ansätze keine romantische Nische, sondern eine strategische Notwendigkeit.
Zwar hat die Politik die Herausforderung erkannt, doch die bisherigen Antworten greifen zu kurz. Bundesminister Alois Rainer betont zu Recht, dass Ernährung und Landwirtschaft zur kritischen Infrastruktur gehören, und fordert mehr politische Sichtbarkeit sowie Finanzierung für den Sektor. Entscheidend aber ist, dass diese Mittel gezielt in den Aufbau langfristiger Resilienz fließen.
Kurzfristig gilt es, die akuten Folgen der Krise abzufedern. Mittel- und langfristig jedoch sind der Abbau fossiler Abhängigkeiten, der Schutz des gesamtgesellschaftlichen Interesses und die Stärkung lokaler Strukturen zentrale Hebel. Ohne mutige Schritte in diese Richtung verharren wir im Modus des Reagierens statt des Gestaltens. Geopolitische Krisen legen Schwachstellen offen – sie bieten zugleich die Chance, unsere Ernährungssysteme zukunftsfähig auszurichten. (Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von Tagesspiegel Background)
Eine unabhängige Preisbeobachtungsstelle – wie in Frankreich oder Spanien – könnte Preisdaten systematisch erfassen und politische Entscheidungen fundieren.
Ana Bojadjievska ist Senior Projektmanagerin bei der Robert Bosch Stiftung und arbeitet zu Klima, Landnutzung und Ernährungssystemen in Europa. Sie ist Co-Vorsitzende der Gruppe „European Funders on Sustainable Food and Agriculture“ innerhalb der Philea – Philanthropy European Association und Mitglied des Lenkungsausschusses der Global Alliance for the Future of Food.