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Ein Contra zum Contra!

Leserbrief zum Beitrag „Contra zu Glyphosat“ von Frau Rapior, stellvertretende Vorsitzende des BUND, erschienen im DLG Mitglieder Newsletter # 30/2023.

Sehr geehrte Frau Rapior,

ich kann Ihrer Meinungsäußerung zu Glyphosat leider nicht zustimmen, ebenso wie hunderte unabhängige Fachleute in den für die Zulassung zuständigen Behörden auf der ganzen Welt. Vor Kurzem hat nun auch die EFSA in Brüssel nach eingehender Prüfung dem EU-Parlament empfohlen, die Zulassung von Glyphosat zu verlängern. Demnach ist Glyphosat weder krebserregend noch nachhaltig schädlich für Insekten, Boden- und Wasserorganismen, sondern lediglich wirksam gegen die auf der Nutzfläche aufgelaufenen Unkräuter. Es schädigt nicht deren Samen, geht nicht ins Grundwasser und entweicht nicht in die Luft. Es ist daher ein idealer Wirkstoff, der einen Nobelpreis verdient hätte.

Zu ihren Argumenten im Einzelnen:

Glyphosat ist wesentlich an der Verringerung der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft beteiligt. 

Da greifen sie in die Trickkiste und bemühen den Wert von Unkräutern im Allgemeinen, wohl wissend, dass jede andere Art der erfolgreichen Unkrautbekämpfung den gleichen Effekt hat und dieser nicht spezifisch Glyphosat angelastet werden kann. Der Versuch, effektiven Artenschutz auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche betreiben zu wollen, ist nicht zielführend. Ein paar Unkräuter mehr oder weniger pro m2 bringen m. E. nicht den gewünschten Erfolg. Effektiven Artenschutz kann man nur außerhalb der Nutzfläche betreiben. Bei Glyphosat im speziellen verkennen sie die Kurzfristigkeit der Wirkung im Gegensatz zu anderen Verfahren der Unkrautbekämpfung, wie z. B. beim Pflug. Ihr Argument, es verringert die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft ist daher nicht belegt, zumal es auch gar keine anerkannte Richtline gibt, die Auswirkung der verschiedenen Verfahren der Unkrautbekämpfung auf den Artenschutz mit wissenschaftlicher Präzision zu messen.


Glyphosat greift in die Nahrungskette von Säugetieren, Vögeln und Insekten ein, da auf der Einsatzfläche die gesamte Vegetation betroffen ist.

Ich frage sie nochmals, wo liegt der Unterschied zu anderen erfolgreichen mechanischen Maßnahmen zur Unkrautbekämpfung, zumal Glyphosat auch gar nicht in der Kultur selbst angewendet werden kann.


Glyphosat wirkt negativ auf Bodenlebewesen bzw. Bodenmikroorganismengesellschaften und damit auf Abbauprozesse, Stickstoffhaushalt und Verfügbarkeit von Mikronährstoffen und hat außerdem negative Effekte auf Bakterien, z.B. Knöllchenbakterien und einige Pilze, wie zum Beispiel Mykorrhiza.

Es gibt dazu einige Hinweise auf kurzfristige Effekte des ersten Metaboliten von Glyphosat mit dem Kürzel AMPA, aber keine auf eine nachhaltige Störung von Abbauprozessen, den Stickstoffhaushalt oder die Verfügbarkeit von Mikronährstoffen,

Bekannt ist dagegen folgendes: Glyphosat hemmt einen Stoffwechselprozess in der Photosynthese. Zur Photosynthese sind bekanntermaßen nur die grünen Pflanzen in der Lage, aber nicht die Zellen des Menschen, der Tiere, der Bakterien und der Bodenpilze. Das erklärt auch die Giftigkeit für den Menschen, die geringer ist als die von Kochsalz.

Der sehr schnelle erste Schritt des Abbaus im Boden ermöglicht es, wenige Tage nach der Anwendung Kulturpflanzen auszusähen. Der erste Metabolit AMPA neigt ebenfalls nicht zur Versickerung oder Verdampfung, weil er stark an Bodenteilchen oder Pflanzenrückstände gebunden wird, wo er die beschriebenen Effekte für eine begrenzte Zeit haben kann, s. a. Studie des JKI von 2015. Dem Schutz von Wasser und Luft steht ein etwas verzögerter Abbau des ersten Metaboliten AMPA gegenüber. Man kann eben nie alles gleichzeitig haben und muss in allen Lebensbereichen Nutzen und Risiko abwägen.

In weiteren Schritten des Abbaus brechen die Mikroorganismen das Molekül von AMPA nach und nach auf, um es als Nahrung bzw. Energiequelle zu nutzen, bis am Ende ein Kohlenstoffgerüst übrigbleibt, wie wir es aus dem Humus kennen. Beim Abbau von Glyphosat und vielen anderen organischen Stoffen im Klärschlamm wie im Ackerboden bleiben Humusbestandteile übrig. Nun könnte man gemäß ihrer Argumentationsstrategie behaupten, Glyphosat sei humusmehrend. Ich tue das schon wegen der geringen Menge pro ha aber nicht. Nebenbei bemerkt, AMPA ist auch ein Metabolit von Waschmitteln.


Resistenzbildung ist bei Gräsern nachgewiesen, daher die Zulassung jetzt beenden.

Ich darf Sie darauf hinweisen, dass gerade Glyphosat einer der wenigen Wirkstoffe ist, bei dem es in Deutschland 40 Jahre gedauert hat, bis sich vereinzelt Resistenzen gebildet haben. Die Praxis braucht gerade einen Wirkstoff wie Glyphosat, um die Resistenz bei anderen Wirkstoffen zu verlangsamen. Bei sachgerechter Anwendung im Wechsel mit mechanischer Bodenbearbeitung wie in Deutschland kann es noch viele Jahre gute Dienste zur Vermeidung von Resistenzen leisten. Im Übrigen sind Selektionsprozesse bzw. Resistenzen weder bei Pflanzenschutzmitteln noch in der Resistenzzüchtung noch bei mechanischen Maßnahmen ganz zu vermeiden.


Schlussbemerkung

Nicht nur beim letzten Punkt, der Resistenzbildung, versuchen Sie krampfhaft, Glyphosat etwas anzuhängen. Die Strategie des BUND ist es offenbar, den „Blockbuster“ Glyphosat zu diskreditieren, um die moderne Landwirtschaft als Ganzes anzugreifen. Dabei haben Sie eindeutig auf das falsche Pferd gesetzt.

Sollten wir nicht froh sein, eine so effiziente Produktion von Grundnahrungsmitteln aufgebaut zu haben, die einen erheblichen Beitrag zu bezahlbaren Nahrungsmitteln und der Reduzierung des Hungers auf der Welt leisten kann? Gewisse Nebenwirkungen sind dabei - wie dargestellt -  unvermeidbar, aber durch strenge Gesetze und Abwägung von Nutzen und Risiko auf ein vertretbares Maß begrenzt worden. Ich vermisse bei Ihnen diese Abwägungsprozesse und die Anerkennung der Entscheidungen von unabhängigen Bundesbehörden.


Dr. Manfred Reschke

vormals: Leiter des Pflanzenschutzamtes Hannover, Vorsitzender des DLG-Ausschusses für Pflanzenschutz und Vorsitzender des Sachverständigenausschusses für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland